
In dieser Gedankenwelt, in der die Natur immer nur noch eine “vermeintliche” ist und die Strukturen der Wirklichkeit sämtlich auf “Modellen”, “Erzählungen”, “Annahmen” und wiederum “vermeintlichen” “Selbstverständlichkeiten” (gerne auch: “Bildern”) beruhen, und in der dementsprechend Mütter herumlaufen, die keine Frauen sind, spiegelt sich das Lebensgefühl eines urbanen Milieus, bei dessen Mitgliedern tatsächlich alles Wesentliche in Form von Texten und anderen abstrakten Symbolen abläuft.


Ein Geistes- oder Sozialwissenschaftler baut keine Maschinen, backt keine Brötchen, hütet keine Schafe und muss nicht in der Wildnis überleben. Stattdessen hängen sein ganzer Status sowie große Teile seiner Identität und seines Selbstwertgefühls, und mithin letztlich sein Überleben, an seiner Fähigkeit, Wörter und andere Symbole so zu arrangieren, dass seinesgleichen das Arrangement interessant und erhellend findet.
Ein Naturwissenschaftler wird durch die (eben nicht nur vermeintliche) Natur schnell und gnadenlos darauf gestoßen, wenn seine Theorie falsch ist. Ebenso ein Ingenieur oder Unternehmer. Was ein Geistes- oder Sozialwissenschaftler hervorbringt, wird in der Regel keiner solchen Realitätsprüfung unterzogen. Über sein Gedeih und Verderb entscheidet nicht die Wahrheit seiner Ideen, sondern die Überzeugungskraft seiner Ideen in den Augen anderer. Wenn jemand seine Ideen anficht, kann er darauf entgegnen und so den entstandenen Schaden heilen. Dazu braucht er wiederum nur: Wörter. Einen Patch aus neuen Wörtern sozusagen. Wenn der andere kein Gehör findet, kann er die Anfechtung einfach ignorieren.
In dieser Lebenswelt *sind* Wörter die ultimative Realität. Nicht Kleider machen hier Leute, sondern Wörter. Das prägt. Deshalb hören wir so viel von “Narrativen” und Menschen werden als irgendetwas “gelesen”. Die Welt als Text.
Elon Musk sagte mal: “Die Physik ist das Gesetz; alles andere ist eine Empfehlung”. Das ist überspitzt, aber in der Tendenz richtig. In der Lebenswelt der Mütter, die keine Frauen sind, gilt das Gegenteil. Wörter sind das Gesetz; die Wirklichkeit ist eine vermeintliche.
Aber vielleicht gehen die Wurzeln des Phänomens tiefer als moderne Lebensstile. Ich habe in meinem Video “Warum Antikommunismus 3: Der gnostische Impuls” die These ausgeführt (die nicht von mir stammt), dass die modernen Kommunisten historische Wiedergänger gnostischer Sekten (“Ketzer”) des Mittelalters sind. Nach dieser These ist der Kommunismus im Kern eine Form der metaphysischen Auflehnung gegen die Bedingungen des Menschseins selbst, die die Menschen seit Jahrtausenden begleitet und vielleicht immer begleiten wird.
Die gnostischen Ketzer dieser Sorte (es gab viele Sorten) nahmen an, dass nicht der wahre, gute Schöpfergott unsere Welt erschaffen hat, sondern ein bösartiger, eifersüchtiger zweitklassiger Gott oder Dämon, auch Demiurg genannt. Manche Ketzer identifizierten den Gott der Christen mit diesem Demiurgen und sahen die Schlange in der Paradiesgeschichte als Befreierin und den Ungehorsam von Adam und Eva als ersten Akt der Emanzipation von ungerechter Herrschaft, den die Menschheit unternahm.
Unsere materielle Welt ist demnach eine Art Gefängnis, in das uns ein Dämon eingesperrt hat. (Im Marxismus übernimmt die Bourgeoisie die Rolle des Demiurgen; in den neomarxistischen Sekten die Weißen, die Männer etc.) Das Musksche Gesetz, die Physik, ist hier das illegitime Gesetzbuch einer Unrechtsherrschaft.
Auch unsere Körper sind Teil des Gefängnisses. Das höchste Ziel ist, aus diesem Gefängnis auszubrechen. Dazu muss sich unser göttlicher Geist von den Beschränkungen des niederen, schmutzigen Materiellen befreien. Wie soll das aussehen und was kommt danach? Es wird niemanden überraschen, dass es darauf keine klare Antwort gibt.
Es drängt sich auf, in der heutigen Revolte gegen die Geschlechter denselben gnostischen Impuls auszumachen.
Beim Transgenderismus geht es ja längst nicht mehr nur darum, dass es einige wenige Fälle von andauernder Geschlechtsdysphorie gibt und dass die Betroffenen Hilfe und Toleranz benötigen. Bei dem lautstarken Trans-Aktivismus, der die Thematik in den letzten Jahren prägt, geht es vielmehr um eine grundsätzliche Infragestellung und Bekämpfung der geschlechtlichen Bedingtheit und Festgelegtheit unserer Existenz, und meist darüber hinaus um die Infragestellung und Bekämpfung gegebener Strukturen und Normen schlechthin, auch wenn sie nichts mit Geschlecht zu tun haben. Auftritt Queer Theory.
Der Geist ist rein, frei und in seiner Sphäre allmächtig. Der Körper und seine materielle Umgebung sind schmutzig, beschränkt, mängelbehaftet und vergänglich. Der Mensch leidet unter dem Kontrast zwischen der Freiheit des Geistes und der Enge des körperlichen Lebens auf der Erde, in das dieser Geist eingesperrt ist. Der gnostische Impuls ist die Rebellion gegen diese Gefangenschaft. Sein Ziel besteht darin, alle physischen Beschränkungen abzuschütteln und die absolute Herrschaft des Geistes zu etablieren. Also: Gott zu werden.
Dieser Konflikt des Menschen mit den Bedingungen seiner Existenz liegt in diesen Bedingungen selbst begründet, und das erklärt sein Alter und seine Beharrungskraft ebenso wie die bleibende Anziehungskraft sozialistischer Ideen trotz deren offenkundiger Irrationalität und historischer Widerlegung.
Ihre Anziehungskraft beruht gerade darauf, dass sie vage bleiben, was die Vision der Befreiung angeht, denn es geht um die Befreiung von allem, was uns einschränkt, was uns determiniert, was uns auferlegt ist, was wir uns nicht ausgesucht haben und was uns nicht einleuchtet. Und würde man ein konkretes Bild des Sozialismus zeichnen, wäre das schon wieder mit Einschränkungen verbunden, die aus den Notwendigkeiten der materiellen Existenz resultieren, und wäre somit nicht mehr die Verheißung, die der Sozialismus sein soll.
Mir drängt sich immer mehr der Eindruck auf, dass nicht nur der linke, sondern auch der rechte Extremismus im Kern Ausprägungen des gnostischen Impulses sind, also einer Rebellion gegen die Zumutungen des alltäglichen Lebens und das Bestreben, den Menschen durch Befreiung des Geistes zu seinem eigenen Schöpfer zu machen.
Das Leiden und der Impuls sollten für jeden nachvollziehbar sein. Doch der Ausbruch, von dem diejenigen träumen, die sich ihm hingeben, ist unmöglich, und der Versuch führt eher in die Hölle als in den Himmel, wenn man das 20. Jahrhundert in den Blick nimmt.
Doch selbst wenn er möglich wäre, wäre die Annahme der Ausbruchsprediger verdächtig, das Leben auf dieser Welt sei zu klein, nicht großartig genug, nicht “hoch” genug. Ich bezweifle, dass der durchschnittliche Radikale das Großartige und Hohe, das diese Welt zu bieten hat, bereits so umfassend ausgeschöpft hat, dass er sich ein Urteil darüber anmaßen kann, ob es genug davon gibt.