Meditation über »Findom«

Die »Welt« berich­tet über »Fin­dom« und das The­ma scheint mir eine Fra­ge zu berüh­ren, die von all­ge­mei­ne­rer Bedeu­tung ist. Wir stel­len uns blind gegen Patho­lo­gien, die im Zusam­men­le­ben sicht­bar wer­den, indem wir sie in eine sim­plis­ti­sche libe­ra­le Ethik zwin­gen, in der alles okay ist, was frei­wil­lig zu gesche­hen scheint. Wobei Letz­te­res hier noch nicht ein­mal ganz klar ist.

»Fin­dom« steht für »finan­cial Domi­na­ti­on« und ist wohl ange­lehnt an »Fem­dom« für »fema­le Domi­na­ti­on«. Eine Fin­dom ist so etwas wie eine Domi­na, die sich über das Inter­net männ­li­che »Skla­ven« hält. Die las­sen sich von ihr beschimp­fen und fin­den im Gegen­zug irgend­wie Befrie­di­gung dar­in, ihr Geld zu schi­cken. Anders als bei der klas­si­schen Domi­na fin­det das Gan­ze hier pri­mär vir­tu­ell statt. Das Geld ist aller­dings echt.

Mir scheint, man kann Din­ge wie die­se auf zwei grund­le­gend unter­schied­li­che Arten wahr­neh­men, und zwar abhän­gig davon, ob man vor­aus­setzt, dass es eine mensch­li­che Natur gibt – oder anders aus­ge­drückt, wie man sich die mensch­li­che Natur vor­stellt. Der Stand­punkt »es gibt kei­ne mensch­li­che Natur« wäre ja etwa gleich­be­deu­tend mit »die mensch­li­che Natur ist durch (annä­hernd) unend­li­che Wan­del­bar­keit cha­rak­te­ri­siert«. Wenn man meint, dass es eine mensch­li­che Natur gibt, die dem Leben gewis­se gro­be For­men und Mus­ter vor­schreibt, wird man sich des Ver­dachts nicht erweh­ren kön­nen, dass »Fin­dom« kei­ne gesun­de Pra­xis ist. Auf der ande­ren Sei­te kann man den Stand­punkt ein­neh­men, jede denk­ba­re Pra­xis sei so gut wie jede ande­re, solan­ge es selbst­be­stimm­te Erwach­se­ne sei­en, die sich dafür entscheiden.

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Wie wir leben wollen sollen reloaded

Don­ner­wet­ter – so offen wie die Akti­vis­ten der Initia­ti­ve »Brand New Bun­des­tag« gibt sel­ten jemand zu, dass »Diver­si­ty« in Wirk­lich­keit bedeu­tet, Funk­tio­nä­re eben jener poli­ti­schen Aus­rich­tung zu instal­lie­ren, die mit die­sem Diver­si­ty-Begriff asso­zi­iert ist:

Natür­lich haben Dia­by, Sla­wik und Sharif-Ali noch viel mehr zu sagen – viel­leicht ste­hen sie ja auch schon bald am Red­ner­pult unter der Reichs­tags­kup­pel. In jedem Fall aber brin­gen sie eine spe­zi­el­le Lebens­per­spek­ti­ve mit.

Dar­um geht es auch Maxi­mi­li­an Oehl von der Initia­ti­ve »brand­new bun­des­tag«. »Unser Anlie­gen ist es, dass alle Per­spek­ti­ven der in Deutsch­land leben­den Men­schen im Par­la­ment ange­mes­sen reprä­sen­tiert sind«, sagt er. »Das bedeu­tet nicht, dass es um eine mathe­ma­ti­sche eins zu eins Abbil­dung [sic] geht, aber wenn es ein gro­ßes Ungleich­ge­wicht gibt, dann ist es auch klar, dass die Iden­ti­fi­ka­ti­on von bestimm­ten Grup­pen mit dem par­la­men­ta­ri­schen Sys­tem und mit der Demo­kra­tie schwindet.

»Posi­tiv for­mu­liert: Nur wenn Men­schen sich ver­tre­ten füh­len, gehen sie auch wäh­len oder betei­li­gen sich auf ande­re Wei­se. Die Initia­ti­ve unter­stützt Kan­di­die­ren­de, indem sie die­se berät oder für sie wirbt. Auch Dia­by, Sla­wik und Sharif-Ali. Aus­schlag­ge­bend ist dabei, ob sie für eine pro­gres­si­ve Poli­tik ste­hen. Jeden­falls nach den Kri­te­ri­en, die »brand­new bun­des­tag« dafür fest­ge­legt hat.

Tagesschau.de

Her­vor­he­bung von mir.

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Covid-Panik in Zahlen

Ich bin gera­de über Zah­len von Dezem­ber 2020 gestol­pert, die etwas sicht­bar machen, das mir so nicht klar war: in wel­chem Aus­maß Men­schen – hier US-Ame­ri­ka­ner – ihre per­sön­li­che Gefähr­dung durch Sars-CoV‑2 überschätzen. 

41 % der Demo­kra­ten- und 28 % der Repu­bli­ka­ner-Anhän­ger glau­ben, das Risi­ko, im Fall einer Infek­ti­on mit dem Virus ins Kran­ken­haus zu müs­sen, betra­ge mehr als 50 %. In Wirk­lich­keit liegt es zwi­schen 1 und 5 %. Ich sehe kei­nen Grund anzu­neh­men, dass die Zah­len in ande­ren Län­dern viel bes­ser aus­se­hen oder die Ein­schät­zun­gen seit Dezem­ber rea­lis­ti­scher gewor­den sind.

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Der werdende Gott der radikalen Linken

In einem fast vier­stün­di­gen Mons­ter von einem Pod­cast, der vor gut einer Woche erschie­nen ist, zeich­net James Lind­say nach, wie die Phi­lo­so­phie Hegels zur Grund­la­ge einer Reli­gi­on gewor­den sei, die vom Mar­xis­mus über den Neo-Mar­xis­mus bis zur heu­ti­gen Wokeness das »Betriebs­sys­tem« der radi­ka­len Lin­ken bil­de. Die­se Reli­gi­on dient einem Gott, der nicht wie die her­kömm­li­chen Göt­ter prä­exis­tent ist, son­dern durch den his­to­ri­schen Pro­zess wird. Was den Pro­zess vor­an­treibt, ist die Dialektik.

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Die trügerische Attraktivität der Critical Race Theory

Dies ist ein Aus­zug aus dem Text »Psy­cho­lo­gi­sche Hebel der Wokeness«, der in dem Buch »Im Schat­ten guter Absich­ten: Die post­mo­der­ne Wie­der­kehr des Ras­sen­den­kens« voll­stän­dig zu lesen ist.


Sehen wir uns an die­ser Stel­le kurz genau­er an, was an den Ideen der Cri­ti­cal Race Theo­ry für vie­le nai­ve Rezi­pi­en­ten so unge­mein über­zeu­gend zu sein scheint. Es ist auf­fäl­lig, wie selbst­be­wusst die Theo­rie mit dem Anspruch auf­tritt, die ein­zig wah­re und rich­ti­ge Ant­wort auf Ras­sis­mus zu bie­ten, ohne die­sen Anspruch schlüs­sig zu begrün­den (»thin­king past the sale«), und wie mühe­los sie damit durch­kommt. Wenn Leit­me­di­en das The­ma auf­grei­fen, über­neh­men sie dabei immer wie­der Robin DiAn­ge­los pre­di­gen­den »Ich ver­kün­de die Wahr­heit und wer wider­spricht, ist dumm oder cha­rak­ter­lich defizitär«-Tonfall, als wäre es das Natür­lichs­te von der Welt (Bei­spiel). Kri­ti­sche Gedan­ken kom­men nicht vor. Kom­men­ta­to­ren mit ande­ren Sicht­wei­sen in den sozia­len Medi­en wer­den zurecht­ge­wie­sen, als könn­te gar kei­nen Zwei­fel dar­an sein, dass es nur exakt eine rich­ti­ge Sicht­wei­se gebe, und zwar die­se (Bei­spiel – ein Stück run­ter­scrol­len). Wie die betref­fen­den Jour­na­lis­ten so schnell von »Robin DiAn­ge­lo behaup­tet« zu »Das ist die unum­stöß­li­che Wahr­heit« gelan­gen, bleibt unklar. Es ist, als ob ein paar Absät­ze fehl­ten, in denen dar­ge­legt wur­de, war­um sie die­sen Schluss zie­hen und war­um ande­re Per­spek­ti­ven auf das Pro­blem, die seit Jahr­zehn­ten von Wis­sen­schaft­lern, Intel­lek­tu­el­len und Behör­den erar­bei­tet wer­den, nicht nur falsch, son­dern über­haupt kei­ne Erwäh­nung wert sei­en – eben­so wie die Sicht­wei­sen von Mil­lio­nen Schwar­zen, die nicht das sagen, was die Theo­rie ihnen in den Mund legt.

Die Behaup­tun­gen der Theo­rie sind an der Ober­flä­che (für eine bestimm­te links­li­be­ra­le, aka­de­misch gepräg­te, städ­ti­sche, sinn­su­chen­de, pro­gres­si­ve Kli­en­tel) so ein­leuch­tend und attrak­tiv, dass es zu einer Refle­xi­on der tie­fe­ren Schich­ten gar nicht erst kommt. Die­se Refle­xi­on wäre aber nötig, um zu ver­ste­hen, dass die Theo­rie ihre gro­ßen, befrie­di­gen­den Ver­spre­chun­gen nicht ein­hal­ten kann. Was macht sie an der Ober­flä­che so ein­leuch­tend und attraktiv?

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Narrativbeben

Der Dil­bert-Car­too­nist und Polit­kom­men­ta­tor Scott Adams lei­tet manch­mal Tweets wei­ter, denen er nur das Hash­tag #artist hin­zu­fügt. Er nimmt damit Bezug auf einen Abschnitt in sei­nem Buch »Losert­hink«, wo es dar­um geht, dass manch­mal Künst­ler, die in ihren jewei­li­gen Dis­zi­pli­nen noch so bril­lant sein mögen, man­gels Wis­sen oder Fähig­keit zu kri­ti­schem Den­ken plötz­lich gera­de­zu unmün­dig erschei­nen, wenn sie sich zu The­men des Zeit­ge­sche­hens äußern.

Die Akti­on #alles­dicht­ma­chen (gute Über­bli­cke hier und hier) könn­te ein sel­te­ner Fall sein, in dem die­se poli­ti­sche Unbe­darft­heit ins­be­son­de­re von Schau­spie­lern (sor­ry) ein­mal zu etwas Bemer­kens­wer­tem geführt hat, das Spu­ren hinterlässt.

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Was ist mit den jungen, linken Frauen los?

Das kon­ser­va­ti­ve Frau­en­ma­ga­zin Evie brach­te letz­te Woche einen Arti­kel zu einem The­ma, das ich auch schon län­ger mal erwäh­nen woll­te: die auf­fäl­li­ge Häu­fung von psy­chi­scher Krank­heit bei US-ame­ri­ka­ni­schen Lin­ken und dort ins­be­son­de­re den jun­gen, wei­ßen Frauen.

Der Dok­to­rand Zack Gold­berg, den ich hier schon mal mit the­men­ver­wand­ten Erkennt­nis­sen erwähnt habe, hat­te letz­tes Jahr aktu­el­le Daten von Pew Rese­arch zu die­sem The­ma aus­ge­wer­tet und Ergeb­nis­se in Gra­fik­form auf Twit­ter ver­öf­fent­licht. Dem­zu­fol­ge wur­de bei erschre­cken­den 56,3 Pro­zent der wei­ßen lin­ken Frau­en im Alter von 18 bis 29 schon ein­mal ein psy­cho­lo­gi­sches Pro­blem dia­gnos­ti­ziert. Bei den wei­ßen lin­ken Män­nern waren es 33,6 Pro­zent. Die ent­spre­chen­den Wer­te im kon­ser­va­ti­ven Lager: 27,3 und 16,3 Prozent.

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Im Kampfmodus


Es ist ein Mus­ter, das sich seit Jah­ren in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den wie­der­holt. Eine streit­ba­re lin­ke Medi­en­fi­gur wird im Inter­net ange­fein­det, beschimpft und in Extrem­fäl­len bedroht. Sie skan­da­li­siert dies und Medi­en stel­len sich geschlos­sen auf ihre Sei­te, wobei jour­na­lis­ti­sche Sorg­falts­pflich­ten mehr oder weni­ger auf der Stre­cke blei­ben. Es wird her­un­ter­ge­spielt oder völ­lig ver­schwie­gen, wie die betrof­fe­ne Per­son für gewöhn­lich aus­teilt und damit feind­se­li­ge Reak­tio­nen pro­vo­ziert. Wenn man hier ein­hakt und die Ein­sei­tig­keit der Bericht­erstat­tung kri­ti­siert, wird einem das schnell so aus­ge­legt, als ver­tei­di­ge man die Beschimp­fun­gen und Dro­hun­gen, die die Per­son erhält, bezie­hungs­wei­se die Täter, oder als wol­le man sie als ange­mes­se­ne Reak­ti­on auf die Pro­vo­ka­tio­nen rechtfertigen.

»War­um berich­tet ihr nicht über die Pro­vo­ka­tio­nen?«
»Wider­li­che Fra­ge, sol­che Dro­hun­gen sind durch NICHTS zu rechtfertigen!«

Die­se Reak­ti­on ist nach­voll­zieh­bar, aber wenn ich in der Rol­le des­je­ni­gen bin, der die Medi­en kri­ti­siert, dann will ich damit kei­ne Dro­hun­gen recht­fer­ti­gen, und soweit ich in die­ser Situa­ti­on die Men­schen um mich her­um im Blick habe, will es von ihnen auch nie­mand. Natür­lich sind Dro­hun­gen nicht zu recht­fer­ti­gen. (Bei Beschimp­fun­gen wür­de ich weni­ger abso­lut for­mu­lie­ren. Wenn man beschimpft wird, ist es unter Umstän­den gerecht­fer­tigt, zurück zu schimp­fen. Es kommt auf den Kon­text und den Schwe­re­grad an.) Die Pro­vo­ka­tio­nen sind aber den­noch Teil der Geschichte.

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Britische Regierungskommission sagt nein zur Critical Race Theory

Ange­sto­ßen von den Geor­ge-Floyd-Pro­tes­ten 2020 hat die bri­ti­sche Regie­rung eine Kom­mis­si­on beauf­tragt, anhand von empi­ri­schen Daten ein Lage­bild zu eth­ni­schen Ungleich­hei­ten im Ver­ei­nig­ten König­reich zu erstel­len und Emp­feh­lun­gen zu erar­bei­ten. Nun hat die Com­mis­si­on on Race and Eth­nic Dis­pa­ri­ties ihren Bericht vor­ge­legt.

Dar­in weht ein fri­scher Wind der Ratio­na­li­tät, wie er bei die­sem The­ma fast schon nicht mehr vor­stell­bar war. Der Bericht nimmt Ras­sis­mus und Ungleich­heit ernst, stellt sich aber ent­schie­den gegen den Reflex, jede eth­ni­sche Ungleich­heit in mehr­heit­lich wei­ßen Län­dern auf Ras­sis­mus zurück­zu­füh­ren. Ohne es aus­drück­lich zu sagen, ist der Bericht ein Nein mit Pau­ken­schlag für die Cri­ti­cal Race Theory.

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