Nach Hanau (II.) – die Abschaffung des Konservatismus

Die domi­nan­te Reak­ti­on auf Hanau ist die For­de­rung und Ankün­di­gung, den »Kampf gegen rechts« zu ver­schär­fen. Das ist gut und rich­tig, wenn es bedeu­tet, Ter­ror und Gewalt mit allen rechts­staat­li­chen Mit­teln zu ver­hin­dern und extre­mis­ti­sche Bestre­bun­gen so klein zu hal­ten wie mög­lich. Doch sind die Stra­te­gien, die übli­cher­wei­se unter »Kampf gegen rechts« lau­fen, dazu geeig­net, die­se Anlie­gen vor­an­zu­brin­gen? Sind wir sicher, dass sie mehr nüt­zen als scha­den? Ich bezweif­le das und habe eher den Ein­druck, dass sie zu gro­ßen Tei­len nutz­los oder kon­tra­pro­duk­tiv sind.

Die gro­be Linie die­ser Ver­schär­fungs­stra­te­gie ist, den Spiel­raum für Dis­kus­sio­nen über Migra­ti­on, Inte­gra­ti­on und Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus wei­ter ein­zu­en­gen, dem Bevöl­ke­rungs­an­teil rechts der Mit­te mit neu­er Ent­schie­den­heit die demo­kra­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on zu ver­wei­gern und noch nach­drück­li­cher die Durch­set­zung pro­gres­si­ver Gesell­schafts­idea­le zu betreiben. 

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Nach Hanau (I.) – Zwei Filme auf einer Leinwand

Die Schre­ckens­tat von Hanau hat den Riss durch die Bevöl­ke­rung ver­tieft, den Hass der Rän­der auf­ein­an­der ver­stärkt und uns alle noch ein­mal ner­vö­ser gemacht. Wie bei jedem Amok­lauf liegt die größ­te Tra­gik in der sinn­lo­sen Bra­chi­al­ge­walt, die schein­bar aus dem Nichts her­aus in das All­tags­le­ben Unschul­di­ger her­ein­bricht und sie in den Tod reißt. Zuerst gilt es dann um die Opfer zu trau­ern, die Hin­ter­blie­be­nen gut zu ver­sor­gen und sich auf Acht­sam­keit zu besin­nen – nicht im Sin­ne von Über­wa­chung, son­dern im Sin­ne geleb­ter Mit­mensch­lich­keit im All­tag. Sozia­le Käl­te, Iso­la­ti­on und Igno­ranz machen sol­che Taten mög­lich. Eine deut­li­che Regel­mä­ßig­keit bei Amok­läu­fen ist, dass sie sich ankün­di­gen. Die Bereit­schaft zu einer sol­chen Tat ist nicht ein­fach da, son­dern ent­wi­ckelt sich über einen lan­gen Zeit­raum. Meis­tens kom­mu­ni­zie­ren die spä­te­ren Täter mehr­fach, dass sie auf einem dunk­len Weg sind. Es gibt kei­ne ein­fa­chen Ant­wor­ten, aber das Weg­se­hen ande­rer gehört auf­fal­lend oft zu den Vor­aus­set­zun­gen sol­cher Taten.

Es ist aller­dings auch unver­meid­lich und not­wen­dig, nach den grö­ße­ren poli­ti­schen Impli­ka­tio­nen außer­all­täg­li­cher Gewalt­aus­brü­che zu fra­gen. Die Opfer ernst­zu­neh­men heißt auch, zu ver­su­chen, ähn­li­che Gewalt­aus­brü­che in Zukunft nach Mög­lich­keit zu ver­hin­dern. Es ist also nicht falsch, nach der poli­ti­schen Bedeu­tung von Hanau zu fra­gen. Den­noch ist es tra­gisch, wie sehr hier­bei alles dem vor­her­seh­ba­ren Mus­ter folgt. Die Tra­gik der unmit­tel­ba­ren Destruk­ti­vi­tät der Tat kann sich noch ver­viel­fa­chen, wenn die­se gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen anstößt oder ver­schärft, die wei­te­re blu­ti­ge »Ver­wer­fun­gen« (Y. Mounk) wahr­schein­li­cher machen, bis hin zur Desta­bi­li­sie­rung des gesam­ten Sys­tems. Es ist im Kern die Tra­gik von Blut­feh­den, bei denen Men­schen auf Leid und Tod mit der Schaf­fung von immer mehr Leid und Tod reagie­ren, hier aller­dings in höhe­rer Grö­ßen­ord­nung und auf höhe­rem Komplexitätsniveau.

Es war abseh­bar, dass es irgend­wann wie­der eine rech­te Gewalt­tat geben wür­de, eben­so wie abseh­bar war und ist, dass es irgend­wann wie­der eine isla­mis­ti­sche oder ander­wei­tig auf­fäl­li­ge Gewalt­tat von Zuwan­de­rern geben wür­de. Dies ist im Sinn des oben Gesag­ten kein Klein­re­den, son­dern ein Hin­weis auf die wich­ti­ge Über­le­gung, was wir tun kön­nen, damit sich in Fol­ge sol­cher Gewalt­ta­ten nicht immer mehr gesell­schaft­li­che Destruk­tiv­kräf­te auf­stau­en. Den bereits iden­ti­fi­zier­ten Feind noch hef­ti­ger bekämp­fen zu wol­len ist emo­tio­nal nahe­lie­gend und nach­voll­zieh­bar, aber ob es dem sozia­len Frie­den dient, ist frag­lich. Wenn man ihn nicht in abseh­ba­rer Zeit besie­gen kann, bedeu­tet das Vor­ha­ben zunächst nur einen län­ge­ren und inten­si­vier­ten Krieg.

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Ist links gut und rechts böse?

Darf man mit rech­ten Par­tei­en koope­rie­ren? Darf man mit lin­ken Par­tei­en koope­rie­ren? Muss man, wenn man das eine aus­schließt, auch das ande­re ausschließen?

Anläss­lich der Thü­rin­ger Kri­se der letz­ten Tage sind die­se Fra­gen gera­de wie­der Gegen­stand öffent­li­cher Dis­kus­si­on. Zugrun­de liegt ihnen die all­ge­mei­ne­re Fra­ge, ob und inwie­fern rech­ter und lin­ker Radi­ka­lis­mus gleich­wer­tig bzw. glei­cher­ma­ßen ver­ur­tei­lungs­wür­dig und gefähr­lich sind. 

Die Annah­me, dass sie das sei­en, kol­li­diert aufs Hef­tigs­te mit dem lin­ken Selbst­ver­ständ­nis. Die Lin­ke sieht sich als Kraft, die das Gute will und einer rech­ten Kraft gegen­über­steht, die das Böse will.

Das Argu­ment klingt etwa so:

Wie sol­len rechts und links äqui­va­lent sein? Lin­ke ste­hen für Gleich­heit. Sie set­zen sich für die Schwa­chen ein und wol­len mehr Gerech­tig­keit schaf­fen. Rech­te ste­hen für Ungleich­heit. Sie wol­len Men­schen die Rech­te weg­neh­men, sie ver­fol­gen und aus­gren­zen. Das eine ist men­schen­freund­lich, das ande­re men­schen­feind­lich. Häu­fig wird »rechts« auch gera­de­her­aus mit »Hass« gleichgesetzt.

Wenn man es so for­mu­liert, kann man nur auf Sei­ten der Lin­ken ste­hen. Dann sind die­se unzwei­deu­tig die Guten und die Rech­ten die Bösen.

Doch das sagt zunächst ein­mal wenig aus, da es sich dabei um eine lin­ke Selbst­wahr­neh­mung und ‑beschrei­bung han­delt. Wenn man einen Lin­ken fragt, wofür die Lin­ke steht, bekommt man wenig über­ra­schend eine Ant­wort, die gut klingt. Wenn man einen Rech­ten frag­te, wofür er steht, wür­de er eben­falls kaum Ungleich­heit, Aus­gren­zung, Ver­fol­gung und Hass sagen, son­dern eben­falls etwas, das gut klingt. Und er hät­te auch eine weni­ger schmei­chel­haf­te Beschrei­bung der lin­ken Gegen­sei­te parat, so dass ein unbe­darf­ter außer­ir­di­scher Zuhö­rer zu dem Schluss käme, dass die Rech­ten wohl die Guten seien.

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Ist Rassismus ein Machtverhältnis?

If you have always belie­ved that ever­yo­ne should play by the same rules and be jud­ged by the same stan­dards, that would have got­ten you labe­led a radi­cal 60 years ago, a libe­ral 30 years ago and a racist today. 

– Tho­mas Sowell

Vor ein paar Tagen habe ich auf Twit­ter eine Tweet-Ket­te über die Auf­fas­sung geschrie­ben, dass Ras­sis­mus ein Macht­ver­hält­nis sei und Ras­sis­mus gegen Wei­ße nicht exis­tie­re. Genau­ge­nom­men sind das zwei ver­schie­de­ne The­sen, die aber gewöhn­lich im Zusam­men­hang mit­ein­an­der ver­tre­ten wer­den. Sie gehö­ren zu einer Rei­he radi­ka­ler Ideen neu­lin­ker Iden­ti­täts­po­li­tik, die Ein­gang in den kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Main­stream gefun­den haben und sich dort immer mehr eta­blie­ren. Dies geschieht pro­mi­nent mit dem Kon­zept »Diver­si­ty«.

»Diver­si­ty« zu for­cie­ren heißt, gegen Wei­ße zu dis­kri­mi­nie­ren, ins­be­son­de­re wei­ße Män­ner. Um das legi­ti­mie­ren zu kön­nen, muss man defi­ni­to­risch aus­schlie­ßen, dass es Dis­kri­mi­nie­rung ist, was es fak­tisch den­noch bleibt.

Da auf Twit­ter eini­ge den klei­nen Text nütz­lich fan­den, stel­le ich ihn in über­ar­bei­te­ter Form auch hier ein.

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Wie wir leben wollen sollen

Oder: Wollt ihr die tota­le Repräsentation?

Es gibt eini­ge Zwangs­läu­fig­kei­ten im anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Den­ken und Han­deln der Lin­ken. Deren wohl größ­tes und unver­zeih­lichs­tes Ver­säum­nis ist, dass sie sich nicht dar­über Rechen­schaft gibt, wel­che Zwangs­läu­fig­kei­ten es sind, die lin­ke revo­lu­tio­nä­re Bewe­gun­gen in ent­schei­den­den his­to­ri­schen Momen­ten immer wie­der in dys­funk­tio­na­le Tyran­nei­en haben mün­den las­sen. Statt­des­sen tun sie so, als wäre das, was immer wie­der pas­siert ist, immer wie­der nur ein ver­rück­ter Zufall gewe­sen. Zur rech­ten Dik­ta­tur sagen wir zu recht »nie wie­der«; was wir nach links gewandt sagen, klingt mehr nach »gute Idee, wei­ter versuchen«.

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Albigna

Letz­ten Som­mer habe ich etwas Zeit in den Schwei­zer Ber­gen ver­bracht. Im Kan­ton Grau­bün­den steht nahe dem Tal Ber­gell ein beein­dru­cken­des Bau­werk: Die Stau­mau­er des in 2162 Meter Höhe gele­ge­nen Albi­gna­sees. Sie erzeugt seit ihrer Fer­tig­stel­lung im Jahr 1959 Strom für das Elek­tri­zi­täts­werk Zürich, schützt die Tal­be­woh­ner vor Über­schwem­mun­gen und fun­giert als Brü­cke. Sie misst bis zu 115 Meter Höhe mal 760 Meter Länge.

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Wilde Horden im Internet: Ein Spezialfall des Mythos vom reinen Bösen

Anknüp­fend an den vor­an­ge­hen­den Arti­kel über die Wahr­neh­mung ideo­lo­gi­scher Geg­ner als böse gehe ich hier anhand von Bei­spie­len auf eine Vari­an­te des Mythos des rei­nen Bösen ein, die uns im Inter­net­zeit­al­ter häu­fig begeg­net. Ich bezeich­ne sie als »Wil­de Hor­den«. Die­se tre­ten in Erzäh­lun­gen auf, die besa­gen, dass da drau­ßen bzw. im Inter­net eine wil­de Hor­de ihr Unwe­sen trei­be, die der Leser/Zuhörer fürch­ten und has­sen soll. Sol­che Erzäh­lun­gen haben die Funk­ti­on, ein Moral­sys­tem zu repro­du­zie­ren und die Pola­ri­tät von Gut und Böse zu schär­fen, was die eige­ne Sei­te ent­spre­chend hel­ler als gut erstrah­len lässt. Wil­de Hor­den sind ein dank­ba­res Ziel für Pro­jek­tio­nen des Bösen, weil sie furcht­ein­flö­ßend und zugleich anonym und nicht greif­bar sind. Will man kon­kre­te Per­so­nen beschul­di­gen, braucht man Bewei­se und muss sich der Ver­tei­di­gung der Beschul­dig­ten stel­len. Wil­de Hor­den hin­ge­gen kön­nen sich nicht und kann man nicht ver­tei­di­gen. Wil­de-Hor­den-Erzäh­lun­gen sta­bi­li­sie­ren mora­li­sche Gemein­schaf­ten, doch auf gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Ebe­ne zer­stö­ren sie Vertrauen.

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