Gina Carano

Seit ein paar Mona­ten hal­te ich stän­dig Aus­schau nach guten Nach­rich­ten hin­sicht­lich der tota­li­tä­ren Ten­den­zen, die beson­ders in den USA bedroh­li­che Aus­ma­ße ange­nom­men haben. Mei­ner Ein­schät­zung nach hat sich dort ein erheb­li­ches destruk­ti­ves Poten­zi­al auf­ge­baut, und ob die­ses wie­der abge­baut wer­den kann oder in ent­spre­chend destruk­ti­ve Sys­tem­ver­än­de­run­gen mün­det, hängt wesent­lich davon ab, ob, wann und wie­weit sich ein Wider­stand gegen die­se Ent­wick­lung for­miert. Des­halb war­te ich auf Anzei­chen dafür, dass dies passiert.

Gina Cara­no ist so eine posi­ti­ve Nach­richt. Die Kampf­sport­le­rin und Hol­ly­wood-Schau­spie­le­rin ver­lor kürz­lich wegen eini­ger poli­tisch unkor­rek­ter Tweets, die den übli­chen Online-Mob auf den Plan rie­fen, ihre regel­mä­ßi­ge Rol­le in der erfolg­rei­chen Star-Wars-Serie »The Man­da­lo­rian« von Lucasfilm/Disney. Die gute Nach­richt dar­an ist, dass sie seit­her eine Wel­le der Soli­da­ri­tät erfährt. Dazu gehör­te auch, dass Ben Shapi­ros Medi­en­un­ter­neh­men »The Dai­ly Wire« ihr anbot, einen Film mit ihr zu pro­du­zie­ren, und sie sofort ein­wil­lig­te. Heu­te ist ein aus­führ­li­ches Inter­view erschie­nen, das Ben Shapi­ro mit Gina Cara­no geführt hat und das ich the­ma­tisch Inter­es­sier­ten empfehle.

Der Anfang vom Ende war, dass sie im Sep­tem­ber 2020 die Wor­te »beep/bop/boop« in ihr Twit­ter­pro­fil schrieb, um sich gegen den sozia­len Druck von Trans-Akti­vis­ten zu weh­ren, per­sön­li­che Pro­no­men dort zu hin­ter­le­gen, obwohl bei den meis­ten Men­schen ein­schließ­lich der meis­ten Trans­se­xu­el­len die rich­ti­gen Pro­no­men offen­sicht­lich sind. Nach ers­ten Pro­tes­ten stell­te sie klar, dass sie nicht Trans­se­xu­el­le angrei­fen, son­dern sich nur den For­de­run­gen der radi­ka­len Akti­vis­ten ver­wei­gern wol­le. Doch sol­che Unter­schei­dun­gen fal­len im woken Lager nicht auf frucht­ba­ren Boden. Dis­ney dräng­te sie, sich zu ent­schul­di­gen und sich in einer Zoom-Kon­fe­renz 40 Trans-Akti­vis­ten zu stel­len. Sie ver­wei­ger­te sich dem und bot statt­des­sen ein ech­tes Gespräch unter ver­nünf­ti­gen Bedin­gun­gen an. Ihre Ein­schät­zung ist, dass von die­sem Zeit­punkt an bei Dis­ney und außer­halb eini­ge nur auf einen Anlass war­te­ten, sie loszuwerden.

Gina Cara­no erscheint im Inter­view als klu­ge und warm­her­zi­ge Frau, die sich nicht ver­bie­gen lässt. Hin­ter jedem inkri­mi­nier­ten Tweet ste­hen ver­nünf­ti­ge und men­schen­freund­li­che Über­le­gun­gen, bei jeder Kon­tro­ver­se zeigt sie sich gesprächs­of­fen und lern­be­reit – aber nicht bereit, vor dem Mob auf die Knie zu fal­len, sich Wor­te in den Mund legen zu las­sen und geheu­chel­te Ent­schul­di­gun­gen abzugeben.

Es ist immer eine inter­es­san­te Fra­ge, was Whist­leb­lower und ande­re muti­ge Wider­ständ­ler, die unter gro­ßem per­sön­li­chem Risi­ko aus der Rei­he tan­zen, zu sol­chen macht. Was befä­higt, was treibt sie dazu? Was haben sie, das ande­re nicht haben?

Mei­ner Ein­schät­zung nach ist es nicht eine Eigen­schaft, die sie gemein­sam haben, son­dern in jedem Fall etwas Per­sön­li­ches. Eine indi­vi­du­el­le Hal­tung, Über­zeu­gung oder Lei­den­schaft, die für die Per­sön­lich­keit des betref­fen­den Men­schen einen zen­tra­len Stel­len­wert hat und ihm in dem Dilem­ma, mit dem er kon­fron­tiert ist, kei­ne ande­re Wahl lässt. Oder eine Kom­bi­na­ti­on von sol­chen Eigen­schaf­ten. So klin­gen die­se Per­so­nen meist auch selbst, wenn man sie befragt. Von fern stellt man sie sich als Hel­den vor, aber sie selbst sehen sich nicht als Hel­den. Sie sehen sich ein­fach als Men­schen mit allen nor­ma­len Zwei­feln, Ängs­ten und Unsi­cher­hei­ten, die unge­wollt in eine Situa­ti­on gera­ten sind, in der sie nicht anders konnten.

Gina Cara­no betont, dass es nicht ein­fach sei, und man merkt an meh­re­ren Stel­len, wie auf­ge­wühlt sie ist und wie sie sich zusam­men­rei­ßen muss. Es ist ja nicht »nur« der Ver­lust ihres Jobs und viel­leicht ihrer Kar­rie­re, son­dern auch das Schwei­gen und teils die Feind­se­lig­keit der ehe­ma­li­gen Kol­le­gen, der Mob von unzäh­li­gen gesichts­lo­sen Twit­ter­nut­zern, die sie has­sen und ver­nich­tet sehen wol­len, und die übli­chen Eti­ket­ten, die ihr zu Unrecht ange­hängt wer­den; trans­phob, homo­phob, ras­sis­tisch, anti­se­mi­tisch und so wei­ter. Dis­ney trat nach und behaup­te­te, sie habe Men­schen auf­grund ihrer »kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Iden­ti­tä­ten ver­un­glimpft«, was »abscheu­lich und inak­zep­ta­bel« sei. Dies ist nur inner­halb der Pseu­do-Rea­li­tät des radi­ka­len Post­mo­der­nis­mus wahr, sofern man dort von »wahr« spre­chen kann. In die­ser Rea­li­tät hat sie nichts der­glei­chen getan.

Es schei­nen zwei Din­ge zu sein, die sie stand­haft blei­ben lie­ßen. Ers­tens die Tat­sa­che, dass, wie sie im Inter­view erzählt, sie sich erst in den Tur­bu­len­zen des Jah­res 2020 poli­ti­siert hat. Sie hat­te das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, und fühl­te sich ver­ant­wort­lich, dem Auf­merk­sam­keit zu wid­men. Wäre sie vor dem Mob ein­ge­knickt, hät­te sie die­se neu­ent­deck­te Ver­ant­wor­tung gleich wie­der verraten.

Zwei­tens spricht sie von einer tie­fen per­sön­li­chen Abnei­gung gegen Macht­miss­brauch und Bul­ly­ing – ein lei­der nicht direkt über­setz­ba­res Wort, das so etwas Ähn­li­ches wie Mob­bing bezeich­net. Ein »Bul­ly« ist jemand, der ande­re ter­ro­ri­siert oder unge­bühr­lich unter Druck setzt, sei es, weil es ihm Befrie­di­gung berei­tet oder weil er so sei­nen Wil­len durch­set­zen will.

Cara­no erzählt, dass sie frü­her öfter in Kämp­fe gera­ten sei, jedoch nie in eige­ner Sache, son­dern immer der­ge­stalt, dass sie ande­ren zu Hil­fe eil­te. Eine so schmei­chel­haf­te Geschich­te muss man nicht unbe­dingt glau­ben, aber sie scheint mir glaub­wür­dig, auch weil sie es im Zusam­men­hang der Fra­ge erwähnt, wie sie zum Kampf­sport gekom­men sei. Soll­te sie ganz anders sein, als sie sich dar­stellt, wür­den wir sicher in aller­nächs­ter Zukunft von ent­spre­chen­den Geschich­ten hören, da im Moment mäch­ti­ge Akteu­re sehr dar­an inter­es­siert sein dürf­ten, sie zu dis­kre­di­tie­ren. Und sie wäre eine exzel­len­te Schauspielerin.

Eine kur­ze Inter­view­se­quenz han­delt vom Leben in Los Ange­les und in Hol­ly­wood-Krei­sen. Cara­no erzählt, wie Leu­te ihr im Flüs­ter­ton sagen, dass sie recht habe. Ben Shapi­ro berich­tet, er habe Bekann­te dort, auch in hohen Posi­tio­nen, von denen eini­ge kon­ser­va­tiv sei­en, aber sich nicht öffent­lich mit einem kon­ser­va­ti­ven Kom­men­ta­tor wie ihm sehen las­sen könn­ten, weil sie gecan­celt wür­den, wenn sie es täten. Es herrscht ein Kli­ma der Angst, das übri­gens auch ein inter­es­san­tes Licht auf die vie­len woken Fil­me und Seri­en der letz­ten Jah­re wirft. Die­se sind mit wirt­schaft­li­chen Erwä­gun­gen nicht zu erklä­ren, da sie ger­ne flop­pen, Kon­flik­te vom Zaun bre­chen und die jewei­li­ge Mar­ke beschä­di­gen. Doch wo die Wokeness Leit­kul­tur ist, ist es nicht ver­tret­bar, sie nicht ins Werk ein­flie­ßen zu las­sen. Sie ist nicht optio­nal, son­dern mora­li­sche Pflicht. Wer sich gegen sie aus­spricht, ris­kiert sei­ne Karriere.

Des­we­gen sind Stim­men wie Gina Cara­no so wich­tig. Das Schwei­gen der Ver­ängs­tig­ten ist der Erfolg der Herr­schaft durch Ein­schüch­te­rung. Die­se Herr­schaft kann auch von Min­der­hei­ten über Mehr­hei­ten aus­ge­übt wer­den, und das beschreibt mehr und mehr die aktu­el­le Situa­ti­on. Jeder, der das Schwei­gen bricht, drängt die­se Herr­schaft ein Stück zurück und zeigt ande­ren, dass es mög­lich ist, sie zurück­zu­drän­gen, und dass sie nicht allein sind – auch nicht, wenn sie gecan­celt werden.

Hin­ter dem geplan­ten Film mit Gina Cara­no steht dar­über hin­aus die Idee, alter­na­ti­ve Struk­tu­ren zum Hol­ly­wood-Appa­rat auf­zu­bau­en, in dem auch »gewöhn­li­che« Men­schen unter­kom­men kön­nen, also sol­che, die kei­ne Stars sind und anders­wo gecan­celt wer­den. Von genau sol­chem Han­deln brau­chen wir mehr.

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