»Du darfst nur nicht mitspielen«

Beim Kampf gegen Rassismus geht es doch verdammt noch mal nicht um die Befindlichkeiten und Bedürfnisse und Empfindlichkeiten von weißen Menschen.
Helge Lindh (SPD)

Nach klassischer Definition und allgemeinem Sprachgebrauch ist Rassismus eine meist abwertende Beurteilung von Personen auf Basis tatsächlicher oder zugeschriebener rassischer Eigenschaften beziehungsweise die Ungleichbehandlung, die aus solchen Beurteilungen erwächst. Doch diese Auffassung wird mehr und mehr durch eine neue abgelöst, der zufolge man nur dann von Rassismus sprechen könne, wenn die Abgewerteten »strukturell benachteiligt« (o. Ä.) und die Rassisten »strukturell privilegiert« sind, und die strukturell Privilegierten seien in unserer Welt immer die Weißen.

Natürlich können sich Begriffsbedeutungen wandeln und kann man Definitionen ändern. Das ist aber nur dann sinnvoll und wird ohne Gewaltakt wohl auch nur dann gelingen, wenn dadurch die Ausdrucks- und Differenzierungsmöglichkeiten der Sprache zunehmen oder wenigstens gleichbleiben. Das ist hier nicht der Fall. Die Ausdrucks- und Differenzierungsmöglichkeiten des neuen Rassismusbegriffs sind um Größenordnungen geringer als die des klassischen, wie ich im Folgenden erläutere.

Rassismus und Machtdifferenz

Die oft zu hörende Aussage, Rassismus gegen Weiße existiere nicht, klingt wie eine empirische Aussage, ist aber keine. Es ist nicht etwas, das man durch Forschung herausgefunden hätte, sondern etwas, das man durch Festlegung einer entsprechenden Definition entschieden hat.

Ähnlich könnte ich entscheiden, dass nach meiner Definition das Wort »grün« nicht auf das Grün von Nadelbäumen anwendbar sei, und auf dieser Basis die empirische Aussage treffen, dass Nadelbäume nicht grün seien. Man kann mir nun so viele grüne Nadelbäume zeigen, wie man will, ohne mich damit je widerlegen zu können. Ich wiederum muss mir überhaupt keine Bäume ansehen, um mir der Wahrheit meiner Aussage gewiss zu sein. Allein aufgrund meiner Definition kann es nicht anders sein, als ich sage.

Eines der eingesprengten Körnchen Wahrheit in der neuen Definition, das man auch empirisch nachweisen könnte, ist, dass Rassismus weniger gefährlich ist, wenn die rassistische Person oder Gruppe an Macht unterlegen ist. Wenn jemand mir nichts kann, juckt es mich relativ wenig, dass er mich rassistisch beurteilt. Erst wenn er mir an Macht überlegen ist, erwächst daraus ein ernstzunehmendes destruktives Potenzial.

Dadurch werden Rassismus und Machtdifferenz aber nicht zur selben Sache. Es gibt Rassismus ohne Machtdifferenz und Machtdifferenz ohne Rassismus. Soziale Ungleichheit aller Art, Diskriminierung, Kriminalität, Sklaverei, Krieg und Bürgerkrieg sind alles soziale Phänomene, die ein rassistisches Element haben können, aber nicht müssen. Mit dem neuen Rassismusbegriff kann man ihr rassistisches Element gar nicht benennen, wenn nicht eindeutig Weiße die Täter und Nichtweiße die Opfer sind. Und wenn dies die Konstellation ist, ist mit ihm nicht mehr denkbar, dass keine rassistische Komponente vorhanden ist. Er erübrigt also in allen Fällen eine empirische Auseinandersetzung mit den Tatsachen und nimmt das Ergebnis definitorisch vorweg – immer das gleiche.

Verordnete Sprachlosigkeit

Einmal davon abgesehen, dass es ziemlich gewagt ist, global zu behaupten, jede ethnisch bedingte Feindseligkeit gegen Weiße sei ungefährlich – wie nennen wir denn jetzt eine Haltung des Schwächeren, die wir früher »Rassismus« genannt hätten?

Die Vertreter der neuen Definition bestreiten nicht, dass Machtunterlegene in der Lage sind, Machtüberlegene aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener rassischer Eigenschaften abzuwerten, und dass sie dies auch gelegentlich tun. Wir sind uns also alle einig, dass das, was man früher »Rassismus« nannte, auch in dieser Richtung empirisch existiert. Dieser Rassismus mag nicht gefährlich sein, wie oben festgestellt, aber er existiert, auch wenn man ihn anders nennen mag.

»Vorurteile« und »Diskriminierung« werden manchmal als alternative Bezeichnungen vorgeschlagen. Doch beide sind als Synonyme hier sehr ungenau. Woran machen sich Vorurteile und Diskriminierung fest? Eine Formel wie »rassisch begründete Vorurteile« wäre nur eine umständliche und unpräzise Umschreibung für »Rassismus«. Auch »Diskriminierung« müsste man näher eingrenzen, um eine vergleichbar differenzierte Information zu übermitteln, denn Menschen können noch nach vielen anderen Merkmalen diskriminieren. Wenn wir nun aber »rassistische Diskriminierung« sagen wollten, um präzise zu sein, dürften wir das wieder nicht, weil »Rassismus« darin auftaucht. Zusammensetzungen wie »rassische Diskriminierung« oder »Diskriminierung nach Rasse« sind wieder nur bemühte Umschreibungen von »Rassismus« und bringen überdies das neue Problem mit sich, dass sie die Kategorie »Rasse« als objektiv gegebenes Merkmal einführen würden, was an dieser Stelle wohl niemand will.

Mögliche Alternativausdrücke für »Rassismus« in Situationen, in denen ein als schwächer Eingestufter rassistisch (im herkömmlichen Sinn) ist, können sich demnach in zwei Richtungen entwickeln: In der einen werden sie unschärfer und informationsärmer, in der anderen sind sie umso entschiedener tabu, je näher sie dem Gemeinten – Rassismus – kommen.

Wir bleiben also neuerdings an dieser Stelle sprachlos. Wir erinnern uns daran, einmal den passenden Begriff gehabt zu haben, um die Einstellung zu benennen, die hinter dem feindseligen Verhalten steckt, das wir beobachten. Doch diesen Begriff dürfen wir hier nicht mehr verwenden. Einen brauchbaren Ersatz gibt es nicht.

Ein anschauliches Beispiel für diese verordnete Sprachlosigkeit lieferten Mitte Oktober 2020 Mitarbeiter von »WDR Doku« auf YouTube, und zwar in einer Antwort auf einen Zuschauerkommentar zu einem Beitrag über Rassismus (Screenshot hier).

Massimo: Bei uns spielen Sonntags schwarze fußball, fragte ob ich mitspielen darf. Antwort wir wollen keine weiße hier! Ist das kein Rassismus?

WDR Doku: Nein, lieber Massimo, das ist kein Rassismus. Du darfst nur nicht mitspielen. Rassismus ist viel mehr als nicht mitspielen zu dürfen. Schau mal hier: https://ze.tt/warum-es-keinen-rassismus-gegen-weisse-gibt-usa-polizeigewalt-george-floyd/

Es ist Orwellianische Sprachzerstörung.

Zum einen ist in der Sprachregelung von »WDR Doku« die im Rassismusbegriff enthaltene moralische Wertung getilgt. Dass Massimo nicht mitspielen darf, weil er weiß ist, erscheint als völlig wertneutrale Angelegenheit. Doch über die Wertung hinaus ist in dem Satz »Du darfst nur nicht mitspielen« auch die bloße Information getilgt, dass Massimo aufgrund seiner Hautfarbe unerwünscht ist. Demnach ist es nicht nur in Ordnung und bedarf keines Kommentars, wenn ein Weißer aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt wird, sondern im Idealfall spricht man gar nicht erst aus, dass es überhaupt passiert ist.

Genau das ist der Kern von Orwells »Neu­sprech«: Wortbedeutungen zu zerstören, um Gedanken, die sich nicht in die propagierte Ideologie fügen, unsagbar und undenkbar zu machen.

Der verlinkte Beitrag von »Ze.tt« argumentiert im Kern, dass es deshalb keinen Rassismus gegen Weiße gebe, weil Rassismus mit Machtverhältnissen zusammenhänge und von Weißen erfunden worden sei, um Unterdrückung, Kolonialismus und Sklaverei zu rechtfertigen. Letzteres ist historisch für den Rassismus in der westlichen Welt nicht falsch. Doch was folgt daraus und was nicht? Etwas weiter unten heißt es: »Rassismus in seiner heutigen Form ist eine weiße Erfindung.« Plötzlich wird der Rassismus von Kolonisatoren und Sklavenhaltern, die vor Jahrhunderten gewirkt haben, zur »heutigen Form« von Rassismus erklärt. Darüber hinaus wird unterstellt, dass es nur diese eine Form von Rassismus gebe.

Wie gesagt, natürlich kann man das so definieren. Man kann alles definieren, wie man möchte. Aber wie sinnvoll ist das? Warum soll es nicht mehrere Formen von Rassismus geben können, während eine davon vorherrschend und die bedeutsamste ist (wenn wir diese empirische Annahme um der Diskussion willen einmal akzeptieren)?

Wir haben kein Problem damit, eine Ohrfeige »Gewalt« zu nennen, obwohl auch ein Angriffskrieg Gewalt und eine Ohrfeige im Vergleich zu einem Angriffskrieg lächerlich geringfügig ist. Wir entscheiden nicht, den Begriff »Gewalt« plötzlich für Angriffskriege zu reservieren und dabei zu ignorieren, dass sich viele Formen von Gewalt dann nicht mehr als solche benennen lassen. Das Wasser im Ozean ist ebenso Wasser wie das in der Gießkanne, das eine ist süß, das andere salzig, manchmal gefriert Wasser, manchmal fällt es vom Himmel und manchmal verdampft es, manchmal verbrennt, manchmal kühlt es uns. Das Wasser in der Gießkanne ist kein Ozean und beherbergt keine Fische, aber es ist doch Wasser. All das erzeugt keine Verwirrung oder Unklarheit über den Begriff »Wasser«. Ganz im Gegenteil ermöglichen allgemeine Begriffe in Kombination mit anderen einen differenzierten Gebrauch, also einen, der zugleich Unterschiede und Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Erscheinungsformen des Bezeichneten sichtbar macht. So funktioniert Sprache. Warum soll das Gleiche mit »Rassismus« nicht möglich sein, wobei die Abwertung aufgrund von »Rasse« die große Gemeinsamkeit wäre und Machtstrukturen, Privilegien etc. hinzukommen können oder auch nicht?

Simplistische Machttheorie

Die Annahme, es gebe ein einziges übergeordnetes Machtverhältnis, in dessen Rahmen jede Interaktion zu deuten sei, ist grundlegend für die »Kritischen Theorien« dieser Art. Es ist diese Annahme, die ihren Vertretern in jeder Situation eine klare Polarität von Gut und Böse, von Richtig und Falsch, von Freund und Feind an die Hand gibt, ohne dass sie sich bemühen müssten, die Komplexitäten der konkreten Fragestellung und Situation zu durchdringen. Doch das ist lächerlich simplistisch.

In der Realität ist vielmehr ein unendlich komplexes Gefüge vielfältiger Machtverhältnisse, ‑differentiale und ‑quellen zu beobachten. Bereits zwischen zwei Personen kann das Machtverhältnis völlig anders aussehen je nachdem, an welchem Ort und zu welcher Tageszeit sie sich begegnen, je nachdem, wer noch dabei ist, je nachdem, ob ein Vertrag zwischen ihnen noch gültig ist, oder je nachdem, wie viel sie übereinander wissen. Eine winzige Information, die dem einen über den anderen zugänglich wird, kann alles kippen lassen. 

Es gibt unzählige Variablen dieser Art. Und je mehr Menschen ins Spiel kommen, die durch verschiedene Arten von Beziehungen und gegenseitige Abhängigkeiten miteinander verbunden sind, desto komplizierter wird das Zusammenspiel dieser Variablen. Die Komplexität sozialer Beziehungen ist nicht plötzlich ausgelöscht, nur weil es möglich ist, eine Situation durch die Rassismusbrille zu betrachten. Wenn man davon ausgeht, immer nur ein Machtverhältnis im Blick haben zu müssen, macht man einen Aspekt der Situation sichtbar um den Preis, alle anderen unsichtbar zu machen. Die Schar weißer Obdachloser und der schwarze Präsident werden wegerklärt, statt Anlass zu geben, sich eine differenziertere Theorie zu überlegen. Ebenso die Generation von nichtweißen »Antirassismus«-Aktivisten, die von medialen und politischen Machtzentren her hofiert und gefördert werden und deren öffentliche Persona darauf beruht, in weitgehender Narrenfreiheit den Menschen um sich herum Rassismus vorzuwerfen und dabei selbst am meisten davon zu verströmen. Ist das kein Privileg, ist das keine Macht? Und dass sie in dieser Form eine Macht haben, die Weiße nicht haben, schließt keineswegs die Möglichkeit aus, dass sie an anderer Stelle rassistische Diskriminierung erleben. Dass sie ein beruflich-finanzielles und vielleicht psychologisches Interesse haben, deren Umfang zu übertreiben, steht auf einem anderen Blatt.

Ein Zirkel des Zynismus

Mit dem neuen Rassismusbegriff macht man sich systematisch blind für die Tatsache, dass man durch die Dämonisierung weißer Menschen Rassismus nährt, indem man sich kategorisch weigert, diesen Rassismus als solchen wahrzunehmen.

Dass Massimo nicht mit den Schwarzen Fußball spielen darf, mag kein großes Problem sein. Aber im Zusammenhang mit Rassismus passieren weitaus ernstere Dinge, die mit dem neuen Rassismusbegriff von »WDR Doku« und Co. unsagbar und unanklagbar werden.

Am 3. Dezember 2020 berichtete die Washington Post über eine neue Hatespeech-Politik bei Facebook, die vorsieht, Hasskommentare gegen Weiße, Männer und Amerikaner weniger streng zu handhaben als solche gegen Gruppen, die man als marginalisiert einstuft. Bis dahin hatten die Hate­speech-Regeln (zumindest in der Theorie) für alle gleichermaßen gegolten. Anscheinend empfindet eine erhebliche Zahl von Nutzern und Aktivistengruppen die gleiche Anwendung der Regeln als untragbare Einschränkung. Aus dem Artikel wird deutlich, dass es viele Hasskommentare dieser Art gibt. Wie gehen wir damit um? Begreifen wir massenhaft verbreiteten Hass einer ethnischen Gruppe auf eine andere als Problem? In diesem Fall nicht. Wir tun so, als gäbe es ihn nicht, und wo das nicht geht, reden wir ihn uns als Emanzipationsbewegung schön.

Zwei Tage später, am 5. Dezember, erschien in der New York Times eine Geschichte über die Diskussion, welche Gruppen die ersten Covid-19-Impfungen erhalten sollten. In der engeren Auswahl waren die besonders gefährdeten Älteren sowie Berufstätige, die für die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Betriebs wichtig sind und nicht von zu Hause arbeiten können. Ein Epidemiologe an der Harvard-Universität meinte etwa, Lehrer sollten keine Priorität haben, denn die hätten »ein Mittelschichtseinkommen, [seien] oft sehr weiß und [hätten] Universitätsabschlüsse«. Eine Ökonomin widersprach: Lehrer seien wichtig, weil schwarze Eltern oft besonders darauf angewiesen seien, dass die Kinder zur Schule können. Ein »Experte für Ethik und Gesundheitspolitik« sprach sich dagegen aus, zuerst die Alten zu impfen, denn die seien häufig weiß und hätten in der Vergangenheit bereits eine gute Gesundheitsversorgung genossen; dies sei eine Gelegenheit, ein bisschen für gleiche Verhältnisse zu sorgen (»we can start to level the playing field a bit«).

Nein, liebe Oma, das ist kein Rassismus. Du wirst nur nicht geimpft. Wer hätte ahnen können, dass Rassendenken zu so etwas führt?

Spinnen wir diese Entwicklung einmal einen Schritt weiter. Was ist, wenn Massimo und seine Freunde künftig Schwarze nicht mehr mitspielen lassen? Fragen wir sie nach ihren Gründen und bringen Verständnis für sie auf? Selbstverständlich nicht – beim Kampf gegen Rassismus geht es »verdammt noch mal nicht um die Befindlichkeiten und Bedürfnisse und Empfindlichkeiten von weißen Menschen«. Wir haben nun auf beiden Seiten Rassismus (ich verwende den alten Begriff), und wer Rassismus ablehnt, müsste bestrebt sein, auf beiden Seiten ein Bewusstsein dafür zu erzeugen, dass dieser Rassismus ein Problem ist, so dass die Betreffenden dies reflektieren, ihre rassistischen Einstellungen hinter sich lassen und künftig zusammen Fußball spielen können. Der neue Rassismusbegriff verschließt diese Möglichkeit. Den Rassismus der Schwarzen in diesem Szenario dürfen wir nicht wahrnehmen oder benennen, und auf der anderen Seite werden Massimo und seine Freunde höchstwahrscheinlich kein offenes Ohr für uns haben, solange wir sie ungerecht behandeln, indem wir sie gemäß dem Diktat des Begriffs allein verantwortlich machen. Wir haben nun mehr Rassismus in der Welt, nicht weniger, weil wir es uns leisten, uns über die Realität gegebener Konfliktkonstellationen systematisch zu belügen.


Dies ist ein Auszug aus dem Text »Der neue Rassismusbegriff«, der in dem Buch »Im Schatten guter Absichten: Die postmoderne Wiederkehr des Rassendenkens« vollständig zu lesen ist.

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18 Kommentare

  1. […] Umschreibungen von »Rassismus« und bringen überdies das neue Problem mit sich, dass sie die Kategorie »Rasse« als objektiv gegebenes Merkmal einführen würden, was an dieser Stelle wohl niemand will.

    Das wirft natürlich die Frage auf, ob hier ein weiterer Begriff, der etwas Reales beschreibt, getilgt werden soll.

    Im Englischen ist das Wort race gang und gäbe. Wie kommt es, dass man dort so wenig Vorbehalte gegen das Wort hat? Es stellt sich auch die Frage, wie ein Rassist überhaupt entscheidet, wer zur eigenen und wer zur fremden Gruppe gehört, wenn es keine »realen Merkmale« gibt.

    Worauf beruht überhaupt Rassismus, wenn nicht auf objektiv Gegebenem?

    Liegt der eigentliche Streit um diesen Begriff nicht bloß darin begründet, dass manche zwar physiologische Unterschiede der Populationen anerkennen, jedoch keine mentalen? Andere wiederum sehen sowohl physiologische als auch mentale. Diese Auseinandersetzung möchte man aber vermeiden und tabuisiert gleich jegliche Benennung angeborener Unterschiede.

    Man sagt dann vielleicht »Hautfarbe« und ist wieder bei den »objektiv gegebenen Merkmalen«. Oder auch nicht, denn auch Hautfarbe gilt manchmal als »sozial konstruiert«.

    So kommt man nicht weiter, und, wie gesagt, im Englischen ist es ganz normal, R‑Wort auszusprechen.

    1. Mir ging es eigentlich nur darum, dass es in diesem Kontext die Sache eher komplizierter als einfacher macht und eine Klärung der Frage, ob man bei Menschen von »Rassen« sprechen kann, für die Ablehnung von Rassismus unerheblich ist.

      Wobei das Argument, dass es Rasse geben müsse, damit es Rassismus geben könne, mich noch nie überzeugt hat. Es kann auch Hexenjagden geben, die sich an irgendwelchen Merkmalen festmachen, ohne dass es Hexen gibt.

      1. Hexenjagden […], die sich an irgendwelchen Merkmalen festmachen

        Aber diese Merkmale müsste man schon bestimmen oder nicht?

        Was wären diese Merkmale im Fall von Rassismus? Welche Merkmale sind es, auf die ein Rassist achtet? Irgendwelche beliebigen? Lässt sich das nicht weiter eingrenzen? Weil es keine realen Merkmale gibt?

        Oder ist die Frage irrelevant?

        Wie lässt sich bei solcher Beliebigkeit überhaupt sagen, wann etwas Rassismus ist und wann nicht?

        Ich würde dir recht geben, dass Rassismus nicht auf tatsächliche Rassen gründen muss. Ein Rassist könnte z.B. von einer »jüdischen Rasse« reden und damit einem kategorischen Fehler unterliegen. Allerdings besteht hier eben deshalb ein Kategorienfehler, weil wir wissen, was Rasse ist. Weil Rasse und Religion jeweils konkrete Bedeutungen haben und nicht in dieselbe Kategorie fallen.

        1. Abgesehen davon stellt sich natürlich die Frage, ob man sich den Kategorienfehler zu eigen macht. Wenn ein Antijudaist von einer »jüdischen Rasse« spricht, ist er vielleicht nur in soweit ein Rassist als er fälschlicherweise von Rassen redet. Aber man könnte ihn auch einfach als Antijudaisten bezeichnen und seine unsinnige Sprechweise ignorieren.

          Das mag spitzfindig sein, aber man immer klar sagen können, worum es geht. Verschämtes Drumherumreden führt eher zu Missverständnissen.

          Kompliziert wird es doch erst, wenn man sich auf solche Tabus einlässt. Da verheddert man sich nur in Widersprüche.

          Nehmen wir nur einmal den Vorwurf, es sei rassistisch, sich auf »Farbenblindheit« zu berufen. Läuft ein solcher Vorwurf nicht darauf hinaus, dass die Existenz von Rassen anerzukennen ist?

      2. Die Argumente, warum es keine menschlichen Rassen geben sollte, finde ich übrigens allesamt absurd.

        Man kann natürlich das Wort ersetzen gegen ein anderes, weniger belastetes. Aber darum geht es ja gerade nicht. Angeblich.

        Etwas, was es ganz real gibt, soll es nicht geben. (Weil es politisch nicht passt.)

        Muss man sich auf dieses Niveau herablassen?

        1. Noch eine Anmerkung dazu. Es wäre sehr hilfreich, wenn sich ein weniger belastetes Synonym für Rasse etablieren würde. Aber das ist eben nicht möglich, wenn man – wahrheitswidrig – abstreitet, dass es Rassen überhaupt gibt. Es bleibt dann nur das Wort Rasse.

          Ethnie ist unscharf, da es sich auch auf kulturelle Merkmale beziehen lässt.

          Momentan spricht man behelfsmäßig von Hautfarben, aber nur in sehr generalisierter Form. Man sagt, »aufgrund der Hautfarbe diskriminiert«, und bleibt damit politisch korrekt. Man meint damit aber sicher nicht allein die Hautfarbe, die beim braungebrannten biodeutschen Playboy dunkler sein kann als beim Migranten aus Nordafrika.

          Letztlich gibt es den Bedarf, gesellschaftlich Relevantes auch benennen zu können. Dazu gehört auch Rasse.

          1. Wie ich es verstehe, ist »Rasse« ein Begriff, der in der Biologie eine bestimmte Bedeutung hat. Ich bin da nicht eingelesen, aber ob es menschliche Rassen gibt, würde für mich davon abhängen, was die in der Biologie gültigen Kriterien dafür sind, eine Population als separate Rasse zu definieren, und ob diese Kriterien beim Menschen erfüllt sind.

            Du scheinst einfach von der Wahrnehmung, dass es unterschiedliche mit Abstammungsgruppen assoziierte Phänotypen beim Menschen gibt, zu der Feststellung zu springen, dass es menschliche Rassen gebe. Doch dass es diese Phänotypen gibt, muss nicht heißen, dass »Rassen« der richtige Begriff dafür ist. Und wenn es biologische »Rassen« beim Menschen gibt, ist nicht ohne Weiteres anzunehmen, dass die mit den Kategorien übereinstimmen, die wir wahrnehmen. »Schwarze« und »Weiße« zum Beispiel wären dann viel zu grob und man müsste auf genetischer Ebene schauen, welche Gruppen sich wirklich unterscheiden lassen. Dort würde man vermutlich zumindest teilweise zu anderen Kategorien gelangen als denen, die wir auf Basis der naiven Wahrnehmung unterscheiden. Wenn es »Rassen« objektiv gibt und du die objektive Wirklichkeit erfassen willst, kannst du die Grenzen nicht einfach nach Laune ziehen. Zunächst bliebe einem aber nichts anderes übrig.

            Und die nächste Frage wäre, was damit dann gewonnen wäre, jetzt mit Gewalt im Deutschen den Rassenbegriff wieder zu popularisieren, selbst wenn er im biologischen Sinn richtig wäre. Er hat nun mal einen brutalen Klang und genozidale Assoziationen. Was bringt er uns, dass wir diese schlafenden Hunde wecken sollten? Ich komme zum Beispiel mit »ethnische Gruppen« gut zurecht. Eine gewisse Vagheit ist mir dabei sogar willkommen, weil, siehe oben, ich im Einzelnen nicht wüsste, wo die eine »Rasse« aufhört und die andere beginnt, und ich das auch nicht unbedingt für eine hilfreiche Unterscheidung halte.

            Davon abgesehen ist es wirklich nicht relevant für den Text. Es kommt nur in einem halben Satz vor, den man auch weglassen könnte, womit die Argumentation zu 99% die gleiche bliebe.

          2. Im Text ist es nur beiläufig erwähnt, und ich stimme ansonsten ja auch zu.

            Allerdings halte ich die Frage, ob es phänotypisch unterschiedliche Populationen gibt (oder ob das nur Einbildung ist), nicht für nebensächlich.

            Ich hatte übrigens geschrieben, dass durch die Behauptung, es gäbe keine Rassen, die Etablierung eines weniger belasteten Worts unmöglich wird. Insofern wundert es mich, dass du meinst, ich wolle einen als hart empfundenen Begriff popularisieren. Das Wort Rasse ist sozusagen verbrannt (im Gegensatz zu race), aber längst ersetzt durch Hautfarbe.

            Was sagst du denn zu Hautfarben? Existieren die, oder sind die ein soziales Konstrukt? Ist es unwissenschaftlich, beim Menschen von Hautfarben zu sprechen?

            (Übrigens kann man längst aus dem Genprofil eines Menschen auf seine Abstammung/Herkunft und entsprechende äußerliche Merkmale schließen.)

            Schlomo Finkelstein aka Die Vulgäre Analyse hatte neulich ein hübsches Beispiel in Form einer Reductio ad absurdum: Da man nicht die genaue Grenze von Hand und Unterarm kennt, ist es unwissenschaftlich von Händen zu sprechen.

            Letztlich ist das die Argumentation: Wenn man nicht immer klar abgrenzen kann, kann es auch kein Konzept oder Begriff geben. Damit kann man jeden Begriff angreifen.

            Bei Tierrassen, Unterarten/Subspezies und Populationen gilt übrigens das gleiche, schau einfach in die entsprechenden Wikipedia-Artikel. Auch diese Begriffe sind (angeblich) umstritten bzw. wissenschaftlich nicht eindeutig definiert.

            Trotzdem sind sie natürlich unverzichtbar.

            Das Thema mag dich nicht interessieren.

            Aber es ist doch von entscheidender Wichtigkeit, ob wir sagen: Ja, es gibt diese unterschiedlichen Populationen, und sie lassen sich auch anhand ihrer offensichtlichen Merkmale sehr leicht unterscheiden (wobei es gewisse Übergangsbereiche gibt), aber der Wert der Menschen ist davon unbehelligt.

            Oder ob wir sagen: Populationen gibt es nicht, Merkmale gibt es nicht, das ist alles Einbildung, Pseudowissenschaft usw.

            Das müsste doch auch für dein Thema relavent sein.

          3. Ups … relavent …

            Das hier wirkt wie ein Widerspruch: durch die Behauptung, es gäbe keine Rassen, die Etablierung eines weniger belasteten Worts unmöglich wird. … Das Wort Rasse ist sozusagen verbrannt (im Gegensatz zu race), aber längst ersetzt durch Hautfarbe.

            Und tatsächlich ist es so, dass auch Hautfarbe schon als soziales Konstrukt betrachtet wird.

            Man kommt in eine Art unendlichen Regress: Es gibt keine Rassen, aber es gibt Rassismus. Es gibt keine Hautfarbe, aber Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe. Erhöhte Pigmentdichte ist nur ein soziales Konstrukt, aber es gibt Diskriminierung aufgrund von Pigmentdichte …

          4. Di schreibst: Doch dass es diese Phänotypen gibt, muss nicht heißen, dass »Rassen« der richtige Begriff dafür ist. Und wenn es biologische »Rassen« beim Menschen gibt, ist nicht ohne Weiteres anzunehmen, dass die mit den Kategorien übereinstimmen, die wir wahrnehmen.

            Die Frage, ob Rasse der »richtige« Begriff ist, hängt einfach nur davon ab, wie man Rasse definiert. Das muss nicht mal eine biologische Definition sein. Man könnte sich auch wissenschaftlich mit unserer Wahrnehmung befassen und sagen: Rasse bezeichnet die entsprechenden Kategorien unserer Wahrnehmung. Es wäre dann eher eine Psychologische Definition.

            Es könnte sich dann herausstellen, dass Menschen, die wir aufgrund ihrer Augenlidform als asiatisch bezeichnet, in Wirklichkeit aus allen möglichen Teilen der Erde abstammen, nur nicht aus Asien.

            Dann würde es aber immer noch diese Population mit anderem Aussehen geben, und sie wäre deshalb noch kein soziales Konstrukt.

      3. »Mir ging es eigentlich nur darum, dass es in diesem Kontext die Sache eher komplizierter als einfacher macht«

        Wenn es einfach bleiben würde, bräuchte man ja diese ganzen neuen Rassentheoretiker nicht. Frau Keilani beim Tagesspiegel hatte da jüngst ja mal ins Wespennest gestochen, aber so ganz im Bilde mit was sie es zu tun hat, ist sie wohl leider (noch?) nicht. Ich hatte mal angedacht, sie mal auf Lindsay und co. hinzuweisen, aber auf Anhieb keine Kontaktmöglichkeit gefunden.

        Dein Beitrag hier erinnert mich auch etwas an einen anderen vor einer Weile erschienen drüben bei
        http://maninthmiddle.blogspot.com/2021/01/transfrau-frau-sinnlos.html?m=1

        Es gibt gewisse Parallelen, die Thematik dort im speziellen ist aber wahrscheinlich doch etwas komplexer.

        1. Einfacher, komparativ. Weil die es kompliziert machen, soll ich es von einer zusätzlichen Seite her noch komplizierter machen? Wozu? Verstehe das Argument nicht.

  2. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich gesperrt bin oder die Beiträge aufgrund der Wegwerf-E-Mail-Adresse nicht veröffentlicht wurden Deshalb versuche ich es noch einmal mit einer anderen Adresse. Falls Beiträge von mir unerwünscht sind, bitte ich um Entschuldigung:

    Schön auf den Punkt gebracht. Danke dafür.

    Ich möchte noch zwei weitere Gedanken in den Ring werfen. Dazu muss ich zunächst etwas ausholen: 

    Neben der rassistischen Denkweise, die daraus entstand, dass ein (bereits relativ machtloser) Gegenüber systematisch schlecht behandelt wurde und diese Behandlung irgendwie gerechtfertigt werden musste – die simple Tatsache des Sieges über den Gegenüber, die bis dahin übliche Rechtfertigung für Sklaverei, war aufgrund des herrschenden Wertesystems nicht mehr als Rechtfertigung geeignet – gibt es auch die rassistische Denkweise, die sich gegen einen als übermächtig imaginierten Gegner wendet. Die Grundlage dieser Denkweise ist oft eine Apex Fallacy, die entlang der Machtverteilung nur nach oben schaut und dort eine Struktur und ein Verhalten entdecken, welche als schädlich eingeschätzt werden. Die Träger dieser Struktur und dieses Verhaltens werden anhand von äußeren Merkmalen determiniert und es erfolgt keine Gegenprüfung, ob andere Träger dieser Merkmale überhaupt Teil der als schädlich eingestuften Struktur sind bzw. das betreffende Verhalten zeigen. 

    Diese zweite Denkweise war der Antrieb für das größte Desaster, das jemals von deutschem Boden ausging. 

    Die beiden Gedanken, die ich zur Diskussion stellen möchte, sind folgende: Die Begründung der heutigen Redefinition des Begriffes Rassismus bezieht sich auf die erstgenannte Denkweise, der neu geschaffene Begriff folgt aber in seiner Ausgestaltung genau der zweitgenannten Denkweise. Was glauben diejenigen, die diese Argumentation anführen bzw. mittragen, wird diesmal dabei herauskommen? Warum werden diese Parallelen nicht gesehen?

    Der aktuelle Furor der Diskussion und die hohe Ausbreitungsgeschwindigkeit wird aktuell in der Breite getragen von Vertretern eben der Gruppe, welche die äußeren Merkmale aufweist, die den Trägern der als schädlich eingestuften Struktur zugeschrieben werden. Warum das überhaupt funktioniert, ist ebenfalls eine interessante Frage, aber mir geht es darum, dass ich glaube, dass sich die identifizierenden Merkmale, wenn zunehmend invasivere Maßnahmen gegen die Träger dieser Merkmale ergriffen werden, noch einmal verfeinern müssen, um die angeklagte Gruppe von der Menge her zu reduzieren. Ein real ausgetragener Kampf gegen die Mehrheit ist durch die Minderheit nicht zu gewinnen – aber auf einen realen physischen Kampf wird es hinauslaufen, wenn die Polarisierung nur weit genug getrieben wird. Deshalb wird die Gruppe, gegen die agiert wird, allein schon aus taktischen Gründen verkleinert werden müssen. Was wird die Vertreter des Kampfes gegen die als schädlich eingestufte Struktur davon abhalten, die gleiche Eingrenzung vorzunehmen, die wir aus unserer Geschichte schon kennen? 

    Ich finde es eigenartig, dass diese Mechanismen und deren Folgen so gut wie nie in Verbindung mit den aktuellen Strömungen in der Öffentlichkeit benannt werden. Sind die beschriebenen Schlussfolgerungen so abwegig?

    1. Habe im Moment keine Zeit für den Inhalt, aber ja, das muss ein Filter gewesen sein, ich habe nichts gesehen oder gelöscht. Im Zweifel auch gern eine Mail schreiben. Sorry! Ohne Filter geht es nicht, zu viel Spam.

    2. Die meisten scheinen ja einfach nur »Antirassismus« und »George Floyd« zu hören und augenblicklich jede Kritikfähigkeit auszuschalten. Ich habe ja hier schon einige der Motive aufzudröseln versucht, die dazu beitragen, dass hier die Wahrnehmung so selektiv eingeschränkt und verzerrt ist. Aber vereinzelt wird es schon gesehen:

      https://www.tabletmag.com/sections/news/articles/stop-being-shocked
      https://newdiscourses.com/2020/10/critical-race-theorys-jewish-problem/
      https://twitter.com/EricRWeinstein/status/1354711030090223617?s=20

      Sogar beim DLF:

      https://www.deutschlandfunkkultur.de/black-lives-matter-antijuedische-toene-machen-vielen-angst.1079.de.html?dram%3Aarticle_id=492076

      Ich erinnere mich an ein Meme von The Woke Temple, das genau diese Gegenüberstellung gemacht hat. Es gab mal einen Rassismus, der behauptete, die andere Gruppe sei minderwertig; und es gab mal einen Rassismus, der behauptete, die andere Gruppe habe zu viel Macht … leider habe ich das gerade nicht mehr gefunden.

      Zum Problem mit der Verfolgung der Mehrheit – es gibt ja Standpunkte wie den, dass »alter weißer Mann« eine »Geisteshaltung« sei, und es gibt so was wie Allies, und auf der anderen Seite gehen selbst die käsigsten und heterosexuellsten unter den weißen Männern mit dem Segen der Theoriegemeinschaft auf Frauen mit Migrationshintergrund los, wenn diese sich erlaubt haben, eine abweichende Meinung zu vertreten. Will sagen, die Theorie bietet genug Spielraum, um Diskriminierung und Verfolgung flexibel an aktuelle Bedarfe anzupassen.

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