Ein aufgepeitschter See

Hauptsächlich habe ich deshalb eines Nachts angefangen, ein paar Gedanken über die Coronasituation aufzuschreiben, weil Sorge und Angst mich am Einschlafen hinderten und es meist etwas Ruhe bringt, so etwas zu artikulieren. Nicht deshalb, weil ich ein besonderes Wissen oder Verständnis beizutragen hätte. Ich habe keine Ahnung. Doch wir alle müssen uns ja darüber Rechenschaft geben, was unserer Meinung nach passiert, auch ohne Ahnung zu haben. Es gehört zum Wesen der Situation, keine Ahnung zu haben. Doch wer zur Angst neigt und keine unerfreulichen Bilder im Kopf haben will, lässt diesen Text vielleicht besser aus. Er verpasst nichts Wichtiges.

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Nach Hanau (II.) – die Abschaffung des Konservatismus

Die dominante Reaktion auf Hanau ist die Forderung und Ankündigung, den »Kampf gegen rechts« zu verschärfen. Das ist gut und richtig, wenn es bedeutet, Terror und Gewalt mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu verhindern und extremistische Bestrebungen so klein zu halten wie möglich. Doch sind die Strategien, die üblicherweise unter »Kampf gegen rechts« laufen, dazu geeignet, diese Anliegen voranzubringen? Sind wir sicher, dass sie mehr nützen als schaden? Ich bezweifle das und habe eher den Eindruck, dass sie zu großen Teilen nutzlos oder kontraproduktiv sind.

Die grobe Linie dieser Verschärfungsstrategie ist, den Spielraum für Diskussionen über Migration, Integration und Multikulturalismus weiter einzuengen, dem Bevölkerungsanteil rechts der Mitte mit neuer Entschiedenheit die demokratische Partizipation zu verweigern und noch nachdrücklicher die Durchsetzung progressiver Gesellschaftsideale zu betreiben.

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Nach Hanau (I.) – Zwei Filme auf einer Leinwand

Die Schreckenstat von Hanau hat den Riss durch die Bevölkerung vertieft, den Hass der Ränder aufeinander verstärkt und uns alle noch einmal nervöser gemacht. Wie bei jedem Amoklauf liegt die größte Tragik in der sinnlosen Brachialgewalt, die scheinbar aus dem Nichts heraus in das Alltagsleben Unschuldiger hereinbricht und sie in den Tod reißt. Zuerst gilt es dann um die Opfer zu trauern, die Hinterbliebenen gut zu versorgen und sich auf Achtsamkeit zu besinnen – nicht im Sinne von Überwachung, sondern im Sinne gelebter Mitmenschlichkeit im Alltag. Soziale Kälte, Isolation und Ignoranz machen solche Taten möglich. Eine deutliche Regelmäßigkeit bei Amokläufen ist, dass sie sich ankündigen. Die Bereitschaft zu einer solchen Tat ist nicht einfach da, sondern entwickelt sich über einen langen Zeitraum. Meistens kommunizieren die späteren Täter mehrfach, dass sie auf einem dunklen Weg sind. Es gibt keine einfachen Antworten, aber das Wegsehen anderer gehört auffallend oft zu den Voraussetzungen solcher Taten.

Es ist allerdings auch unvermeidlich und notwendig, nach den größeren politischen Implikationen außeralltäglicher Gewaltausbrüche zu fragen. Die Opfer ernstzunehmen heißt auch, zu versuchen, ähnliche Gewaltausbrüche in Zukunft nach Möglichkeit zu verhindern. Es ist also nicht falsch, nach der politischen Bedeutung von Hanau zu fragen. Dennoch ist es tragisch, wie sehr hierbei alles dem vorhersehbaren Muster folgt. Die Tragik der unmittelbaren Destruktivität der Tat kann sich noch vervielfachen, wenn diese gesellschaftliche Entwicklungen anstößt oder verschärft, die weitere blutige »Verwerfungen« (Y. Mounk) wahrscheinlicher machen, bis hin zur Destabilisierung des gesamten Systems. Es ist im Kern die Tragik von Blutfehden, bei denen Menschen auf Leid und Tod mit der Schaffung von immer mehr Leid und Tod reagieren, hier allerdings in höherer Größenordnung und auf höherem Komplexitätsniveau.

Es war absehbar, dass es irgendwann wieder eine rechte Gewalttat geben würde, ebenso wie absehbar war und ist, dass es irgendwann wieder eine islamistische oder anderweitig auffällige Gewalttat von Zuwanderern geben würde. Dies ist im Sinn des oben Gesagten kein Kleinreden, sondern ein Hinweis auf die wichtige Überlegung, was wir tun können, damit sich in Folge solcher Gewalttaten nicht immer mehr gesellschaftliche Destruktivkräfte aufstauen. Den bereits identifizierten Feind noch heftiger bekämpfen zu wollen ist emotional naheliegend und nachvollziehbar, aber ob es dem sozialen Frieden dient, ist fraglich. Wenn man ihn nicht in absehbarer Zeit besiegen kann, bedeutet das Vorhaben zunächst nur einen längeren und intensivierten Krieg.

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Ist links gut und rechts böse?

Darf man mit rechten Parteien kooperieren? Darf man mit linken Parteien kooperieren? Muss man, wenn man das eine ausschließt, auch das andere ausschließen?

Anlässlich der Thüringer Krise der letzten Tage sind diese Fragen gerade wieder Gegenstand öffentlicher Diskussion. Zugrunde liegt ihnen die allgemeinere Frage, ob und inwiefern rechter und linker Radikalismus gleichwertig bzw. gleichermaßen verurteilungswürdig und gefährlich sind.

Die Annahme, dass sie das seien, kollidiert aufs Heftigste mit dem linken Selbstverständnis. Die Linke sieht sich als Kraft, die das Gute will und einer rechten Kraft gegenübersteht, die das Böse will.

Das Argument klingt etwa so:

Wie sollen rechts und links äquivalent sein? Linke stehen für Gleichheit. Sie setzen sich für die Schwachen ein und wollen mehr Gerechtigkeit schaffen. Rechte stehen für Ungleichheit. Sie wollen Menschen die Rechte wegnehmen, sie verfolgen und ausgrenzen. Das eine ist menschenfreundlich, das andere menschenfeindlich. Häufig wird »rechts« auch geradeheraus mit »Hass« gleichgesetzt.

Wenn man es so formuliert, kann man nur auf Seiten der Linken stehen. Dann sind diese unzweideutig die Guten und die Rechten die Bösen.

Doch das sagt zunächst einmal wenig aus, da es sich dabei um eine linke Selbstwahrnehmung und ‑beschreibung handelt. Wenn man einen Linken fragt, wofür die Linke steht, bekommt man wenig überraschend eine Antwort, die gut klingt. Wenn man einen Rechten fragte, wofür er steht, würde er ebenfalls kaum Ungleichheit, Ausgrenzung, Verfolgung und Hass sagen, sondern ebenfalls etwas, das gut klingt. Und er hätte auch eine weniger schmeichelhafte Beschreibung der linken Gegenseite parat, so dass ein unbedarfter außerirdischer Zuhörer zu dem Schluss käme, dass die Rechten wohl die Guten seien.

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Ist Rassismus ein Machtverhältnis?

If you have always believed that everyone should play by the same rules and be judged by the same standards, that would have gotten you labeled a radical 60 years ago, a liberal 30 years ago and a racist today.

– Thomas Sowell

Vor ein paar Tagen habe ich auf Twitter eine Tweet-Kette über die Auffassung geschrieben, dass Rassismus ein Machtverhältnis sei und Rassismus gegen Weiße nicht existiere. Genaugenommen sind das zwei verschiedene Thesen, die aber gewöhnlich im Zusammenhang miteinander vertreten werden. Sie gehören zu einer Reihe radikaler Ideen neulinker Identitätspolitik, die Eingang in den kulturellen und politischen Mainstream gefunden haben und sich dort immer mehr etablieren. Dies geschieht prominent mit dem Konzept »Diversity«.

»Diversity« zu forcieren heißt, gegen Weiße zu diskriminieren, insbesondere weiße Männer. Um das legitimieren zu können, muss man definitorisch ausschließen, dass es Diskriminierung ist, was es faktisch dennoch bleibt.

Da auf Twitter einige den kleinen Text nützlich fanden, stelle ich ihn in überarbeiteter Form auch hier ein.

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Wie wir leben wollen sollen

Oder: Wollt ihr die totale Repräsentation?

Es gibt einige Zwangsläufigkeiten im antikapitalistischen Denken und Handeln der Linken. Deren wohl größtes und unverzeihlichstes Versäumnis ist, dass sie sich nicht darüber Rechenschaft gibt, welche Zwangsläufigkeiten es sind, die linke revolutionäre Bewegungen in entscheidenden historischen Momenten immer wieder in dysfunktionale Tyranneien haben münden lassen. Stattdessen tun sie so, als wäre das, was immer wieder passiert ist, immer wieder nur ein verrückter Zufall gewesen. Zur rechten Diktatur sagen wir zu recht »nie wieder«; was wir nach links gewandt sagen, klingt mehr nach »gute Idee, weiter versuchen«.

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Albigna

Letzten Sommer habe ich etwas Zeit in den Schweizer Bergen verbracht. Im Kanton Graubünden steht nahe dem Tal Bergell ein beeindruckendes Bauwerk: Die Staumauer des in 2162 Meter Höhe gelegenen Albignasees. Sie erzeugt seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1959 Strom für das Elektrizitätswerk Zürich, schützt die Talbewohner vor Überschwemmungen und fungiert als Brücke. Sie misst bis zu 115 Meter Höhe mal 760 Meter Länge.

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