Die trügerische Attraktivität der Critical Race Theory

Dies ist ein Aus­zug aus dem Text »Psy­cho­lo­gi­sche Hebel der Wokeness«, der in dem Buch »Im Schat­ten guter Absich­ten: Die post­mo­der­ne Wie­der­kehr des Ras­sen­den­kens« voll­stän­dig zu lesen ist.


Sehen wir uns an die­ser Stel­le kurz genau­er an, was an den Ideen der Cri­ti­cal Race Theo­ry für vie­le nai­ve Rezi­pi­en­ten so unge­mein über­zeu­gend zu sein scheint. Es ist auf­fäl­lig, wie selbst­be­wusst die Theo­rie mit dem Anspruch auf­tritt, die ein­zig wah­re und rich­ti­ge Ant­wort auf Ras­sis­mus zu bie­ten, ohne die­sen Anspruch schlüs­sig zu begrün­den (»thin­king past the sale«), und wie mühe­los sie damit durch­kommt. Wenn Leit­me­di­en das The­ma auf­grei­fen, über­neh­men sie dabei immer wie­der Robin DiAn­ge­los pre­di­gen­den »Ich ver­kün­de die Wahr­heit und wer wider­spricht, ist dumm oder cha­rak­ter­lich defizitär«-Tonfall, als wäre es das Natür­lichs­te von der Welt (Bei­spiel). Kri­ti­sche Gedan­ken kom­men nicht vor. Kom­men­ta­to­ren mit ande­ren Sicht­wei­sen in den sozia­len Medi­en wer­den zurecht­ge­wie­sen, als könn­te gar kei­nen Zwei­fel dar­an sein, dass es nur exakt eine rich­ti­ge Sicht­wei­se gebe, und zwar die­se (Bei­spiel – ein Stück run­ter­scrol­len). Wie die betref­fen­den Jour­na­lis­ten so schnell von »Robin DiAn­ge­lo behaup­tet« zu »Das ist die unum­stöß­li­che Wahr­heit« gelan­gen, bleibt unklar. Es ist, als ob ein paar Absät­ze fehl­ten, in denen dar­ge­legt wur­de, war­um sie die­sen Schluss zie­hen und war­um ande­re Per­spek­ti­ven auf das Pro­blem, die seit Jahr­zehn­ten von Wis­sen­schaft­lern, Intel­lek­tu­el­len und Behör­den erar­bei­tet wer­den, nicht nur falsch, son­dern über­haupt kei­ne Erwäh­nung wert sei­en – eben­so wie die Sicht­wei­sen von Mil­lio­nen Schwar­zen, die nicht das sagen, was die Theo­rie ihnen in den Mund legt.

Die Behaup­tun­gen der Theo­rie sind an der Ober­flä­che (für eine bestimm­te links­li­be­ra­le, aka­de­misch gepräg­te, städ­ti­sche, sinn­su­chen­de, pro­gres­si­ve Kli­en­tel) so ein­leuch­tend und attrak­tiv, dass es zu einer Refle­xi­on der tie­fe­ren Schich­ten gar nicht erst kommt. Die­se Refle­xi­on wäre aber nötig, um zu ver­ste­hen, dass die Theo­rie ihre gro­ßen, befrie­di­gen­den Ver­spre­chun­gen nicht ein­hal­ten kann. Was macht sie an der Ober­flä­che so ein­leuch­tend und attraktiv?

Es sind mei­nes Erach­tens im Wesent­li­chen zwei Punk­te, die auch den Kern der Theo­rie aus­ma­chen. Der ers­te ist die The­se, dass alles auf Ras­sis­mus gebaut und von ihm durch­drun­gen sei; der zwei­te die Idee, mit einer Art Selbst­the­ra­pie dage­gen vorzugehen.

Punkt eins. Jeder weiß, dass Ras­sis­mus in der Geschich­te eine mäch­ti­ge zer­stö­re­ri­sche Kraft war. Sei­ne größ­ten Exzes­se sind uns allen bewusst – der Kolo­nia­lis­mus, die Skla­ve­rei und der natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Holo­caust. Außer­dem hat jeder vor Augen, dass die wei­ßen Bevöl­ke­rungs­mehr­hei­ten in west­li­chen Län­dern öko­no­misch und sozi­al bes­ser daste­hen als nicht­wei­ße Min­der­hei­ten und die­se Län­der auch als Gan­ze bes­ser daste­hen als vie­le Län­der mit nicht­wei­ßen Bevöl­ke­rungs­mehr­hei­ten. Es drängt sich asso­zia­tiv auf, dies als Fort­schrei­bung ras­sis­ti­scher Poli­tik in die Gegen­wart hin­ein zu deu­ten. Dies ergibt sofort ein schlüs­si­ges Gut-und-böse-Nar­ra­tiv, des­sen Klar­heit eine unüber­sicht­li­che Welt ord­net und so eine Lin­de­rung von Gefüh­len der Beun­ru­hi­gung und Schuld bewirkt. Umso befrie­di­gen­der ist die­se Deu­tung, wenn man sich selbst – schein­bar gegen die eige­nen Inter­es­sen, also selbst­los – als Kämp­fer für his­to­ri­sche Gerech­tig­keit posi­tio­niert. »Es ist schlimm, aber ich habe (oder bin) die Lösung.« Wer in einem Oze­an des Ras­sis­mus Anti­ras­sist ist, über­strahlt die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit sei­ner Mitmenschen.

Eine ernst­haf­te Ana­ly­se sozia­ler Ungleich­heit müss­te immer wie­der kom­ple­xe Ver­flech­tun­gen viel­fäl­ti­ger Fak­to­ren auf­schlüs­seln (wirt­schaft­li­cher, his­to­ri­scher, kul­tu­rel­ler, psy­cho­lo­gi­scher, poli­ti­scher …), was ein anspruchs­vol­les Unter­fan­gen wäre, das deut­lich weni­ger Klar­heit und Befrie­di­gung stif­te­te. Man müss­te gedul­dig recher­chie­ren, Bücher und Zah­len wäl­zen, Fak­ten pau­ken und sich an Kom­ple­xi­tä­ten und Lösungs­hin­der­nis­sen die Zäh­ne aus­bei­ßen, auf die man umso häu­fi­ger stie­ße, je näher man hinsähe.

Erkennt­nis­se über kul­tu­rel­le Pro­ble­me inner­halb der schwar­zen Com­mu­ni­tys in den USA bei­spiels­wei­se, die einer Bes­se­rung von deren Lage ent­ge­gen­ste­hen, lie­gen seit Jahr­zehn­ten auf dem Tisch. Für mus­li­mi­sche Min­der­hei­ten in Euro­pa gilt Ähn­li­ches. Die über­durch­schnitt­li­chen Ein­kom­men von Juden und Ost­asia­ten in west­li­chen Län­dern fügen sich nicht in das Bild weiß-ras­sis­ti­scher Gesell­schaf­ten, die dar­auf aus­ge­legt sind, Wei­ße zu begüns­ti­gen, eben­so wenig wie die Tat­sa­che, dass in den USA inzwi­schen antei­lig mehr latein­ame­ri­ka­ni­sche und schwar­ze Frau­en stu­die­ren als wei­ße Män­ner. Die frü­hen Ame­ri­ka­ner haben ihre Skla­ven in Afri­ka nicht aus einer Idyl­le ent­führt, son­dern von dor­ti­gen Skla­ven­händ­lern gekauft. Skla­ve­rei gab es die gan­ze Geschich­te hin­durch, auch Euro­pä­er waren Opfer davon, und die Euro­pä­er und Ame­ri­ka­ner haben sie in ihrer Ein­fluss­sphä­re aus eige­nem Antrieb wie­der abge­schafft. Rund eine Mil­li­on Ame­ri­ka­ner haben im Bür­ger­krieg dafür ihr Leben gege­ben. Der Uni­ver­sa­lis­mus, der den Maß­stab bil­det, an dem gemes­sen die west­li­chen Gesell­schaf­ten ras­sis­tisch sein und ihren Anspruch auf Selbst­be­haup­tung ver­wirkt haben sol­len, ist selbst ein Pro­dukt die­ser Gesell­schaf­ten. Die west­li­che Kul­tur, auch als weiß-supre­ma­tis­ti­sches kapi­ta­lis­ti­sches Patri­ar­chat bekannt, beschert den Frau­en die sozi­al und recht­lich bes­te Stel­lung der Geschich­te und bewirkt über die letz­ten Jahr­zehn­te glo­bal einen rasan­ten Rück­gang der abso­lu­ten Armut und eine Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät, gemes­sen an Indi­ka­to­ren wie Lebens­er­war­tung, Alpha­be­ti­sie­rung, durch­schnitt­li­chen Bil­dungs­jah­ren, Anschluss an Elek­tri­zi­täts­net­ze und anderen.

Geschich­te ist kom­pli­ziert, Men­schen sind kom­pli­ziert und Blut­ver­gie­ßen gab es über­all. Dass die genann­ten Ver­bre­chen des Wes­tens in ihrer Grö­ßen­ord­nung her­aus­ste­chen, bedeu­tet weder, dass er an allem schuld sei, was schlecht ist, noch dass sein gan­zer Erfolg auf die­sen Ver­bre­chen beru­he. Dies sind gedank­li­che Kurz­schlüs­se des Ord­nung stif­ten­den Gut-und-böse- und Täter-Opfer-Den­kens. Das Nar­ra­tiv des Wes­tens als his­to­ri­scher Welt­schur­ke lässt sich nur durch selek­ti­ve Wahr­neh­mung auf­recht­erhal­ten; durch ein­sei­ti­ge Kon­zen­tra­ti­on auf das Schlech­te am Wes­ten und Unter­schla­gung des Schlech­ten bei ande­ren, sofern man nicht wie­der den Wes­ten dafür ver­ant­wort­lich machen kann.

Die­se Kom­ple­xi­täts­flucht ist cha­rak­te­ris­tisch für die neue Lin­ke mit ihrem post­mo­der­nis­ti­schen Fokus auf Spra­che und Sym­bo­lik. Sie macht es sich psy­cho­lo­gisch unnö­tig schwer, indem sie das eige­ne Lei­den an der Welt maxi­miert, aber intel­lek­tu­ell ist sie weit­ge­hend anspruchs­los und macht es sich leicht – was man wohl als Kom­ple­men­tä­rer­schei­nung der heu­ti­gen mas­sen­haf­ten Ver­brei­tung die­ses Den­kens sehen kann. Sie igno­riert jede poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che, sozio­lo­gi­sche und psy­cho­lo­gi­sche Kom­ple­xi­tät und ver­folgt anstel­le einer ernst­haf­ten Gesell­schafts­ana­ly­se zwei sim­plis­ti­sche Stra­te­gien, die jeder Idi­ot ver­ste­hen und anwen­den kann: Ers­tens das Aus­mer­zen der Nie­der­schlä­ge von Ungleich­heit in Spra­che und ande­ren Sym­bo­len in dem Glau­ben, dass, da Spra­che Wirk­lich­keit kon­sti­tu­ie­re, die Reform der Spra­che auf lan­ge Sicht irgend­wie die Ungleich­heit in der Rea­li­tät nivel­lie­ren wer­de. Zwei­tens die Her­stel­lung von Ergeb­nis­gleich­heit zwi­schen Iden­ti­täts­grup­pen auf Basis des Dog­mas, dass jede Ergeb­nis­un­gleich­heit Fol­ge eines ‑ismus und somit ille­gi­tim sei. Prak­tisch bedeu­tet das die Ein­füh­rung for­mel­ler und infor­mel­ler Quo­ten, soweit die bestehen­de sozia­le Wirk­lich­keit es zulässt, und die Umver­tei­lung von Res­sour­cen zu Grup­pen, die von den Akti­vis­ten als benach­tei­ligt ein­ge­stuft wer­den, vor allem aber zu den Akti­vis­ten selbst. Sie sind schließ­lich die Ein­zi­gen, die die­sen theo­re­tisch infor­mier­ten Kampf gegen die Ungleich­heit füh­ren kön­nen. Je mehr sie über den nöti­gen Ein­fluss ver­fü­gen, die­se Umver­tei­lung zur Her­stel­lung von Ergeb­nis­gleich­heit tat­säch­lich durch­zu­füh­ren, des­to mehr nimmt das Gan­ze den Cha­rak­ter einer neu­en Spiel­art von kom­mu­nis­ti­scher Revo­lu­ti­on an.

Der ers­te ein­leuch­ten­de Haupt­punkt der Theo­rie ist also, dass sich der Wes­ten bis heu­te als Unter­drü­cker und Aus­beu­ter des Rests der Welt betä­ti­ge. Das deckt sich ober­fläch­lich betrach­tet mit unse­rer Wahr­neh­mung, schafft mora­lisch Ord­nung und trös­tet unser Schuld­ge­fühl. »Ja, ich bin schul­dig, aber ich sehe es ein und will es ändern, ich bin nicht so wie die, die ohne Reue so wei­ter­ma­chen wol­len.« Wer die­sem Welt­bild wider­spricht, erweckt sofort den Ein­druck, für die his­to­ri­schen Welt­schur­ken statt für die Opfer Par­tei zu ergrei­fen. Auch ohne expli­zi­ten Appell oder Vor­wurf erzeugt das Bild einen mäch­ti­gen Sog, sich in bestimm­ter Wei­se zu posi­tio­nie­ren. Es ist viel leich­ter und dank­ba­rer, sich schul­dig zu beken­nen, als die Schuld zu bestrei­ten, weil es die ungleich edle­re mora­li­sche Hal­tung zu sein scheint und kei­ner­lei unmit­tel­ba­re nega­ti­ve Fol­gen für den sich schul­dig Beken­nen­den hat.

Das führt uns zum zwei­ten Punkt. Dies ist der sozu­sa­gen psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Aspekt. Der »Anti­ras­sis­mus« mei­det wie oben beschrie­ben die Aus­ein­an­der­set­zung mit Kom­ple­xi­tät und gibt einem dar­über hin­aus eine kla­re Stra­te­gie zur Ände­rung der Ver­hält­nis­se an die Hand: Fang bei dir selbst an! Das ist soweit eine her­vor­ra­gen­de Idee. Es ist zwei­fel­los sinn­voll, sich ein­mal in Ruhe zu fra­gen, ob man Vor­ur­tei­le hegt, ob man Men­schen bestimm­ter Grup­pen abwer­tet, sie unge­recht behan­delt, ihnen gegen­über weni­ger freund­lich ist oder Ähn­li­ches. Wenn das der Fall ist und man es sich bewusst gemacht hat, kann man an die­ser Ein­stel­lung arbei­ten und sie überwinden.

Die­ses Prin­zip, das man »Über­win­dung durch Bewusst­ma­chung« nen­nen könn­te, leuch­tet unmit­tel­bar ein, weil wir es in vie­len Varia­tio­nen stän­dig anwen­den: in der Psy­cho­the­ra­pie, in der Medi­ta­ti­on, beim Tage­buch­schrei­ben, in per­sön­li­chen Gesprä­chen und in dem ganz all­täg­li­chen Bemü­hen, Pro­ble­me zu lösen, die ganz oder teil­wei­se inne­re, also psy­chi­sche oder intel­lek­tu­el­le sind.

Ent­schei­dend ist hier aber der fei­ne Unter­schied zwi­schen einem ver­nünf­ti­gen Maß an ehr­li­cher Selbst­re­fle­xi­on und einer lebens­lang eska­lie­ren­den Obses­si­on, die den Schluss, dass man nicht ras­sis­tisch sei oder die Sache für sich geklärt habe, gar nicht zulässt. Wie ande­re Sek­ten oder auch Süch­te bie­tet die Cri­ti­cal Race Theo­ry nur eine Schein­lö­sung des Pro­blems, an dem sie ansetzt, ver­grö­ßert es aber viel­mehr und brockt den Betrof­fe­nen wei­te­re Pro­ble­me ein. Wäre die­se Theo­rie ein Psy­cho­the­ra­peut, wür­de der etwa so arbeiten:

Pati­ent: »Ich habe Angst vor Arbeits­lo­sig­keit und kann nicht gut schla­fen.«
The­ra­peut: »Sie müs­sen der Tat­sa­che ins Auge sehen, dass Sie als Kind miss­braucht wor­den sind.«
Pati­ent: »Oh. Also, das glau­be ich nicht. Ich habe kei­ne der­ar­ti­gen Erin­ne­run­gen und sehe mei­ne Kind­heit eigent­lich als wohl­be­hü­tet.«
The­ra­peut: »Dass Sie Ihre Miss­brauchs­er­fah­run­gen so ener­gisch leug­nen, zeigt uns, wie schmerz­haft sie für Sie sind. Sie müs­sen sich dem stel­len. Wenn Sie es nicht tun, wer­den Sie immer wie­der selbst ande­re Men­schen miss­brau­chen, ohne dass Sie es mer­ken.«
Pati­ent: »Oh, das ist ja schreck­lich.«
The­ra­peut: »Ja, und wenn Sie damit auf­hö­ren wol­len, müs­sen Sie sich erst ein­mal voll bewusst machen, dass Sie es tun. Ver­su­chen Sie rund um die Uhr in jeder Situa­ti­on zu ver­ste­hen, dass und wie Ihre gan­ze Inter­ak­ti­on mit der Welt von Ihren Miss­brauchs­er­fah­run­gen über­schat­tet und geprägt ist und wie Sie selbst per­ma­nent in unzäh­li­gen For­men Miss­brauch an ande­ren bege­hen. Dazu gehört auch, sicht­bar zu machen und anzu­kla­gen, wie ande­re Men­schen stän­dig Miss­brauch anein­an­der bege­hen. Das bedeu­tet viel Arbeit und wird oft unan­ge­nehm sein. Ihr Leben wird ein ande­res sein. Sie wer­den Freun­de ver­lie­ren.«
Pati­ent: »Und wie lan­ge dau­ert das unge­fähr? Wann geht es mir wie­der bes­ser?«
The­ra­peut: »Wir leben in einem Sys­tem, das auf Miss­brauch gebaut und über­all von Miss­brauch durch­drun­gen ist, von sämt­li­chen Insti­tu­tio­nen bis in unse­re tiefs­te See­le hin­ein. Ihre Aus­ein­an­der­set­zung damit wird nie abge­schlos­sen sein. Wir müs­sen das gan­ze Sys­tem des Miss­brauchs zu Fall brin­gen.«
Pati­ent: »Oh. In was für einem Zeit­rah­men könn­te das gelin­gen? Und woher wis­sen wir, dass die Ver­hält­nis­se bes­ser und nicht schlech­ter wer­den, wenn wir das Sys­tem zu Fall brin­gen?«
The­ra­peut: »Wir müs­sen das Miss­brauchs­sys­tem zu Fall brin­gen, damit die Men­schen frei sein können.«

Die­se Ana­lo­gie ist inso­fern schief, als der »Anti­ras­sis­mus« sei­ne wei­ßen Pati­en­ten pri­mär als Täter cha­rak­te­ri­siert, nicht als Opfer (obwohl Robin DiAn­ge­lo und Kol­le­gin in einem Paper von 2013 tat­säch­lich behaup­ten, dass es Kin­des­miss­brauch sei, »ein wei­ßes Kind zum Weiß­sein zu erzie­hen«.). Den­noch ver­deut­licht sie, wie schnell und wie weit sich der »Anti­ras­sis­mus« von dem psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Prin­zip ent­fernt, das ihm ober­fläch­lich betrach­tet Plau­si­bi­li­tät ver­leiht. Er ist ihm dia­me­tral entgegengesetzt.

Ers­tens ori­en­tiert er sich nicht an den Inter­es­sen und Bedürf­nis­sen des Pati­en­ten. Die­se sind ihm voll­kom­men gleich­gül­tig. Er unter­stellt allen Pati­en­ten ste­reo­typ das glei­che Pro­blem und inter­es­siert sich nicht dafür, ob ihre see­li­sche Gesund­heit und Lebens­zu­frie­den­heit durch die Behand­lung bes­ser oder schlech­ter wird.

Zwei­tens kon­zep­tua­li­siert er das Pro­blem so, dass eine Lösung unmög­lich wird, und lässt es ins Unend­li­che wachsen.

Die Cri­ti­cal Race Theo­ry ver­langt vom Pati­en­ten, durch Intro­spek­ti­on, Selbst­kri­tik und Ver­hal­tens­än­de­run­gen an einem Pro­blem zu arbei­ten, von dem sie selbst sagt, dass es in einem welt­um­span­nen­den, alles durch­drin­gen­den »Sys­tem« wur­ze­le. Er soll es in sich selbst fin­den und bear­bei­ten, aber er kann es unmög­lich in sich selbst lösen, da es »sys­te­misch« ist. Eine Lösung ver­spricht erst die Revo­lu­ti­on, die den Flucht­punkt die­ses Den­kens bil­det, auch wenn es nicht immer aus­ge­spro­chen wird. Die­se Revo­lu­ti­on ist aber so dif­fus und weit weg, dass sie etwa einer reli­giö­sen Vor­stel­lung vom Tag des Jüngs­ten Gerichts ent­spricht. Bis zu die­ser vage irgend­wann erwar­te­ten Revo­lu­ti­on kann das Pro­blem des Pati­en­ten nur grö­ßer wer­den, nicht kleiner.

Nun liegt der Ein­wand nahe, es gehe ja auch nicht dar­um, dass der Pati­ent glück­li­cher wer­den sol­le, son­dern dar­um, das Leid der Unter­drück­ten zu min­dern und die Unter­drü­ckung zu been­den. Doch wer sich in die­ser Wei­se in ein Glau­bens­sys­tem hin­ein­stei­gert, das sei­ne Ver­letz­lich­keit und Schuld­ge­füh­le ver­viel­fäl­tigt und ihn über­all nur noch Böses sehen lässt, kann kei­ne posi­ti­ve Kraft in der Welt sein. Vor allem kann er nicht mehr unbe­fan­gen mit Men­schen ande­rer Her­kunft oder Abstam­mung inter­agie­ren, nach­dem er sich ein­ge­re­det hat, dass er deren Pei­ni­ger und für all ihr Unglück ver­ant­wort­lich sei.

Aus vie­len sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen Stu­di­en ist die natür­li­che mensch­li­che Nei­gung bekannt, sich in Grup­pen gegen ande­re Grup­pen zu ver­bün­den. Eine sol­che Grup­pen­iden­ti­tät kann sich um fast belie­bi­ge Merk­ma­le her­um for­mie­ren, und dazu genü­gen gerings­te Anläs­se. Bei­spiels­wei­se bringt die will­kür­li­che Auf­tei­lung einer Schul­klas­se in zwei Mann­schaf­ten für den Sport­un­ter­richt sofort ent­spre­chen­des Grup­pen­loya­li­täts­ver­hal­ten hervor.

Auch eth­ni­sche Merk­ma­le wie Haut­far­ben kön­nen Mar­ker einer Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit sein. Sie sind es aber nicht zwin­gend. Wo sie es sind, sind sie es nicht aus eige­ner Kraft, son­dern fun­gie­ren als Erken­nungs­zei­chen einer Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit, die his­to­risch, kul­tu­rell, sozi­al, wirt­schaft­lich, poli­tisch oder reli­gi­ös begrün­det ist. Wo sol­che sozia­len Trenn­li­ni­en und Kon­flik­te zwi­schen Grup­pen in den Hin­ter­grund tre­ten oder gar nicht mehr vor­han­den sind, kön­nen wir Men­schen mit abwei­chen­der Pig­men­tie­rung oder Phy­sio­gno­mie mühe­los als Ange­hö­ri­ge des eige­nen »Teams« wahrnehmen.

In die­ser Situa­ti­on liegt es an uns, die­se Merk­ma­le zu Mar­kern von Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit zu machen oder nicht, bezie­hungs­wei­se sie in die­ser Funk­ti­on zu bestär­ken oder nicht. Je mehr wir sie dar­in bestär­ken, des­to sali­en­ter, sicht­ba­rer, all­ge­gen­wär­ti­ger wer­den die Grup­pen­gren­zen und des­to mehr wer­den wir zu einer eth­nisch segre­gier­ten Gesell­schaft. Theo­rie­ver­tre­ter wür­den sagen: »Aber das sind wir ja schon, du leug­nest es nur und bewirkst damit, dass es so bleibt!« Ich leug­ne es nicht – es ist kei­ne Fra­ge des Ja oder Nein, son­dern eine des Mehr oder Weni­ger. Wir sind es in gewis­sem Umfang und in man­chen Milieus mehr als in ande­ren. Libe­ra­le huma­nis­ti­sche Prin­zi­pi­en haben die eth­nisch beding­ten Grup­pen­gren­zen immer­hin teil­wei­se auf­ge­löst. Man kann dar­über strei­ten, wie weit sie das haben. Die­ser Streit wird aber wenig an dem sprin­gen­den Punkt ändern, dass iden­ti­tä­re Theo­rien wie die­se die Segre­ga­ti­on ver­stär­ken und nicht abschwächen.

Unse­re ein­zi­ge Chan­ce, Ras­sis­mus zu über­win­den, besteht dar­in, ein­an­der als Men­schen wahr­zu­neh­men und auf die­ser Basis mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren. Das heißt nicht, dass man Unter­schie­de leug­nen oder sich ihnen gegen­über blind stel­len müs­se. Es heißt, die gemein­sa­me Essenz des Mensch­seins im ande­ren wahr­zu­neh­men und Kom­mu­ni­ka­ti­on und Zusam­men­le­ben auf die­ser Gemein­sam­keit auf­zu­bau­en. (Die Autorin und Unter­neh­me­rin Chloé Val­da­ry bie­tet unter dem Namen »Theo­ry of Enchant­ment« in aus­drück­li­cher Abgren­zung von der Cri­ti­cal Race Theo­ry ein alter­na­ti­ves Anti­ras­sis­mus- und Diver­si­ty-Trai­ning an, das die­sen Ansatz ver­folgt.) Die Cri­ti­cal Race Theo­ry hält dies für ein fal­sches Ziel, hat kei­nen Begriff und kei­nen theo­re­ti­schen Ort für die­se Essenz und rich­tet den Fokus auf alles, was uns unter­schei­det und entzweit.

Das alles kann man kaum sehen, wenn man mit der Theo­rie nicht ver­traut ist. Man hört zunächst nur, dass die sozia­le Welt ras­sis­tisch struk­tu­riert sei, was inso­fern plau­si­bel ist, als es tat­säch­lich Ras­sis­mus und sozia­le Ungleich­hei­ten gibt, die sich mit eth­ni­schen Grup­pen und Dif­fe­ren­zen mehr oder weni­ger decken. Und man hört, dass man bei sich selbst anfan­gen sol­le, was tat­säch­lich eine gute Idee ist. Doch sobald man sich dar­auf ein­lässt, ver­schie­ben sich die Koor­di­na­ten und beginnt sich die Wahr­neh­mung der Welt in eine ganz ande­re zu ver­for­men. Die gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit erscheint nicht mehr nur als pro­blem­be­haf­tet, son­dern als durch und durch dys­to­pisch, und die Selbst­the­ra­pie lässt die Pro­ble­me wach­sen statt schrump­fen, wäh­rend die Mög­lich­keit einer Lösung in immer wei­te­re Fer­ne rückt.


Dies ist ein Aus­zug aus dem Text »Psy­cho­lo­gi­sche Hebel der Wokeness«, der in dem Buch »Im Schat­ten guter Absich­ten: Die post­mo­der­ne Wie­der­kehr des Ras­sen­den­kens« voll­stän­dig zu lesen ist.

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