Ein aufgepeitschter See

Hauptsächlich habe ich deshalb eines Nachts angefangen, ein paar Gedanken über die Coronasituation aufzuschreiben, weil Sorge und Angst mich am Einschlafen hinderten und es meist etwas Ruhe bringt, so etwas zu artikulieren. Nicht deshalb, weil ich ein besonderes Wissen oder Verständnis beizutragen hätte. Ich habe keine Ahnung. Doch wir alle müssen uns ja darüber Rechenschaft geben, was unserer Meinung nach passiert, auch ohne Ahnung zu haben. Es gehört zum Wesen der Situation, keine Ahnung zu haben. Doch wer zur Angst neigt und keine unerfreulichen Bilder im Kopf haben will, lässt diesen Text vielleicht besser aus. Er verpasst nichts Wichtiges.

Das Spektrum der Deutungen reicht von derjenigen, das Virus sei eigentlich eine alltägliche Erscheinung, bis zu der, mit seiner destruktiven Kraft bewege es sich in der Größenordnung des Zweiten Weltkriegs. Keine von beiden wäre ein Grund, Entwarnung zu geben, denn handelte es sich um eine »normale Grippe«, hätten wir es immer noch mit einer Massenhysterie zu tun, die schwere Schäden anrichtet. 

Manche wittern eine Art Coup, der zu irgendeiner Form von Neosozialismus oder einer anderen autoritären Regierungsform führen werde. Solche Überlegungen gewinnen auf unheimliche Weise an Plausibilität, wenn man die Begeisterung deutscher Intellektueller für die Mobilisierung der Bevölkerung und das Durchgreifen der Regierung in Coronazeiten sieht, die sie sich auch für ihre »großen Transformationen« wünschen.

Ich verwehre mich dem Verschwörungsdenken, habe aber große Schwierigkeiten, mir das Versagen westlicher Regierungen einschließlich der unseren in dieser Angelegenheit begreiflich zu machen. Bereits im Januar kursierten Bilder und Videos aus Wuhan, die aussahen wie eine Hollywood-Dystopie, und hierzulande wiegelte man ab, das Virus werde schon nicht zu uns kommen, und wenn, dann werde es nicht so schlimm, und wir seien gut vorbereitet. Ich verstehe nicht, wie man darauf kam, es werde nicht kommen, oder Grenzschließungen brächten nichts, oder wir seien gut vorbereitet. 

Was jetzt unter Hochdruck geschieht – Aufbau von Krankenhauskapazitäten, Herstellung von Schutzmasken und Beatmungsgeräten, Entwicklung und Herstellung von Tests, Forschung an Medikamenten, Entwicklung von Strategien etc. pp. -, hätte ab Januar passieren können und müssen. Meine beste Alternative zur Verschwörungstheorie wäre, dass Regierungen durch irgendeine Art von »Groupthink«, Konformitätsverhalten und Verantwortungsdiffusion unter Realitätsverlust litten, ähnlich wie in kleinerem Maßstab beim Untergang der Titanic oder der Challenger-Katastrophe.

Wie dem auch sei, ich halte die uns vertraute gesellschaftliche Normalität für fragiler als die meisten anderen. Unser Frieden und Wohlstand der letzten Jahrzehnte ist in historischer Perspektive außergewöhnlich und unwahrscheinlich, und es kann sehr finster werden, wenn die Dinge kippen. Diese Einschätzung beruht auf langjähriger Beschäftigung mit Sozialpsychologie und Geschichte sowie meiner ängstlichen Natur und einer gewissen Faszination für menschliche Abgründe. Ob das der richtige Blick auf das Problem ist, weiß ich nicht. Für einen Menschen mit Hammer sieht alles aus wie ein Nagel, für Feministinnen sieht bereits jetzt auch die Coronakrise aus wie Frauenunterdrückung. Wir klammern uns an vertraute Deutungsschablonen. Wahrscheinlich ist das im Großen und Ganzen auch gut so, weil es die psychischen und sozialen Strukturen stabilisiert, die vorerst das Chaos fernhalten.

Bei dem Versuch, die Situation irgendwie einzuordnen, erinnere ich mich an diese Passage aus Sebastian Haffners »Geschichte eines Deutschen«:

Offensichtlich hat geschichtliches Geschehen einen verschiedenen Intensitätsgrad. Ein »historisches Ereignis« kann in der wirklichen Wirklichkeit, also im eigentlichsten, privatesten Leben der einzelnen Menschen, fast unregistriert bleiben – oder es kann dort Verheerungen anrichten, die keinen Stein auf dem andern lassen. In der normalen Geschichtsdarstellung sieht man ihm das nicht an. »1890: Wilhelm II. entlässt Bismarck.« Gewiss ein großes, fettgedrucktes Datum in der deutschen Geschichte. Aber schwerlich ein Datum in der Biographie irgendeines Deutschen, außerhalb des kleinen Kreises der Beteiligten. Jedes Leben ging weiter wie zuvor. Keine Familie wurde auseinandergerissen, keine Freundschaft ging in die Brüche, keiner verließ seine Heimat, nichts dergleichen. Nicht einmal ein Rendezvous oder eine Opernvorstellung wurde abgesagt. Wer unglücklich verliebt war, blieb es, wer glücklich verliebt war, blieb es. Die Armen blieben arm, die Reichen reich … Und nun vergleiche man damit das Datum »1933: Hindenburg betraut Hitler.« Ein Erdbeben beginnt in 66 Millionen Menschenleben!

Wie gesagt, die wissenschaftlich-pragmatische Geschichtsdarstellung sagt über diesen Intensitätsunterschied des Geschichtsgeschehens nichts. Wer etwas darüber erfahren will, muss Biographien lesen, und zwar nicht die Biographien von Staatsmännern, sondern die viel zu raren Biographien der unbekannten Privatleute. Dort wird er sehen: Das eine »historische Ereignis« zieht über das private – d.h. wirkliche – Leben hin wie eine Wolke über einen See; nichts regt sich, nur ein flüchtiges Bild spiegelt sich. Das andere peitscht den See auf wie Sturm und Gewitter; man erkennt ihn kaum mehr wieder. Das dritte besteht vielleicht darin, dass alle Seen ausgetrocknet werden.

Während sich immer weniger Deutsche noch an Krieg und Nachkriegszeit erinnern können, sind wir kurz davor, zu vergessen, dass Wohlstand und Frieden nicht selbstverständlich sind. Der vielleicht prägnanteste Ausdruck dieses Vergessens ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Thunbergs und Neubauers von den älteren Generationen den besten Lebensstandard der Menschheitsgeschichte in Empfang nehmen, ohne irgendetwas dafür tun zu müssen, und ihnen im Gegenzug vorwerfen, ihnen etwas weggenommen zu haben.

Ich hatte auf Twitter kürzlich eine Konversation mit einer Person, dem Namen nach eine Frau (im Folgenden »Tweep 2«), die ganz von diesem Glauben eingenommen schien, dass der Wohlstand und die Sicherheit, die wir genießen, selbstverständlich und für alle Zeiten garantiert seien. In großen Teilen der Gesellschaft ist dieser Glaube normal. Ich hatte ihn früher auch, als ich noch links war. Bezeichnenderweise geht die größte Feindseligkeit gegen »die Wirtschaft« mit dem stärksten Glauben einher, dass man sich immer auf die Versorgung durch sie verlassen können werde.

Die Konversation entzündete sich an meiner eigentlich trivialen Feststellung, dass man aufpassen muss, mit Lockdown-Maßnahmen nicht noch größeren Schaden anzurichten als ihn das Virus allein anrichten würde, oder noch einfacher gesagt, dass auch ein wirtschaftlicher Zusammenbruch eine Gefahr wäre. Die erste Antwort kam noch von jemand anderem (Tweep 1).

Ich: Es wurde die Frage nach Verhältnismäßigkeit gestellt. Das Virus tötet und richtet schwere Schäden an. Ab irgendeinem Punkt tut das auch ein wirtschaftlicher Zusammenbruch. Ist das wirklich so schwer?

Tweep 1: Wirtschaft und gesunde, arbeitsfähige Menschen bedingen sich gegenseitig. Ohne strenge Maßnahmen keine Verlangsamung, ergo mehr gleichzeitig Infizierte, ergo weniger Arbeitsfähigkeit, ergo verstärkter Absturz der Wirtschaft. Siehst du den Zusammenhang?

Ich: Ja, wenn man den durch Lockdown verursachten Absturz der Wirtschaft ausblendet, dann ist es so simpel. Es bleibt eine Abwägung & Sie wären weltweit der einzige, der mit solcher Gewissheit die wirtschaftliche Dynamik in einer einzigartigen Krisensituation voraussagen kann.

Tweep 2: Die Wirtschaft geht zur Zeit Weltweit den Bach runter. Wirtschaft kann man wieder aufbauen. Tote kann man bisher nicht mehr aufwecken. So einfach ist das.

Ich: Wirtschaft produziert Lebensmittel. Menschen brauchen Lebensmittel. Ohne Lebensmittel Menschen tot. Zu schweigen von Verteilungskämpfen und Ähnlichem.

Tweep 2: Die Lebensmittelproduktion und Verkauf läuft doch weiter. Ich versteh jetzt nicht das Problem.

Ich: Infrastruktur, Staatsinstitutionen, Sozialstaat, Polizei, Feuerwehr, Häuser, Strom, Wasser, Kleidung, Heizung, Hygiene, das alles uns vieles mehr haben wir nur, solange wir eine Wirtschaft haben, die das finanziert. Auch das Gesundheitssystem. Wie kann man das nicht verstehen?

Tweep 2: Wir haben in Deutschland genug Reserven und Geld herumliegen. Es wurde auch seit Jahren viel eingespart. War heute auch schon im TV, wenn es wirklich länger dauert dann müssten eben auch wieder Schulden gemacht werden. Wir leben hier nicht wie im Mittelalter.

Ich: Geld ist nichts wert, wenn nichts produziert wird, was man dafür kaufen kann. Wir leben nicht im Mittelalter, weil Güter produziert werden, die uns auf ein höheres Niveau heben. Damit das so bleibt, muss weiter produziert werden. Nichts anderes habe ich gesagt.

Tweep 2: Haaaallllllloooo es geht um den Corona-Virus, der hochansteckend ist und es gibt noch keine richtiges Medikament dafür. Es geht darum, das dieser verdammte Virus nicht noch mehr verbreitet wird, wir sehen in anderen Länder was das Ding anrichten kann.

Ich: Haaaaaaaalllllllllllllooooo die schöne zivilisierte Welt um uns herum wächst nicht einfach am nächsten Baum, und ohne sie können Sie sich auf viele zusätzliche Lebensgefahren einstellen und auch den Kampf gegen das Virus vergessen.

Dann kam nichts mehr. 

Unser Aneinander-vorbei-Reden illustriert die Distanz zwischen der Perspektive, dass es eine garantierte Normalität auf hohem Niveau gebe, und derjenigen, dass es sie nicht gibt. Letztere scheint mir eher die Evidenz der Geschichte auf ihrer Seite zu haben, während erstere, wie ich fürchte, mit jener Arroganz verwandt ist, die Hochkulturen seit jeher daran hindert, die Anzeichen ihres eigenen Niedergangs zu erkennen.

Zur Normalität der modernen Massengesellschaft gehört, dass man auf einem Pulverfass hockt. Es sind im Wesentlichen zwei Dinge, die zu starke Funkenschläge verhindern: der Wohlstand und das staatliche Gewaltmonopol.

Millionen hungrige Mäuler müssen gefüttert werden, und wenn Produktion oder Transportketten zusammenbrächen, wären brutale Verteilungskämpfe unausweichlich. Sie wären aber bei Weitem nicht der einzige Konfliktherd, denn die Gesellschaft ist ohnehin von etlichen Konfliktlinien durchzogen: ideologischen, politischen, ethnischen, religiösen und anderen. Alle möglichen Dämonen würden entfesselt; Panik, Zorn, Hass, Rache, Sadismus, Machtstreben, Opportunismen der Regellosigkeit, Tribalismus und wer weiß, was noch alles. Fiele der Wohlstand weg, fiele auch das primäre befriedende und zivilisierende Element weg, und wenn dadurch auch der Staat die Kontrolle verlöre, wäre die Gewalt entfesselt, die wir keineswegs aus der Welt geschafft, sondern nur im Gewaltmonopol gebunden, gebündelt und eingelagert haben. Fielen nur die demokratischen Kontrollen dieser eingelagerten Gewalt weg, könnte sie auch gebündelt ihre Zerstörungskraft entfalten. Nichts führt einem das in modernen Gesellschaften ruhende Gewaltpotenzial so drastisch vor Augen wie Deutschland in den Jahren 1933 bis 1945 – und das gespenstische Verschwinden der Gewalt danach.

Mit autoritärer Herrschaft wäre im Ernstfall eher zu rechnen als mit Anarchie, auch begünstigt dadurch, dass sich Menschen im Chaos nach einer schützenden Autorität sehnen. Man sieht ja schon jetzt, wie bereitwillig wir Grundfreiheiten aufgeben und auf demokratische Kontrollmechanismen verzichten, weil wir Angst haben.

Über viele Jahre ist mir von der Haffner-Stelle das Bild mit den Wolken in Erinnerung geblieben. Ist Politik nur als Wolkendecke präsent oder im eigenen Leben spürbar? Im letzten Jahr habe ich mich für einige Wochen weitgehend von Social Media ferngehalten und fast überhaupt keine Nachrichten verfolgt. In der Normalität, mit der wir vertraut sind, war es praktisch immer möglich, Politik und Nachrichten zu ignorieren. Das hat sich nun geändert.

Das Geschehen wirkt spürbar in unser Leben hinein. Viele von uns legen Vorräte an und sehen mehr leere Regale im Supermarkt als je zuvor. Normalerweise triviale Produkte sind plötzlich schwer zu bekommen. Wir dürfen Sport und Hobbys nicht mehr nachgehen, Freunde nicht mehr treffen, Kinder nicht mehr zur Schule schicken oder mit anderen Kindern spielen lassen. Ich schrecke davor zurück, meine Schwester anzurufen, weil sie ein kleines Geschäft führt und ich schlechte Nachrichten fürchte. Natürlich fürchte ich auch für mich selbst schlechte Nachrichten dieser Art. Und wenn man die Ausbreitungskurve des Virus als Orientierung nimmt, ist das alles erst der Anfang.

Seit gut anderthalb Jahren tanze ich Swing. Es gibt in Berlin eine große Szene, mehrere Schulen und fast jeden Abend eine Gelegenheit. Normalerweise. Jetzt natürlich nicht mehr.

Seit Januar hatte ich damit gerechnet, dass Corona all dem ein jähes Ende setzen würde. Man kommt beim Tanzen im Lauf eines Abends einer Reihe von Fremden recht nahe und berührt jeden davon an den Händen. In einer Pandemie eher nicht zu empfehlen. Die Schulen haben das Unvermeidliche relativ lange hinausgeschoben, Händedesinfektionsmittel angeschafft, zu häufigem Händewaschen aufgerufen, wollten Kurse zuletzt ohne die sonst üblichen regelmäßigen Partnerwechsel weiterführen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Für Schulen, Lehrer und Musiker ist das eine Katastrophe. Ihr Einkommen hat sich in Luft aufgelöst. Der Lehrer und Inhaber, bei dem ich zuletzt Kurse besucht hatte, gab nach wenigen Tagen bekannt, dass er die gewohnten Räume nicht mehr haben würde, falls es irgendwann weitergeht. Die Bands streamen nun Konzerte übers Netz und sammeln Spenden, die Schulen nehmen Lektionen auf Video auf und hoffen sich damit über Wasser zu halten. Zuletzt las ich, dass auch die Streaming-Konzerte nicht mehr möglich sind, weil die Musiker nicht verwandt sind oder in einem Haushalt leben und sich somit nicht versammeln dürfen.

Als ich über die Onlinekurse nachdachte, wurde mir bewusst, dass ich nicht so recht an eine Fortsetzung des normalen Betriebs in absehbarer Zeit glaubte. Tanzen?, sagte eine Stimme in mir. Hast du den Schuss nicht gehört? Tanzen zur Kapelle auf der Titanic, oder wie? Ja, das Tanzen war mal eine schöne Sache und sinnvolle Beschäftigung, aber das war eine andere Welt. Überleg dir lieber, wie du die Zeiten überleben willst, die jetzt kommen, statt so etwas komplett sinnlos Idiotisches zu machen wie Tanzen zu üben für eine Welt, die es nicht mehr gibt.

Ich erlebe Ähnliches mit diesem Blog selbst. Ich hatte zuletzt so viele Ideen; mein Hauptproblem war mangelnde Zeit, sie umzusetzen. Jetzt habe ich Zweifel, ob irgendeine von diesen Ideen noch relevant ist.

Mein Ausblick ist von einem merkwürdigen Nebeneinander geprägt, das ich auch auf Twitter erlebe: Der eine Tweet ist ein nettes Witzchen oder Katzenvideo, der nächste legt nahe, dass wir am Anfang einer nie dagewesenen Katastrophe stehen. Familien vergnügen sich bei strahlendem Frühlingswetter im Park, die junge Generation leckt an Klobrillen und wünscht der alten den Tod. Das unverbundene Nebeneinander von Normalität und Apokalypse ist surreal. Ich lebe in zwei Welten und weiß nicht, an welche ich glauben soll.

In seiner Novelle »Langoliers« zeichnet Stephen King eine originelle Variation des Zeitreisethemas. Ein Passagierflug rutscht durch einen Riss im Raum-Zeit-Gefüge und landet in einer nahen Vergangenheit, was die verirrten Reisenden erst später verstehen. Sie finden eine menschenleere Welt vor, die farblos und verblasst ist. Speisen und Getränke haben ihren Geschmack verloren, auch Geräusche klingen gedämpft. Schließlich kommen die Langoliers, eine Art Tsunamiwelle aus unzähligen kleinen Monstern, die alles auffressen, die ganze Welt, und nur Leere zurücklassen. Den Helden gelingt es in letzter Minute, auf ihrem ursprünglichen Kurs zurück durch den Zeitschlitz zu fliegen.

Man kann dieser Konzeption zufolge nicht in die Vergangenheit reisen, weil es sie nicht mehr gibt. Es gibt nur das Jetzt, direkt hinter uns verblasst die Welt und die Reste werden vernichtet.

Ich habe in diesen Tagen manchmal das Gefühl, in einer solchen verblassenden Welt zu leben. In einer Wirklichkeit, die zwar noch weitgehend so aussieht, klingt und schmeckt wie die, mit der ich vertraut bin, aber unter der Oberfläche längst eine andere ist. Und ich warte auf die Monster, die diese Attrappenwelt auffressen und die neue Wirklichkeit freilegen, in der wir künftig leben. Sie sind unterwegs und fressen nach Einschätzung des Ifo-Instituts derzeit 25 bis 57 Milliarden Euro pro Woche. 

Der Dilbert-Zeichner, Buchautor und Politkommentator Scott Adams ist ein kluger Kopf. Er gehörte zu den ersten, die den Wahlsieg Trumps vorhergesagt haben, und seine Einschätzungen zum Tagesgeschehen erweisen sich im Rückblick immer wieder als außerordentlich treffsicher. 

Manchmal schaue ich mir seine täglichen Periscope-Übertragungen (»Coffee with Scott Adams«) an, wenn ich aus etwas nicht schlau werde, das mit US-Politik zu tun hat. So zum Beispiel, als nach der Tötung des iranischen Generals Suleimani eine kleine Hysterie ausbrach, weil Leute meinten, dass nun der Dritte Weltkrieg bevorstehe. Adams stellte einige interessante Überlegungen zu den möglichen Hintergründen an und schloss mit der Prognose, dass die Iraner in Kürze einen gesichtwahrenden Gegenschlag führen würden, der den Amerikanern nicht wirklich wehtun würde, und die Sache damit im Wesentlichen erledigt wäre. Und genauso kam es.

Letzte Woche twitterte Adams:

Dies ist sicher nicht der Beginn einer Depression. Es ist kaum als Rezession einzuordnen, weil nichts »kaputt« ist. Sobald wir wieder an die Arbeit gehen, wird die Erholung beeindruckend sein.

Wenn Sie also zu verstehen versuchen, womit wir es hier zu tun haben, würde ich es irgendwo zwischen einem ungeplanten Urlaub für die Wirtschaft und einer Mikro-Rezession einordnen. Mehr Ohrfeige als Beinbruch.

Die nächsten Wochen werden hart. Aber niemand wird hungern. Wir alle werden klüger und die Zivilisation wird stärker sein. Sie werden ewig stolz auf das sein, was im Jahr 2020 passiert ist.

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4 Kommentare

  1. Bezeichnenderweise geht die größte Feindseligkeit gegen »die Wirtschaft« mit dem stärksten Glauben einher, dass man sich immer auf die Versorgung durch sie verlassen können werde.

    Sehr schöner Satz, bringt einiges auf den Punkt. Die Linken verstehen nicht, dass Wohlstand nur durch produktive Arbeit entsteht, und nicht indem man Reichen ihre Fabriken (bzw. Aktien) wegnimmt. Dass die sich »immer weiter öffnende Schere« ein Zeichen allgemeinen Wohlstands ist, dass sie dem immer stärkerem Technisierungsgrad unserer Gesellschaft entspricht. Dass eine rein monetäre Denkweise falsch ist. Dass die reichsten Leute (Gründer von Aldi usw.) für die Versorgung der Niedrigverdienter mit Gütern stehen.

    Was die drohende Wirtschaftskrise betrifft: Man würde es wohl nicht soweit kommen lassen, dass die lebenswichtige Infrastruktur zusammenbricht. Aber ein Problem ist natürlich die hohe Komplexität im System. Man kann drohende Kippprozesse schwer voraussehen, wenn alles mit allem verflochten ist.

    Man muss jetzt kreativ sein, wie man zugleich arbeitet und sich isoliert.

    Mir gefällt der pragmatische Alexander Kekulé viel besser als der zögerliche Christian Drosten. Hier ein Vorschlag von Kekulé, wie man aus dem Lockdown herauskommt:
    https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020–03/coronavirus-quarantaene-lockdown-ausgangssperre-alternative-pandemie-alexander-kekule/komplettansicht

  2. Ein guter und wichtiger Beitrag! Sicher können solche radikalen Lock-Down Maßnahmen nicht allzu lange durchgeführt werden ohne großen wirtschaftlichen Schaden anzurichten. Das wäre fatal und gesellschaftlich nicht tragbar. Dass einerseits Leute gar keine Rücksicht nehmen mit z.T. dummen und gefährlichen Corona Challenges und sich andererseits Leute panisch einbunkern und dabei mal so eben eine komplette Schließung des öffentlichen Lebens mit Ausgangssperren fordern, ist dann doch sehr bedenklich.
    Gerade über die problematischen Folgen solcher Ausgangssperren, auch ganz individuell für die Psyche vieler Menschen, egal ob alt und alleine oder psychisch labil oder als Kleinfamilie in einer kleinen Wohnung – das ist auf lange Sicht nicht tragbar. Daran werden dann viele wiederum erkranken. Das Fernhalten der einen Krankheit führt dann zu neuen Krankheiten oder verstärkt andere bestehende.

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