Das Paradies am Ende der Geschichte (1)

Lenin and Stalin Statues, Budapest, Hungary

Das Wah­re ist das Gan­ze. Das Gan­ze aber ist nur das durch sei­ne Ent­wick­lung sich voll­enden­de Wesen. Es ist von dem Abso­lu­ten zu sagen, dass es wesent­lich Resul­tat, dass es erst am Ende das ist, was es in Wahr­heit ist; und hier­in eben besteht sei­ne Natur, Wirk­li­ches, Sub­jekt oder Sich­selbst­wer­den zu sein.

G.W.F. Hegel


Die Wokeness ist die neu­es­te Ver­si­on einer reli­giö­sen Bewe­gung, die in den letz­ten 200 Jah­ren Teil der poli­ti­schen Lin­ken war und heu­te prä­gen­den Ein­fluss auf alle wich­ti­gen Insti­tu­tio­nen aus­übt. Ihr Reli­gi­ons­cha­rak­ter zeigt sich wohl am deut­lichs­ten an der Los­lö­sung ihrer Kon­zep­te und Stra­te­gien von über­prüf­ba­ren Realitäten.

In ihren aka­de­mi­schen Dis­zi­pli­nen mei­det sie die Rück­kopp­lung mit dem bestehen­den Wis­sen, vor allem dem natur­wis­sen­schaft­li­chen, wie der Teu­fel das Weih­was­ser. Statt dar­auf auf­zu­bau­en und ihre The­sen dar­an zu über­prü­fen, zieht sie eine abge­schot­te­te Par­al­lel­struk­tur hoch. Wenn sie sich nicht gera­de auf wis­sen­schaft­li­che Auto­ri­tät stüt­zen will, um eine For­de­rung durch­zu­set­zen, ver­leum­det sie Wis­sen­schaft grund­sätz­lich als Herr­schafts­in­stru­ment alter, wei­ßer Män­ner. Ihre Poli­tik und ihr Akti­vis­mus mei­den Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung, Eva­lua­ti­on, Kri­tik und Debat­te. Sie for­dert dog­ma­tisch »Diver­si­ty«, ohne dass klar wäre, was damit über­haupt gemeint ist und war­um man davon aus­ge­hen soll­te, dass mehr davon auto­ma­tisch bes­ser sei. Diver­si­ty-Trai­nings wer­den zur gän­gi­gen Pra­xis, wäh­rend zwei­fel­haft ist, ob sie Vor­ur­tei­le wirk­lich ab- und nicht auf­bau­en. Sie bean­sprucht auf wis­sen­schaft­li­cher Ebe­ne das letz­te Wort über Ras­sis­mus zu haben und ihr mul­ti­mil­lio­nen­schwe­rer »Antirassismus«-Guru ist nicht ein­mal in der Lage, eine kohä­ren­te Defi­ni­ti­on von Ras­sis­mus zu geben. Wis­sen­schaft­lich schwa­che bis unse­riö­se Kon­zep­te wie »Mikro­ag­gres­sio­nen«, »impli­cit bias« und Trig­ger­war­nun­gen wer­den hoch­ge­hal­ten wie letz­te Gewiss­hei­ten. Gen­der­spra­che wird durch­ge­setzt, wäh­rend ihre Wir­kung auf Geschlech­ter­be­zie­hun­gen und ‑gleich­heit in den Wol­ken steht und Län­der mit geschlecht­lich neu­tra­le­ren Spra­chen wie die Tür­kei nicht durch mehr Gleich­heit gekenn­zeich­net sind, was die zen­tra­le The­se hin­ter der Gen­der­spra­che wider­legt. Die sozia­le Spal­tung, die sie bewirkt, wird igno­riert und nie gegen die erhoff­ten Vor­tei­le abge­wo­gen. Die Zahl der Jugend­li­chen, vor allem Mäd­chen, die durch Hor­mon­be­hand­lung und Ope­ra­tio­nen dem ande­ren Geschlecht ange­gli­chen wer­den, ist explo­diert, wäh­rend etli­che Fra­gen zu Ursa­chen und Pro­gno­se unge­klärt sind und immer mehr Betrof­fe­ne die schwe­ren irrever­si­blen Ein­grif­fe in ihre Ent­wick­lung spä­ter bereu­en. Eine Alli­anz zwi­schen »LGBTQ-Com­mu­ni­ty« und Islam wird geschmie­det und deren offen­sicht­li­che inne­re Span­nung igno­riert. Rat­schlä­ge für Frau­en, wie sie sich vor sexu­el­len Über­grif­fen schüt­zen kön­nen, wer­den als Vic­tim Bla­ming ver­dammt, um statt­des­sen nutz­los die uto­pi­sche For­de­rung zu stel­len, allen Män­nern die Über­grif­fig­keit aus­zu­trei­ben, so dass es dann kei­ne Täter mehr gebe. Von Kri­mi­na­li­tät geplag­te Stadt­vier­tel sol­len durch Abschaf­fung der Poli­zei befrie­det werden.

Die­se Ideen sind nicht nur über­am­bi­tio­niert, traum­tän­ze­risch oder schlecht begrün­det. Sie sind in spe­zi­fi­scher Wei­se ent­kop­pelt von den Rea­li­tä­ten, wie wir sie anhand wis­sen­schaft­li­cher Metho­den und des gesun­den Men­schen­ver­stands erken­nen kön­nen. Sie sind welt­fremd, aber nicht beliebig.

Die Phi­lo­so­phie der Wokeness bewegt sich nicht in der Welt der Kau­sa­li­tä­ten, in der wir übli­cher­wei­se Pro­ble­me ana­ly­sie­ren und lösen, wenn wir mit küh­lem Kopf an sie her­an­ge­hen. Sie will wir­ken und hat inso­fern durch­aus auch eine Vor­stel­lung von Kau­sa­li­tät, doch die­se gleicht eher magi­schem als wis­sen­schaft­li­chem Den­ken. Ihre Anhän­ger wol­len mit ihren Maß­nah­men in eine bestimm­te Rich­tung und das scheint ihnen zu genü­gen, um anzu­neh­men, dass die Maß­nah­men auch in die­se Rich­tung füh­ren. Ihr Den­ken unter­schei­det nicht zwi­schen Wol­len und Bewir­ken. Wer ihre Stra­te­gien kri­ti­siert, bekommt zu hören, dass er sich nicht genug damit beschäf­tigt habe und sie des­halb nicht ver­ste­he. Beteu­ert er nun, sich bes­sern zu wol­len, erhält er eine Chan­ce, sei­ne Mei­nung zu ändern. Beharrt er aber dar­auf, die Stra­te­gien abzu­leh­nen, wird befun­den, dass er ein schlech­ter Mensch sei. Die ers­te Reak­ti­on ent­spricht einem: »dein Glau­be ist nicht fest genug, du musst dar­an arbei­ten«, die zwei­te schlicht einem: »Ket­zer!«. Im Bewusst­sein der Gläu­bi­gen ist kein Raum für die Mög­lich­keit, dass jemand zum Bei­spiel ihr nomi­nel­les Ziel teilt, Dis­kri­mi­nie­rung abzu­bau­en, aber ihre Mit­tel für unge­eig­net hält, es zu errei­chen oder ihm näher­zu­kom­men. Ihr magi­sches Den­ken scheint ihnen der ein­zi­ge Weg zu einer bes­se­ren Welt sein; wer es ablehnt, ist daher Geg­ner einer bes­se­ren Welt.

Der Glau­be ist unwi­der­leg­bar. Wenn das Wir­ken der Gläu­bi­gen nicht zu einer bes­se­ren Welt führt, son­dern zu Dys­funk­ti­on und Cha­os, geben sie den Glau­ben nicht auf, son­dern gelo­ben, noch ent­schlos­se­ner zu glau­ben, zu wol­len und zu wir­ken. In dem Auf­satz »Tra­di­tio­nel­le und Kri­ti­sche Theo­rie«, einem wesent­li­chen Grün­dungs­do­ku­ment der Kri­ti­schen Theo­rie, schrieb Max Hork­hei­mer: »Die Theo­rie [..], die zur Trans­for­ma­ti­on des gesell­schaft­li­chen Gan­zen treibt, hat zunächst zur Fol­ge, dass sich der Kampf ver­schärft, mit dem sie ver­knüpft ist«. Ganz in die­sem Sinn deu­ten Hork­hei­mers heu­ti­ge Erben die Tat­sa­che, dass ihr Wir­ken gesell­schaft­li­che Kon­flik­te anheizt, als erwar­tungs­ge­mä­ßen »Back­lash«, der unan­ge­nehm sein mag, aber die Theo­rie hin­ter dem Wir­ken nicht etwa als falsch erweist, son­dern viel­mehr bestä­tigt. So las­sen sich im Zwei­fel auch Jahr­zehn­te kom­mu­nis­ti­schen Ruins als Teil des Kamp­fes deu­ten, der für die »Trans­for­ma­ti­on des Gan­zen«, also die Errich­tung der Uto­pie, nötig ist. Es wür­de funk­tio­nie­ren, wenn da nicht noch so vie­le bour­geoi­se Denk­wei­sen in unse­ren Köp­fen und Sabo­teu­re in unse­ren Rei­hen wären.

Hegelianischer Utopismus

Am 28. Mai ver­öf­fent­lich­te der Wokeness-Kri­ti­ker James Lind­say einen fast vier­stün­di­gen Pod­cast mit dem Titel »Hegel, Wokeness, and the Dialec­ti­cal Faith of Wokism«. Dar­in führt er die The­se aus, dass die Reli­gi­on der uto­pis­ti­schen Lin­ken auf hege­lia­ni­scher Dia­lek­tik beru­he und die­se bis heu­te ihr »Betriebs­sys­tem« bil­de. Nach­dem ich eini­ge spon­ta­ne Gedan­ken dazu auf­ge­schrie­ben hat­te, woll­te ich das alles noch ein­mal gründ­li­cher prü­fen und nach­voll­zie­hen, da es mir wich­tig erschien. Der Ansatz erfasst das Pro­blem des lin­ken Uto­pis­mus von Kom­mu­nis­mus bis Wokeness in einer Tie­fe, die man sonst kaum erreicht, und von ihr aus lässt sich auch eine Brü­cke zum Kon­zept der Pseu­do­rea­li­tät schla­gen, das ich in die­sem Zusam­men­hang für ähn­lich frucht­bar und wich­tig halte.

Pseu­do­rea­li­tät bezeich­net im Kern den Vor­gang, dass Akteu­re, die mit der Welt und ihrem Leben nicht zurecht­kom­men, ein wahn­haft-para­no­i­des Welt­bild erschaf­fen und in die Wirk­lich­keit hin­ein­pro­ji­zie­ren. Indem sie ande­re mani­pu­lie­ren und nöti­gen, in die­ser Pseu­do­rea­li­tät zu leben, in der »das Sys­tem« an allem schuld ist, wei­chen sie der Ein­sicht aus, dass sie ein Pro­blem haben, ganz ähn­lich wie für Nar­ziss­ten in per­sön­li­chen Bezie­hun­gen immer die ande­ren schuld sind, so dass nie ein Schat­ten des Zwei­fels auf sie selbst fällt. Es han­delt sich um eine ela­bo­rier­te, sys­te­ma­ti­sier­te Form von Pro­jek­ti­on auf kol­lek­ti­ver Ebe­ne. Der hege­lia­ni­sche Uto­pis­mus lie­fert die Basis der pas­sen­den Phi­lo­so­phie dazu, eine Phi­lo­so­phie zur Dele­gi­ti­mie­rung der Wirk­lich­keit mit dem Ziel ihrer Über­win­dung und Erset­zung durch ein per­fek­tes Sys­tem, das den Akti­vis­ten ein glück­li­ches und har­mo­ni­sches Leben ver­heißt, wie dys­funk­tio­nal ihr gegen­wär­ti­ges auch sein mag.

In den letz­ten Mona­ten habe ich eini­ges hier­zu gele­sen und geschrie­ben. Obwohl die­se Arbeit nicht abge­schlos­sen ist, begin­ne ich nun mit der abschnitts­wei­sen Ver­öf­fent­li­chung mei­ner Ergeb­nis­se. Dies wird also eine Rei­he, die ich als lau­fen­de, noch offe­ne, unfer­ti­ge Arbeit hier ver­öf­fent­li­che. Das letzt­end­li­che Ziel dabei ist, den Blick für die Erschei­nungs­for­men und Funk­ti­ons­wei­se der besag­ten Reli­gi­on zu schär­fen, um effek­ti­ver ver­hin­dern zu kön­nen, dass sie wei­ter an Macht gewinnt.

Ein bes­se­res Ver­ständ­nis der Denk- und Vor­ge­hens­wei­sen der uto­pis­ti­schen Lin­ken ist des­halb so wich­tig, weil sie sich wesent­lich auf rhe­to­ri­sche Mani­pu­la­tio­nen stützt, die Situa­tio­nen schaf­fen, in denen die Lin­ke als an Wis­sen und Moral über­le­gen dasteht. Die­se Posi­tio­nie­rung als wis­sen­de und mora­li­sche Instanz ist ihr wich­tigs­ter Hebel und ihre wich­tigs­te Waf­fe. Damit gewinnt sie zusätz­li­che Akti­vis­ten, die sich an dem damit ver­bun­de­nen Über­le­gen­heits­ge­fühl berau­schen wol­len, und hält um den inne­ren Kreis her­um die Mas­sen in Schach. Man muss die Mani­pu­la­ti­on durch­schau­bar machen, um ihr die Wir­kung zu neh­men, etwa so, wie die Tricks eines Büh­nen­zau­be­rers ent­zau­bert sind, wenn man weiß, wie sie funk­tio­nie­ren. Das ist daher das Ziel.

Eine bessere Linke ist möglich

Vor­ab zwei Klar­stel­lun­gen über die Lin­ke, auf die die Ana­ly­se zielt. Es geht nicht dar­um, die gan­ze poli­ti­sche Lin­ke zu ver­ur­tei­len. Sozia­le Ungleich­heit und das Unter­drü­ckungs­po­ten­zi­al von Herr­schaft und Gesell­schaft sind rea­le Pro­ble­me. Eine poli­ti­sche Kraft, die sich der Auf­ga­be wid­met, die­se Pro­ble­me im Blick zu haben und abzu­mil­dern, ist nötig. Mei­ne Kri­tik zielt daher nicht pau­schal auf (die) Lin­ke, son­dern auf den reli­giö­sen Uto­pis­mus, der pro­mi­nent in der Lin­ken anzu­tref­fen ist.

Ande­rer­seits kann der Frei­spruch der Lin­ken auch nicht zu tri­um­phal aus­fal­len. Der Uto­pis­mus ist in ihr mehr als eine Rand­er­schei­nung. Er ist seit gut 200 Jah­ren ein zen­tra­ler Strang lin­ken Glau­bens und Wir­kens in der Welt. Wie üblich sind die Fana­ti­ker lau­ter, ent­schlos­se­ner und bes­ser orga­ni­siert als die Prag­ma­ti­ker und haben auf­grund der erwähn­ten Mani­pu­la­tio­nen die mora­li­sche Luft­ho­heit. So gelingt es ihnen immer wie­der, das Ruder zu über­neh­men, auch wenn ein­zel­ne Lin­ke durch­aus gegen sie ankämpfen.

Das his­to­ri­sche Ver­säum­nis der heu­ti­gen Lin­ken ins­ge­samt besteht dar­in, dass sie sich nie ernst­haft dem Pro­blem des mör­de­ri­schen tota­li­tä­ren Hor­rors gestellt hat, der aus ihrem Uto­pis­mus her­vor­ge­gan­gen ist. Hät­te sie das, wäre es weit­aus schwie­ri­ger, den uto­pis­ti­schen Buden­zau­ber fort­zu­füh­ren, und wir hät­ten es als west­li­che Gesell­schaf­ten viel­leicht mit einer exis­ten­zi­el­len Bedro­hung weni­ger zu tun. Da sie es aber nicht hat, sind vie­le der für die­sen Hor­ror ursäch­li­chen Ideen und Denk­wei­sen in ihr wei­ter­hin quick­le­ben­dig und begin­nen immer von Neu­em, gan­ze Milieus und Genera­tio­nen zu ver­füh­ren. Ich höre immer wie­der Lin­ke beteu­ern, dass sie doch über­haupt nicht wol­len, was Sta­lin und Mao ange­rich­tet hät­ten. Sie glau­ben, damit wäre das Pro­blem erle­digt. Dabei bestä­ti­gen sie nur in erschre­cken­der Klar­heit, dass es nicht ansatz­wei­se erle­digt ist, indem sie zei­gen, dass sie kei­ne Ahnung haben, wie und war­um der Uto­pis­mus zu Sta­lin und Mao geführt hat, und sich noch nicht ein­mal die Fra­ge stellen.

Was man will und was man anrich­tet sind unter­schied­li­che Din­ge, vor allem, wenn man mit fan­ta­sie­ge­sät­tig­ten schlech­ten Theo­rien an kom­ple­xen Sys­te­men her­um­dok­tert. Wer das nicht ver­steht, hat rein gar nichts getan, um sich dage­gen abzu­si­chern, zu einer Wie­der­ho­lung der Kata­stro­phe beizutragen.

Die zwei­te Klar­stel­lung ist, dass Men­schen nicht ein­di­men­sio­nal sind und sel­ten ganz in einem ideo­lo­gi­schen Pro­gramm auf­ge­hen. Wenn hier For­mu­lie­run­gen vor­kom­men wie die, dass »sie« ein Zer­stö­rungs­werk ver­fol­gen, bezieht sich das nicht glo­bal auf Per­so­nen, son­dern auf Aspek­te von Per­so­nen, oder prä­zi­se gesagt auf Per­so­nen im Modus der Aus­füh­rung des ideo­lo­gi­schen Pro­gramms, von dem ich hier rede. Auch uto­pis­ti­sche Lin­ke, die »das Sys­tem« stür­zen wol­len, ohne einen Plan zu haben, wie und war­um aus den Trüm­mern ihr Uto­pia erwach­sen soll­te, kön­nen kon­struk­ti­ve Ideen her­vor­brin­gen, wenn sie gera­de nicht mit dem Sturz des Sys­tems beschäf­tigt sind. Sie kön­nen in ihrem Job pro­duk­tiv sein, in ihrem Lebens­um­feld hilfs­be­reit sein und so wei­ter – inner­halb gewis­ser Gren­zen, da sich eine ideo­lo­gi­sche Feind­schaft gegen­über der Gesell­schaft min­des­tens punk­tu­ell auch in einer geleb­ten Feind­schaft gegen­über den Mit­men­schen äußern wird.

Mei­ne Rede von der Lin­ken als poli­ti­sche Enti­tät und von Lin­ken als Akteu­ren ist im Fol­gen­den also ste­reo­ty­pi­sie­rend. Das ist unum­gäng­lich, wenn man sozia­le Trends und Bewe­gun­gen beschreibt, denn dabei geht es immer dar­um, Mus­ter her­aus­zu­ar­bei­ten, die in der empi­ri­schen Rea­li­tät von Rau­schen durch­drun­gen sind und nicht in der Rein­heit auf­tau­chen, in der man sie als Beob­ach­ter her­aus­prä­pa­rie­ren kann. Ich bemü­he mich, bei der theo­rie­bil­den­den Art von Ste­reo­ty­pi­sie­rung zu blei­ben und die dämo­ni­sie­ren­de zu mei­den. Zwar hat ideo­lo­gi­sche Beses­sen­heit tat­säch­lich etwas Dämo­ni­sches an sich, und zwar in dem Umstand, dass eine Intel­li­genz, eine Art Per­sön­lich­keit aus den Betref­fen­den spricht, die nicht ihre eige­ne und nur halb mensch­lich ist – die ste­reo­ty­pe, see­len­lo­se Stim­me der Ideo­lo­gie. Doch auch die­ses Dämo­ni­sche lässt sich in säku­la­ren Begrif­fen beschrei­ben, ohne selbst einem Gut-und-Böse-Den­ken zu ver­fal­len. Es ent­steht aus ideo­lo­gi­schen Sinn­an­ge­bo­ten, die ver­füh­re­risch sind, weil sie auf bestimm­te mensch­li­che Nei­gun­gen und Schwä­chen ant­wor­ten, ähn­lich wie eine Dro­ge. Dadurch gewin­nen sie Macht über die Ver­führ­ten und set­zen zer­stö­re­ri­sche Poten­zia­le in ihnen frei. Zu die­sen Nei­gun­gen und Schwä­chen zäh­len pro­mi­nent Nar­ziss­mus (weil die Welt mich kränkt, habe ich das Recht, um mich zu schla­gen), nai­ver Ego­zen­tris­mus (was ich nicht sehe, exis­tiert nicht oder ist nicht wich­tig) Tri­ba­lis­mus (wir gegen die) und Pro­jek­ti­on (das Böse ist immer der andere).

Die­se Nei­gun­gen und Schwä­chen haben wir alle, doch sie sind von Per­son zu Per­son unter­schied­lich stark aus­ge­prägt – ähn­lich wie die Sucht­nei­gung – und man kann unter­schied­lich mit ihnen umge­hen. Man kann sie im Zaum hal­ten oder sich ihren Mus­tern erge­ben. Zum kol­lek­ti­ven Pro­blem wer­den sie, wenn sich eine Ideo­lo­gie aus­brei­tet, die die­se Mus­ter legi­ti­miert, ver­stärkt und zum poli­ti­schen Pro­gramm macht. Dies ist über die letz­ten Jahr­zehn­te in Tei­len der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten gesche­hen, und die­se Arbeit ist inzwi­schen aus den Uni­ver­si­tä­ten her­aus­ge­wach­sen und trägt über die gesam­te Gesell­schaft hin­weg Früchte.

Die Welt neu erfinden

Die The­se, dass Hegel einen wich­ti­gen Ein­fluss lin­ker Theo­rie dar­stellt, ist an sich nicht auf­se­hen­er­re­gend. Es ist all­ge­mein bekannt, dass er für Marx prä­gend war, des­sen Werk wie­der­um die maß­geb­li­che Grund­la­ge des Kom­mu­nis­mus und der Kri­ti­schen Theo­rie bil­det. Lind­says Ver­dienst ist hier nicht, die­se Linie auf­ge­zeigt zu haben, die nie ein Geheim­nis war, son­dern die theo­re­ti­schen Wur­zeln und Grund­la­gen des lin­ken Akti­vis­mus ernst genug genom­men zu haben, um einen nähe­ren Blick dar­auf zu wer­fen und sie detail­liert genug frei­zu­le­gen, dass man die Ver­bin­dung sub­stan­ti­ell ver­ste­hen kann, statt nur vage zu wis­sen, dass es sie gibt.

Auch die Rede von »Reli­gi­on« in Bezug auf Mar­xis­mus und Kom­mu­nis­mus ist nicht neu. Sie wird aller­dings bis­lang zu wenig ernst genom­men. Kom­mu­nis­ten haben mit uner­schüt­ter­li­chem Glau­ben an ihr gutes Werk gan­ze Gesell­schaf­ten zu Gefan­ge­nen gemacht und Mil­lio­nen in den Fleisch­wolf geführt. Den­noch gibt es wei­ter­hin Kom­mu­nis­ten, die nicht ein­mal ver­ber­gen müs­sen, dass sie wel­che sind. Sie benut­zen wei­ter­hin die Sym­bo­le, unter denen die­se Mensch­heits­ver­bre­chen began­gen wur­den. Dar­über hin­aus han­tie­ren etli­che zwar nicht mit dem Voka­bu­lar des Kom­mu­nis­mus, tei­len aber des­sen irrea­le Glau­bens­sät­ze, die immer wie­der zum Schei­tern uto­pis­ti­scher Welt­ver­bes­se­rung geführt haben. Dabei ist »Schei­tern« eigent­lich ein zu freund­li­ches Wort für den Abwärts­stru­del aus Lüge, Grö­ßen­wahn, Elend, Gewalt, Fol­ter und Mas­sen­mord, in den sie die Men­schen unter dem Ban­ner des Ver­spre­chens einer gerech­ten Gesell­schaft geführt haben.

All das sind Aspek­te und Äuße­run­gen einer Reli­gi­on, die sich durch einen nähe­ren Blick auf Hegel bes­ser ver­ste­hen lässt. Anstel­le eines Got­tes beten ihre Anhän­ger einen Ide­al­zu­stand von Mensch und Gesell­schaft an, der dem Glau­ben zufol­ge die wah­re Natur der Din­ge ist und des­sen Ver­wirk­li­chung am Ende der Geschich­te auf uns war­tet. Für Hegel war die­ser Ide­al­zu­stand einer, in dem sich »die Ver­nunft« vol­le Gel­tung ver­schafft hät­te, so dass sie die gesam­te Wirk­lich­keit umfas­sen wür­de, gewis­ser­ma­ßen mit ihr deckungs­gleich sein wür­de. Syn­onym sprach er in die­sem Zusam­men­hang auch vom »Reich Got­tes«. In Hegels Den­ken taucht die von Pla­tons Ideen­welt bekann­te Vor­stel­lung wie­der auf, dass das Idea­le das eigent­lich Wirk­li­che sei. So wie Chris­ten erwar­ten, irgend­wann in das voll­kom­me­ne Him­mel­reich ein­zu­ge­hen, wenn sie gute Chris­ten sind, erwar­ten reli­giö­se Hege­lia­ner also, irgend­wann in das voll­kom­me­ne Ver­nunft­reich auf Erden ein­zu­ge­hen, wenn sie gute Hege­lia­ner sind. Letz­te­res drü­cken sie anders aus, indem sie etwa von sich sagen, »auf der rich­ti­gen Sei­te der Geschich­te« zu ste­hen oder »Teil der Lösung« oder ein­fach »kein Arsch­loch« zu sein. Sie den­ken dabei nicht an Hegel, doch das ändert nichts dar­an, dass ihr Glau­be hege­lia­nisch ist – dazu wei­ter unten.

Wäh­rend der christ­li­che Gott bereits am Anfang und vor allem ande­ren exis­tiert, mani­fes­tiert sich der hege­lia­ni­sche erst am Ende der Geschich­te, und zwar in und durch uns, die Men­schen und ihren Geist. Hier ist Gott kei­ne sepa­ra­te Wesen­heit, son­dern ein emer­gen­tes grö­ße­res Gan­zes, das sich durch unser Wir­ken durch die Geschich­te hin­durch her­aus­bil­det und formt. Es ist ein wer­den­der Gott und die Auf­ga­be der Gläu­bi­gen ist es, zu die­sem Wer­den beizutragen.

Sie tun das vor allem durch Pro­ble­ma­ti­sie­rung, »Kri­tik«, Dele­gi­ti­mie­rung und Desta­bi­li­sie­rung des Nicht­idea­len in den gege­be­nen Ver­hält­nis­sen. Es hat ent­fern­te Ähn­lich­keit mit einem per­ma­nen­ten Exor­zis­mus. Das Böse wird beschwo­ren und ange­pran­gert in der Hoff­nung, es damit zu ver­trei­ben. Die Gläu­bi­gen wol­len der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung in Rich­tung des idea­len End­zu­stands vor­an­hel­fen, indem sie alles desta­bi­li­sie­ren, was nicht ihrem Ide­al von Mensch und Gesell­schaft ent­spricht, einem Ide­al, das aus ihrer Sicht die Essenz von Mensch und Gesell­schaft ist, also gewis­ser­ma­ßen ihre eigent­li­che, ihre wirk­li­che und wirk­lichs­te Form; die, die sie eigent­lich haben soll­ten. Daher rührt ihre Erwar­tung, dass sich die­ses Ide­al im Zuge der Desta­bi­li­sie­rung und Zer­stö­rung des Nicht­idea­len nach und nach von selbst ver­wirk­li­che. Indem man die Ver­hält­nis­se ver­flüs­sigt, ver­schafft man Mensch und Gesell­schaft die Frei­heit, all­mäh­lich ihrer eigent­li­chen, wirk­li­chen Form zuzu­stre­ben; der idea­len. (Im Ziel der Ver­flüs­si­gung liegt übri­gens ein gemein­sa­mer Nen­ner von Libe­ra­lis­mus und Wokeness, die sie in gewis­sem Umfang anein­an­der anschluss­fä­hig macht und der Wokeness die Aus­brei­tung im Libe­ra­lis­mus ermöglicht.)

Des­halb hat die Lin­ke eine Kri­ti­sche Theo­rie, die desta­bi­li­siert, aber kei­ne kon­struk­ti­ve Theo­rie, die erschafft. Das Erschaf­fen bleibt ande­ren über­las­sen, und zugleich wer­den die dem Erschaf­fen zugrun­de lie­gen­den Pro­zes­se und Vor­aus­set­zun­gen atta­ckiert, weil sie die »fal­sche« Welt repro­du­zie­ren und ihrer Neu­erfin­dung als rich­ti­ge im Weg ste­hen. In ihrem Selbst­ver­ständ­nis voll­brin­gen die Gläu­bi­gen ein Werk der Ver­voll­komm­nung, doch tat­säch­lich ist es ein Werk der Zer­stö­rung, da es kei­ne gesell­schaft­li­che Kraft gibt, die aus den durch Pro­ble­ma­ti­sie­rung und »Kri­tik« zer­schos­se­nen Insti­tu­tio­nen und Struk­tu­ren auto­ma­tisch voll­kom­me­ne­re Insti­tu­tio­nen und Struk­tu­ren her­vor­ge­hen ließe.

Um kon­kret etwas zu ver­bes­sern, muss man erst ein­mal mög­lichst genau ver­ste­hen, mit wel­chen Mecha­nis­men und Varia­blen man es zu tun hat, also wie die Welt an der betref­fen­den Stel­le ist. Der Kom­pass, mit dem die hege­lia­nisch-reli­giö­se Lin­ke durch die Wirk­lich­keit navi­giert, zeigt aber nicht an, wie die Welt ist, son­dern wie sie ihrer Mei­nung nach sein soll­te und wie das Bestehen­de von die­ser Vor­stel­lung abweicht. Genau­ge­nom­men will sie nicht die Welt bes­ser machen, was nur Schritt für Schritt geht und ein gewis­sen­haf­tes Zur-Kennt­nis-Neh­men und Ernst­neh­men der Wirk­lich­keit erfor­dert, son­dern sie in einem kos­mi­schen Zau­ber­trick von Grund auf neu erfin­den. Des­halb grätscht sie immer wie­der schnell dazwi­schen, wenn jemand eine prag­ma­ti­sche Lösung für ein Pro­blem vor­schlägt, und wen­det ein, dass das alles zu kurz grei­fe und viel­mehr ein »Sys­tem­wech­sel« nötig sei. Die­ser, so die impli­zi­te Annah­me, hält ein Füll­horn von per­fek­ten Lösun­gen bereit. Wir wis­sen nicht, wie die aus­se­hen könn­ten, aber der wer­den­de Gott am Ende der Geschich­te wird sie uns offenbaren.

Prag­ma­ti­sche Lösun­gen arbei­ten mit der gege­be­nen Rea­li­tät statt gegen sie. Prag­ma­ti­sche Lösun­gen machen das Leben in die­ser Wirk­lich­keit ein biss­chen bes­ser und sta­bi­li­sie­ren somit das, was die Gläu­bi­gen desta­bi­li­sie­ren wol­len. Prag­ma­ti­sche Lösun­gen sind aus ihrer Sicht gott­lo­se Irrwege.

Der poli­ti­sche Post­mo­der­nis­mus treibt das Pro­gramm der Desta­bi­li­sie­rung auf die Spit­ze. Er ver­teu­felt letzt­lich jede sozia­le Struk­tur, da sozia­le Ungleich­heit in sie ein­ge­schrie­ben sei. Nach die­ser Logik muss jede sozia­le Struk­tur ein­ge­eb­net wer­den. Nicht­west­li­che Struk­tu­ren sind einst­wei­len erlaubt, aber nur, weil sie sich dank ihrer Fer­ne als nar­ziss­ti­sche Pro­jek­ti­ons­flä­che eig­nen und gegen den Wes­ten in Stel­lung brin­gen las­sen, der der pri­mä­re Feind der Lin­ken ist. Davon abge­se­hen kann es gut­ar­ti­ge sozia­le Struk­tu­ren erst nach dem Sys­tem­wech­sel geben. Wir wis­sen nicht, wie sie aus­se­hen, aber wir wer­den es dann schon herausfinden.

Die­ses Pro­gramm der Ein­eb­nung sozia­ler Struk­tur lässt kein Uto­pia erblü­hen. Es ist weit und breit nicht im Ansatz erkenn­bar, wie es das könn­te. Es zer­stört nur. Doch der Glau­be, dass es Uto­pia erblü­hen las­se, ist weit ver­brei­tet und tief, und der kos­mi­sche Zau­ber­trick, durch den das pas­sie­ren soll, ist die Dialektik.

Welche Rolle spielt Hegel?

Wenn ich gewis­se Äuße­run­gen und Ideen als »hege­lia­nisch« cha­rak­te­ri­sie­re, wer­de ich oft so ver­stan­den, als woll­te ich sagen, die Betref­fen­den sei­en Anhän­ger Hegels und ver­such­ten, sei­ne Ideen in Pra­xis umzu­set­zen. Doch das mei­ne ich nicht.

Mit »hege­lia­nisch« mei­ne ich, dass gewis­se typi­sche Denk­fi­gu­ren der Phi­lo­so­phie von Hegel in einer Äuße­rung auf­tau­chen. Das muss kei­ne bewuss­te Bezug­nah­me auf Hegel sei­tens des Spre­chers sein. Man kann zum Bei­spiel auch sagen, eine Theo­rie, die sich stark auf die Prin­zi­pi­en der Selek­ti­on und Aus­le­se stützt, sei »dar­wi­nis­tisch«, eine sur­re­al-hoff­nungs­lo­se Kurz­ge­schich­te sei »kaf­ka­esk« oder eine direk­te Anspra­che des Publi­kums im Thea­ter sei »brechtsch«, ohne dass ent­schei­dend wäre, ob die Urhe­ber dabei an Dar­win, Kaf­ka und Brecht gedacht haben. Man stellt damit ein­fach fest, dass sich gewis­se Mus­ter zei­gen, ohne etwas dar­über aus­zu­sa­gen, wie sie dort hin­ge­kom­men sind.

Es gibt drei Mög­lich­kei­ten, wie sie dort hin­ge­kom­men sein kön­nen, und dazu alle mög­li­chen Misch­for­men die­ser drei. Ers­tens: Der Spre­cher hat selbst Dar­win, Kaf­ka, Brecht oder Hegel gele­sen und war davon inspi­riert. Zwei­tens: Der Spre­cher hat ande­res gele­sen, gese­hen oder gehört, das von die­sen Autoren beein­flusst war, und war davon inspi­riert. Die Autoren wären immer noch die Quel­le, aber der Weg ihrer Ideen zum Spre­cher wäre indi­rekt. Er hät­te über eine mehr oder weni­ger lan­ge Ket­te geis­ti­ger Tra­die­rung Kennt­nis von ihnen erhal­ten. Drit­tens: Die Ideen gehen beim Spre­cher weder direkt noch indi­rekt auf besag­te Autoren zurück, son­dern sind bei ihm selbst oder bei ande­ren spon­tan neu ent­stan­den, von denen er sie emp­fan­gen hat. Das wäre nicht all­zu erstaun­lich, da zu erwar­ten ist, dass ver­schie­de­ne Men­schen, die sich mit der Wirk­lich­keit einer bestimm­ten Epo­che aus­ein­an­der­set­zen und dabei Tei­le ihrer kul­tu­rel­len Sozia­li­sie­rung und Bil­dung gemein­sam haben, im Zuge die­ser Aus­ein­an­der­set­zung immer wie­der ähn­li­che Ideen ent­wi­ckeln. Rela­tiv gespro­chen wäre es umso erstaun­li­cher, je spe­zi­fi­scher die­se Ideen sind, und umso weni­ger erstaun­lich, je gene­ri­scher sie sind.

Die Phi­lo­so­phie Hegels ist als aus­ge­ar­bei­te­tes phi­lo­so­phi­sches Werk mit meh­re­ren Bän­den offen­kun­dig sehr spe­zi­fisch und ori­gi­nell. Doch von die­sem Werk sind es nur eini­ge gro­be, all­ge­mei­ne Grund­zü­ge, die in die uto­pis­ti­sche Lin­ke als poli­ti­sche Bewe­gung ein­ge­hen, und die, wür­de ich behaup­ten, sind mehr auf der gene­ri­schen Seite.

Die Bezie­hung des poli­ti­schen Uto­pis­mus der Lin­ken zu Hegel ist also auf zwei Ebe­nen zu suchen, die es daher auch bei­de im Blick zu haben gilt: die Ebe­ne geis­ti­ger Tra­die­rung und die Ebe­ne der spon­ta­nen Neu­ent­ste­hung von Ideen und Sicht­wei­sen in Aus­ein­an­der­set­zung mit bestimm­ten Pro­ble­men der Wirklichkeit.

Hegel hat­te erheb­li­chen Ein­fluss auf Marx und die­ser wie­der­um auf die Lin­ke nach ihm. In der geis­ti­gen Tra­di­ti­on der Lin­ken ist viel von »Dia­lek­tik« die Rede, nicht zuletzt in Mar­xens Bezeich­nung der eige­nen Gesell­schafts­theo­rie als »dia­lek­ti­scher Mate­ria­lis­mus«. Der dar­in ent­hal­te­ne Dia­lek­tik­be­griff geht direkt auf Hegel zurück. Das berühm­tes­te Werk der Frank­fur­ter Schu­le ist die »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«. Hege­lia­ni­sche Denk­fi­gu­ren und Bezü­ge auf Dia­lek­tik las­sen sich über­all in der lin­ken Lite­ra­tur fin­den, bis hin zu Her­bert Mar­cu­se und in die Wokeness-Lite­ra­tur der Gegen­wart hin­ein. Der erwähn­te Pod­cast von James Lind­say nimmt sich viel Zeit, um dies an aus­ge­wähl­ten Tex­ten aufzuzeigen.

Hegel hat also unzwei­fel­haft die Lin­ke geprägt. Doch kann man des­halb alle Ähn­lich­kei­ten zwi­schen sei­nem Den­ken und dem Han­deln der Lin­ken bis heu­te auf geis­ti­ge Tra­die­rung zurück­füh­ren, obwohl die meis­ten Akti­vis­ten nie Hegel gele­sen haben, und die jün­ge­ren auch sonst kaum etwas? Das müss­te man sich wohl so vor­stel­len, dass eini­ge Aka­de­mi­ker inner­halb der Lin­ken in die Theo­rie­dis­kus­si­on ein­ge­klinkt sind und stich­wort­ar­tig das Wesent­li­che an die Mas­se wei­ter­ge­ben. So mögen hin­ter einer Aus­sa­ge wie »Geschlecht ist eine sozia­le Kon­struk­ti­on« kom­pli­zier­te Gesell­schafts- und Wis­sens­theo­rien ste­hen. Man muss die­se aber nicht ken­nen, um intui­tiv unge­fähr zu erfas­sen, wor­auf die Aus­sa­ge hin­aus­will, und sie ins eige­ne Rhe­to­rik-Reper­toire auf­zu­neh­men. Die­se Theo­rien haben eine mas­sen­taug­li­che, slo­gan­taug­li­che, »popu­lis­ti­sche« Ebe­ne. Andern­falls hät­ten sie nicht die sozia­le Ver­brei­tung und Mobi­li­sie­rungs­kraft, die sie haben, obwohl lin­ke Theo­rie­schrif­ten weit­ge­hend unge­nieß­bar sind und die wenigs­ten sie lesen.

Und das führt zum zwei­ten Aspekt neben der Tra­die­rung. Genau­ge­nom­men kann es gar nicht nur Tra­die­rung sein. Denn die Fra­ge ist immer, war­um etwas tra­diert wird und etwas ande­res nicht. War­um sind gera­de die­se 200 Jah­re alten Ideen so lang­le­big und wecken so lei­den­schaft­li­che Gefüh­le? Das kön­nen sie nur, wenn und weil sie etwas tref­fen, das vie­le Men­schen umtreibt. Sie spre­chen Bedürf­nis­se und Intui­tio­nen an und haben dadurch eine attrak­ti­ve, ver­füh­re­ri­sche und leicht erfass­ba­re Essenz. Man muss nicht Hegel oder Marx gele­sen haben, um ein von ihnen inspi­rier­tes akti­vis­ti­sches Pro­gramm gut genug zu ver­ste­hen, um es aus­zu­füh­ren. Logik und Eck­punk­te des hege­lia­nisch-uto­pis­ti­schen Pro­gramms sind leicht zu ver­ste­hen und vor allem leicht zu »erfüh­len«. Man schnappt sie mühe­los auf, wenn man in den ent­spre­chen­den Krei­sen unter­wegs ist.

Ich den­ke, dass Hegel mit sei­ner Phi­lo­so­phie eine bestimm­te Art, die Welt zu sehen und zu deu­ten, mit unge­wöhn­li­cher Kon­se­quenz durch­ge­führt und aus­ge­ar­bei­tet hat, die in simp­le­ren For­men intui­tiv nahe­liegt – jeden­falls für Men­schen einer bestimm­ten Epo­che. Dem­nach wür­den auch abseits des unmit­tel­ba­ren aka­de­mi­schen Ein­flus­ses von Hegel immer wie­der Men­schen von sich aus in eine ähn­li­che Rich­tung den­ken wie er, ein­fach weil sie Men­schen sind, west­lich sozia­li­siert sind und mit den Ver­hält­nis­sen der west­li­chen Moder­ne kon­fron­tiert sind.

Aber wel­che Rich­tung ist das? Wor­in besteht jene leicht erfass­ba­re Essenz? Ich gehe in spä­te­ren Tei­len genau dar­auf ein. Aber grob gespro­chen wür­de ich sagen, die wesent­li­chen gemein­sa­men Ele­men­te von Hegel und lin­kem Uto­pis­mus sind drei. Ers­tens das Erle­ben einer (mehr oder weni­ger schmerz­li­chen) sozia­len und spi­ri­tu­el­len Ent­wur­ze­lung in der Moder­ne, zwei­tens eine Art intui­ti­ve Gewiss­heit, dass der Gegen­ent­wurf zu die­ser Ent­wur­ze­lung, ein har­mo­nisch-pro­duk­ti­ves Zusam­men­le­ben, Rea­li­tät sein könn­te und eigent­lich soll­te, und drit­tens der Ver­such, die ersehn­te Har­mo­nie gewis­ser­ma­ßen argu­men­ta­tiv her­bei­zu­füh­ren, also vom Geis­ti­gen her. In der Vor­stel­lung lässt sich die bes­se­re Welt bereits ver­wirk­li­chen, jeden­falls annä­he­rungs­wei­se, und die Intui­ti­on sagt, dass die­se Vor­stel­lung das Wah­re abbil­det, also wird die Vor­stel­lung zum Maß­stab der Rea­li­tät. Die Dia­lek­tik ist die Metho­de, deren sich der Geist bedient, um die Rea­li­tät umzu­for­men und Schritt für Schritt dem Ide­al anzunähern.

Dies sind zen­tra­le Moti­ve in Hegels Den­ken, die im links­ak­ti­vis­ti­schen Zugriff auf die Wirk­lich­keit heu­te in popu­la­ri­sier­ter Form wie­der auf­tau­chen: »Das Sys­tem ist kaputt und eine bes­se­re Welt ist möglich«.

Pseudorealität imitiert Realität

Hier drängt sich der Ein­wand auf: Aber stimmt das denn nicht? Ist die Gesell­schaft etwa per­fekt und lässt sich nicht mehr ver­bes­sern? Gibt es nicht über­all unnö­ti­ges Leid und Unge­rech­tig­keit, die wir ver­hin­dern könn­ten? Sol­len wir etwa nicht auf Fort­schritt hof­fen und dar­an arbei­ten? Ein ähn­li­cher Ein­wand liegt wei­ter oben nahe, wo ich behaup­tet habe, dass die Pra­xis der hege­lia­ni­schen Reli­gi­on in Pro­ble­ma­ti­sie­rung und Kri­tik bestehe. Ja, was denn sonst?, könn­te man sagen. Ist das Lösen von Pro­ble­men denn nicht der rich­ti­ge Ansatz, um die Din­ge bes­ser zu machen, und muss man Pro­ble­me nicht erst ein­mal benen­nen, um sie lösen zu können?

Ja, naiv betrach­tet stimmt das alles. Doch unter Schlag­wor­ten wie »Pro­ble­me«, »Kri­tik« und »bes­se­re Welt« kann man sich fun­da­men­tal Unter­schied­li­ches vor­stel­len. Wir sto­ßen hier bereits auf ein zen­tra­les Struk­tur­merk­mal uto­pis­ti­scher Pseu­do­rea­li­tät: Wor­te mit dop­pel­ten Bedeu­tun­gen. Tra­gen­de Begrif­fe der Pseu­do­rea­li­tät haben regel­mä­ßig eine tri­via­le Bedeu­tung, die all­ge­mein­ver­ständ­lich zu sein scheint, und eine theo­re­tisch tie­fe, die nur im Rah­men einer bestimm­ten Ideo­lo­gie ver­ständ­lich und die Domä­ne der wah­ren Gläu­bi­gen ist. Letz­te­re muss durch eine selek­tiv ver­zerr­te Wahr­neh­mung der Wirk­lich­keit her­ge­stellt, abge­si­chert und kon­ti­nu­ier­lich erneu­ert wer­den. Nach dem Prin­zip eines tro­ja­ni­schen Pfer­des dient die tri­via­le Bedeu­tung dazu, die tie­fe ein­zu­schmug­geln, oder anders aus­ge­drückt, Pseu­do­rea­li­tät als Rea­li­tät zu ver­kau­fen. Pseu­do­rea­li­tät ähnelt an der Ober­flä­che der Rea­li­tät. Des­we­gen funk­tio­niert sie, des­we­gen kann sie Men­schen mani­pu­lie­ren und sich aus­brei­ten, und des­we­gen heißt sie Pseu­do­rea­li­tät. Ihre ober­fläch­li­che Ähn­lich­keit zur Wirk­lich­keit ist ihr Trick und zugleich die Kon­zes­si­on, die sie der Wirk­lich­keit machen muss, um in ihr exis­tie­ren und funk­tio­nie­ren zu können.

Die hege­lia­ni­sche Pro­ble­ma­ti­sie­rung in Form des »eine bes­se­re Welt ist mög­lich« ähnelt an der Ober­flä­che einem nor­ma­len Den­ken und Pro­blem­lö­sen. Sie beruht aber auf völ­lig ande­ren Annah­men dar­über, wie die Wirk­lich­keit beschaf­fen ist, wel­che Pro­ble­me Auf­merk­sam­keit ver­die­nen und wel­che Mecha­nis­men geeig­net sind, sie zu lösen.

Die akti­vis­ti­sche Pra­xis ist auf das Ziel gerich­tet, eine Uto­pie zu ver­wirk­li­chen, die durch einen Zustand tota­ler Gleich­heit und Har­mo­nie gekenn­zeich­net ist. Die Uto­pis­ten sehen die­sen Ide­al­zu­stand als Nor­mal- und Soll­zu­stand der Gesell­schaft an und glau­ben daher einen Anspruch auf sei­ne Ver­wirk­li­chung zu haben, wäh­rend sei­ne Abwe­sen­heit ein empö­ren­des Unrecht darstellt.

Die­se Set­zung des Ide­als als Norm spie­gelt sich dar­in, dass gesell­schaft­li­che Pro­ble­me und Kon­flik­te bei Marx und Mar­xis­ten als »Wider­sprü­che« bezeich­net wer­den, eine Begriff­lich­keit, die wie­der­um auf Hegels Dia­lek­tik zurück­geht. Ein Wider­spruch ist nor­ma­ler­wei­se etwas, das in Gedan­ken und Theo­rien auf­taucht und  durch wei­te­res Den­ken aus­ge­räumt wird. Hegel nimmt einen radi­ka­len und im Sin­ne eta­blier­ter Wis­sen­schaft anti­wis­sen­schaft­li­chen Stand­punkt ein, indem er pos­tu­liert, dass es in der Wirk­lich­keit »Wider­sprü­che« gebe. Sie stre­ben in sei­nem Modell nach ihrer eige­nen Auf­lö­sung bzw. Auf­he­bung auf einer höhe­ren Ebe­ne der Ent­wick­lung auf den idea­len End­zu­stand hin und sind damit der Treib­stoff des dia­lek­ti­schen Motors der Ent­wick­lung. Die Über­tra­gung des Begriffs »Wider­spruch« von der geis­ti­gen Ebe­ne auf die (gesell­schaft­li­che) Wirk­lich­keit unter­stellt, dass die­se so har­mo­nisch sein könn­te wie ein wider­spruchs­frei­es Denk­mo­dell har­mo­nisch sein kann. (Wenn hier der Ein­wand kommt, so sei die Über­tra­gung des Begriffs doch aber nicht gemeint, ver­wei­se ich auf obi­ge Bemer­kung zu Begrif­fen mit dop­pel­ten Bedeu­tun­gen und stel­le die Fra­ge dane­ben, war­um der Begriff dann über­haupt benutzt wird.)

Marx behaup­tet, aus Hegels idea­lis­ti­schem Modell ein mate­ria­lis­ti­sches gemacht zu haben. Doch indem er die­se zen­tra­le Figur von Wider­sprü­chen und dia­lek­ti­scher Auf­he­bung über­nimmt, bleibt Hegels idea­lis­ti­sche Sicht der Rea­li­tät in sei­ner Theo­rie erhal­ten. Hegel macht den Geist zum Dreh- und Angel­punkt der Wirk­lich­keit. Marx setzt für den Geist die mate­ri­el­len Ver­hält­nis­se ein, stellt sich deren Struk­tur und Dyna­mik aber so vor, als wäre die Gesell­schaft ein Geist oder ein geis­ti­ges Pro­dukt. Dies ist die Crux des hege­lia­nisch-uto­pis­ti­schen Pro­jekts – das Ver­wi­schen und Ver­schwim­men der Gren­zen zwi­schen Geist und Wirk­lich­keit, so dass der Geist die Wirk­lich­keit bestim­men und for­men kann.

Die Bezeich­nung von gesell­schaft­li­chen Pro­ble­men und Kon­flik­ten als »Wider­sprü­che« stuft jene als erklä­rungs­be­dürf­ti­ge Abwei­chung von einer als har­mo­nisch vor­ge­stell­ten Norm ein. Der popu­lä­re Begriff »Feh­ler im Sys­tem« geht in die­sel­be Rich­tung. Es ist aus die­ser Sicht nicht nor­mal, dass es gesell­schaft­li­che Pro­ble­me gibt; nor­mal wäre ein har­mo­ni­scher Zustand. Durch Pro­ble­ma­ti­sie­rung und »Kri­tik« machen Akti­vis­ten die sys­te­mi­sche Ungleich­heit »sicht­bar«, die ihrem Glau­ben zufol­ge für die Abwei­chung vom har­mo­ni­schen Zustand ver­ant­wort­lich ist und über­wun­den wer­den muss.

Das Ver­fah­ren geht also immer schon mit einer bestimm­ten Dia­gno­se und The­ra­pie an die Din­ge her­an. Ein rea­li­täts­zu­ge­wand­ter Pro­blem­lö­ser fragt: »Mit wel­chen Pro­ble­men ist die­ses Ding behaf­tet und wie kann ich sie lösen?« Ein uto­pis­ti­scher Welt­ver­bes­se­rer inter­es­siert sich nur für Pro­ble­me, die er als Aus­druck sys­te­mi­scher Ungleich­heit inter­pre­tie­ren kann, und er weiß auch immer schon, dass die Lösung in deren Über­win­dung lie­ge und das Mit­tel dazu ihre Sicht­bar­ma­chung sei. Die Sicht­bar­ma­chung soll gewis­ser­ma­ßen wie ein Kata­ly­sa­tor die Kol­li­si­on gesell­schaft­li­cher Wider­sprü­che beschleu­ni­gen, die gemäß dia­lek­ti­schem Prin­zip zu deren Auf­he­bung führt. Mit jeder Kol­li­si­on und Auf­he­bung eines Wider­spruchs ist man der Uto­pie einen Schritt näher.

Da es aber eine star­ke ideo­lo­gi­sche Ver­ein­fa­chung der Welt dar­stellt, jede sozia­le oder psy­chi­sche Dis­har­mo­nie auf »sys­te­mi­sche Ungleich­heit« zurück­zu­füh­ren und die­se als lös­ba­ren Feh­ler aus­zu­wei­sen, muss man dazu gele­gent­lich krea­tiv mit den Fak­ten umge­hen. Und hier kommt Pseu­do­rea­li­tät ins Spiel. Ein simp­les Anschau­ungs­bei­spiel dafür ist die aktu­ell ein­fluss­rei­che Pra­xis der Lin­ken, alle Unter­schie­de in der Reprä­sen­ta­ti­on der Geschlech­ter in bestimm­ten Beru­fen auf Sexis­mus und alle Wohl­stands­un­ter­schie­de zwi­schen eth­ni­schen Grup­pen auf Ras­sis­mus zurück­zu­füh­ren. Bei­de Erklä­run­gen sind nicht wahr, aber sie die­nen im Welt­bild der Gläu­bi­gen dem Kampf gegen die sys­te­mi­sche Ungleich­heit und somit der Offen­ba­rung ihres Got­tes im voll­kom­me­nen gesell­schaft­li­chen Endzustand.

Die Gläu­bi­gen legen hier ganz ande­re Wahr­heits­kri­te­ri­en an, als das wis­sen­schaft­li­che Den­ken es wür­de. Als wahr gilt ihnen alles, was hilft, sys­te­mi­sche Ungleich­heit als Wur­zel allen Übels aus­zu­wei­sen und so dem gesell­schaft­li­chen Zustand näher­zu­kom­men, der aus ihrer Sicht der ein­zig wah­re ist. Wenn bestimm­te Fak­ten die­ser Sicht der Din­ge wider­spre­chen, wer­den sie igno­riert, als Täu­schungs­ma­nö­ver abge­tan oder als Arte­fak­te der »fal­schen« gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se ein­ge­stuft. »Ja, die Geschlech­ter sind ver­schie­den, aber nur, weil das Patri­ar­chat sie so zurich­tet.« Durch den Beweis, dass sie ver­schie­den sind, lässt sich die höhe­re Wahr­heit also nicht wider­le­gen, dass sie eigent­lich gleich sei­en. Die höchs­te Wahr­heit steht immer schon vor der Aus­ein­an­der­set­zung mit den Tat­sa­chen fest und ist unwi­der­leg­bar: Der har­mo­ni­sche gesell­schaft­li­che Zustand ohne Ungleich­heit ist der ein­zig legi­ti­me und jede Abwei­chung von ihm ist als zu über­win­den­de Fehl­ent­wick­lung anzusehen.

Realismus versus Utopismus

Der Unter­schied zwi­schen gewöhn­li­chem Pro­blem­lö­sen und »kri­ti­schem« Pro­ble­ma­ti­sie­ren ent­spricht dem Unter­schied zwi­schen dem Her­an­ge­hen an ein Pro­blem von der Rea­li­tät her ver­sus von der Uto­pie her. Von der Rea­li­tät her ist man bestrebt, die Wirk­lich­keit mög­lichst genau zu ver­ste­hen, um das Bes­te her­aus­zu­ho­len, was die gege­be­nen Mög­lich­kei­ten und Unmög­lich­kei­ten zulas­sen. Ein Ding bes­ser zu machen heißt, dafür zu sor­gen, dass es real bes­ser funk­tio­niert. Uto­pis­ten dage­gen zie­len nicht dar­auf ab, dass etwas real bes­ser funk­tio­nie­ren soll, es sei denn, das gro­ße Gan­ze. Des­halb nut­zen sie die Dys­funk­tio­na­li­tät, die sie vor­fin­den, um die vor­ge­fun­de­ne Wirk­lich­keit ins­ge­samt zu dele­gi­ti­mie­ren – das Pro­blem ist »sys­te­misch«, »struk­tu­rell« usw. Von der Uto­pie her erschei­nen die Kom­pli­ka­tio­nen und Kom­pli­ziert­hei­ten der Wirk­lich­keit ohne­hin nur als Mani­fes­ta­tio­nen des­sen, was falsch ist und über­wun­den wer­den muss. Sie sind nicht das, womit man arbei­tet, son­dern nur das, was man angrei­fen und zer­stö­ren muss, damit die dar­un­ter ver­bor­gen lie­gen­de Uto­pie erblü­hen kann. 

Auf­grund die­ses Des­in­ter­es­ses an der Wirk­lich­keit in ihrer gegen­wär­ti­gen Form kön­nen Uto­pis­ten auch nicht die Unter­schei­dung zwi­schen ver­än­der­li­chen Ver­hält­nis­sen und kon­stan­ten Rea­li­tä­ten vor­neh­men, die nötig wäre, um fest­zu­stel­len, was über­haupt ver­än­der­lich wäre und wie es zu ver­än­dern wäre. Man könn­te ja bei dem Ver­such, das fest­zu­stel­len, auf schlech­te Neu­ig­kei­ten für das revo­lu­tio­nä­re Pro­jekt stoßen.

Ein rea­li­täts­zu­ge­wand­ter Pro­blem­lö­ser arbei­tet mit Kos­ten-Nut­zen-Rech­nun­gen, also rela­ti­ven Grö­ßen. Hier wird der Unter­schied viel­leicht am deut­lichs­ten. Gezielt etwas zu ver­än­dern ist immer mit Kos­ten ver­bun­den und nur dann sinn­voll, wenn  der Nut­zen die Kos­ten über­wiegt. Doch ein Akti­vist mit dia­lek­ti­schem Betriebs­sys­tem inter­es­siert sich nicht für Kos­ten. Ihm geht es um das Abso­lu­te, um Gut und Böse, um Rich­tig und Falsch. Er setzt die Uto­pie als abso­lu­te Grö­ße und ein­zig legi­ti­me Rea­li­tät ein und atta­ckiert alles, was ihr nicht ent­spricht. Dabei auf Kos­ten zu ach­ten wäre für ihn im bes­ten Fall klein­lich, im schlimms­ten mora­li­sche Kor­rup­ti­on. Dass er als Fol­ge davon bestehen­de Pro­ble­me nicht löst und neue schafft – also mehr Kos­ten als Nut­zen ver­ur­sacht -, beun­ru­higt ihn nicht, denn das ist nur der natür­li­che, dia­lek­ti­sche Lauf der Din­ge. Die Rei­fung der Uto­pie voll­zieht sich über eine lan­ge Ket­te von Wider­sprü­chen, die auf­tre­ten und auf­ge­ho­ben wer­den. Jedes neu geschaf­fe­ne Pro­blem erscheint als der nächs­te Wider­spruch in die­ser Ket­te. So läuft immer alles nach Plan, egal wie groß das ange­rich­te­te Cha­os ist. Black-Lives-Mat­ter-Kra­wal­le scha­den vor allem ärme­ren und schwar­zen Wohn­ge­bie­ten und Geschäf­ten? Egal. Gen­der­leh­re führt inzwi­schen zur kör­per­li­chen Ver­stüm­me­lung von Jugend­li­chen mit psy­chi­schen Pro­ble­men? Egal. Und so weiter.

Ein Uto­pist glaubt die wah­re Wirk­lich­keit immer schon zu ken­nen – es sind die Ver­hei­ßun­gen der Uto­pie. Das peni­ble Tes­ten und Beob­ach­ten des Wis­sen­schaft­lers unter Zurück­hal­tung der eige­nen Gefüh­le und Wün­sche ist für ihn nicht nötig, son­dern Zeit­ver­schwen­dung, sogar kor­rum­pie­ren­de Ablen­kung. Er will nicht wis­sen, wie das Fal­sche genau funk­tio­niert, er will es überwinden.

Ich bin Opfer, also bin ich

Aber woher weiß man, was das Fal­sche und das Rich­ti­ge ist, wenn man die Wirk­lich­keit nicht anschaut? Woher kennt man die wah­re Wirk­lich­keit, die in der Uto­pie liegt? Aus der Intro­spek­ti­on. Aus dem eige­nen Füh­len und Den­ken. Wir füh­len, dass Aspek­te des Zusam­men­le­bens für Men­schen beschrän­kend und ver­let­zend sind, und wir kön­nen den­kend aus die­sem Füh­len ablei­ten, dass das Zusam­men­le­ben inso­fern nicht natur­ge­mäß, also defekt sei, und in wel­cher Rich­tung es zu kor­ri­gie­ren wäre. Expli­zit voll­zieht die Wokeness die­se Umkeh­rung des­sen, was als wirk­lich gilt, von Objek­ti­vi­tät (Prü­fen) zu Sub­jek­ti­vi­tät (Füh­len), indem sie alles objek­ti­ve Wis­sen zur »sozia­len Kon­struk­ti­on« abwer­tet und gleich­zei­tig die »geleb­te Erfah­rung«, »Lived Expe­ri­ence«, mit unan­tast­ba­rer Auto­ri­tät aus­stat­tet. Ich bin Opfer, also bin ich. Das ist für sie die Gewiss­heit ers­ter Ord­nung, aus der sich alles ande­re ableitet.

Es hat eine gewis­se Logik, die Tat­sa­che, dass man die Ver­hält­nis­se als uner­träg­lich emp­fin­det, als Beweis dafür zu deu­ten, dass die Ver­hält­nis­se objek­tiv falsch sei­en. Denn war­um soll­te es unser Natur­zu­stand sein, die Ver­hält­nis­se als uner­träg­lich zu emp­fin­den? Doch dem steht der Umstand ent­ge­gen, dass die meis­ten Men­schen die Ver­hält­nis­se nicht in der Wei­se als uner­träg­lich emp­fin­den wie die Akti­vis­ten. Daher rich­tet sich deren Bemü­hen dar­auf, bei mög­lichst vie­len die­ses Emp­fin­den der Ver­hält­nis­se als uner­träg­lich her­vor­zu­ru­fen, indem sie alles in den Fokus rücken und über­trei­ben, was schlecht ist, und alles schlecht­re­den, leug­nen und letzt­lich zer­stö­ren, was gut ist. Dies ist übri­gens ein anschau­li­ches Bei­spiel für die Zwei­glei­sig­keit der Betrach­tung, für die ich oben im Zusam­men­hang mit Hegel plä­diert habe. Die Idee, aus Intro­spek­ti­on Wis­sen über die Struk­tur der Wirk­lich­keit ablei­ten zu kön­nen, ist zum einen eine theo­re­ti­sche Idee (Tra­die­rung), zum ande­ren aber auch ein­fach ein nar­ziss­ti­scher Impuls (spon­ta­ne Neu­ent­ste­hung): Was mich ver­letzt, ist falsch und darf nicht existieren.

Glorifizierte Jugend vs. alte, weiße Männer

Eine extre­me, aber fol­ge­rich­ti­ge Aus­prä­gung des uto­pie­ge­lei­te­ten Ansat­zes, die Pro­ble­me der Welt zu lösen, sehen wir in der Mobi­li­sie­rung der Jugend gegen die Alten, die zen­tra­les Motiv der chi­ne­si­schen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on war. Mao rief unter dem Schlag­wort der »Vier Alten« einen Krieg gegen das kul­tu­rel­le Erbe aus und die Jugend, durch Pro­pa­gan­da und ins­be­son­de­re das Lehr­per­so­nal auf­ge­hetzt, bil­de­te die Roten Gar­den und über­zog das Land mit einer mör­de­ri­schen Wel­le von Inqui­si­ti­on und Terror.

Die geis­ti­ge Rein­heit der Roten Gar­den – ihre jugend­li­che Lern­fä­hig­keit und Offen­heit für neue Ideen – erwies sich für Mao als nütz­lich. Ihre Form­bar­keit füg­te sich gut in das Pro­jekt, das aus­zu­rot­ten, was man „die Vier Alten“ nann­te: alte Gewohn­hei­ten, alte Kul­tur, alte Sit­ten und alte Denk­wei­sen. Die Rot­gar­dis­ten wür­den einer alten Welt ohne den Bal­last oder die Vor­sicht der Lebens­er­fah­rung eine neue sym­bo­li­sche Ord­nung auf­zwin­gen. Manch­mal waren die Ergeb­nis­se unfrei­wil­lig komisch. Da Rot die Revo­lu­ti­on sym­bo­li­sier­te und die Revo­lu­ti­on nicht zum Still­stand kom­men durf­te, for­der­ten die Rot­gar­dis­ten, dass Fahr­zeu­ge an roten Ampeln fah­ren statt anhal­ten sollten.

J. D. Ban­ker in »Quil­let­te«

Die­se Beses­sen­heit der Uto­pis­ten von Sym­bo­lik, die wir auch in unse­rer Gesell­schaft beob­ach­ten kön­nen, ist fol­ge­rich­ti­ger Aus­druck des Bemü­hens, die Wirk­lich­keit vom abs­trak­ten Geist her zu per­fek­tio­nie­ren. Wenn wir das per­fek­te Sys­tem nur rich­tig den­ken kön­nen, wird es sich qua­si von selbst umsetzen.

Oben war in die­sem Zusam­men­hang von »Wider­sprü­chen« die Rede. Die Roten Gar­den woll­ten bei den Ampel­far­ben einen Wider­spruch aus­räu­men. Das ist kei­ne Spin­ne­rei am Ran­de, son­dern ent­spricht genau der uto­pis­ti­schen und dia­lek­ti­schen Strategie.

Doch häu­fi­ger waren die Ergeb­nis­se erschre­ckend. Weil Haus­kat­zen, Hun­de, Fische und sogar Gril­len als Sym­bo­le der „bür­ger­li­chen Deka­denz“ gal­ten, wur­den sie zu Tau­sen­den abge­schlach­tet. Der Ver­zehr von Men­schen­fleisch wur­de zu einem maka­bren Loya­li­täts­be­weis. Die eige­nen Ermitt­lun­gen der Par­tei berich­ten von Schü­lern in der Pro­vinz Guan­gxi, die ihre Leh­rer und Schul­lei­ter koch­ten und aßen. In eini­gen Regie­rungs­kan­ti­nen wur­den die Lei­chen von hin­ge­rich­te­ten Ver­rä­tern an Flei­scher­ha­ken aus­ge­stellt, wäh­rend ihr Fleisch ser­viert und ver­zehrt wur­de. Das unbe­schrie­be­ne Blatt, so scheint es, kann auch ein schwar­zer Abgrund sein.

Ein Echo des­sel­ben feind­li­chen Impul­ses gegen die älte­ren Genera­tio­nen sehen wir heu­te in der Schimpf­vo­ka­bel »alte, wei­ße Män­ner« und der kom­ple­men­tä­ren Unter­schla­gung von Erfah­rung und Kom­pe­tenz, als gäbe es so etwas gar nicht, wäh­rend Medi­en mit gro­ßen Augen die Fra­ge stel­len, war­um Kin­der eigent­lich nicht wäh­len dürfen. 

Es ist logisch: Die älte­ren Genera­tio­nen geben die Kul­tur und ihr Wis­sen über die Welt an die jün­ge­ren wei­ter. Die jün­ge­ren haben erst ein­mal wenig Ahnung von bei­den, dafür aber viel Ener­gie in ihren Lei­den­schaf­ten und Wün­schen. Wer nun in offe­ner Rebel­li­on gegen die Rea­li­tät ein Sys­tem erzwin­gen will, das unse­re Lei­den­schaf­ten und Wün­sche per­fekt bedient, muss die Alten als Fein­de und die Jun­gen als Ver­bün­de­te sehen.

Dem­entspre­chend schrieb Her­bert Mar­cu­se 1969 In sei­nem »Ver­such über die Befrei­ung«, die trei­ben­de Kraft der Stu­den­ten­pro­tes­te sei

die Wei­ge­rung, erwach­sen zu wer­den, zu rei­fen, effi­zi­ent und »nor­mal« in und für eine Gesell­schaft Bei­trä­ge zu leis­ten, die die gro­ße Mehr­heit der Bevöl­ke­rung zwingt, in stu­pi­den, unmensch­li­chen und unnö­ti­gen Jobs ihren Lebens­un­ter­halt zu »ver­die­nen«, die ihr boo­men­des Geschäft auf dem Rücken von Ghet­tos, Slums und inne­rem und äuße­rem Kolo­nia­lis­mus betreibt, die von Gewalt und Repres­si­on ver­seucht ist, wäh­rend sie von den Opfern von Gewalt und Repres­si­on Gehor­sam und Anpas­sung for­dert, und die zur Auf­recht­erhal­tung der pro­fi­ta­blen Pro­duk­ti­vi­tät, von der ihre Hier­ar­chie abhängt, ihre enor­men Res­sour­cen für Ver­schwen­dung, Zer­stö­rung und eine immer sys­te­ma­ti­sche­re Schaf­fung kon­for­mis­ti­scher Bedürf­nis­se und Befrie­di­gun­gen nutzt.

Wer zum Kampf gegen die herr­schen­den Ver­hält­nis­se auf­ru­fen will, hat immer die Mög­lich­keit, auf rea­le Miss­stän­de zu ver­wei­sen. Die Welt ist nicht per­fekt und Unrecht geschieht. Aber wie soll die Wei­ge­rung, erwach­sen zu wer­den, dage­gen helfen?

Die moder­ne Gesell­schaft hat ohne Zwei­fel auch Bes­se­run­gen der Lebens­ver­hält­nis­se her­bei­ge­führt. Rele­van­te Stich­wor­te sind hier Ernäh­rung, Gesund­heits­ver­sor­gung, Lebens­er­war­tung, Bil­dung, inne­rer Frie­de, Grund­rech­te und Eman­zi­pa­ti­on. Doch alles hat sei­nen Preis. Zum Bei­spiel lässt die Arbeits­tei­lung, der wir nicht zuletzt die gro­ße Pro­duk­ti­vi­tät der moder­nen Wirt­schaft ver­dan­ken, »stu­pi­de Jobs« ent­ste­hen, die Mas­sen­pro­duk­ti­on bringt Umwelt­zer­stö­rung mit sich und der Über­fluss Verschwendung. 

Nun könn­te man zu den Stu­den­ten sagen: Wer­det erwach­sen, wer­det kom­pe­tent und setzt eure Fähig­kei­ten ein, um ein Gewinn für eure Mit­men­schen zu sein und die ver­blie­be­nen oder neu ent­stan­de­nen Pro­ble­me der Gesell­schaft zu lösen. Doch Mar­cu­se sieht Pro­ble­me nicht in Kos­ten-Nut­zen-Rela­tio­nen, son­dern als Ver­rat am Ide­al, am Abso­lu­ten – als Blas­phe­mie. Sein Aus­druck, nicht meiner:

In dem Maße, in dem sich die Rebel­li­on gegen eine funk­tio­nie­ren­de, pro­spe­rie­ren­de, »demo­kra­ti­sche« Gesell­schaft rich­tet, ist sie eine mora­li­sche Rebel­li­on gegen die heuch­le­ri­schen, aggres­si­ven Wer­te und Zie­le, gegen die blas­phe­mi­sche Reli­gi­on die­ser Gesell­schaft, gegen alles, was sie ernst nimmt, alles, wozu sie sich bekennt, wäh­rend sie die­sel­ben Bekennt­nis­se verletzt.

Die Gesell­schaft bekennt sich zu Men­schen­rech­ten, Men­schen­wür­de, Demo­kra­tie, Ver­nunft und vie­lem mehr und ver­letzt die­se Wer­te und Prin­zi­pi­en gleich­zei­tig. Das stimmt und ist durch­aus kri­tik­wür­dig. Es ist aber auch ein­fach Nie­der­schlag des Unter­schieds zwi­schen Ide­al und Wirk­lich­keit. Es bräuch­te Wer­te und Prin­zi­pi­en wie die auf­ge­zähl­ten ja gar nicht, wenn es nicht Ten­den­zen gäbe, gegen sie zu verstoßen. 

Mar­cu­se macht hier nichts Gerin­ge­res als die per­fek­te Gesell­schaft zum Maß­stab und erklärt der rea­len Gesell­schaft den Krieg, weil sie die­sem Anspruch nicht genügt. Er empört sich nicht nur über bestimm­te Miss­stän­de, son­dern erklärt die gan­ze Gesell­schaft zum zer­stö­re­ri­schen Unrechts­sys­tem, das sei­ner­seits Zer­stö­rung ver­die­ne. Das Absur­de dabei ist die Erwar­tung, mit einer Armee von zor­ni­gen Jugend­li­chen und Erwach­se­nen, die »sich wei­gern, erwach­sen zu wer­den«, die erwünsch­te per­fek­te Gesell­schaft schaf­fen zu kön­nen, eine Gesell­schaft, die die Errun­gen­schaf­ten der bestehen­den ver­mut­lich bewah­ren soll, dafür aber nicht mehr den Preis bezah­len muss, den die­se bezahlt, und über­haupt alle Pro­ble­me löst, ohne dabei neue zu schaffen.

Es ist ein Glau­be mit einer rie­si­gen Leer­stel­le in der Mit­te. Dort, wo die Ant­wort auf die Fra­ge sein soll­te, wie das gan­ze Kri­ti­sie­ren und Pro­tes­tie­ren zur per­fek­ten Gesell­schaft füh­ren soll, steht nur »schaun mer mal«. Es ist wie bei den Unter­ho­sen­wich­teln von South Park, die nachts bei Kin­dern Unter­ho­sen steh­len und immer nur unvoll­stän­dig erklä­ren kön­nen, wie ihr Geschäfts­mo­dell aussieht:

Pha­se 1: Unter­ho­sen sammeln

Pha­se 2: …

Pha­se 3: Profit!

Doch dass sie nicht wis­sen, was in Pha­se 2 gesche­hen soll, hält sie nicht davon ab, schon mal mit Pha­se 1 anzu­fan­gen, und das ist in unse­rem Zusam­men­hang Desta­bi­li­sie­rung. Und auch wenn Desta­bi­li­sie­rung nicht zur Uto­pie führt, führt sie zu … etwas.

Der Krieg gegen die Alten und die Glo­ri­fi­zie­rung jugend­li­cher Impul­se sind Aus­druck der Vor­stel­lung, man kön­ne allein aus idea­lis­ti­schen Gefüh­len und auf die­sen gebau­ten Theo­rien her­aus eine Gesell­schafts­ord­nung schaf­fen, unter Umge­hung der Zwän­ge und Kom­ple­xi­tä­ten der Wirk­lich­keit. Das Pro­blem, das der Uto­pis­mus immer zu lösen ver­sucht, ist dies: Wie kön­nen wir eine Wirk­lich­keit B erschaf­fen, ohne uns mit Wirk­lich­keit A zu kon­fron­tie­ren? Die Umde­fi­ni­ti­on der roten Ampeln ist die sym­bo­li­sche Zau­be­rei, die das bewerk­stel­li­gen soll; die Gewalt wird zum Mit­tel der Wahl, wenn es nicht funk­tio­niert. Wirk­lich­keit A mög­lichst rest­los zu zer­stö­ren und ihre Reprä­sen­tan­ten auf­zu­fres­sen ist die fol­ge­rich­ti­ge Kon­se­quenz, wenn ein­mal eine Dyna­mik in Gang gesetzt ist, die kei­ne Kom­pro­mis­se, kei­ne Zwei­fel und kei­ne Umkehr mehr zulässt.

Doch die Gewalt ist nicht nur instru­men­tell. Sie ist auch ein Aus­bruch der dunk­len Sei­ten der mensch­li­chen Natur, denen die­se Theo­rien nicht Rech­nung tra­gen kön­nen, weil die Unfä­hig­keit, sich damit zu kon­fron­tie­ren, zen­tra­ler Bestand­teil ihrer Patho­lo­gie ist: Das Böse ist immer der andere.

Fort­set­zung folgt

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4 Kommentare

  1. Hal­lo Sebastian,
    für eine Abhand­lung zum Woke-ismus und sei­nen ideo­lo­gi­schen Hin­ter­grün­den ist das ein sehr guter Ein­stieg und macht Lust auf mehr.
    Was sich hier schon andeu­tet: die­se Ideo­lo­gie kommt ohne Füh­rer aus und ist dyna­misch aus sich selbst und der immer zu kri­ti­sie­ren­den Wirk­lich­keit her­aus. Ein Selbst­läu­fer, der immer neue jun­ge Men­schen fin­det, die sich ihm anschlie­ßen; und immer neue Aspek­te der Wirk­lich­keit fin­det, die er dekon­stru­ie­ren kann.
    Von allei­ne hört das so bald nicht auf …

    Dan­ke für Dei­ne Arbeit
    und herz­li­chen Gruß

    Tom

  2. Die Daten­ba­sis zur ver­link­ten Stu­die »Men­tal ill­ness and the left« ist schlecht: Ledig­lich 1.413, weni­ger als 10% der Befrag­ten aus einer Daten­ba­sis, haben eine Behand­lung (Tre­at­ment) erhal­ten. 2.345 haben „Coun­se­ling for emo­tio­nal or men­tal pro­blems“ in Anspruch genom­men. Die Mehr­heit hat an Umfra­gen (Plu­ral) mit Ja/Nein Ant­wor­ten teil­ge­nom­men oder ange­ge­ben: In den ver­gan­ge­nen 30 Tagen war ihre „men­tal health not good“. Über 80% der Teil­neh­mer haben kei­nen medi­zi­ni­schen Befund (Selbst­dia­gno­se). Die Ein­ord­nung in das poli­ti­sche Spek­trum erfolg­te durch die Teil­neh­mer: „Gar­ba­ge in, gar­ba­ge out“ sagt man dazu in mei­nem Fachbereich.

    Hegels Omni­prä­senz lässt sich durch das „klei­ne Welt Phä­no­men“ oder in den Rela­tio­nen von Autoren zu Quel­len erklä­ren. Was sich durch „Herr­schaft und Knecht­schaft“ in Hegels »Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes« als viel­zi­tier­te Quel­le erklä­ren lässt. Setzt man Hegel, Kant und Marx an den Anfang sind Haber­mas, Žižek oder Wagen­knecht uvam. in der Ergebnismenge.

    Der von Hegel im deut­schen oder abso­lu­ten Idea­lis­mus urbild­li­che Intel­lekt (intel­lec­tus arche­ty­pus) steht im Gegen­satz zum dis­kur­si­ven, mensch­li­chen Intel­lekt (intel­lec­tus ecty­pus): „Con­tra princi­pia negan­tem non est disputandum.“

    1. Wenn Selbst­aus­künf­te Gar­ba­ge sind, sind gro­ße Tei­le der Main­stream-Psy­cho­lo­gie und empi­ri­schen Sozi­al­for­schung Garbage.

      Die Stu­die ist natür­lich nicht das ein­zi­ge Signal, das in die­se Rich­tung weist.

  3. Ein sehr hol­der Text mal wie­der. Es gibt in der Psy­cho­lo­gie auch die soge­nann­te Ende-der-Geschich­te-Illu­si­on: Der Glau­be, dass man jetzt, nach reich­hal­ti­gen Erfah­run­gen und Ver­än­de­run­gen, an einem sta­bi­len End­punkt ange­langt ist. Ist aber Schwach­sinn, weil die Welt eben immer im Wan­del ist. Zudem kann man hier auch fra­gen: Wenn du mor­gen im Para­dies ankom­men wür­dest, wie lan­ge dau­ert es bis du dich »Und jetzt« fragst? Des­we­gen wer­den wir von der Sei­te der post­mo­der­nen Lin­ken bis zum tat­säch­li­chen Ende der Zeit »Das war aber kein ECHTER Kom­mu­nis­mus!« hören, weil Uto­pia in der Über­set­zung »Kein Ort. Nir­gends« bedeu­tet und wir nie dort ankom­men. Das kapiert die Polit­sek­te aber den­ke ich nie, weil sie am pro­phe­ti­schen His­to­ri­zis­mus festhält. 

    Auch immer wie­der inter­es­sant die Dop­pel­bö­dig­keit derer Begriff­lich­kei­ten auf­zu­zei­gen. In der Lite­ra­tur zu Sek­ten gibt es hier auch die Beschrei­bung von »Loading the Lan­guage«. Sehen wir auch bei dem Kon­zept der Can­cel Cul­tu­re, weil es auf der einen Sei­te Absa­ge­kul­tur heißt, aber auch »Auf­he­ben der Kul­tur« bedeu­ten kann. Hegel ich hör dir trapsen.

    Pater Lind­say von den neu­en Dis­kur­sen hat das ja auch sehr gut als ein nega­ti­ves Uto­pie­kon­zept bezeich­net. Wie ein Alche­mist, der das Gold durch sei­ne Dia­lek­tik frei­le­gen will. Des­halb glau­ben die Fana­ti­ker des Regen­bo­gens ja auch, dass wenn sie nur end­lich alle »Pro­ble­ma­ti­ken« los­ge­wor­den sind, plötz­lich das Ende des Regen­bo­gens mit dem Topf vol­ler Gold erscheint. Und auf dem Weg dahin hei­ligt der Zweck alle Mittel. 

    Des­we­gen ist der Kon­flikt und Zwie­tracht auch hilf­reich. Das alte Pro­le­ta­ri­at der Retro Mar­xis­ten ist ja die Arbei­ter­schicht der alten wei­ßen Män­ner. Aber die »Deplor­ables« wäh­len heu­te den bösen Oran­gen-Mann und haben kein Bock auf eine mar­xis­ti­sche Revo­lu­ti­on. Dar­um braucht der post­mo­der­ne Iden­ti­täts­mar­xis­mus auch das neue Pro­le­ta­ri­at in der Form von inter­sek­tio­na­len Iden­ti­täts­grup­pen. Hier ist aber pri­mär nur die revo­lu­tio­nä­re Spreng­kraft inter­es­sant. Die müss­te man irgend­wie auf­fan­gen, damit sich die post­mo­der­ne Lin­ke in den Hin­tern beisst.

    Was ich per­sön­lich sehr gut fän­de, wäre ein zwei­tes Buch in die Rich­tung von »Coun­ter Woke­craft« nur halt in dei­ner weit­aus bes­se­ren Schreib­art. Wäre das nicht was für dich Sebas­ti­an? Inhalt­lich kannst du da defi­ni­tiv weit­aus fei­ne­re Wür­ze liefern.

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