Anonymität und Wahrheit

»Ich möch­te wis­sen, wer hin­ter sol­chen Kom­men­ta­ren steckt«, sag­te kürz­lich die CDU-Vor­sit­zen­de Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er mit Blick auf höh­ni­sche Online-Kom­men­ta­re zum Mord an dem Kas­se­ler Regie­rungs­prä­si­den­ten Wal­ter Lüb­cke. Damit gab sie den Anstoß für das jüngs­te Wie­der­auf­le­ben der Dis­kus­si­on um eine Klar­na­men­pflicht im Inter­net.

Ich neh­me die­se zum Anlass, auf Basis eini­ger Über­le­gun­gen zu Anony­mi­tät, Wahr­heit und Mei­nungs­frei­heit für eine frei­wil­li­ge Ver­wen­dung von Klar­na­men im Inter­net zu plä­die­ren.

AKK nahm das Wort »Klar­na­men­pflicht« nicht in den Mund. Sie könn­te auch eine Regis­trie­rungs­pflicht gemeint haben, wie sie die öster­rei­chi­sche ÖVP-FPÖ-Koali­ti­on vor ihrem Sturz auf den Weg gebracht hat­te. Ihr »Bun­des­ge­setz über Sorg­falt und Ver­ant­wor­tung im Netz« soll­te Web­sei­ten­be­trei­ber ver­pflich­ten, Namen und Han­dy­num­mern von Kom­men­tie­rern zu erfas­sen, um Letz­te­re bei Bedarf juris­tisch belan­gen zu kön­nen. Land­läu­fig war dies­be­züg­lich auch vom »digi­ta­len Ver­mum­mungs­ver­bot« die Rede.

Ähn­lich klingt eine For­de­rung Man­fred Webers, des CDU-Spit­zen­kan­di­da­ten zur Euro­pa­wahl, geäu­ßert Anfang April die­ses Jah­res im Spie­gel: »Jeder Nut­zer von Soci­al-Media-Kanä­len muss sich ordent­lich regis­trie­ren«. Aller­dings nann­te die ÖVP-FPÖ-Vor­la­ge aus­drück­lich auch Foren, nicht nur Soci­al Media.

Im Mai sprach sich dann Wolf­gang Schäub­le für eine Klar­na­men­pflicht aus: »Wer sei­ne Mei­nung äußert, soll­te auch dazu ste­hen kön­nen«. Wei­ter zitiert Spie­gel Online:

»Für eine offe­ne Gesell­schaft ist es schwer erträg­lich, wenn sich die Men­schen bei Debat­ten im Inter­net nicht offen gegen­über­tre­ten« (…). Zu oft wür­den »Pri­vat­leu­te und Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens gera­de unter dem Schutz der Anony­mi­tät belei­digt und bedroht«.

Laut einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge von Civey befür­wor­ten knapp mehr als die Hälf­te der Deut­schen eine sol­che Rege­lung. Unter den Par­tei­an­hän­gern sind die­je­ni­gen von CDU/CSU am häu­figs­ten dafür und die­je­ni­gen der AfD am häu­figs­ten dage­gen.

Vie­le gute Argu­men­te gegen eine Klar­na­men­pflicht wur­den bereits auf­ge­schrie­ben. Anony­mi­tät eröff­net die Frei­heit, sich auch über Pein­li­ches aus­zu­tau­schen. Sie ermög­licht Whist­leb­lo­wertum. Sie erschwert die Erstel­lung von Per­sön­lich­keits­pro­fi­len durch Inter­net­fir­men. Sie schützt vor even­tu­el­len Bedro­hun­gen durch Fein­de und Stal­ker. Sie ermög­licht die Äuße­rung non­kon­for­mer Mei­nun­gen trotz der Kon­for­mi­täts­zwän­ge einer bür­ger­li­chen Exis­tenz. Umfas­sen­de Daten­spu­ren von allen Inter­net­nut­zern ber­gen ein unkal­ku­lier­ba­res Risi­ko des Miss­brauchs. Und so wei­ter.

Aber etwas ande­res kommt mei­ner Ansicht nach in der Debat­te zu kurz. Und zwar lese ich sel­ten klu­ge Argu­men­te für eine Ver­wen­dung von Klar­na­men im Inter­net. Ich bin gegen eine Pflicht, aber dafür, dass jeder nach sei­nen Mög­lich­kei­ten unter Klar­na­men auf­tritt, wenn es um gesell­schaft­lich, kul­tu­rell oder poli­tisch rele­van­te Äuße­run­gen geht. Es nicht zu tun gibt Ter­rain für die Mei­nungs­frei­heit ver­lo­ren und unter­gräbt die per­sön­li­che Inte­gri­tät.

Social Media und die gespaltene Persönlichkeit

Ein wich­ti­ger Teil des poli­ti­schen Mei­nungs­streits fin­det heu­te in sozia­len Netz­wer­ken statt, vor allem auf Twit­ter, Face­book und You­Tube. Auf Twit­ter ist nur ein klei­ner Pro­zent­an­teil der Bevöl­ke­rung aktiv, doch dar­un­ter sind vie­le Men­schen mit Ein­fluss, etwa Poli­ti­ker, Publi­zis­ten, Jour­na­lis­ten, Akti­vis­ten und Leu­te aus dem Wis­sen­schafts­be­trieb. Donald Trump führt vor, wie man über Twit­ter das Nach­rich­ten­ge­sche­hen domi­nie­ren kann.

Die gewöhn­li­chen Nut­zer sozia­ler Netz­wer­ke wie­der­um, für die eine Klar­na­men- oder Regis­trie­rungs­pflicht vor allem rele­vant wäre, gehö­ren der Bevöl­ke­rungs­min­der­heit an, die aktiv poli­tisch inter­es­siert ist. Twit­ter ist bei wei­tem kei­ne reprä­sen­ta­ti­ve Stich­pro­be der Bevöl­ke­rung. Doch es sind auch kei­ne reprä­sen­ta­ti­ven Stich­pro­ben der Bevöl­ke­rung, die über herr­schen­de Mei­nun­gen und Poli­tik ent­schei­den. Es sind Eli­ten und enga­gier­te Min­der­hei­ten. Die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit han­delt nach Oppor­tu­ni­tät und arran­giert sich.

Im poli­ti­schen Kon­text ist das offen­sicht­lichs­te Argu­ment für Anony­mi­tät, dass sie unver­fälsch­te Mei­nungs­äu­ße­run­gen ermög­licht, indem sie die Spre­cher vor even­tu­el­len nega­ti­ven Kon­se­quen­zen schützt. Jeder kann sagen, was er denkt. So kom­men alle Gedan­ken auf den Tisch und kön­nen ver­han­delt wer­den. Ist das nicht ide­al?

Jein. Das Argu­ment ver­ein­facht die Mecha­nik, die hier am Werk ist. Ja, Men­schen sol­len ihre Mei­nun­gen lie­ber anonym ein­brin­gen als gar nicht. Ide­al ist die Situa­ti­on des­we­gen aber nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die unter die­sen Umstän­den geäu­ßer­ten Mei­nun­gen als »unver­fälscht« gel­ten kön­nen.

Wer pseud­ony­me Soci­al-Media-Pro­fi­le nutzt, um Mei­nun­gen zu äußern, die er im bür­ger­li­chen Leben nicht äußern wür­de, führt ein Dop­pel­le­ben. Er spal­tet sich auf:

  • in einen bür­ger­lich-kon­for­men Teil, der sei­ne Mei­nungs­bil­dung sei­nem rea­len sozia­len Umfeld ver­schweigt und ent­zieht;
  • und in eine pseud­ony­me Online-Exis­tenz, deren Äuße­run­gen er nicht ver­ant­wor­tet.

Bei­de Per­sön­lich­keits­an­tei­le haben etwas Unwirk­li­ches. In kei­ner der bei­den Sphä­ren ist die Per­son authen­tisch. In kei­ner der bei­den Sphä­ren ist ihr Reden mit ihrem Han­deln syn­chro­ni­siert.

Im rea­len Leben ist sie kon­form und gehor­sam, wäh­rend sie inner­lich rebel­liert. In Soci­al Media betä­tigt sie sich als Pseu­do-Rebell. »Pseu­do« des­halb, weil sie für ihre Äuße­run­gen nicht gera­de­steht.

Über anony­me Accounts geäu­ßer­te Mei­nun­gen sind grund­sätz­lich weni­ger ernst zu neh­men. Man weiß nicht, ob über­haupt eine rea­le Per­son dahin­ter­steckt, die wirk­lich meint, was sie sagt. Es könn­te immer auch ein Troll sein, also jemand, der Spaß dar­an hat, Unfrie­den zu stif­ten. Es könn­te jemand sein, der unter fal­scher Flag­ge segelt, also etwa so tut, als wäre er links oder rechts, um Lin­ke oder Rech­te schlecht aus­se­hen zu las­sen. Putin-Bots sind inzwi­schen ein Run­ning Gag, doch bei aller Hys­te­rie über die gefühl­te All­ge­gen­wart Putins in west­li­chen Macht­kämp­fen ist nicht von der Hand zu wei­sen, dass Fake-Accounts gezielt ein­ge­setzt wer­den kön­nen, um die öffent­li­che Mei­nung zu mani­pu­lie­ren. Aus all die­sen Grün­den hat das Wort eines anony­men Accounts weni­ger Gewicht.

In der Anony­mi­tät ist man weni­ger gezwun­gen, sich gut zu über­le­gen, was man sagt. Die Mecha­nik der sozia­len Medi­en begüns­tigt Schnell­schüs­se und belohnt emo­tio­na­le Zuspit­zung. Der Ton wird dadurch schril­ler und die The­sen wer­den stei­ler, wäh­rend gleich­blei­bend wenig dahin­ter ist, weil man das Gesag­te nicht ver­ant­wor­tet.

Auch wenn sich jemand ent­ge­gen den Anrei­zen gründ­lich und gewis­sen­haft über­legt, was er anonym pos­tet, ist für die Mit­le­ser wenig dahin­ter. Er könn­te im All­tag sei­nen hier geäu­ßer­ten Ansich­ten auf gan­zer Linie wider­spre­chen. Wel­ches Gewicht haben die­se Äuße­run­gen dann, wel­che Glaub­wür­dig­keit? Wel­ches Recht hat er, das Han­deln ande­rer zu kri­ti­sie­ren, wäh­rend er sein eige­nes jeder Kri­tik­mög­lich­keit ent­zieht?

Die Korruption der Persönlichkeit durch Lügen und Schweigen

»Speak the truth – or at least, don’t lie« heißt die ach­te von Jor­dan Peter­sons 12 Lebens­re­geln. Im dazu­ge­hö­ri­gen Kapi­tel führt er aus, wie man durch Lügen und Schwei­gen die eige­ne Inte­gri­tät unter­gräbt und dazu bei­trägt, eine kor­rup­te Gesell­schaft ent­ste­hen zu las­sen, die über Lei­chen geht.

Der Gedan­ke ist nicht neu. Autoren wie Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn, Han­nah Arendt und Sebas­ti­an Haff­ner haben sich ähn­lich geäu­ßert: Die tota­li­tä­ren Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts beruh­ten wesent­lich auf der Bereit­schaft zu vie­ler Indi­vi­du­en, zu lügen und zu schwei­gen. Neu­sprech, Dop­pel­denk und das Minis­te­ri­um für Wahr­heit geben die­ser Beob­ach­tung in Geor­ge Orwells »1984« Aus­druck. Die Men­schen wis­sen, dass sie belo­gen wer­den und selbst lügen, aber sie tun und leben so, als wüss­ten sie es nicht.

Die Tyran­nei tri­um­phiert end­gül­tig, wenn die Unter­schei­dung zwi­schen Lüge und Wahr­heit grund­sätz­lich kei­ne Gül­tig­keit mehr besitzt. Dar­um geht es im drit­ten Teil des Romans, der die Fol­ter und Gehirn­wä­sche des Prot­ago­nis­ten im »Minis­te­ri­um für Lie­be« schil­dert. Smith hat längst alles gestan­den und ist bereit, alles zu tun, was man von ihm ver­langt. Doch das genügt nicht. Dem Regime geht es nicht nur dar­um, was sei­ne Unter­ta­nen in der Öffent­lich­keit sagen. Es will auch ihr Den­ken unter Kon­trol­le brin­gen. Tota­le Herr­schaft bedeu­tet auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne die Zer­stö­rung der Per­sön­lich­keit.

Was hat das mit Wahr­heit zu tun?

Die Wahr­heit zu sagen bedeu­tet, die eige­ne Wahr­neh­mung der Wirk­lich­keit zu arti­ku­lie­ren. Mei­ne Per­sön­lich­keit ist mei­ne Art und Wei­se, die Wirk­lich­keit wahr­zu­neh­men, sie zu deu­ten und auf sie zu reagie­ren.

In die­se Rich­tung wies auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem berühm­ten Lüth-Urteil von 1958, wor­in es die Mei­nungs­frei­heit als »unmit­tel­bars­ten Aus­druck der mensch­li­chen Per­sön­lich­keit in der Gesell­schaft« beschrieb.

Wenn ich die­se Frei­heit nicht habe, blei­ben Tei­le mei­ner Per­sön­lich­keit Poten­ti­al und ich ver­in­ner­li­che die Annah­me, dass mei­ne Per­sön­lich­keit zum Teil ille­gi­tim ist. Das lässt mir zwei Optio­nen, wie »1984« aus­malt: Ein Leben als Skla­ve in heim­li­cher inne­rer Rebel­li­on oder die tota­le Unter­wer­fung und Preis­ga­be jeder per­sön­li­chen Inte­gri­tät.

In Peter­sons Wor­ten (eige­ne Über­set­zung):

Wenn Sie sich nicht für ande­re erkenn­bar machen, kön­nen Sie sich nicht selbst erken­nen. Das bedeu­tet nicht nur, dass Sie unter­drü­cken, wer Sie sind. Es bedeu­tet auch, dass vie­les von dem, was Sie sein könn­ten, nie durch Not­wen­dig­keit zur Ver­wirk­li­chung gezwun­gen ist. …

Indem Sie zu Ihrem Chef, Ihrem Ehe­part­ner oder Ihrer Mut­ter nein sagen, wenn es gesagt wer­den muss, ver­wan­deln Sie sich in jeman­den, der nein sagen kann, wenn es gesagt wer­den muss. Indem Sie ja sagen, wenn nein gesagt wer­den müss­te, ver­wan­deln Sie sich dage­gen in jeman­den, der nur ja sagen kann, auch wenn drin­gend nein gesagt wer­den müss­te. Wenn Sie sich je gefragt haben, wie nor­ma­le, anstän­di­ge Leu­te zu den Taten der Gulag-Auf­se­her imstan­de waren, dann haben Sie jetzt die Ant­wort. Als es ernst­haft an der Zeit war, nein zu sagen, war nie­mand mehr übrig, der dazu in der Lage gewe­sen wäre.

Wenn Sie sich selbst ver­ra­ten, wenn Sie unwah­re Din­ge sagen, wenn Sie eine Lüge leben, schwä­chen Sie Ihren Cha­rak­ter. Wenn Ihr Cha­rak­ter schwach ist, wer­den die Wid­rig­kei­ten des Lebens Sie nie­der­mä­hen, sobald sie kom­men, und das wer­den sie. Sie wer­den sich ver­ste­cken wol­len, aber es wird dafür kei­nen Ort mehr geben. Und dann fan­gen Sie an, schreck­li­che Din­ge zu tun.

Cha­rak­ter­schwä­che ist nicht nur arm­se­lig und trau­rig. Sie ist auch gefähr­lich. Sie ist ein Ver­rat an den eige­nen Bedürf­nis­sen und ver­ur­sacht so sinn­lo­ses Lei­den, das wie­der­um Rache­ge­lüs­te her­vor­bringt.

Man kann hier einen Bogen schla­gen zum Zwei-Minu­ten-Hass in »1984«. Die Genos­sen sind auf­ge­ru­fen, in die­sen zwei Minu­ten als Mob den dämo­ni­sier­ten Feind des Regimes zu has­sen. Anfangs ist es eine Ver­pflich­tung, doch nach spä­tes­tens 30 Sekun­den kann sich der Prot­ago­nist dem Sog des Has­ses nicht mehr ent­zie­hen, und soweit er es beur­tei­len kann, geht das allen so.

Der Zwei-Minu­ten-Hass ist eine Pro­pa­gan­da-Maß­nah­me des­sel­ben Regimes, das die Betei­lig­ten unter­drückt. Doch die Unter­drü­ckung bringt genug Hass her­vor, der sich sonst nie äußern darf, um ihn rela­tiv mühe­los auf jedes belie­bi­ge Ziel zu rich­ten, wenn er es ein­mal darf.

Subjektive und objektive Voraussetzungen der Meinungsfreiheit

Schäub­les Dik­tum »Wer sei­ne Mei­nung äußert, soll­te auch dazu ste­hen kön­nen« birgt eine inter­es­san­te Dop­pel­bö­dig­keit. Wer ist der Adres­sat des nor­ma­ti­ven »soll­te«?

Schäub­le zielt damit wohl auf die Per­son, die ihre Mei­nung sagt. Doch das dazu-ste­hen-Kön­nen hängt auch von den sozia­len Bedin­gun­gen ab, jeden­falls, wenn man dem Indi­vi­du­um ein Selbst­er­hal­tungs­in­ter­es­se zubil­ligt.

Um das zu ver­an­schau­li­chen, kann man sich ein Sze­na­rio A vor­stel­len, in dem jemand, der eine regie­rungs­kri­ti­sche Mei­nung äußert, nachts von der Geheim­po­li­zei abge­holt wird. In Sze­na­rio B pas­siert ihm nach einer ver­gleich­ba­ren Äuße­rung gar nichts.

Die Fol­gen des dazu-Ste­hens sind unter den Bedin­gun­gen A und B ver­schie­de­ne. Wenn man Schäub­les For­de­rung gel­tend macht, ohne das zu berück­sich­ti­gen, for­dert man vom Indi­vi­du­um im Sze­na­rio A eine viel höhe­re Opfer­be­reit­schaft – und vom Staat nichts.

Das ist als mora­li­scher Stand­punkt offen­kun­dig Unsinn. Auch Staat und Gesell­schaft haben eine Bring­schuld. Dazu gehört, jeman­den auf­grund einer regie­rungs­kri­ti­schen Mei­nung weder mit der Geheim­po­li­zei abzu­ho­len noch zu lyn­chen. Das »soll­te« muss sich auch an Staat und Gesell­schaft rich­ten, nicht nur an den, der sei­ne Mei­nung äußern will.

Doch die beque­me Online-Anony­mi­tät kann auf der ande­ren Sei­te dazu ver­füh­ren, es sich zu leicht zu machen. Wenn man zum Bei­spiel einen Job aus­übt, mit dem eine freie Mei­nungs­äu­ße­rung nicht ver­ein­bar ist, mag ein Job­wech­sel eine Über­le­gung wert sein. Oder viel­leicht sind Chef und Kol­le­gen gar nicht so into­le­rant, wie man dach­te. Viel­leicht kann man sich outen und ein klä­ren­des Gespräch füh­ren. Ana­lo­ges gilt für Bezie­hun­gen zu Freun­den und Fami­lie. Hier dras­ti­sche Ver­än­de­run­gen vor­zu­neh­men und Ver­lus­te zu ris­kie­ren ist kei­ne Klei­nig­keit. Aber dau­er­haft ein Dop­pel­le­ben zu füh­ren und sich mit den Wor­ten des Ver­fas­sungs­ge­richts den »unmit­tel­bars­ten Aus­druck der Per­sön­lich­keit« zu ver­knei­fen ist auch kei­ne Klei­nig­keit.

Die Wahrheit als langfristige Orientierung

Über die letz­ten zehn Jah­re zer­brach Stück für Stück mein Glau­be an die Dog­men der Neu­en Lin­ken, wodurch ich in einen unauf­lös­li­chen Kon­flikt mit der poli­ti­schen Kor­rekt­heit und eini­gen Bestand­tei­len der herr­schen­den Mei­nung geriet. In die­ser Zeit hat sich mein Bedürf­nis, frei zu den­ken, in meh­re­ren wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen nie­der­ge­schla­gen. Zu den wich­tigs­ten gehört ers­tens die, den sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Betrieb zu ver­las­sen, und zwei­tens die spä­te­re, als Frei­be­ruf­ler zu arbei­ten. Natür­lich waren dabei auch ande­re Erwä­gun­gen und Ein­flüs­se im Spiel. Aber man kann sagen, ich habe über eine län­ge­re Weg­stre­cke hin­weg ein paar Wei­chen so gestellt, dass ich im Ergeb­nis die größt­mög­li­che Frei­heit habe, die ich errei­chen konn­te.

Die Fähig­keit und Mög­lich­keit, die Wahr­heit zu sagen, ist somit auch etwas, das sich über län­ge­re Zeit­räu­me und durch lang­fris­ti­ge Wei­chen­stel­lun­gen mani­fes­tiert. Das betrifft auch den sub­jek­ti­ven Aspekt. Man muss die Fähig­keit erler­nen, es sich ange­wöh­nen. Zual­ler­erst muss man sich bemü­hen, ehr­lich zu sich selbst zu sein, und jeder Mensch ist stän­dig in Ver­su­chung, sich etwas vor­zu­ma­chen. Der Wahr­heit über sich selbst ins Auge zu sehen ist unan­ge­nehm und schwie­rig. Ein­zu­se­hen, dass man viel­leicht jah­re­lang auf dem fal­schen Kurs war oder ver­häng­nis­vol­le Feh­ler began­gen hat, ist schmerz­haft. Des­halb ver­mei­den wir es ger­ne. Doch die Alter­na­ti­ve ist nicht weni­ger schmerz­haft. Hier­zu noch ein­mal Peter­son, sel­bes Kapi­tel:

Der stol­ze, ratio­na­le Geist, in sei­ner Gewiss­heit schwel­gend und von sei­ner Bril­li­anz ent­zückt, gerät leicht in Ver­su­chung, Feh­ler zu igno­rie­ren und Dreck unter den Tep­pich zu keh­ren. Lite­ra­ri­sche Exis­ten­zia­lis­ten wie Søren Kier­ke­gaard haben die­se Seins­wei­se als »inauthen­tisch« cha­rak­te­ri­siert. Eine inauthen­ti­sche Per­son fährt fort, in einer Wei­se wahr­zu­neh­men und sich zu ver­hal­ten, die sei­ne eige­ne Erfah­rung bereits als falsch erwie­sen hat. Sie spricht nicht mit ihrer eige­nen Stim­me.

»Ist das ein­ge­tre­ten, was ich woll­te? Nein. Dann waren mei­ne Zie­le oder mei­ne Mit­tel falsch. Ich habe noch viel zu ler­nen.« Das ist die Stim­me der Authen­ti­zi­tät.

»Ist das ein­ge­tre­ten, was ich woll­te? Nein. Dann ist die Welt unge­recht. Die Men­schen sind eifer­süch­tig und zu dumm, es zu ver­ste­hen. Jemand ande­res ist schuld.« Das ist die Stim­me der Inauthen­ti­zi­tät.

Von hier aus ist es kein wei­ter Weg bis »man soll­te sie auf­hal­ten« oder »sie ver­die­nen, ver­letzt zu wer­den« oder »sie müs­sen ver­nich­tet wer­den«. Wann immer Sie von unbe­schreib­li­chen Bru­ta­li­tä­ten hören, haben sich sol­che Ide­en mani­fes­tiert.

Über die Jah­re habe ich ver­schie­dent­lich anonym gebloggt und get­wit­tert. Und über die Jah­re fand ich es immer unbe­frie­di­gen­der. Mei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Poli­tik und Gesell­schaft in die Anony­mi­tät aus­zu­la­gern bedeu­te­te, sie zu etwas Beschä­men­dem zu erklä­ren. Zu etwas, das man ver­ste­cken muss. Das ist kei­ne gute Lebens- oder Arbeits­grund­la­ge.

Es tut auch der Form nicht gut, die die­se Aus­ein­an­der­set­zung annimmt. Wenn man einen Teil des eige­nen Den­kens ohne­hin als etwas defi­niert, das man ver­ste­cken muss, impli­ziert das auto­ma­tisch eine gewis­se Anspruchs­lo­sig­keit in Bezug auf Äuße­run­gen, die aus die­sem Teil kom­men. Bes­ser ist ein stän­di­ges Bemü­hen, sei­ne Gedan­ken so zu for­mu­lie­ren, dass man sie nach eige­nen Maß­stä­ben nicht ver­ste­cken muss.

Die Wahr­haf­tig­keit in Bezug auf sich selbst, das eige­ne Leben, die eige­nen Gefüh­le ist eine Vor­aus­set­zung dafür, denn man muss sich über die eige­nen Moti­ve im Kla­ren sein, um mit offe­nem Visier auf­zu­tre­ten. Ist man es nicht, bleibt immer ein Zwei­fel, ob der eige­ne Stand­punkt nicht wirk­lich ein schlech­ter ist, wie die poli­ti­sche Kor­rekt­heit oder eine ande­re herr­schen­de Mei­nung es nahe­legt.

Bei die­ser Klä­rung hat mir wesent­lich auch die Aus­ein­an­der­set­zung mit rele­van­ter Lite­ra­tur gehol­fen (z.B. von Jona­than Haidt). Sie schafft Distanz und gibt einem ein Begriffs­in­stru­men­ta­ri­um in die Hand, mit dem man sich die betref­fen­den Pro­ble­me auf einer Ebe­ne neu erschlie­ßen kann, die den eige­nen Ver­stri­ckun­gen ent­ho­ben ist und einen distan­zier­ten Blick auf sie ermög­licht.

Der Preis der Dissidenz

Seit Kur­zem benut­ze ich auf Twit­ter mei­nen vol­len Namen. In den letz­ten Jah­ren war in mei­nem Pro­fil meist mein Blog mit Impres­sum ver­linkt, ich bin also genau­ge­nom­men schon län­ger nicht anonym. Doch dass mein Name direkt über jedem mei­ner Tweets steht, ist noch etwas ande­res. Es ist eine inter­es­san­te Erfah­rung.

Die sprich­wört­li­che Sche­re im Kopf kann auch posi­tiv wir­ken. Ich fra­ge mich häu­fi­ger, ob es nötig oder frucht­bar ist, was ich gera­de schrei­ben will, ob ich es dem Adres­sa­ten auch ins Gesicht sagen wür­de und ob ich dazu ste­hen und es ohne Ver­le­gen­heit erklä­ren könn­te, wenn Freun­de, Ver­wand­te oder auch ent­fern­te Bekannt­schaf­ten mich dar­auf ansprä­chen. Das führt gele­gent­lich dazu, dass ich es sein las­se, und hebt die Qua­li­tät der Tweets, die ich nicht sein las­se.

Wenn ich eine tei­lens­wer­te Ein­sicht zu haben glau­be, dann tei­le ich sie weit­ge­hend ohne Rück­sicht dar­auf, ob sie poli­tisch kor­rekt ist. Aber ich gewöh­ne mir das unnö­ti­ge Pol­tern ab, zu dem die Mecha­nik von Twit­ter in Kom­bi­na­ti­on mit der Anony­mi­tät ver­führt. Das ist heil­sam und ein Gewinn. Wobei aller­dings mei­ner Ansicht nach auch Hohn und Spott, Par­odie und Sati­re ihren Platz in der öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung haben. Es muss nicht immer alles ein Lösungs­vor­schlag sein. Lachen ist das Kryp­to­nit des Fun­da­men­ta­lis­mus.

Sozia­le Kon­trol­le ist nicht grund­sätz­lich etwas Schlech­tes. Sie ist all­ge­gen­wär­tig und not­wen­dig. Daher bie­ten sich immer zwei ent­ge­gen­ge­setz­te Deu­tun­gen an, wenn Mehr­hei­ten die Mei­nungs­frei­heit von Min­der­hei­ten oder Ein­zel­nen ein­schrän­ken. Man kann die­se Mehr­hei­ten als into­le­ran­te Mobs sehen oder als Ver­kör­pe­rung des gesun­den Men­schen­ver­stan­des, der sich bemüht, ver­irr­te Abweich­ler in die Zone der Ver­nunft zurück­zu­ho­len.

Wie wir aus his­to­ri­scher Erfah­rung wis­sen, kön­nen Mehr­hei­ten bei­des sein. Die Mehr­heit hat nicht immer recht. Aber von ihr wird immer Kon­for­mi­täts­druck aus­ge­hen, der Dis­si­den­ten das Leben schwer macht. Das lässt sich nicht ver­mei­den. Dass Min­der­hei­ten die­sen Druck und die­se Anfein­dun­gen auf sich neh­men, ver­leiht ihren Stand­punk­ten gera­de ihre Bedeu­tung und ihr Gewicht. Wer sich anmaßt, sich in bestimm­ter Hin­sicht für klü­ger zu hal­ten als die Mehr­heit, der bezahlt einen Preis dafür. Das ist rich­tig so, weil es ver­hin­dert, dass man es all­zu leicht­fer­tig tut, und weil es in gewis­sem Umfang sicht­bar macht, wer es ernst meint.

Im schlech­te­ren Fall ist Anony­mi­tät ein Weg, sich vor die­ser Rea­li­tät zu ver­ste­cken, den Preis nicht zu zah­len und sich und ande­re um die vol­le Wahr­heit zu betrü­gen. Ein frei­heit­li­cher Staat muss aller­dings dafür sor­gen, dass Kon­for­mi­täts­druck nicht gewalt­tä­tig wird. Wo er das nicht kann, ermög­licht Anony­mi­tät im güns­ti­ge­ren Fall zumin­dest eine Annä­he­rung an eine Posi­ti­on, in der man ohne Angst die Wahr­heit sagen kann.

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