Der rassistische Antirassismus – Kritik einer Massenhysterie

Viele von Ihnen werden auf das, was ich zu sagen habe, eine negative Reaktion im Bauch verspüren. Ihnen wird nicht gefallen, wie es klingt. Insbesondere wird Ihnen nicht gefallen, wie es klingt, wenn es von einem Weißen kommt. Dieses Gefühl der Ablehnung, dieses Gefühl der Empörung, dieses Gefühl des Ekels, dieses Gefühl von »Sam, was zum Teufel ist dein Problem? Warum redest du überhaupt über das Thema?« – dieses Gefühl ist kein Argument. Es ist keine Basis, oder sollte keine sein, um irgendeine Aussage über die Welt für wahr oder falsch zu halten. Ihre Fähigkeit, empört zu sein, ist nichts, was ich oder sonst jemand respektieren müsste. Ihre Fähigkeit, empört zu sein, ist nicht einmal etwas, das Sie respektieren sollten. Tatsächlich ist sie etwas, wovor Sie auf der Hut sein sollten, vielleicht mehr als vor jeder anderen Eigenschaft Ihres Geistes.

Sam Harris

Wir sehen zur Zeit wieder »zwei Filme auf einer Leinwand« (Scott Adams). Verschiedene Teile der Gesellschaft starren auf dieselben Ereignisse und sehen völlig unterschiedliche Dinge, und das glasklar. Vielen ist die Sichtweise der anderen nicht nur unverständlich, sondern unerträglich.

Die vielleicht beste Veranschaulichung dafür sind die verschiedenen Bedeutungen, die ein Satz wie »all lives matter« oder gar »white lives matter« annehmen kann. Für die einen sind das Selbstverständlichkeiten eines egalitären Humanismus, für die anderen rassistische Kampfparolen.

Dieser unchristlich lange Beitrag ist ein Versuch, den allgemeinen Aufruhr nach dem Tod von George Floyd zu interpretieren und in die kulturelle Landschaft der Gegenwart einzuordnen. Er gliedert sich grob in drei Hauptteile und ‑thesen:

1.) Das Ausbleiben der Gegenprobe – Antirassismus als Religion

In den Massenprotesten und der medialen Begleitmusik drückt sich ein religiöses Bedürfnis aus. Dies macht den Beteiligten rationale Recherche und Reflexion weitgehend unmöglich. Stattdessen bestimmt religiöser Furor das Bild. Das zugrundeliegende religiöse Bedürfnis muss man als tieferliegendes gesellschaftliches Problem ernstnehmen.

2.) Im Schatten guter Absichten

In den Massenprotesten und der medialen Begleitmusik gehen destruktive Bestrebungen eine Verbindung mit guten Absichten ein. Einzelne Teilnehmergruppen sind mehr von den einen, andere mehr von den anderen beseelt, und die destruktiven können leicht mit den guten Absichten verkleidet und verwechselt werden. Aufgrund der religiösen Aufladung des Themas sind die Massenmedien weitestgehend unfähig oder nicht willens, sich diesem Problem zu stellen.

3.) Wie der postmoderne Antirassismus spaltet und Rassismus fördert

Soweit der tonangebende Antirassismus postmodernistisch verfasst ist (»Critical Race Theory«), reduziert er Rassismus und ethnisch-kulturelle Konflikte nicht, sondern vermehrt sie, indem er 1. eine wesensmäßige und bis auf Weiteres unüberbrückbare Verschiedenheit und Trennung zwischen Weißen und Nichtweißen postuliert (woran es praktisch nichts ändert, dass er diese als »sozial konstruiert« ausgibt), 2. Weiße pauschal verurteilt und anfeindet, was selbst rassistisch ist und Trotz hervorrufen muss, umso mehr, da er zugleich explizit anstrebt, dass die Weißen sich ihres Weißseins stärker bewusst werden, und 3. Nichtweiße tendenziell entmündigt, indem er sie als den Weißen unterlegen und ihrer Fürsorge bedürftig charakterisiert. Zugrunde liegt dem eine aggressive politischen Variante des Postmodernismus, die den radikalen Zweifel der Vorväter ins Gegenteil verkehrt hat: sektiererische Gewissheit über die Richtigkeit des eigenen Weltbildes.

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Mulholland Drive und die Blindheit der festgelegten Wahrnehmung

Zum ersten Mal sah ich David Lynchs Mulholland Drive vor bald 20 Jahren zusammen mit ein paar Freunden im Kino. Wir fanden den Film interessant, witzig und irgendwie hypnotisch, aber wir verstanden ihn nicht. Ich war bereit, mich einfach damit abzufinden. Einer meiner Freunde aber googelte in den nächsten Tagen herum und fand eine Interpretation, die zumindest den Großteil des Rätsels löste. Zuerst war ich misstrauisch. Das Ego hört nicht gern Lösungen für Probleme, die es selbst für unlösbar erklärt hatte. Aber es passte alles so gut zusammen, dass ich mich nicht lange dagegen wehren konnte, es zu akzeptieren. Nun begann ich mich zu fragen, warum ich nicht selbst darauf gekommen war. Wir beschlossen, den Kinobesuch zu wiederholen, und sahen nun tatsächlich alles in einem neuen Licht, so dass es endlich Sinn ergab. Danach stellte sich mir noch dringender die Frage, warum ich nicht selbst darauf gekommen war, denn es schien auf der Hand zu liegen.

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5 Gründe, warum das Buch »Wir müssen über Rassismus sprechen« seicht und destruktiv ist

Unter dem Titel »Wir müssen über Rassismus sprechen« erschien soeben die deutsche Fassung des Buches »White Fragility« von Robin DiAngelo, das in den USA ein Bestseller und wesentlich für die Popularisierung der »Critical Race Theory« verantwortlich ist. Mit freundlicher Genehmigung veröffentliche ich aus diesem Anlass folgende Übersetzung eines kritischen Beitrags von Anne Bailey, der zuerst auf Medium und dann auf New Discourses erschien.

Zu den Büchern, die heute häufig als Pflichtlektüre gehandelt werden, gehört Wir müssen über Rassismus sprechen von Robin DiAngelo. Darin möchte DiAngelo weiße Menschen lehren, wie sie den eigenen Rassismus identifizieren können und auf welch vielfältige Weise sie sich dagegen sträuben, ihn anzuerkennen. Ihre These lautet im Wesentlichen, dass weiße Menschen es nicht akzeptieren können, des Rassismus beschuldigt zu werden, und aufgrund dieser »Fragilität« mit emotionaler Abwehr reagieren. Um die systemische weiße Vorherrschaft niederzureißen, müssten alle Weißen den eigenen Rassismus anerkennen.

Anstatt ein ehrliches Gespräch über Rassismus zu führen, hat DiAngelo einen neuen Rahmen für die Definition von Rassismus und weißer Vorherrschaft erfunden. Dieser Rahmen ist nicht nur unlogisch; er ist toxisch, seicht und destruktiv. Hier sind fünf Gründe, warum das Buch Wir müssen über Rassismus sprechen nicht ernst genommen werden sollte.

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Ein aufgepeitschter See

Hauptsächlich habe ich deshalb eines Nachts angefangen, ein paar Gedanken über die Coronasituation aufzuschreiben, weil Sorge und Angst mich am Einschlafen hinderten und es meist etwas Ruhe bringt, so etwas zu artikulieren. Nicht deshalb, weil ich ein besonderes Wissen oder Verständnis beizutragen hätte. Ich habe keine Ahnung. Doch wir alle müssen uns ja darüber Rechenschaft geben, was unserer Meinung nach passiert, auch ohne Ahnung zu haben. Es gehört zum Wesen der Situation, keine Ahnung zu haben. Doch wer zur Angst neigt und keine unerfreulichen Bilder im Kopf haben will, lässt diesen Text vielleicht besser aus. Er verpasst nichts Wichtiges.

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Nach Hanau (II.) – die Abschaffung des Konservatismus

Die dominante Reaktion auf Hanau ist die Forderung und Ankündigung, den »Kampf gegen rechts« zu verschärfen. Das ist gut und richtig, wenn es bedeutet, Terror und Gewalt mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu verhindern und extremistische Bestrebungen so klein zu halten wie möglich. Doch sind die Strategien, die üblicherweise unter »Kampf gegen rechts« laufen, dazu geeignet, diese Anliegen voranzubringen? Sind wir sicher, dass sie mehr nützen als schaden? Ich bezweifle das und habe eher den Eindruck, dass sie zu großen Teilen nutzlos oder kontraproduktiv sind.

Die grobe Linie dieser Verschärfungsstrategie ist, den Spielraum für Diskussionen über Migration, Integration und Multikulturalismus weiter einzuengen, dem Bevölkerungsanteil rechts der Mitte mit neuer Entschiedenheit die demokratische Partizipation zu verweigern und noch nachdrücklicher die Durchsetzung progressiver Gesellschaftsideale zu betreiben.

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Nach Hanau (I.) – Zwei Filme auf einer Leinwand

Die Schreckenstat von Hanau hat den Riss durch die Bevölkerung vertieft, den Hass der Ränder aufeinander verstärkt und uns alle noch einmal nervöser gemacht. Wie bei jedem Amoklauf liegt die größte Tragik in der sinnlosen Brachialgewalt, die scheinbar aus dem Nichts heraus in das Alltagsleben Unschuldiger hereinbricht und sie in den Tod reißt. Zuerst gilt es dann um die Opfer zu trauern, die Hinterbliebenen gut zu versorgen und sich auf Achtsamkeit zu besinnen – nicht im Sinne von Überwachung, sondern im Sinne gelebter Mitmenschlichkeit im Alltag. Soziale Kälte, Isolation und Ignoranz machen solche Taten möglich. Eine deutliche Regelmäßigkeit bei Amokläufen ist, dass sie sich ankündigen. Die Bereitschaft zu einer solchen Tat ist nicht einfach da, sondern entwickelt sich über einen langen Zeitraum. Meistens kommunizieren die späteren Täter mehrfach, dass sie auf einem dunklen Weg sind. Es gibt keine einfachen Antworten, aber das Wegsehen anderer gehört auffallend oft zu den Voraussetzungen solcher Taten.

Es ist allerdings auch unvermeidlich und notwendig, nach den größeren politischen Implikationen außeralltäglicher Gewaltausbrüche zu fragen. Die Opfer ernstzunehmen heißt auch, zu versuchen, ähnliche Gewaltausbrüche in Zukunft nach Möglichkeit zu verhindern. Es ist also nicht falsch, nach der politischen Bedeutung von Hanau zu fragen. Dennoch ist es tragisch, wie sehr hierbei alles dem vorhersehbaren Muster folgt. Die Tragik der unmittelbaren Destruktivität der Tat kann sich noch vervielfachen, wenn diese gesellschaftliche Entwicklungen anstößt oder verschärft, die weitere blutige »Verwerfungen« (Y. Mounk) wahrscheinlicher machen, bis hin zur Destabilisierung des gesamten Systems. Es ist im Kern die Tragik von Blutfehden, bei denen Menschen auf Leid und Tod mit der Schaffung von immer mehr Leid und Tod reagieren, hier allerdings in höherer Größenordnung und auf höherem Komplexitätsniveau.

Es war absehbar, dass es irgendwann wieder eine rechte Gewalttat geben würde, ebenso wie absehbar war und ist, dass es irgendwann wieder eine islamistische oder anderweitig auffällige Gewalttat von Zuwanderern geben würde. Dies ist im Sinn des oben Gesagten kein Kleinreden, sondern ein Hinweis auf die wichtige Überlegung, was wir tun können, damit sich in Folge solcher Gewalttaten nicht immer mehr gesellschaftliche Destruktivkräfte aufstauen. Den bereits identifizierten Feind noch heftiger bekämpfen zu wollen ist emotional naheliegend und nachvollziehbar, aber ob es dem sozialen Frieden dient, ist fraglich. Wenn man ihn nicht in absehbarer Zeit besiegen kann, bedeutet das Vorhaben zunächst nur einen längeren und intensivierten Krieg.

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Ist links gut und rechts böse?

Darf man mit rechten Parteien kooperieren? Darf man mit linken Parteien kooperieren? Muss man, wenn man das eine ausschließt, auch das andere ausschließen?

Anlässlich der Thüringer Krise der letzten Tage sind diese Fragen gerade wieder Gegenstand öffentlicher Diskussion. Zugrunde liegt ihnen die allgemeinere Frage, ob und inwiefern rechter und linker Radikalismus gleichwertig bzw. gleichermaßen verurteilungswürdig und gefährlich sind.

Die Annahme, dass sie das seien, kollidiert aufs Heftigste mit dem linken Selbstverständnis. Die Linke sieht sich als Kraft, die das Gute will und einer rechten Kraft gegenübersteht, die das Böse will.

Das Argument klingt etwa so:

Wie sollen rechts und links äquivalent sein? Linke stehen für Gleichheit. Sie setzen sich für die Schwachen ein und wollen mehr Gerechtigkeit schaffen. Rechte stehen für Ungleichheit. Sie wollen Menschen die Rechte wegnehmen, sie verfolgen und ausgrenzen. Das eine ist menschenfreundlich, das andere menschenfeindlich. Häufig wird »rechts« auch geradeheraus mit »Hass« gleichgesetzt.

Wenn man es so formuliert, kann man nur auf Seiten der Linken stehen. Dann sind diese unzweideutig die Guten und die Rechten die Bösen.

Doch das sagt zunächst einmal wenig aus, da es sich dabei um eine linke Selbstwahrnehmung und ‑beschreibung handelt. Wenn man einen Linken fragt, wofür die Linke steht, bekommt man wenig überraschend eine Antwort, die gut klingt. Wenn man einen Rechten fragte, wofür er steht, würde er ebenfalls kaum Ungleichheit, Ausgrenzung, Verfolgung und Hass sagen, sondern ebenfalls etwas, das gut klingt. Und er hätte auch eine weniger schmeichelhafte Beschreibung der linken Gegenseite parat, so dass ein unbedarfter außerirdischer Zuhörer zu dem Schluss käme, dass die Rechten wohl die Guten seien.

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Ist Rassismus ein Machtverhältnis?

If you have always believed that everyone should play by the same rules and be judged by the same standards, that would have gotten you labeled a radical 60 years ago, a liberal 30 years ago and a racist today.

– Thomas Sowell

Vor ein paar Tagen habe ich auf Twitter eine Tweet-Kette über die Auffassung geschrieben, dass Rassismus ein Machtverhältnis sei und Rassismus gegen Weiße nicht existiere. Genaugenommen sind das zwei verschiedene Thesen, die aber gewöhnlich im Zusammenhang miteinander vertreten werden. Sie gehören zu einer Reihe radikaler Ideen neulinker Identitätspolitik, die Eingang in den kulturellen und politischen Mainstream gefunden haben und sich dort immer mehr etablieren. Dies geschieht prominent mit dem Konzept »Diversity«.

»Diversity« zu forcieren heißt, gegen Weiße zu diskriminieren, insbesondere weiße Männer. Um das legitimieren zu können, muss man definitorisch ausschließen, dass es Diskriminierung ist, was es faktisch dennoch bleibt.

Da auf Twitter einige den kleinen Text nützlich fanden, stelle ich ihn in überarbeiteter Form auch hier ein.

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Wie wir leben wollen sollen

Oder: Wollt ihr die totale Repräsentation?

Es gibt einige Zwangsläufigkeiten im antikapitalistischen Denken und Handeln der Linken. Deren wohl größtes und unverzeihlichstes Versäumnis ist, dass sie sich nicht darüber Rechenschaft gibt, welche Zwangsläufigkeiten es sind, die linke revolutionäre Bewegungen in entscheidenden historischen Momenten immer wieder in dysfunktionale Tyranneien haben münden lassen. Stattdessen tun sie so, als wäre das, was immer wieder passiert ist, immer wieder nur ein verrückter Zufall gewesen. Zur rechten Diktatur sagen wir zu recht »nie wieder«; was wir nach links gewandt sagen, klingt mehr nach »gute Idee, weiter versuchen«.

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