Der rassistische Antirassismus – Kritik einer Massenhysterie

Update Janu­ar 2021: Inzwi­schen ist eine leicht über­ar­bei­te­te Fas­sung die­ses Bei­trags zusam­men mit neu­en Tex­ten zum The­ma als Buch und E‑Book erschie­nen.

Vie­le von Ihnen wer­den auf das, was ich zu sagen habe, eine nega­ti­ve Reak­ti­on im Bauch ver­spü­ren. Ihnen wird nicht gefal­len, wie es klingt. Ins­be­son­de­re wird Ihnen nicht gefal­len, wie es klingt, wenn es von einem Wei­ßen kommt. Die­ses Gefühl der Ableh­nung, die­ses Gefühl der Empö­rung, die­ses Gefühl des Ekels, die­ses Gefühl von »Sam, was zum Teu­fel ist dein Pro­blem? War­um redest du über­haupt über das The­ma?« – die­ses Gefühl ist kein Argu­ment. Es ist kei­ne Basis, oder soll­te kei­ne sein, um irgend­ei­ne Aus­sa­ge über die Welt für wahr oder falsch zu hal­ten. Ihre Fähig­keit, empört zu sein, ist nichts, was ich oder sonst jemand respek­tie­ren müss­te. Ihre Fähig­keit, empört zu sein, ist nicht ein­mal etwas, das Sie respek­tie­ren soll­ten. Tat­säch­lich ist sie etwas, wovor Sie auf der Hut sein soll­ten, viel­leicht mehr als vor jeder ande­ren Eigen­schaft Ihres Geistes. 

Sam Har­ris

Wir sehen zur Zeit wie­der »zwei Fil­me auf einer Lein­wand« (Scott Adams). Ver­schie­de­ne Tei­le der Gesell­schaft star­ren auf die­sel­ben Ereig­nis­se und sehen völ­lig unter­schied­li­che Din­ge, und das glas­klar. Vie­len ist die Sicht­wei­se der ande­ren nicht nur unver­ständ­lich, son­dern unerträglich.

Die viel­leicht bes­te Ver­an­schau­li­chung dafür sind die ver­schie­de­nen Bedeu­tun­gen, die ein Satz wie »all lives mat­ter« oder gar »white lives mat­ter« anneh­men kann. Für die einen sind das Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten eines ega­li­tä­ren Huma­nis­mus, für die ande­ren ras­sis­ti­sche Kampfparolen.

Die­ser unchrist­lich lan­ge Bei­trag ist ein Ver­such, den all­ge­mei­nen Auf­ruhr nach dem Tod von Geor­ge Floyd zu inter­pre­tie­ren und in die kul­tu­rel­le Land­schaft der Gegen­wart ein­zu­ord­nen. Er glie­dert sich grob in drei Haupt­tei­le und ‑the­sen:

1.) Das Aus­blei­ben der Gegen­pro­be – Anti­ras­sis­mus als Religion

In den Mas­sen­pro­tes­ten und der media­len Begleit­mu­sik drückt sich ein reli­giö­ses Bedürf­nis aus. Dies macht den Betei­lig­ten ratio­na­le Recher­che und Refle­xi­on weit­ge­hend unmög­lich. Statt­des­sen bestimmt reli­giö­ser Furor das Bild. Das zugrun­de­lie­gen­de reli­giö­se Bedürf­nis muss man als tie­fer­lie­gen­des gesell­schaft­li­ches Pro­blem ernstnehmen. 

2.) Im Schat­ten guter Absichten

In den Mas­sen­pro­tes­ten und der media­len Begleit­mu­sik gehen destruk­ti­ve Bestre­bun­gen eine Ver­bin­dung mit guten Absich­ten ein. Ein­zel­ne Teil­neh­mer­grup­pen sind mehr von den einen, ande­re mehr von den ande­ren beseelt, und die destruk­ti­ven kön­nen leicht mit den guten Absich­ten ver­klei­det und ver­wech­selt wer­den. Auf­grund der reli­giö­sen Auf­la­dung des The­mas sind die Mas­sen­me­di­en wei­test­ge­hend unfä­hig oder nicht wil­lens, sich die­sem Pro­blem zu stellen.

3.) Wie der post­mo­der­ne Anti­ras­sis­mus spal­tet und Ras­sis­mus fördert

Soweit der ton­an­ge­ben­de Anti­ras­sis­mus post­mo­der­nis­tisch ver­fasst ist (»Cri­ti­cal Race Theo­ry«), redu­ziert er Ras­sis­mus und eth­nisch-kul­tu­rel­le Kon­flik­te nicht, son­dern ver­mehrt sie, indem er 1. eine wesens­mä­ßi­ge und bis auf Wei­te­res unüber­brück­ba­re Ver­schie­den­heit und Tren­nung zwi­schen Wei­ßen und Nicht­wei­ßen pos­tu­liert (wor­an es prak­tisch nichts ändert, dass er die­se als »sozi­al kon­stru­iert« aus­gibt), 2. Wei­ße pau­schal ver­ur­teilt und anfein­det, was selbst ras­sis­tisch ist und Trotz her­vor­ru­fen muss, umso mehr, da er zugleich expli­zit anstrebt, dass die Wei­ßen sich ihres Weiß­seins stär­ker bewusst wer­den, und 3. Nicht­wei­ße ten­den­zi­ell ent­mün­digt, indem er sie als den Wei­ßen unter­le­gen und ihrer Für­sor­ge bedürf­tig cha­rak­te­ri­siert. Zugrun­de liegt dem eine aggres­si­ve poli­ti­schen Vari­an­te des Post­mo­der­nis­mus, die den radi­ka­len Zwei­fel der Vor­vä­ter ins Gegen­teil ver­kehrt hat: sek­tie­re­ri­sche Gewiss­heit über die Rich­tig­keit des eige­nen Weltbildes.

1.) Das Ausbleiben der Gegenprobe – Antirassismus als Religion 

War­um haben Wei­ße die­ses drin­gen­de Bedürf­nis, zu mor­den? Ich ver­ste­he nicht, war­um so weni­ge Jour­na­lis­ten die­se Fra­gen stel­len. Wir lau­fen sofort zu schwar­zen Men­schen, wenn sie getö­tet wer­den, und wir haben so lan­ge mit­an­ge­se­hen, wie sie getö­tet wer­den, und die PTBS [post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung] davon ist unglaub­lich. Man­che zicken immer noch wegen 9/11 her­um. Unglaub­lich! Ein ein­zi­ger Ter­ror­an­schlag! Hier geht es um 462 Jah­re Ter­ror! Und ihr lauft her­um und fragt »was wollt ihr denn machen? was wollt ihr denn machen?«. Hof­fent­lich auf­hö­ren zu ster­ben, Schritt eins. Reha­bi­li­tie­ren, Schritt zwei. Gele­gen­heit haben, uns in unse­ren eige­nen Köp­fen zu refor­mie­ren und unse­re Wahr­neh­mung zu ver­än­dern, Schritt drei. Dann ent­ste­hen Kon­ver­sa­tio­nen ganz natürlich.

Dies sind die Wor­te einer jun­gen, schwar­zen Frau aus der Pro­test­be­we­gung, kürz­lich geäu­ßert nahe der zuerst »CHAZ« und spä­ter »CHOP« genann­ten besetz­ten Zone in Seat­tle (Video). Ihre Dra­ma­tik und Per­spek­ti­ve haben mich an einen Face­book-Bei­trag erin­nert, den es neu­lich über ein paar Ecken in mei­ne Krei­se gespült hat­te. Der Ver­fas­ser ist Tanz­leh­rer im US-Bun­des­staat Ohio. Über­set­zung unter dem Screenshot.

Sie lyn­chen uns, ganz offen. Wie­der ein­mal. Was wollt ihr noch von uns?

Ihr ent­führt Men­schen aus ihrer Hei­mat. Ihren Hei­mat­län­dern. Schlagt sie. Peitscht sie. Fol­tert sie. Ver­ge­wal­tigt sie. Lasst sie sich zu Tode arbei­ten, buch­stäb­lich. Ihr miss­han­delt sie, weil ihr sie nicht für Men­schen hal­tet. Das zieht ihr für Jahr­hun­der­te durch. JAHRHUNDERTE! Eini­ge von euch sind bereit, sich gegen­sei­tig zu töten, damit das wei­ter­ge­hen kann. Ein Krieg geht vor­bei und das Sys­tem wan­delt sich und ihr ver­bringt die nächs­ten hun­dert Jah­re damit, sie wil­lent­lich zu ermor­den, zu ver­ge­wal­ti­gen und zu lyn­chen. Ihr ver­langt von ihnen, in euren Krie­gen zu kämp­fen, macht ihnen fal­sche Ver­spre­chun­gen, die ihr regel­mä­ßig wie­der zurück­zieht. Ihr besei­tigt ihre Anfüh­rer durch Atten­ta­te, lasst zu, dass sie will­kür­lich ermor­det wer­den, ver­ur­teilt sie zu Unrecht, ermor­det sie. Ihr ermor­det sie. Ihr hört nicht auf, sie zu ermor­den. Dann, für die nächs­ten fünf­zig Jah­re, ver­wei­gern eure Ban­ken ihnen die Mög­lich­keit, ein Haus zu besit­zen oder eine Fir­ma zu grün­den, eure Städ­te gren­zen sie in die ärms­ten Nach­bar­schaf­ten aus, ihr lei­tet Dro­gen in die­se Gemein­den und ruft gleich­zei­tig einen »Krieg gegen die Dro­gen« aus, was zu einer über­pro­por­tio­na­len Inhaf­tie­rungs­ra­te unter ihnen führt und gan­zen Genera­tio­nen von Kin­dern ihre Väter ver­wei­gert. Übri­gens ermor­det ihr sie immer noch. Ihr ermor­det sie. Ihr hört nicht auf, sie zu ermorden.

Nach­dem ihr uns jahr­hun­der­te­lang unse­res kul­tu­rel­len Erbes beraubt habt, der Fähig­keit beraubt habt, Wohl­stand zu erwer­ben, des glei­chen Zugangs zu Bil­dung und unse­rer ele­men­ta­ren Men­schen­wür­de, besitzt ihr die Dreis­tig­keit, zu behaup­ten, dass unse­re Wut nicht gerecht­fer­tigt sei? Ihr wollt, dass ich mei­ne berech­tig­te Empö­rung unter freund­li­chen Gefüh­len ver­ber­ge? Ihr regt euch über ein paar Sta­tu­en auf? Als ob WIR die­je­ni­gen wären, die seit JAHRHUNDERTEN mit der Aus­lö­schung eines Kul­tur­er­bes beschäf­tigt wären!

Euer Han­deln ist laut. Euer Schwei­gen ist laut. Es schreit Kom­pli­zen­schaft mit unse­rer Ermor­dung. Ihr ermor­det uns. Ihr ermor­det uns. Ihr ermor­det uns.

Täuscht euch nicht. Es gibt kei­nen Mit­tel­weg. Ihr seid ent­we­der Teil der Lösung oder tragt zum Pro­blem bei. Nur weil die Nach­rich­ten bald wie­der die nächs­te Sau durchs Dorf trei­ben, wer­den schwar­ze Stim­men nicht schweigen!

Ein ähn­lich dra­ma­ti­sches Bild spie­gelt sich indi­rekt in der Rede eines New Yor­ker Poli­zei­ge­werk­schaf­ters von Anfang Juni.

Ich habe die gan­ze Woche in der Zei­tung gele­sen (…), dass Müt­ter in der schwar­zen Com­mu­ni­ty Angst haben, dass ihre Kin­der auf dem Schul­weg von einem Poli­zis­ten getö­tet wer­den. In wel­cher Welt leben wir? Das pas­siert nicht. Das pas­siert nicht.

Vor dem Hin­ter­grund einer sol­chen Wahr­neh­mung der Situa­ti­on wird vie­les ver­ständ­lich. Die Wut, die Panik, die Dring­lich­keit der For­de­rung nach dras­ti­schen poli­ti­schen Schrit­ten, auch Gewalt, die unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen als Not­wehr erscheint. Es wird ver­ständ­lich, dass und war­um man­che ein »all lives mat­ter« als zynisch und ras­sis­tisch ansehen. 

Wenn man glaubt, dass Wei­ße in der Kon­ti­nui­tät von 462 Jah­ren bru­ta­ler Unter­drü­ckung und Ent­mensch­li­chung wei­ter­hin will­kür­lich Schwar­ze ermor­den, regel­mä­ßig, rou­ti­ne­mä­ßig, offen und ohne nen­nens­wer­ten Wider­spruch, und eine Pro­test­be­we­gung nun »black lives mat­ter!« pro­kla­miert, dann erscheint es in der Tat zynisch und ras­sis­tisch, »all lives mat­ter« dage­gen­zu­stel­len. Wel­che Moti­va­ti­on könn­te jemand haben, denen die Auf­merk­sam­keit zu ver­wei­gern, die in Not sind, und sie auf die zu len­ken, die nicht in Not und sogar für die Not der ande­ren ver­ant­wort­lich sind? Dahin­ter kön­nen nur bös­ar­ti­ge Moti­ve stehen.

Was in den ers­ten bei­den Zita­ten über die Geschich­te gesagt wird, ist in gro­ben Zügen alles rich­tig. Und man spürt die Ver­zweif­lung, die aus dem Gefühl her­rührt, nicht gehört zu wer­den. War­um ver­steht ihr unse­re Not und unse­re Wut nicht, wenn das die Situa­ti­on ist, in der wir hier leben? Wie schlimm muss es erst wer­den, damit ihr mal zuhört?

Doch bei aller his­to­ri­schen Wahr­heit, die sie ent­hal­ten mögen, zeich­nen die Zita­te ein Hor­ror­sze­na­rio, das nicht der Wirk­lich­keit ent­spricht. Es gibt kein Bedürf­nis der Wei­ßen, Schwar­ze zu ermor­den, kei­ne Lynch­jus­tiz und kei­ne auf dem Schul­weg getö­te­ten schwar­zen Kin­der. Es ist nicht wahr. Zum Glück.

Impli­zit gehen die bei­den State­ments und die besorg­ten Müt­ter davon aus, dass es einen sta­tis­ti­schen Trend oder ein sta­tis­ti­sches Ungleich­ge­wicht bei Tötungs­de­lik­ten gebe, so dass Wei­ße in auf­fäl­lig hoher Zahl und über­pro­por­tio­nal Schwar­ze töte­ten, oder dass sol­che Taten an Zahl zuge­nom­men hätten.

Aber es gibt kei­ne sol­chen sta­tis­ti­schen Trends oder Ungleich­ge­wich­te. Es gibt aller­dings den Trend, dass Tötun­gen Schwar­zer durch Wei­ße skan­da­li­siert wer­den, wäh­rend Tötungs­de­lik­te in ande­ren eth­ni­schen Kon­stel­la­tio­nen in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung Hin­ter­grund­rau­schen bleiben. 

Ein weißer George Floyd

Im August 2016 ruft der 32-jäh­ri­ge wei­ße US-Ame­ri­ka­ner Tony Tim­pa in Dal­las die Poli­zei. Er gibt an, unter Schi­zo­phre­nie und Depres­si­on zu lei­den und sei­ne Medi­ka­men­te nicht genom­men zu haben. Als die Poli­zis­ten ein­tref­fen, ver­hält er sich ihnen gegen­über laut Poli­zei­be­richt aggress­siv. Der genaue Ablauf ist unklar. Das öffent­lich gewor­de­ne Body­cam-Video der Poli­zei beginnt erst, als er schon in Hand­schel­len am Boden liegt.

Die Poli­zis­ten fixie­ren Tim­pa in einer auf dem Bauch lie­gen­den Posi­ti­on, indem sie auf sei­nem Rücken knien. Er pro­tes­tiert, ruft unter ande­rem »ihr bringt mich um!«. Schließ­lich wird er still und regt sich nicht mehr. Die Poli­zis­ten lachen und scher­zen, ob er wohl ein­ge­schla­fen oder tot sei.

Er war tot, laut Obduk­ti­on gestor­ben am Stress der Situa­ti­on in Kom­bi­na­ti­on mit dem Koka­in, das er kurz zuvor kon­su­miert hat­te. Ein zwi­schen­zeit­lich eröff­ne­tes Ver­fah­ren gegen die Poli­zis­ten wur­de ein­ge­stellt. Das Video gelang­te erst nach lan­gem recht­li­chem Gezer­re an die Öffent­lich­keit. Es ist im Wesent­li­chen nur Tim­pas Fami­lie, die auf eine Auf­ar­bei­tung drängt. Die Mut­ter klagt über Alb­träu­me von sei­nen Todesschreien.

Wie hät­te die Medi­en­öf­fent­lich­keit es inter­pre­tiert, wenn die Poli­zis­ten im Fall Geor­ge Floyd noch gegrinst und gelacht hät­ten, wäh­rend der Mann starb? 

Wie hät­te man auf Stim­men reagiert, die gesagt hät­ten, dass dahin­ter nicht unbe­dingt Ras­sis­mus ste­hen müsse?

Die Macht der Bilder

Der Lin­gu­is­tik-Pro­fes­sor John McW­hor­ter befasst sich seit rund 20 Jah­ren mit Ras­sis­mus in den USA. Er ist mit Büchern, Arti­keln und Vor­trä­gen in der Debat­te prä­sent. Er leug­net oder ver­harm­lost Ras­sis­mus nicht, sieht aber auch die Fort­schrit­te der letz­ten Jahr­zehn­te. Auf die Fra­ge, ob er glau­be, dass sei­ne Töch­ter Ras­sis­mus erle­ben wer­den, sagt er: Ja, sicher­lich, dann und wann. Aber bei Wei­tem nicht so viel, dass das ihr Leben oder ihre Iden­ti­tät bestim­men müss­te (Video). Sei­ner Mei­nung nach scha­det die heu­te vor­herr­schen­de Form von Anti­ras­sis­mus den Schwar­zen mehr als der noch vor­han­de­ne Ras­sis­mus selbst.

In einem kur­zen Vor­trag von 2018 (Video) zählt McW­hor­ter eini­ge Paa­run­gen von Fäl­len von Poli­zei­ge­walt auf, in denen jeweils einer schwar­zen und einer wei­ßen Per­son etwa die glei­che Behand­lung wider­fah­ren ist, wobei immer nur die schwar­zen Opfer skan­da­li­siert wur­den. »Ich könn­te das noch 20 Minu­ten fort­set­zen«, sagt er.

Im oben ver­link­ten Inter­view von 2019 (!) stellt er die Beob­ach­tung an, dass sich in den letz­ten Jah­ren eine Art Beses­sen­heit vie­ler Schwar­zer von dem Bild wei­ßer Poli­zei­ge­walt gegen Schwar­ze aus­ge­prägt habe. Er führt das auf den Auf­stieg der sozia­len Medi­en seit etwa 2010 zurück, wo sich in einer Fre­quenz Bil­der ver­brei­ten und Empö­run­gen hoch­schau­keln wie nie zuvor und nir­gends sonst.

Eine Kette von Kurzschlüssen

Dass sich mit Blick auf einen Fall von exzes­si­ver Poli­zei­ge­walt ande­re, ähn­li­che Fäl­le fin­den las­sen, wür­de man bei ratio­na­lem Nach­den­ken in einer 330 Mil­lio­nen Men­schen star­ken Gesell­schaft erwar­ten. Manch­mal müs­sen Poli­zis­ten Gewalt anwen­den, um eine Situa­ti­on unter Kon­trol­le zu bekom­men. Es wäre ein Wun­der, wenn es dabei nie zu Feh­lern und Exzes­sen käme.

Natür­lich müs­sen die­se auf­ge­ar­bei­tet und gege­be­nen­falls ange­mes­sen bestraft wer­den, und natür­lich muss man auch über Mög­lich­kei­ten nach­den­ken, sie von vorn­her­ein zu ver­hin­dern. Es bleibt jedoch dabei, dass die Poli­zei bereit und befugt sein muss, Gewalt anzu­wen­den, und dass es unmög­lich sein wird, das Risi­ko von Feh­lern und Exzes­sen auf null zu reduzieren.

Man braucht kei­nen ‑ismus, um Feh­ler und Exzes­se der Poli­zei zu erklä­ren. Schon gar nicht ist ein ein­zel­ner erschre­cken­der Fall ein Beweis für einen gesell­schafts­wei­ten ‑ismus. Auch zehn oder hun­dert Fäl­le sind es in einem Land mit 308 Mil­lio­nen Ein­woh­nern nicht. Die Tat­sa­che, dass manch­mal wei­ße Poli­zis­ten einen Schwar­zen töten, könn­te nur dann ein Beleg für Ras­sis­mus sein, wenn wei­ße Poli­zis­ten signi­fi­kant sel­te­ner einen Wei­ßen töte­ten. Das wäre die not­wen­di­ge, aber nicht hin­rei­chen­de Bedin­gung, denn es könn­te noch ande­re Erklä­run­gen dafür geben als Rassismus.

Ver­mut­lich ist den meis­ten Men­schen die­se not­wen­di­ge Bedin­gung sogar vage bewusst. Doch da nie­mand fragt oder wider­spricht, ein­schließ­lich der Medi­en, von denen man irr­tüm­lich annimmt, dass sie der­glei­chen nach­prü­fen, geht man davon aus, dass das alles schon sei­ne Rich­tig­keit haben werde.

Das Aus­blei­ben der Gegen­pro­be, der Ver­zicht auf die Erhe­bung der not­wen­di­gen Ver­gleichs­grö­ße zeigt, dass wir es hier weni­ger mit einem Gefü­ge aus Daten, Evi­denz und Schluss­fol­ge­run­gen zu tun haben als mit einem Glau­bens­sys­tem. Von außer­halb des Glau­bens­sys­tems betrach­tet ist es atem­be­rau­bend, mit wel­cher Ket­te von Kurz­schlüs­sen die gesam­te Medi­en­öf­fent­lich­keit agiert: Wei­ßer Poli­zist tötet schwar­zen Tat­ver­däch­ti­gen → das muss Ras­sis­mus sein die gan­ze Poli­zei muss ras­sis­tisch sein das gan­ze Land muss ras­sis­tisch sein. Deut­sche set­zen die Ket­te von Kurz­schlüs­sen bei sich zu Hau­se ger­ne fort.

Jetzt wird man ein­wen­den: Nun, das war ja nicht die Stun­de Null der Geschich­te, wir wuss­ten ja schon vor­her um den sys­te­mi­schen Ras­sis­mus. Rich­tig: Das Glau­bens­sys­tem bestand schon vor­her, und des­we­gen wur­de der Fall Geor­ge Floyd so inter­pre­tiert, wie er inter­pre­tiert wurde.

Welche schwarzen Leben zählen

Was sagen also die Zah­len? Begin­nen wir mit einer Gra­fik, die schon län­ger im Inter­net kursiert.

Die Zah­len und Grö­ßen­ver­hält­nis­se stim­men.

Die Zah­len sind hier auf die Antei­le der Mör­der (Mord beinhal­tet Tot­schlag) an der wei­ßen und schwar­zen Gesamt­be­völ­ke­rung der USA her­un­ter­ge­bro­chen. Das bedeu­tet für je ein Jahr:

  • Von 1 Mil­li­on Schwar­zen töten 11,3 einen Weißen
  • Von 1 Mil­li­on Wei­ßen tötet knapp einer einen Schwarzen
  • von 1 Mil­li­on Wei­ßen töten 10,8 einen Weißen
  • Von 1 Mil­li­on Schwar­zen töten knapp 57 einen Schwarzen.

Hier lässt sich kaum ein beson­de­res Bedürf­nis der Wei­ßen her­aus­le­sen, Schwar­ze zu ermor­den, wie es ein­gangs pos­tu­liert wur­de. Gleich­zei­tig erin­nern die Zah­len dar­an, dass Mord gene­rell sehr sel­ten vor­kommt – wie­der­um: zum Glück! -, was man in der Auf­re­gung eines Skan­dals leicht vergisst.

In abso­lu­ten Zah­len und aus Opfer­per­spek­ti­ve stellt es sich so dar:

  • 2018 wur­den 3315 Wei­ße ermor­det. Von den Tätern waren 2677 weiß und 514 schwarz.
  • 2018 wur­den 2925 Schwar­ze ermor­det. Von den Tätern waren 234 weiß und 2600 schwarz.

War­um fokus­siert sich Black Lives Mat­ter auf Wei­ße, wäh­rend die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der schwar­zen Opfer von Mord und Tot­schlag nicht von wei­ßer Hand ster­ben?  War­um wer­den die­se Toten Tag für Tag igno­riert? Wider­spricht das nicht direkt der Behaup­tung, es gehe dar­um, dass jedes schwar­ze Leben zählt?

Nestri­de Yum­ga wirft Black Lives Mat­ter des­halb Heu­che­lei vor – und Rassismus:

Tödliche Polizeigewalt

Doch es ging um Poli­zei­ge­walt, nicht Mord und Tot­schlag gene­rell. Wie ver­hält es sich da?

2016 behan­del­te ein Bei­trag der Fak­ten­check­sei­te »Snopes« die im Netz kur­sie­ren­de Behaup­tung, dass US-Poli­zis­ten mehr Wei­ße als Schwar­ze töte­ten. Snopes’ Urteil: Ja, das stim­me, aber nur in abso­lu­ten Zah­len. Abso­lu­te Zah­len zu ver­wen­den sei hier aber unred­lich, weil die Wei­ßen einen weit­aus grö­ße­ren Teil der Gesamt­be­völ­ke­rung bil­den. Her­un­ter­ge­bro­chen auf die Bevöl­ke­rungs­an­tei­le von Wei­ßen und Schwar­zen wür­den Schwar­ze klar über­pro­por­tio­nal von der Poli­zei getö­tet. Das Risi­ko eines Schwar­zen, von der Poli­zei getö­tet zu wer­den, sei etwa 2,5 bis 2,7 mal so hoch wie das eines Weißen.

Auch das stimmt, doch Snopes ersetzt eine fal­sche Ver­gleichs­ba­sis durch eine ande­re fal­sche Ver­gleichs­ba­sis. Es geht nicht um Bevöl­ke­rungs­an­tei­le, denn die Poli­zei erschießt nicht wahl­los Pas­san­ten. Snopes hat recht damit, dass die Anga­be, die Poli­zei töte »mehr Wei­ße«, nichts aus­sagt. Wenn man aber seri­ös prü­fen woll­te, ob die Poli­zei gegen Schwar­ze vor­ein­ge­nom­men ist, müss­te man gleich­ar­ti­ge Situa­tio­nen ver­glei­chen, in denen Poli­zis­ten auf Tat­ver­däch­ti­ge (oder Pas­san­ten) tref­fen. Wenn Poli­zis­ten in gleich­ar­ti­gen Situa­tio­nen mehr Schwar­ze töte­ten, wäre das ein Beweis für oder zumin­dest star­ker Hin­weis auf Rassismus.

Auf einen sol­chen sys­te­ma­ti­schen Ver­gleich gleich­ar­ti­ger Situa­tio­nen könn­te man even­tu­ell dann ver­zich­ten, wenn Schwar­ze und Wei­ße jeweils die Hälf­te der Bevöl­ke­rung stell­ten und in glei­chem Umfang Straf­ta­ten begin­gen. Dann könn­te man sagen, töd­li­che Poli­zei­über­grif­fe müss­ten nach dem Zufalls­prin­zip in etwa glei­cher Häu­fig­keit Wei­ße und Schwar­ze treffen.

Aber die­ses Sze­na­rio hat nichts mit der Wirk­lich­keit zu tun. Schwar­ze machen in den USA rund 13 Pro­zent der Bevöl­ke­rung aus, sind aber je nach Daten­ba­sis für um die 40 bis 50 Pro­zent der Mor­de und ande­rer Gewalt­ver­bre­chen ver­ant­wort­lich. Hier ist ein aus­führ­li­cher Fak­ten­check mit Quel­len des bri­ti­schen Chan­nel 4 zu die­sem The­ma.

Das heißt, Poli­zis­ten haben es zwangs­läu­fig öfter mit schwar­zen Tat­ver­däch­ti­gen zu tun, als es der Fall wäre, wenn Kri­mi­na­li­tät zufalls­ver­teilt wäre. Der sta­tis­tisch 2,7‑fach grö­ße­ren Gefahr für Schwar­ze, von der Poli­zei getö­tet zu wer­den, steht gegen­über, dass Schwar­ze um ein Viel­fa­ches häu­fi­ger Mord oder Tot­schlag bege­hen als Wei­ße (7‑mal so häu­fig im Jahr 2008, PDF, Sei­te 11).

Und wie sehen die abso­lu­ten Zah­len aus? Die ein­schlä­gi­ge Daten­bank Fatal Encoun­ters, auf die sich auch Snopes oben stützt, zählt 1.795 Per­so­nen, die 2019 von der Poli­zei getö­tet wur­den, dar­un­ter 440 Schwar­ze. Das ist grob einer von 100.000 Schwar­zen. Die Rate und Gefahr ist höher, wenn man kri­mi­nell und bewaff­net ist, und geht sonst gegen null. Die gro­ße Mehr­heit der von der Poli­zei getö­te­ten Per­so­nen ist bewaff­net.

Dass also die Poli­zei rela­tiv zu den Gesamt­po­pu­la­tio­nen von Schwar­zen und Wei­ßen mehr Schwar­ze tötet, wäh­rend zugleich weit­aus mehr Schwar­ze kri­mi­nell sind, zeigt kein ras­sis­ti­sches Han­deln der Poli­zei – auch wenn schein­bar seriö­se Stu­di­en so tun, als wäre das der Fall, indem sie Getö­te­te rela­tiv zur Gesamt­be­völ­ke­rung zäh­len und damit unter­stel­len, Kri­mi­na­li­tät sei zufallsverteilt.

Nun liegt der Ein­wand nahe, dass die Schwar­zen doch aber nur auf­grund ihrer sozia­len Benach­tei­li­gung häu­fi­ger Straf­tä­ter sei­en, und die zei­ge doch den »struk­tu­rel­len« oder »sys­te­mi­schen Ras­sis­mus«. Aber das ist eine ganz ande­re The­se als die ursprüng­li­che, dass die Poli­zei aus ras­sis­ti­schen Moti­ven über­pro­por­tio­nal Gewalt gegen Schwar­ze anwen­de. Wenn Armut das Pro­blem ist, ist die Poli­zei der fal­sche Ansprech­part­ner. Doch nicht nur das: Wenn die über­wäl­ti­gen­de Zahl der schwar­zen Gewalt­op­fer durch Kri­mi­na­li­tät inner­halb der schwar­zen Wohn­vier­tel umkommt, bräuch­te es dann nicht eher mehr Poli­zei als weni­ger, um schwar­ze Leben zu ret­ten? Statt­des­sen »Defund the Poli­ce«? Zäh­len schwar­ze Leben nun oder nicht?

Nach­dem es im Jahr 2014 hef­ti­ge Pro­tes­te auf­grund der Erschie­ßung des schwar­zen Micha­el Brown durch einen wei­ßen Poli­zis­ten in Fer­gu­son, Bal­ti­more gege­ben hat­te, haben For­scher einen Effekt beob­ach­tet, der inzwi­schen als Fer­gu­son-Effekt bekannt ist: Poli­zis­ten zie­hen sich zurück. Sie kon­trol­lie­ren weni­ger und sehen eher weg, wenn sie ver­däch­ti­ge Akti­vi­tä­ten beob­ach­ten. Nach­voll­zieh­bar, wenn man in Gefah­ren­si­tua­tio­nen dem zusätz­li­chen Risi­ko aus­ge­setzt ist, vor den Augen der Nati­on zum Ras­sis­ten gestem­pelt zu wer­den und die nächs­ten Unru­hen mit wei­te­ren Todes­op­fern aus­zu­lö­sen. Logi­sche Fol­ge die­ser Zurück­hal­tung: mehr Kriminalität.

Intuitive Theologie

Wir nei­gen dazu, hei­li­ge Objek­te zu iden­ti­fi­zie­ren, etwa einen Fel­sen oder einen Baum, bei tra­di­tio­nel­len Reli­gio­nen viel­leicht eine Per­son oder einen Fluss; etwas ist uns hei­lig. Dann umkrei­sen wir das hei­li­ge Objekt, beten es an, brin­gen ihm Opfer dar. So haben Reli­gio­nen immer funk­tio­niert. Wäh­rend die for­ma­len Reli­gio­nen auf dem Rück­zug sind, haben wir nun die­se neu­en mora­lis­ti­schen Reli­gio­nen. Zum Bei­spiel der Kampf gegen Ras­sis­mus. Ein sehr guter Zweck. Aber wenn der Kampf gegen Ras­sis­mus zum Mit­tel­punkt eines reli­giö­sen Kults wird, ent­steht die­se extre­me Poli­tik. Und das sind die Uni­ver­si­tä­ten seit Jahr­zehn­ten. Sie sind im wesent­li­chen Kul­te um den Kampf gegen Rassismus.

Dies stell­te der berühm­te Sozi­al­psy­cho­lo­ge Jona­than Haidt 2016 in einem Inter­view fest. Haidt ist vor allem bekannt für sei­ne Psy­cho­lo­gie der Moral und sein Enga­ge­ment gegen die Ver­fasst­heit der US-Uni­ver­si­tä­ten als lin­ke Echo­kam­mern. Sein neus­tes Buch The Coddling of the Ame­ri­can Mind, zusam­men mit Greg Lukian­off ver­fasst, han­delt von den ver­hee­ren­den psy­cho­lo­gi­schen und sozia­len Fol­gen der Safe-Space-Kultur.

In einem der ers­ten Bei­trä­ge hier habe ich die Theo­rie hin­ter obi­gem Zitat etwas wei­ter aus­ge­führt. Dem­zu­fol­ge sind Reli­gio­nen Mit­tel zur Bin­dung und Orga­ni­sa­ti­on mensch­li­cher Grup­pen. Sie eta­blie­ren ein Sche­ma von Wer­ten und Nor­men, an dem sich Men­schen gemein­sam ori­en­tie­ren kön­nen. Dies trägt wesent­lich dazu bei, ihr hoch­gra­dig koope­ra­ti­ves Zusam­men­le­ben zu ermög­li­chen. Sie arran­gie­ren Wer­te und Ver­hal­ten um ein gemein­sa­mes hei­li­ges Zen­trum her­um. Jeder Ein­zel­ne hat den Anreiz, die­se Wer­te zu ver­in­ner­li­chen, weil sei­ne Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit davon abhängt. Wer die Wer­te ver­letzt, sinkt in der Hier­ar­chie ab und wird im Extrem­fall aus­ge­sto­ßen; wer sie vor­bild­lich ver­kör­pert, erfährt Hoch­ach­tung und steigt auf. Das ist das Motiv hin­ter dem bekann­ten »Vir­tue Signa­ling«. Man signa­li­siert, dass man legi­ti­mer Teil der Grup­pe ist oder sein möch­te und dass man sich an den ent­spre­chen­den hei­li­gen Wer­ten aus­ge­rich­tet hat.

Dies ist für Haidt die Erklä­rung für die merk­wür­di­gen Ver­zer­run­gen der Wahr­neh­mung und des Den­kens, die wir immer wie­der bei Mit­glie­dern von Glau­bens­ge­mein­schaf­ten beob­ach­ten, denen wir selbst nicht ange­hö­ren. »Moral bin­det und blen­det« ist eine der For­meln, die er dafür benutzt. Gläu­bi­ge arran­gie­ren ihr Welt­bild um hei­li­ge Wer­te her­um, oder anders aus­ge­drückt, um eine ver­ti­ka­le Ach­se mit den hei­li­gen Wer­ten am obe­ren Ende (Gott/Himmel – oder »Gleich­heit«, ver­kör­pert im Opfer) und ihrer Ver­nei­nung am unte­ren (Teufel/Hölle – oder »Ras­sis­mus«, ver­kör­pert im »Nazi« oder »Faschis­ten«).

Hier kommt das Blen­den ins Spiel. Die Wahr­neh­mung der Gläu­bi­gen blen­det alles aus, was sich nicht in die­ses Sche­ma ein­fügt, zum Bei­spiel Argu­men­te, Fak­ten und Sta­tis­ti­ken, die das sau­be­re Gut-Böse-Sche­ma in ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild ver­wan­deln und damit rela­ti­vie­ren wür­den. Dies ist ent­schei­dend: Hei­li­ge Wer­te gel­ten abso­lut. Sie las­sen kei­ne Abwä­gung ver­schie­de­ner Stand­punk­te oder Kos­ten-Nut­zen-Rech­nun­gen zu. Sie zwin­gen uns ein Den­ken auf, in dem es nur Gut und Böse, Rich­tig und Falsch, Freund und Feind gibt. So wer­den Außen­ste­hen­de schon bei klei­nen Ver­let­zun­gen der hei­li­gen Wer­te zum »Nazi«.

Haidt ver­wen­det für die­sen Ver­zer­rungs­ef­fekt die Meta­pher eines Elek­tro­ma­gne­ten, der anspringt, wenn etwas die hei­li­gen Wer­te bedroht, und so die Eisen­spä­ne (die Gläu­bi­gen mit ihren Wahr­neh­mun­gen und Gedan­ken) in ihrer kor­rek­ten Posi­ti­on an den Feld­li­ni­en ent­lang aus­rich­tet und fest­hält. Statt Evi­denz und Argu­men­te zu wür­di­gen, ver­tei­di­gen wir wie hei­li­ge Krie­ger unse­ren Glau­ben – immer mit dem Bauch­ge­fühl, abso­lut im Recht zu sein, ob mit Argu­men­ten oder ohne. In die­sem Modus agie­ren wir als »intui­ti­ve Theologen«.

Auch John McW­hor­ter ist für sei­ne Ansicht bekannt, dass der Anti­ras­sis­mus zu einer Reli­gi­on gewor­den ist. Aus dem oben erwähn­ten Vortrag:

Zum Bei­spiel die Vor­stel­lung, dass eine ver­ant­wor­tungs­vol­le wei­ße Per­son sich zu ihrem »wei­ßen Pri­vi­leg« beken­nen und ein­se­hen soll, dass sie es nie los­wer­den kann, und sich dafür ewig schul­dig füh­len soll – das ist die Erb­sün­de. Die Idee, dass ein Tag kom­men wer­de, an dem Ame­ri­ka sei­nen Frie­den mit »Ras­se« macht [»comes to terms with race«], oder kom­men könn­te – was soll das über­haupt bedeu­ten? Was heißt »come to terms«? Wor­aus besteht das? Wer wür­de das machen, wel­ches wären die »terms«, zu wel­chem Zeit­punkt soll das pas­sie­ren? Es wird nur des­halb gesagt, weil es mit unse­rer Vor­stel­lung vom Tag des jüngs­ten Gerichts kor­re­spon­diert, und es ist genau­so abstrakt.

Wenn wir das Wort »pro­ble­ma­tisch« ver­wen­den, beson­ders seit unge­fähr 2008 oder 2009, mei­nen wir eigent­lich »blas­phe­misch«. Es ist wirk­lich genau der glei­che Begriff.
Oder die Unter­drü­ckung des Zwei­fels, die cha­rak­te­ris­tisch für reli­giö­sen Glau­ben ist. Man geht in gewis­sem Umfang davon aus, dass Logik nicht mehr anwend­bar ist. Auf die­se Wei­se spre­chen wir auch über Rassismus. 

Stel­len Sie sich vor, jemand fragt: »War­um sol­len wir uns auf den gele­gent­li­chen kri­mi­nel­len Poli­zis­ten kon­zen­trie­ren, der einen Schwar­zen tötet, wenn in neun von zehn Fäl­len der schwar­ze Mann in viel grö­ße­rer Gefahr ist, von einem ande­ren schwar­zen Mann aus sei­ner Nach­bar­schaft getö­tet zu wer­den?« Ja, das ist nicht hübsch, aber wie vie­le ande­re Din­ge, die nicht hübsch sind, ist es auch wahr. 

Wenn Sie die Fra­ge stel­len, nun, dann erfah­ren Sie, dass Sie es nicht soll­ten. Augen wer­den ver­dreht, Sie erhal­ten eine Ant­wort, die nicht so ganz schlüs­sig ist, und die Eti­ket­te ver­langt, dass Sie es dabei belas­sen. Es ist wie bei bestimm­ten Fra­gen, die man einem Pries­ter stellt, sehr respekt­voll, aber Sie wis­sen, wenn Sie kei­ne ech­te Ant­wort bekom­men, dann wird erwar­tet, dass Sie es gut sein las­sen. … So gehen wir heu­te mit Ras­sis­mus um. Es ist eine Religion.

Religionen der Verneinung

War­um ist Reli­gi­on für Men­schen so anzie­hend? Mit Haidt haben wir gesagt, dass sie zur Bil­dung und Orga­ni­sa­ti­on von Grup­pen bei­trägt, und koope­ra­ti­ve Grup­pen sind der wesent­li­che evo­lu­tio­nä­re Trick unse­rer Spe­zi­es. Aber das beant­wor­tet nicht die Fra­ge nach der Anzie­hungs­kraft für Ein­zel­ne. Dass der wesent­li­che evo­lu­tio­nä­re Zweck von Sex die Fort­pflan­zung ist, bedeu­tet ja auch nicht, dass für Indi­vi­du­en, die Sex haben, Fort­pflan­zung die Moti­va­ti­on bil­det. Die Moti­va­ti­on bil­det, dass Sex befrie­di­gend ist. Was ist an Reli­gi­on befriedigend?

Ich wür­de sagen, dass Men­schen ein Bedürf­nis nach Sinn haben und Reli­gi­on die­sen stif­tet. Was ist nun wie­der Sinn? Man kann sich der Ant­wort hier­auf nähern, indem man von der ande­ren Sei­te her fragt, was ein sinnloses Leben wäre. Sinn­los wäre ein Leben, das nichts Höhe­res her­vor­bringt. Ein Leben, das voll­kom­men auf mecha­ni­sche Abläu­fe redu­ziert wäre, wäre sinn­los. Ein Leben, in dem man auf eine Exis­tenz als Arbeits­tier oder als Maschi­ne redu­ziert wäre, oder auch ein völ­lig untä­ti­ges Leben wäre sinnlos.

Etwas »Höhe­res« ist etwas, wodurch die indi­vi­du­el­le Exis­tenz etwas schafft, des­sen Bedeu­tung über sie selbst, über das Mate­ri­el­le und über die Gegen­wart hin­aus­reicht – sei es die Her­stel­lung eines Pro­dukts, die Schaf­fung eines Kunst­werks, eine Hil­fe­leis­tung oder die Wei­ter­ga­be von Ideen und Wis­sen. Durch das Stre­ben nach »Höhe­rem« erhält der Mensch Anteil an einer Sinn­di­men­si­on, die das Mate­ri­el­le durch­dringt und formt, so dass es nicht nur mate­ri­ell ist. Die­se Sinn­di­men­si­on könn­te man auch die Ewig­keit nen­nen oder das Himmelreich.

Die Meta­pho­rik von oben und unten durch­dringt die Spra­che und unse­re Ori­en­tie­rung in der Welt so stark, dass es unmög­lich wäre, auf sie zu ver­zich­ten. Wir stei­gen auf und ab, freu­en uns, dass es auf­wärts geht, set­zen uns hohe Zie­le, ver­fol­gen höhe­re Wer­te und Zwe­cke, stre­ben auf, sagen »Kopf hoch«, schrei­ten erho­be­nen Haup­tes, emp­fin­den Erleb­nis­se als auf­bau­end, erhe­bend oder erbau­lich und befin­den uns in einer Pha­se per­sön­li­chen Wachs­tums. Umge­kehrt sind wir nie­der­ge­schla­gen oder down, las­sen uns von etwas run­ter­zie­hen, fal­len auf die Schnau­ze, stür­zen oder stol­pern über eine Affä­re, las­sen den Kopf hän­gen, erle­ben einen Tief­punkt und müs­sen wie­der ganz unten anfangen.

Dies ist ein­fach in der Struk­tur der Wirk­lich­keit so ange­legt. Wenn wir stark, gesund und guter Din­ge sind, ste­hen wir auf­recht; wenn wir see­lisch belas­tet oder krank sind, zieht es uns in Rich­tung Boden. Auf­zu­stre­ben und oben zu blei­ben kos­tet einen stän­di­gen Ener­gie­auf­wand, nach unten zieht es uns ganz von allei­ne, und wenn wir uns die­sem Sog nicht in gewis­sem Umfang wider­set­zen, war­ten dort Ver­fall und Tod. Das gilt sowohl für mate­ri­el­le, phy­si­sche Höhen­un­ter­schie­de als auch für die meta­pho­ri­sche Bedeu­tung. Auf­stieg kos­tet Ener­gie, und wir sind gezwun­gen, die­se Ener­gie auf­zu­wen­den, weil es uns stän­dig nach unten zieht.

Dies ist in der christ­li­chen Dua­li­tät von Him­mel und Erde abge­bil­det. Die Erde ist das Mate­ri­el­le, der Him­mel das »Höhe­re«, das uns aus der rein mate­ri­el­len Exis­tenz her­aus­hebt. Wir brau­chen den Him­mel (in Form der See­le oder bio­lo­gisch aus­ge­drückt des Lebens), um nicht zu Staub zu zer­fal­len und mehr zu sein als ein Tier, und der Him­mel (oder das Spi­ri­tu­el­le und das Geis­ti­ge) braucht die Erde und uns, um sich zu manifestieren.

Das Pro­blem ist nun, dass wir heu­te kaum noch an etwas Höhe­res glau­ben. Gott ist tot, und immer mehr glau­ben wir, dass unse­re gan­ze Kul­tur mit allem, was sie aus­macht, nicht nur kei­nen höhe­ren Wert dar­stellt, son­dern gera­de­zu bös­ar­tig und zer­stö­re­risch sei. Wonach kann man unter die­sen Bedin­gun­gen noch streben?

Nega­ti­ve Reli­gio­nen wie der »Anti­ras­sis­mus« sind eine Ant­wort auf die­se Fra­ge. Sie sind nega­tiv in dem Sinn, dass sie nicht pri­mär etwas ver­eh­ren und anbe­ten, son­dern pri­mär etwas ableh­nen und bekämp­fen. Was wäre das Posi­ti­ve, an das die­se Gläu­bi­gen glau­ben? Am ehes­ten ist wohl Gleich­heit der Wert, den sie anstre­ben. Doch Gleich­heit ist eine abs­trak­te Vor­stel­lung, die kei­ne star­ken Gefüh­le und kei­ne Begeis­te­rung zu wecken ver­mag. Statt also Gleich­heit zu fei­ern, ver­flucht man den Ras­sis­mus, und statt die Gleich­heit anzu­be­ten, hei­ligt und feti­schi­siert man des­sen Opfer.

Ein Stre­ben nach Höhe­rem ermög­licht das durch­aus: nach einer Welt ohne Ras­sis­mus, ohne Sexis­mus, ohne Ungleich­heit. Die­se Welt ist das neue Himmelreich.

Doch wenn man alle Ungleich­heit in einer Kul­tur besei­ti­gen will, muss man die Kul­tur selbst besei­ti­gen. Wie wir im drit­ten Teil sehen wer­den, hat die aka­de­mi­sche Arbeit meh­re­rer Jahr­zehn­te effek­ti­ve Mit­tel zu die­sem Zweck her­vor­ge­bracht. Und wäh­rend eine Reli­gi­on wie das Chris­ten­tum sei­ne Anhän­ger mahnt, sich nicht selbst zum Gott auf­zu­schwin­gen, ist den hei­li­gen Krie­gern gegen die Ungleich­heit jede der­ar­ti­ge Selbst­be­schrän­kung fremd.

2.) Im Schatten guter Absichten

Das Böse betritt die Welt meist unbe­merkt von denen, die ihm die Tür öff­nen und es ein­las­sen. Die meis­ten Men­schen, die Böses tun, sehen ihre Taten nicht als böse an. Das Böse exis­tiert pri­mär im Auge des Betrach­ters, ins­be­son­de­re des Opfers.

Roy Bau­meis­ter

Es ist offen­sicht­lich, dass hin­ter den Demons­tra­tio­nen gegen Ras­sis­mus und den Soli­da­ri­sie­run­gen mit Black Lives Mat­ter viel­fach gute Absich­ten ste­cken. Die Wut über die Poli­zis­ten im Fall Geor­ge Floyd, die Abscheu vor Ras­sis­mus, der Wunsch, Benach­tei­lig­ten zu hel­fen, der Wunsch nach weni­ger Ungleich­heit und Unge­rech­tig­keit, das Bestre­ben, uns von den ras­sis­ti­schen Ver­bre­chen der Ver­gan­gen­heit wei­ter zu ent­fer­nen und eine Wie­der­ho­lung zu ver­hin­dern. All die­se Reak­tio­nen ent­sprin­gen aus guten Absich­ten und sind inso­fern auch zu begrüßen.

Doch gute Absich­ten sind eine ver­track­te Ange­le­gen­heit. Sie garan­tie­ren nicht für gute Ergeb­nis­se. Sie garan­tie­ren auch nicht für das Aus­blei­ben schlech­ter Ergeb­nis­se. Sie garan­tie­ren für gar nichts. Und sie machen Men­schen blind für die Tat­sa­che, dass sie für nichts garantieren.

Wenn man sich krank fühlt, trinkt man nicht ein­fach irgend­ein Medi­ka­ment, weil einem das Fläsch­chen gefällt. Man ermit­telt erst ein­mal, um wel­che Krank­heit es sich genau han­delt und wie sie im indi­vi­du­el­len Fall aus­ge­prägt ist. Dann denkt man über mög­li­che The­ra­pien nach. Die von Ärz­ten vor­ge­schla­ge­nen The­ra­pien sind in der Regel bereits erprobt. Sie sind kei­ne Neu­erfin­dun­gen des Arz­tes. Eine neue The­ra­pie zu erfin­den ist sehr viel schwie­ri­ger als eine bewähr­te anzuwenden.

Bei sozia­len Pro­ble­men aber trin­ken und ver­schrei­ben wir stän­dig irgend­wel­che Medi­ka­men­te, weil uns die Fläsch­chen gefal­len. Jetzt schaf­fen wir den Ras­sis­mus ab, indem wir Poli­zis­ten anbrül­len, Denk­mä­ler beschmie­ren und die Leh­ren von cha­ris­ma­ti­schen Ras­sis­mus­wun­der­hei­lern ver­brei­ten, ohne sie nach Bewei­sen für ihre The­sen zu fra­gen! So denkt man in Magnet­fel­dern. So den­ken intui­ti­ve Theologen.

Die Wahr­heits­fin­dung fällt nahe­zu voll­stän­dig aus. Nach­den­ken über Mit­tel, Ursa­chen und Wir­kun­gen fin­det bes­ten­falls in Ansät­zen statt. Ein Bei­spiel dafür ist etwa die­ser gro­tes­ke dpa-Arti­kel bei der Tages­schau, der die Paro­le »Defund the Poli­ce« legi­ti­mie­ren möch­te. Am Ende lässt er den Leser mit einer wun­der­sa­men Erfolgs­ge­schich­te allein: Eine loka­le Poli­zei in den USA wur­de schlag­ar­tig bes­ser, als man sie auf­lös­te, wor­auf­hin eine höhe­re Ver­wal­tungs­ebe­ne ein­sprang, mehr Poli­zis­ten ein­stell­te und die­se schlech­ter (sic) bezahlte. 

Der Sinn die­ser Anek­do­te erschließt sich nicht. Ers­tens war dort die hohe Mord­ra­te und ein Man­gel an Poli­zis­ten das Pro­blem, nicht ras­sis­ti­sche Poli­zei­ge­walt. Zwei­tens gab es als Ergeb­nis die­ses »Defund the Poli­ce« dort anschlie­ßend mehr Poli­zis­ten. Das steckt also hin­ter »Defund the Poli­ce«, der Wunsch nach mehr Poli­zis­ten, die schlech­ter bezahlt wer­den? Span­nen­de Erkennt­nis­se von dpa. Durch wel­chen Wirk­me­cha­nis­mus hilft das gegen Rassismus?

Es geht eben nicht um Wirk­me­cha­nis­men, son­dern dar­um, dass Black Lives Mat­ter aus reli­giö­sen Grün­den voll­um­fas­send im Recht und unschul­dig sein muss. Die Prä­sen­ta­ti­on der rät­sel­haf­ten Lösung beruht auf der Unter­drü­ckung des Zwei­fels, wie mit McW­hor­ter oben ange­führt. Black Lives Mat­ter hat Recht. Frag nicht.

Der Arti­kel ist einer von unzäh­li­gen Bei­spie­len für die vor­herr­schen­de Ten­denz der Medi­en, die häss­li­che Sei­te der Pro­tes­te zu ver­schwei­gen, denen bis zum 5. Juli min­des­tens 28 Men­schen zum Opfer gefal­len sind. Er tut so, als wäre der bei Anti­fa und Black Lives Mat­ter ver­brei­te­te Zorn und Hass auf die Poli­zei in Wahr­heit nur künst­le­ri­scher Aus­druck eines klu­gen Poli­zei­re­form­kon­zepts – so wie vie­le es schaf­fen, noch die Hass­brü­he von Hen­g­ameh und Ähn­li­ches zur fein­sin­ni­gen Gesell­schafts­kri­tik umzu­lü­gen. Dabei ist Zorn und Hass auf die Poli­zei gera­de­zu zwin­gend, wenn man der popu­lä­ren Les­art folgt. Ihr zufol­ge brin­gen Poli­zis­ten aus ras­sis­ti­schen Moti­ven regel­mä­ßig Schwar­ze um, in Deutsch­land Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Natür­lich hasst man sie dafür. Was sonst?

Edle Opfer, noble Helfer

400 Jah­re Unter­drü­ckung, 400 Jah­re wie ein Tier behan­delt wer­den … da kann es schwer sein, ein posi­ti­ves Selbst­bild auf­zu­bau­en. … Eine Mög­lich­keit, nach 1964 ein ersatz­wei­ses Gefühl der Stär­ke zu ent­wi­ckeln, ist, ein edles Opfer zu wer­den. Wenn Sie nicht sicher sind, ob sie gut genug sind, und es ist völ­lig ver­ständ­lich, dass man­che so emp­fin­den, dann kön­nen Sie zu einem guten Selbst­bild gelan­gen, indem Sie sich den­ken: ›Ich bin jemand, der gegen die stän­di­ge Unter­drü­ckung auf­be­gehrt. Ich weiß, es ist nicht mehr so wie frü­her, aber es liegt in der Luft, ich kann es rie­chen, ich weiß, dass es da ist, und ihr könnt mir nicht erzäh­len, dass es nicht da sei‹. Die­ser Edles-Opfer-Kom­plex ist mensch­lich. Ich bin sicher, dass es schon edle Opfer gab, als Men­schen in klei­nen Grup­pen von Jägern und Samm­lern her­um­ge­lau­fen sind. Aber als Schwar­zer hat man dies als eine Mög­lich­keit, sich ganz zu fühlen.

John McW­hor­ter

Das ist plau­si­bel und bringt ein wenig mehr Licht ins Dun­kel. Zum Bild gehört aber auch die Gegen­po­si­ti­on. In vie­ler Hin­sicht ste­hen bei die­sem The­ma nicht Schwar­ze und Wei­ße ein­an­der gegen­über, son­dern in bei­den Grup­pen ver­schie­de­ne welt­an­schau­li­che Ori­en­tie­run­gen, die sich grob den Kate­go­rien »pro­gres­siv« und »kon­ser­va­tiv« zuord­nen las­sen. Das ers­te davon ist mit dem Edles-Opfer-Kom­plex ver­bun­den, was die pro­gres­si­ven Wei­ßen zu edlen Hel­fern und Ret­tern macht, das ande­re lehnt ihn ab.

2018 schrieb der Kolum­nist Cole­man Hughes:

Die Stra­te­gie der Lin­ken, den schwar­zen Kon­ser­va­tis­mus unter den Tep­pich zu keh­ren und so zu tun, als wür­den die Schwar­zen uni­so­no lin­ke Mei­nun­gen ver­tre­ten, kann nicht ewig auf­ge­hen, nicht zuletzt, weil das wenig mit der Rea­li­tät zu tun hat. In Befra­gun­gen über diver­se The­men im Zusam­men­hang mit »Ras­se« wei­chen ihre Ant­wor­ten oft von der lin­ken Ortho­do­xie ab. Wenn bei­spiels­wei­se eine wei­ße Per­son sag­te, »Ich glau­be nicht, dass Ras­sis­mus gering aus­ge­bil­de­te Schwar­ze zurück­hält«, wür­de sie das auf der Lin­ken als schreck­lich igno­rant gegen­über der sys­te­mi­schen Ungleich­heit stem­peln, wenn nicht gleich als ras­sis­tisch. Doch in einer Befra­gung von 2016 gaben 60 Pro­zent der Schwar­zen ohne Hoch­schul­ab­schluss an, dass ihre Ras­se ihre Erfolgs­chan­cen nicht beein­träch­tigt habe. Wenn ein Wei­ßer sag­te, »Rap-Musik hat einen schlech­ten Ein­fluss auf die Gesell­schaft«, mag ihn das auf der Lin­ken als vor­ur­teils­be­haf­tet erschei­nen las­sen. Doch einer Pew-Umfra­ge von 2008 zufol­ge stim­men 71 Pro­zent der Schwar­zen die­ser Aus­sa­ge zu.

Bis­her hat die Lin­ke erfolg­reich schwar­ze Pro­mi­nen­te igno­riert, die bestehen­de Ortho­do­xien in Fra­ge gestellt haben. Man neh­me zum Bei­spiel die Wei­ge­rung von Lil Way­ne, den pro­tes­tie­ren­den Knie­fall von Colin Kaeper­nick zu unter­stüt­zen; oder sehen Sie sich an, wie Den­zel Washing­ton die hohe Inhaf­tie­rungs­ra­te unter Schwar­zen auf vater­lo­se Haus­hal­te statt auf ›das Sys­tem‹ zurück­führt; oder hören Sie, wie Mor­gan Free­man behaup­tet, dass Ras­sis­mus heu­te kein Pro­blem mehr sei. Sich ernst­haft mit die­sen Ansich­ten zu befas­sen, hie­ße, sie zu legi­ti­mie­ren, was den Mythos bedro­hen wür­de, dass lin­ke Ideen die ein­zi­gen sei­en, die ein Anti-Ras­sist unter­stüt­zen könne.

Quil­let­te: Kanye West and the Future of Black Conservatism

Ein Opfer zu sein und eine Opfer­men­ta­li­tät zu haben sind unter­schied­li­che Din­ge. Man kann ein Opfer sein – die meis­ten Men­schen sind oder waren es in gewis­sem Umfang -, ohne über den Augen­blick hin­aus eine Opfer­men­ta­li­tät anzu­neh­men. Umge­kehrt kann man eine Opfer­men­ta­li­tät anneh­men, ohne im Ver­gleich zum Durch­schnitt der Men­schen in beson­de­rer Wei­se Opfer gewor­den zu sein.

Ein wich­ti­ger Arti­kel beim Sci­en­ti­fic Ame­ri­can fasst den Stand der For­schung über Opfer­men­ta­li­tä­ten zusam­men. Wie in der Psy­cho­lo­gie üblich, beruht die­se For­schung wesent­lich auf Fra­ge­bö­gen. Das Maß der Zustim­mung zu bestimm­ten Aus­sa­gen lässt erken­nen, wie stark das frag­li­che Merk­mal bei einer Per­son aus­ge­prägt ist.

Die vier Dimen­sio­nen einer Opfer­men­ta­li­tät sind demzufolge:

  • ein stän­di­ges Bedürf­nis nach Aner­ken­nung des eige­nen Opfertums
  • mora­li­scher Eli­tis­mus (das Opfer als mora­lisch tadel­los; Gut-und-Böse-Denken)
  • man­geln­de Empa­thie für Schmerz und Lei­den anderer
  • regel­mä­ßi­ges Grü­beln über ver­gan­ge­ne Opfererfahrungen

Als direk­te Reak­ti­on auf ein erlit­te­nes Unrecht ist all das funk­tio­nal. Um wie­der Ver­trau­en zur Welt schöp­fen zu kön­nen, ist es wich­tig, dass Men­schen das Unrecht als sol­ches aner­ken­nen (ers­te Dimen­si­on). Unmit­tel­bar nach einer erlit­te­nen Ver­let­zung ist nicht der rich­ti­ge Zeit­punkt, über eige­ne mora­li­sche Ver­feh­lun­gen nach­zu­den­ken, son­dern es geht dar­um, Täter und Opfer zu iden­ti­fi­zie­ren (zwei­te Dimen­si­on). Auch die Aus­blen­dung der Nöte ande­rer ist in einer trau­ma­ti­schen Situa­ti­on ver­ständ­lich und funk­tio­nal (drit­te Dimen­si­on). Ein »Grü­beln« ist in Maßen eben­falls ange­bracht, da es wich­tig ist, schmerz­haf­te Erfah­run­gen zu ver­ste­hen und ein­zu­ord­nen (vier­te Dimension).

All die­se Hal­tun­gen sind in gewis­ser Wei­se wohl­tu­end. Sie begrün­den einen Anspruch des Opfers auf posi­ti­ve Auf­merk­sam­keit, Wert­schät­zung und Hil­fe. Gleich­zei­tig befrei­en sie es von Ver­ant­wor­tung und ver­mit­teln ein Gefühl mora­li­scher Reinheit.

Dar­in liegt die Ver­füh­rung, in Tei­len sei­ne Iden­ti­tät dar­auf auf­zu­bau­en. Wie eine Dro­ge bringt dies kurz­fris­tig kraft­vol­le Gra­ti­fi­ka­tio­nen, steht lang­fris­tig aber dem per­sön­li­chen Wachs­tum im Weg und zer­stört zwi­schen­mensch­li­che Beziehungen.

Die Opfer­men­ta­li­tät geht mit einer Ten­denz zu nega­ti­ver Wahr­neh­mungs­ver­zer­rung ein­her. Men­schen mit Opfer­men­ta­li­tät emp­fin­den all­täg­li­che Ent­täu­schun­gen und Krän­kun­gen als schwer­wie­gen­der, erwar­ten eher nega­ti­ve Ergeb­nis­se von bevor­ste­hen­den Ereig­nis­sen, schrei­ben ande­ren eher böse Absich­ten zu und erin­nern sich inten­si­ver an nega­ti­ve Erlebnisse.

Die­se Wahr­neh­mungs­ten­den­zen erzeu­gen, wie man sich den­ken kann, ein Niveau an Stress und Miss­trau­en im Aus­blick auf die Welt, das nicht sein müss­te und nicht hilf­reich ist. Wir kom­men dar­auf zurück, aber dies ist genau das, was man durch kogni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pie über­win­det: die Nei­gung, nega­ti­ve Bedeu­tun­gen in alles hineinzulesen.

Indi­vi­du­en und Grup­pen, deren Iden­ti­tät auf einer Opfer­men­ta­li­tät baut, sind weni­ger bereit, zu ver­ge­ben, und haben ein erhöh­tes Rache­be­dürf­nis. Gleich­zei­tig sehen sie die Kon­trol­le über ihr Leben weni­ger bei sich selbst als bei äuße­ren Kräf­ten (exter­ner »locus of control«).

Der Impuls, zu hel­fen, gehört zu den nobels­ten mensch­li­chen Eigen­schaf­ten. Weil es ihn gibt, kommt dem Opfer als sol­chem Wert und Auf­merk­sam­keit zu. Die­se Dyna­mik führt Hel­fer und Opfer zusam­men, und das ist zunächst ein­mal etwas Gutes.

Doch die Sym­bio­se aus Hil­fe­leis­tung und Opfer­tum kann leicht ins Patho­lo­gi­sche kip­pen. Hel­fer kön­nen all­zu viel Sinn aus ihrer Rol­le schöp­fen, so dass sie die Opfer schließ­lich brau­chen, um sich gut zu füh­len und/oder als gut zu insze­nie­ren. Dies bil­det für sie einen Anreiz, deren Opfer­sta­tus zu zemen­tie­ren – immer mit dem Selbst­ver­ständ­nis, ein­wand­frei und ein­deu­tig gute Absich­ten zu verfolgen.

Auf Sei­ten der Opfer soll­te die Schat­ten­sei­te klar sein. Mit dem exter­nen locus of con­trol und dem nega­ti­ven Aus­blick beschnei­det man die eige­nen Per­spek­ti­ven und Hand­lungs­spiel­räu­me, erhöht das eige­ne Stress­ni­veau und gibt sozia­len Bezie­hun­gen eine miss­traui­sche und feind­se­li­ge Tönung. Man sieht die Ver­ant­wor­tung für die eige­ne Situa­ti­on nicht bei sich selbst, son­dern gera­de bei denen, von denen man sich miss­han­delt fühlt. Dadurch ver­stellt man sich die Mög­lich­keit, der Opfer­rol­le zu entkommen.

Im Zusam­men­hang mit dem Kon­zept der Selbst­wirk­sam­keit haben der Psy­cho­lo­ge Albert Band­ura und Nach­fol­ger umfas­send doku­men­tiert, wie wich­tig es für erfolg­rei­ches Han­deln ist, an die eige­nen Erfolgs­chan­cen zu glau­ben. Der Scha­den, der ent­ste­hen muss, wenn Men­schen sich mas­sen­haft auf die Ein­schät­zung fest­le­gen, kei­ne Chan­ce zu haben, ist gar nicht zu beziffern.

Jona­than Haidt gab in einem Vor­trag ein Bei­spiel für die Dyna­mik hei­li­ger Wer­te, das nur zu gut in die­sen Zusam­men­hang passt:

Sehen Sie sich an, was pas­siert ist, als Pat Moy­ni­han, ein lin­ker Sozio­lo­ge und Poli­tik­ex­per­te, einen Bericht für Prä­si­dent John­sons Kampf gegen die Armut ver­fass­te, der den Titel trug: »The Negro Fami­ly: A Case for Natio­nal Action«. Moy­ni­han setz­te sich nach­drück­lich dafür ein, dass die Regie­rung han­del­te, um den Afro­ame­ri­ka­nern zu hel­fen. Aber sein Bericht ent­hielt ein Kapi­tel namens »Die Ver­stri­ckun­gen der Patho­lo­gie« [»The tang­le of patho­lo­gy«], was sein Aus­druck für die ver­bun­de­nen Pro­ble­me der unver­hei­ra­te­ten Mut­ter­schaft und Sozi­al­staats­ab­hän­gig­keit war.

Moy­ni­han benutz­te den Aus­druck »Kul­tur der Armut«. Obwohl klar war, dass die letzt­end­li­che Ursa­che die­ser Patho­lo­gie Ras­sis­mus war, beging er damit doch die Tod­sün­de. Er kri­ti­sier­te die afro­ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur, was bedeu­tet, dass er in gewis­ser Wei­se das Opfer beschul­dig­te. Der mora­li­sche Elek­tro­ma­gnet sprang an, Kos­ten-Nut­zen-Erwä­gun­gen waren ver­bo­ten, Opfer muss­ten unschul­dig sein. So sank Moy­ni­han nach unten und wur­de nun von vie­len sei­ner Kol­le­gen in Har­vard als »Ras­sist« gemieden. …

Moral bin­det und blen­det. So wur­de eine ergeb­nis­of­fe­ne Unter­su­chung der Pro­ble­me schwar­zer Fami­li­en für Jahr­zehn­te gemie­den, genau die­je­ni­gen Jahr­zehn­te, in denen sie am nötigs­ten gewe­sen wäre. Erst in den letz­ten paar Jah­ren haben Sozio­lo­gen anzu­er­ken­nen begon­nen, dass Moy­ni­han die gan­ze Zeit Recht gehabt hat­te. Sakra­li­sie­rung ver­zerrt das Den­ken. Hei­li­ge Wer­te bin­den Teams zusam­men und machen sie blind für die Wahrheit.

In die­se Rich­tung weist auch ein erfolg­rei­ches Buch von Jason L. Riley aus dem Jahr 2014 mit dem viel­sa­gen­den Titel: Plea­se Stop Hel­ping Us: How Libe­rals Make It Har­der for Blacks to Suc­ceed.

Bereits 1983 ver­öf­fent­lich­te der Öko­nom Tho­mas Sowell sein Buch »Eco­no­mics and Poli­tics of Race«, in dem er anhand inter­na­tio­na­ler Ver­glei­che unter­such­te, ob es Regel­mä­ßig­kei­ten bei der Aus­wir­kung von Dis­kri­mi­nie­rung und Ras­sis­mus auf die öko­no­mi­sche und sozia­le Situa­ti­on der betrof­fe­nen Grup­pen gibt. Über­ra­schen­der Befund:

Wenn ich mir die Daten anschaue, sehe ich kei­ne Kor­re­la­ti­on zwi­schen dem Maß an Ras­sis­mus und dem Maß, in dem Grup­pen vorankommen.

Er nennt etwa Chi­ne­sen in Süd­ost­asi­en und Juden in der west­li­chen Welt als Bei­spie­le für Grup­pen, die lan­ge und schwer dis­kri­mi­niert und ver­folgt wur­den und den­noch erfolg­reich waren. Zudem ken­ne er kein Bei­spiel dafür, dass eine Grup­pe durch poli­ti­sches Enga­ge­ment zu Wohl­stand gelangt sei. Es gebe eben Din­ge, die Poli­tik kön­ne – zum Bei­spiel Geset­ze ändern –, und Din­ge, die sie nicht kön­ne – Wohl­stand schaffen. 

Was ist also der Schlüs­sel zur Schaf­fung von Wohl­stand? »Arbeit, Fähig­kei­ten, Sparen«.

Im Jahr 2015 befand Sowell:

Der Ras­sis­mus ist nicht tot, aber er bekommt inzwi­schen lebens­er­hal­ten­de Maß­nah­men – vor allem von denen, die ihn als Aus­re­de oder als Mit­tel benut­zen, um Min­der­hei­ten ängst­lich und wütend genug zu hal­ten, damit sie am Wahl­tag als geschlos­se­ne Wäh­ler­grup­pe antreten.

Rache

In sei­nem auf­schluss­rei­chen Buch über das Böse befasst sich der Sozi­al­psy­cho­lo­ge Roy Bau­meis­ter unter ande­rem mit dem The­ma Rache. Das liegt nahe, denn bei feind­se­li­gen und zer­stö­re­ri­schen Hand­lun­gen (»das Böse«) geht es oft dar­um, einen (wahr­ge­nom­me­nen) vor­an­ge­gan­ge­nen Über­griff zu vergelten.

In die­sem Zusam­men­hang berich­tet Baumeister:

Die »ras­si­sche« Rich­tung von Hass­ver­bre­chen hat eine fun­da­men­ta­le Umkeh­rung erfah­ren. Einem Bericht des FBI über Gewalt im Jahr 1993 zufol­ge begin­gen Schwar­ze mit einer vier­mal so hohen Wahr­schein­lich­keit ein Hass­ver­bre­chen wie Weiße.

Weil das eine Wei­le her ist, habe ich kurz die aktu­el­len Zah­len nach­ge­se­hen und für bei­de Grup­pen ins Ver­hält­nis zur jewei­li­gen Gesamt­be­völ­ke­rung gesetzt. Dem­zu­fol­ge begin­gen Schwar­ze 2018 in 2,5‑facher Häu­fig­keit ein soge­nann­tes Hassverbrechen. 

Wie schon beim The­ma Mord muss man hier im Auge behal­ten, wie sel­ten sol­che Taten gemes­sen an der Gesamt­heit der Men­schen vor­kom­men. Von den Schwar­zen bege­hen jedes Jahr 0,0037 Pro­zent ein Hass­ver­bre­chen, von den Wei­ßen 0,0014 Pro­zent. Das sind sehr, sehr weni­ge, auch wenn es sicher­lich eine Dun­kel­zif­fer gibt – wie­der­um: zum Glück. Aber es geht mir nicht um die Zah­len. Es geht mir um etwas Prin­zi­pi­el­les, näm­lich dar­um, wohin die Kom­bi­na­ti­on von Rache­lo­gik und Kol­lek­tiv­den­ken führt. 

Bau­meis­ter weiter:

Eine der sel­te­nen Täter-Memoi­ren beschreibt ein sol­ches Ver­bre­chen in Vir­gi­nia. Der Autor, damals ein Teen­ager, hielt sich eines Nach­mit­tags mit sei­nen Freun­den an einer Ecke in sei­ner Nach­bar­schaft auf, als sie »einen wei­ßen Jun­gen« sahen, »der etwa 18 oder 19 Jah­re alt zu sein schien und gemüt­lich auf sei­nem Rad durch die Nach­bar­schaft radel­te.« Einer aus der Grup­pe mach­te die ande­ren auf den Jun­gen auf­merk­sam, beschimpf­te ihn und merk­te an, dass er ver­rückt sein muss­te, hier­her zu kom­men. Die Reak­ti­on der Grup­pe »kam auto­ma­tisch«. Sie rann­ten los, ris­sen ihn vom Rad und schlu­gen ihn bewusst­los, wäh­rend Autos vor­bei­fuh­ren. Sie tra­ten gegen sei­nen Kopf, bis Blut aus sei­nem Mund kam, und ver­such­ten, sei­ne Geni­ta­li­en zu ver­let­zen. Der Autor berich­tet, dass er sich zurück­ge­zo­gen habe, als er merk­te, wie schwer das Opfer ver­letzt war. Ande­re taten es ihm gleich, doch einer aus ihrer Grup­pe ließ nicht ab, »als wäre er durch­ge­dreht«, und setz­te der Epi­so­de die Kro­ne auf, indem er das Fahr­rad nahm und mit aller Kraft auf das Opfer nie­der­kra­chen ließ. Der bewusst­lo­se Jun­ge auf dem Boden zuck­te nicht einmal. …

»Wei­ße Jungs so auf­zu­mi­schen gab uns ein gutes Gefühl«, schreibt er und fügt hin­zu, dass sie beim Weg­ge­hen lach­ten und prahl­ten, wer den meis­ten Scha­den ange­rich­tet hat­te. Er erin­nert sich an den Angriff: »Jedes Mal, dass ich mei­nen Fuß in sei­ne Eier ramm­te, fühl­te ich mich bes­ser«. Als sein Bru­der den Füh­rer­schein bekom­men hat­te, fuh­ren sie mit der Gang in wei­ßen Vier­teln her­um, such­ten sich leich­te Opfer her­aus und schlu­gen sie fast tot. …

Die Befrie­di­gung, die der Täter beschreibt, war eine der Rache, und tat­säch­lich gab er sei­ner Geschich­te über die­ses Ver­bre­chen den Titel »Get-back«, was ein Slang-Aus­druck für Rache ist. Er sagt, Wei­ße hät­ten die Schwar­zen so lan­ge unter­drückt, dass er und sei­ne Freun­de sich berech­tigt fühl­ten, sich an jedem zu rächen, der ihnen in die Hän­de fiel. Wie er schrieb, war im Rück­blick »unse­re ziel­lo­se Wut damals völ­lig ein­leuch­tend für mich«, und er dach­te an ver­gan­ge­ne ras­si­sche Krän­kun­gen und Unge­rech­tig­kei­ten, wäh­rend er auf den jun­gen Rad­fah­rer einschlug.

Es geht um den Best­sel­ler »Makes Me Wan­na Hol­ler« von Nathan McCall.

Es ist unan­ge­nehm, das zu zitie­ren, sol­che Infor­ma­tio­nen wei­ter­zu­ge­ben. Man hat einen Wider­wil­len dage­gen. Nicht über­ra­schend und aus guten Grün­den. Man will kei­nen Ras­sis­mus oder sons­ti­gen eth­ni­schen Ant­ago­nis­mus schü­ren. Man weiß ja, wohin so etwas füh­ren kann. Direkt in die Höl­le. So ist die Nei­gung der Medi­en zu erklä­ren, Taten Wei­ßer gegen Nicht­wei­ße zu skan­da­li­sie­ren und Taten mit umge­kehr­ten Vor­zei­chen zu ver­schwei­gen. Dahin­ter ste­hen – jeden­falls zum Teil – wie­der­um gute Absichten. 

Aber es ist kurz­sich­tig. Denn wenn wir doch wis­sen, wohin Ras­sis­mus oder sons­ti­ger eth­ni­scher Ant­ago­nis­mus füh­ren kön­nen, und das unbe­dingt ver­mei­den wol­len, war­um schü­ren wir ihn dann in der ande­ren Rich­tung? Glau­ben wir etwa, dass sich das Böse auf bei­den Sei­ten gegen­sei­tig auf­hebt und nicht poten­ziert? Im Ernst? So dumm sind wir?

Überlegenheitsdünkel und der Rassismus der niedrigen Erwartungen

Durch die Bril­le der Opfer­men­ta­li­tät wach­sen die Täter auf Über­le­bens­grö­ße, wäh­rend die Opfer zu für­sor­ge­be­dürf­ti­gen Kin­dern zusam­men­schrump­fen. Die Fol­ge davon ist ein merk­wür­dig ver­dreh­ter, durch die Hin­ter­tür zurück­kom­men­der Über­le­gen­heits­dün­kel unter ins­be­son­de­re lin­ken Wei­ßen. In ihrer Vor­stel­lung sind Wei­ße so stark und mäch­tig, dass ihnen nie etwas zusto­ßen kann, und wenn ihnen doch etwas zustößt, dann ste­cken sie es leicht weg. Nichts kann ihnen wirk­lich weh­tun, auch Fol­ter und Tod nicht. 

Es ist ana­log zu dem Bild, das Femi­nis­tin­nen oft von Män­nern zeich­nen. Sobald irgend­ein Lei­den von Män­nern als The­ma im Raum steht, set­zen sie eine Atti­tü­de spöt­ti­scher Mit­leid­lo­sig­keit auf. Die Recht­fer­ti­gung die­ser Mit­leid­lo­sig­keit ist, dass Män­ner »die Macht haben«. Die­se »Macht«, die Män­ner haben sol­len, scheint ihnen Unver­wund­bar­keit zu ver­lei­hen. Jedes Pro­blem, jedes Leid, jede Tra­gö­die perlt ein­fach an ihnen ab. 

Das ist eine Über­hö­hung männ­li­cher Stär­ke, wie sie dem größ­ten Macho der Welt nicht in den Sinn käme.

Ähn­lich hält man es mit den Wei­ßen. Man kann alle Welt zur Wut auf sie ermu­ti­gen, alle rhe­to­ri­schen Hebel in Bewe­gung set­zen, um sie schul­dig zu spre­chen, alle ihre kul­tu­rel­len und huma­nis­ti­schen Leis­tun­gen bestrei­ten oder ver­schwei­gen und den Sturz der Wei­ßen und ihrer Sys­te­me als Not­wen­dig­keit zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritts ver­kau­fen – und mit­un­ter gleich­zei­tig eine Grenz­öff­nung for­dern –, und all das anschei­nend ohne, dass dar­aus irgend­ei­ne erns­te Gefahr für die Wei­ßen ent­ste­hen könn­te. Man könn­te mei­nen, hier glau­be jemand an eine »Her­ren­ras­se«.

Die Kehr­sei­te die­ser Unter­stel­lung wei­ßer Unver­wund­bar­keit ist, dass man die ande­ren nicht für voll nimmt. Nicht­wei­ße erschei­nen im herr­schen­den Dis­kurs als Kin­der. Sie sind lieb und harm­los, tra­gen für nichts Ver­ant­wor­tung, kön­nen nicht für sich selbst spre­chen und kom­men immer nur so weit, wie die Wei­ßen sie las­sen und för­dern. Es ist ein gut gemein­ter Pater­na­lis­mus – oder viel­leicht eher Mater­na­lis­mus -, gepaart mit einem Ras­sis­mus der nied­ri­gen Erwartungen. 

Eine US-ame­ri­ka­ni­sche Stu­die von 2018 stell­te fest, dass wei­ße Lin­ke in der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Schwar­zen eine ver­ein­fach­te Spra­che ver­wen­den, wäh­rend Kon­ser­va­ti­ve das nicht tun. Der Befund liegt voll­kom­men auf der Linie des­sen, wozu »anti­ras­sis­ti­sche« Akti­vis­ten auch jetzt wie­der an allen Fron­ten auf­ru­fen: Nicht­wei­ßen beson­ders ent­ge­gen­zu­kom­men, sich bewusst dar­um zu küm­mern, dass sie sich wohl­füh­len, die eige­nen Bedürf­nis­se hint­an­zu­stel­len und sie bei der Hand zu neh­men als wären es Kinder. 

Nach dem Auf­schrei über Hen­g­amehs neus­te Hass­ko­lum­ne lie­fer­te die taz ein Bei­spiel für die­se Ver­kin­de­rung. Das Blatt schrieb:

Men­schen als Müll zu bezeich­nen, wider­spricht dem Selbst­ver­ständ­nis einer Zei­tung, die sich einer mensch­li­che­ren Gesell­schaft ver­schrie­ben hat. …

Autorin­nen oder Autoren, die selbst mehr­fach zum Ziel ras­sis­ti­scher Belei­di­gun­gen und Bedro­hun­gen gewor­den sind, kön­nen gleich­wohl ein ande­res Ver­hält­nis zu dem The­ma haben und das in emo­tio­na­le­re und zuge­spitz­te­re Wor­te fas­sen als Autorin­nen oder Autoren ohne ent­spre­chen­de Erfahrungen.

Was bedeu­tet das Wort »kön­nen« in die­ser sich qual­voll win­den­den For­mu­lie­rung? Mei­nen die Autoren, dass Wei­ße gar nicht in der Lage sei­en, ihre Erfah­run­gen in ähn­lich »emo­tio­na­le und zuge­spitz­te« Wor­te zu fas­sen, das gar nicht kön­nen? Nein, das ergibt kei­nen Sinn. Sie mei­nen dür­fen, trau­en sich das aber nicht zu schrei­ben, weil sonst der Paternalismus/Maternalismus zu deut­lich sicht­bar würde.

Zuerst stel­len sie fest: Men­schen als Müll zu bezeich­nen ver­fehlt unse­re Stan­dards. Dann fügen sie hin­zu, dass die­se Stan­dards aller­dings nicht für Men­schen mit Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen gel­ten, was so viel wie »Nicht­wei­ße« bedeu­tet. Von einem Wei­ßen erwar­ten sie, dass er sei­ne Emo­tio­nen im Griff hat und dif­fe­ren­zie­ren kann (wie vie­le Poli­zis­ten haben Hen­g­ameh bis­her ras­sis­tisch belei­digt und bedroht?), von Nicht­wei­ßen erwar­ten sie bei­des nicht. 

So wohl­wol­lend die Begrün­dungs­lo­gik sein mag, das Ergeb­nis bleibt das glei­che. An Nicht­wei­ße stellt die taz nied­ri­ge­re Ansprü­che, was Rei­fe, Anstand und Pro­fes­sio­na­li­tät betrifft, als an Weiße.

»Ihr habt«

Der Impuls, Schwa­chen zu hel­fen, ist eben­so ver­ständ­lich wie der­je­ni­ge, sich auf die Sei­te der Unter­drück­ten zu schla­gen, die gegen Tyran­nen auf­be­geh­ren. Die­se Impul­se erwach­sen aus zwei­en der grund­le­gen­den mora­li­schen Intui­tio­nen, die Jona­than Haidt iden­ti­fi­ziert hat: Für­sor­ge / Abwen­dung von Scha­den und Frei­heit / Abwehr von Tyran­nei (sie­he https://moralfoundations.org). Der ers­te Bestand­teil erklärt die Infan­ti­li­sie­rung der Opfer, denn Kin­der sind der Arche­typ des­sen, was unse­ren Beschüt­zer­in­stinkt akti­viert. Der zwei­te erklärt die ver­brei­te­te Nei­gung, Mili­tanz in die­sem Kon­text zu befür­wor­ten oder zu ent­schul­di­gen, denn der Sturz eines Tyran­nen ist eine Art kol­lek­ti­ve Notwehr.

Wenn ein Schul­hof­row­dy einem Schwä­che­ren jah­re­lang das Leben schwer macht und die­ser schließ­lich zurück­schlägt, fin­den wir das gut, auch wenn der Row­dy dabei eine blu­ti­ge Nase bekommt. Recht so!

Aber wir reden hier über Groß­grup­pen und Gesell­schaf­ten. Wie so oft ist unse­re ers­te Intui­ti­on zu sim­pel, wenn es um kom­ple­xe Zusam­men­hän­ge geht. Der jun­ge Mann auf dem Fahr­rad hat kei­ne Skla­ven gehal­ten. Er wird Opfer der Rache für eine lan­ge Lis­te von Taten, die er nicht began­gen hat. Das ist ein Unrecht, nicht nur ein biss­chen, son­dern voll und ganz. Eben­so wird es voll und ganz ein Unrecht sein, wenn er spä­ter sei­ner­seits an wahl­los her­aus­ge­grif­fe­nen Schwar­zen Rache übt oder ande­re das für ihn übernehmen.

Die Logik der Rache an Kol­lek­ti­ven im Namen von Kol­lek­ti­ven ist Kriegslogik.

Im ein­gangs zitier­ten Face­book-Bei­trag ist immer von »you« die Rede: Ihr habt Men­schen aus ihrem Hei­mat­land geholt, aus­ge­peitscht, ver­sklavt; ihr bringt uns um. Nicht »die Men­schen damals« oder »eure Vor­fah­ren«, ihr. Sol­len wir nun auch nach die­sem Sche­ma etwa zu den Mus­li­men sagen: ihr habt 12 Men­schen auf dem Breit­scheid­platz umge­bracht? Ich glau­be, auch die meis­ten Islam­kri­ti­ker und sogar »Islam­kri­ti­ker« wür­den zustim­men, dass man das so nicht sagen kann. Es ist ers­tens nicht wahr und zwei­tens brand­ge­fähr­lich. Was könn­ten die Men­schen die­ser Welt ein­an­der nach die­ser Logik alles vor­wer­fen – ihr habt …! Man öff­net die Büch­se der Pan­do­ra, wenn man anfängt, so zu denken. 

Doch die immer mehr ton­an­ge­ben­de lin­ke Iden­ti­täts­po­li­tik denkt so und wirbt aggres­siv dafür, so zu den­ken – jeden­falls in einer Rich­tung. Dem libe­ra­len Fokus auf das Indi­vi­du­um hält sie ent­ge­gen: Du kannst ja leicht sagen, dass man über Ras­se­zu­schrei­bun­gen (oder was auch immer gera­de der kor­rek­te Aus­druck dafür ist) hin­weg­se­hen sol­le, du wirst ja nicht ras­sis­tisch unter­drückt. Da ist etwas dran – wenn Men­schen stän­dig die Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund ihrer Haut­far­be spü­ren, dann haben sie nicht den Luxus, über Haut­far­be hin­weg­zu­se­hen. Mal ange­nom­men, die­se stän­di­ge Dis­kri­mi­nie­rung sei der Fall; ich weiß es nicht und die Ein­schät­zun­gen der poten­zi­ell Betrof­fe­nen fal­len sehr unter­schied­lich aus.

Unab­hän­gig davon zwingt einen die Wahr­neh­mung von Haut­far­be nicht, sich einem Kol­lek­tiv­schuld­den­ken (»ihr habt …«) zu ver­schrei­ben. Es ist voll­kom­men wider­spruchs­frei und ohne Selbst­ver­leug­nung mög­lich, sich als Ange­hö­ri­ger einer bestimm­ten Grup­pe wahr­zu­neh­men, eine respekt­vol­le, vor­ur­teils­freie Behand­lung ein­zu­for­dern und ande­ren zu gewäh­ren; sich klar­zu­ma­chen, dass man­che Men­schen, auf die man stößt, Ras­sis­ten sind, ande­re gleich­gül­tig gegen­über Ras­sis­mus sind und vie­le ande­re wie­der­um kei­ne Ras­sis­ten sind und Ras­sis­mus ableh­nen. Die­se Sicht­wei­se ist näher an der Wahr­heit und ver­zich­tet dar­auf, die gesell­schaft­li­chen Bezie­hun­gen wei­ter zu vergiften.

Und die Alternative?

Kann es auf Dau­er funk­tio­nie­ren, in der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen zwei mit­ein­an­der eng ver­bun­de­nen Groß­grup­pen ras­si­sches Kol­lek­tiv­den­ken bei der einen zu för­dern, ohne dass es auch bei der ande­ren Fuß fasst? 

Die Speer­spit­ze der »anti­ras­sis­ti­schen« Wokeness, die »Cri­ti­cal Race Theo­ry«, will sogar aus­drück­lich dar­auf hin­wir­ken, dass Wei­ße sich bewuss­ter als Wei­ße wahr­neh­men und über ihr Weiß­sein defi­nie­ren. Aber die Idee ist, dass sie das nur unter Anlei­tung der Theo­rie mit einer Hal­tung selbst­kri­ti­scher Zer­knir­schung tun. Ich kom­me im drit­ten Teil dar­auf zurück.

Hier nur so viel: Man muss sich eine beträcht­li­che Welt­fremd­heit erar­bei­tet haben, um zu glau­ben, dass dies in der Pra­xis funk­tio­nie­ren könn­te und nicht zum Bume­rang wird. Den­noch sau­gen alle Insti­tu­tio­nen und vie­le Ein­zel­ne die­se Leh­re auf wie ein Schwamm. Das Spiel mit dem Feu­er wird Main­stream.

Die Welt brennen sehen

Bis­her ging es vor allem dar­um, dass gute Absich­ten uns naiv machen. Aber sie haben noch eine dunk­le­re Sei­te. Sie kön­nen böse Absich­ten tar­nen und als gute erschei­nen las­sen. Gute Absich­ten und destruk­ti­ve Stre­bun­gen kön­nen so eng mit­ein­an­der ver­strickt sein, dass sich die bei­den Antei­le gar nicht mehr klar von­ein­an­der unter­schei­den las­sen. Bei­spie­le dafür sind die guten Absich­ten des Denun­zi­an­ten, des Über­zeu­gungs­tä­ters, des Inqui­si­tors, des Lynch­mobs und des hei­li­gen Krie­gers. Sie alle wür­den behaup­ten, im Namen eines höhe­ren Gutes zu han­deln, und mehr oder weni­ger glau­ben sie auch dar­an. Die­ser Glau­be blen­det sie für die Destruk­ti­vi­tät ihres Tuns. Sub­jek­tiv gute Absich­ten sind mit bösen Taten nicht nur ver­ein­bar, sie sind bei höhe­ren Schwe­re­gra­den der Bös­ar­tig­keit sogar ihre Vor­aus­set­zung (hier mehr dazu).

Je mehr wir von der Güte unse­rer Absich­ten geblen­det sind, des­to mehr sind wir auch bereit und fähig, Böses in ihrem Namen zu tun. Kon­kret: Wir kön­nen zer­stö­re­ri­sche Absich­ten recht­fer­ti­gen, indem wir dar­an glau­ben, dass es uns nur dar­um gehe, grö­ße­re Zer­stö­run­gen zu ver­hin­dern, zu been­den oder zu rächen. So kann man alles rechtfertigen.

In den letz­ten Wochen waren vie­le gute Absich­ten, aber auch vie­le sol­che Schat­ten guter Absich­ten zu beob­ach­ten. Dazu gehö­ren Gele­gen­heits­kri­mi­nel­le, die sich an der Unru­he berei­chern; Kräf­te, die ein­fach zor­nig und auf Zer­stö­rung aus sind; und ideo­lo­gisch Beses­se­ne, denen jeder Anlass recht ist, die gesell­schaft­li­che Ord­nung zu Fall zu brin­gen. Letz­te­re tra­ten zuletzt 2019 in der Kli­ma­be­we­gung in Erschei­nung. Sie den­ken ohne­hin, dass wir in einem Sys­tem leben, das zer­stö­re­risch sei und zer­stört wer­den müs­se. Aus ihrer Per­spek­ti­ve ist es fol­ge­rich­tig, zu die­sem Zweck jede Gele­gen­heit zu nut­zen, ob es nun die Rodung des Ham­ba­cher Fors­tes ist oder Geor­ge Floyd, denn all die­se Anläs­se sind für sie Sym­pto­me des­sel­ben »sys­te­mi­schen« Grundübels.

Auch das ist nach­voll­zieh­bar. Die moder­ne Gesell­schafts­ma­schi­ne­rie hat durch­aus eine kal­te, bru­ta­le und zer­stö­re­ri­sche Sei­te. Wahr­schein­lich kennt jeder die Ernüch­te­rung dar­über und das Auf­be­geh­ren dage­gen. Nun muss man nur noch die­se Ableh­nung der moder­nen Zivi­li­sa­ti­on ver­ab­so­lu­tie­ren und zum Glau­bens­sys­tem machen. Dabei hilft es, wenn man vie­le Gleich­ge­sinn­te um sich hat, so dass nie­mand einen mit stö­ren­den Fra­gen kon­fron­tiert. Dabei hilft eine gute Por­ti­on Opfer­men­ta­li­tät (sie­he oben), die man gut aus der Kind­heit und Jugend mit­neh­men kann, in der tat­säch­lich zu einem grö­ße­ren Teil ande­re über das eige­ne Schick­sal bestim­men. Es hilft, wenn man jung ist, kei­ne wirk­li­che Vor­stel­lung von Kom­ple­xi­tät hat und nicht weiß, wie schwer es ist, selbst ein klei­nes Pro­blem in der Rea­li­tät – im Unter­schied zur Theo­rie – zu lösen. Es hilft, wenn man kei­nen Unter­neh­mer und kei­nen Poli­zis­ten kennt, oder bes­ser noch einen, den man nicht mag. Dann ist das Bild per­fekt und man kann sich sagen: Der Unter­neh­mer ist Erbau­er eines kal­ten, bru­ta­len und zer­stö­re­ri­schen Sys­tems, und der Poli­zist steht Wache, damit die miss­han­del­ten Men­schen sich der Tyran­nei die­ses Sys­tems nicht ent­le­di­gen können.

Ende Juni twit­ter­te »Fri­days for Future Weimar«:

Und dann zwei Tage später:

Man kann ein­mal über die inter­es­san­te Fra­ge medi­tie­ren, was für eine emo­tio­na­le Auf­la­dung das ist, die einen treibt, öffent­lich mit schwers­ten Anschul­di­gun­gen um sich zu wer­fen, an deren Wahr­heit man selbst nicht glaubt.

Über die Kli­ma­be­we­gung schrieb der lang­jäh­ri­ge Umwelt­ak­ti­vist und Autor Micha­el Shel­len­ber­ger kürz­lich:

Hin­ter einem gro­ßen Teil des Alar­mis­mus ste­hen Sta­tus­angst, Depres­si­on und Feind­se­lig­keit gegen­über der moder­nen Zivilisation.

In dem Film The Dark Knight von Chris­to­pher Nolan erklärt Alfred, der But­ler, die Moti­va­ti­on des Cha­os stif­ten­den Jokers mit dem Satz »Man­che wol­len die Welt ein­fach bren­nen sehen«.

Eine dänisch-US-ame­ri­ka­ni­sche Stu­die von 2018 geht die­ser Hypo­the­se nach. Sie refe­riert unter ande­rem Zah­len aus einer Umfra­ge zu die­sem »Bedürf­nis nach Cha­os«, wie die Autoren es nen­nen. Dem­zu­fol­ge neh­men 40 Pro­zent der befrag­ten US-Ame­ri­ka­ner eine zustim­men­de oder neu­tra­le Hal­tung zu dem State­ment ein, dass sie mit Blick auf die »sozia­len und poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen« ihrer Gesell­schaft den­ken: »lasst sie brennen«.

Es war schon denk­wür­dig, als sich in den USA bür­ger­kriegs­ähn­li­che Sze­nen abzu­spie­len began­nen und die weit­ge­hend ein­hel­li­ge Reak­ti­on der deut­schen Medi­en sinn­ge­mäß war: »Toll, das wol­len wir auch!«

Was macht man mit so einem System?

Über maß­geb­li­che gesell­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen hin­weg, geführt von den Uni­ver­si­tä­ten, läuft eine Neu­in­sze­nie­rung von »Bie­der­mann und die Brand­stif­ter«. Alle Anzei­chen und Äuße­run­gen sind da, aber immer, wenn man dar­auf hin­weist, ist die Reak­ti­on: Nein, die wol­len bestimmt kei­nen Brand legen. Glau­be ich nicht. Das ist eine Ver­schwö­rungs­theo­rie. Das wäre ja verrückt.

Doch es ist nor­mal gewor­den, zu mei­nen, dass unse­re Gesell­schaft ein ver­bre­che­ri­sches Sys­tem ist, in dem eini­ge weni­ge den Rest der Welt aus­beu­ten und in Armut und Elend hal­ten, ein Sys­tem, das auf Ras­sis­mus gebaut und von Ras­sis­mus durch­drun­gen ist, ein Sys­tem, das die Men­schen von­ein­an­der iso­liert und zu Fein­den und Kon­kur­ren­ten macht, ein Sys­tem, in dem Män­ner unge­straft Frau­en ver­prü­geln und ver­ge­wal­ti­gen und aus psy­cho­pa­thi­scher Macht­gier den eige­nen Töch­tern vom ers­ten Lebens­tag an ein­re­den, dass sie schwach sind und nichts errei­chen kön­nen, ein Sys­tem, das der Selbst­ent­fal­tung der Men­schen so enge Gren­zen setzt, dass selbst die Herr­scher in ihm Skla­ven sind, ein Sys­tem, das die von Natur aus guten und star­ken Men­schen ver­krüp­pelt und kor­rum­piert, ein Sys­tem, das über­dies im Begriff ist, sämt­li­ches Leben auf der Erde zu zerstören.

Was macht man mit so einem System?

Marc Felix Ser­rao schrieb neu­lich in der NZZ:

SPD und Grü­ne (und die Links­par­tei sowie­so) drü­cken bei lin­ker Ran­da­le und Gewalt nicht nur regel­mäs­sig bei­de Augen fest zu, weil sie den dahin­ter ste­hen­den Hass auf das Sys­tem tei­len, sie beken­nen sich sogar als «Antifa»-Sympathisanten. Und zusam­men mit den Uni­ons­par­tei­en und der FDP ste­hen sie rat­los vor dem Pro­blem, dass bei wei­tem nicht alle, aber lei­der mehr als eine Hand­voll jun­ger Män­ner mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund dem deut­schen Staat und sei­nen Ord­nungs­hü­tern ableh­nend bis feind­se­lig gegen­über­ste­hen. Man sieht die­se Ver­ach­tung in den Vide­os aus Stutt­gart, man hört sie im migran­tisch domi­nier­ten deutsch­spra­chi­gen Gangs­ta-Rap, man kann sie regel­mäs­sig im Auf­tre­ten der Zehn­tau­sen­de Mit­glie­der zäh­len­den kri­mi­nel­len Gross­fa­mi­li­en im Land erleben.

In der Tat war die Stutt­gar­ter Alli­anz aus »Fuck the Sys­tem« und »Alla­hu Akbar« sym­bol­träch­tig. Und fol­ge­rich­tig. Da ist ers­tens ein Kon­flikt­po­ten­zi­al, das kul­tu­rel­le und his­to­ri­sche Grün­de hat, wie es auch in den USA eines gibt. Zwei­tens ist da eine Lin­ke, der jedes Auf­be­geh­ren gegen das ver­hass­te Sys­tem will­kom­men ist und die des­halb jenes Kon­flikt­po­ten­zi­al ger­ne mobi­li­siert. So sen­den die­se Tei­le der Lin­ken (wie Jes­se Lee Peter­son zu sagen pflegt: »Not all, not all, not all, but most«) nicht nur all­ge­mein die Bot­schaft aus, dass die­ses Sys­tem zu Fall gebracht wer­den müs­se. Dar­über hin­aus haben sie noch eine spe­zi­el­le Bot­schaft für Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, die etwa so lautet: 

Die Wei­ßen miss­han­deln und unter­drü­cken euch, und ihr gutes Leben beruht auf euren Ent­beh­run­gen und eurer Berau­bung. Die Herr­schaft der Wei­ßen ist ein gigan­ti­sches Unrecht, das an euch ver­übt wur­de und wird. Die Wei­ßen sehen euch als Men­schen zwei­ter Klas­se, wäh­rend in Wahr­heit sie es sind, die der Welt nur Leid, Schmerz, Zer­stö­rung und Unge­rech­tig­keit gebracht haben. Die Wei­ßen sind Ras­sis­ten und wer­den es immer sein. Ihr seid wütend, ihr hasst sie, die­se Ras­sis­ten und ihr Schwei­ne­sys­tem? Recht so, ihr habt allen Grund dazu.

Durch die Blu­me und oft in Form selek­ti­ven Hin- und Weg­se­hens ver­kün­den auch die Mas­sen­me­di­en die­se Bot­schaft, die öffent­lich-recht­li­chen vor­ne­weg. Ver­mut­lich ist ihnen nicht ganz klar, was sie tun. Es geht ja asso­zia­tiv um eine Posi­tio­nie­rung gegen Unrecht; das fühlt sich gut an und kann nicht falsch sein, und so machen sie sich nicht klar, dass sie mit die­sen Nar­ra­ti­ven Mil­lio­nen Men­schen, ihr Publi­kum, Men­schen wie sie selbst, schwers­ter Ver­ge­hen beschul­di­gen. Sie glau­ben, damit zur Schaf­fung einer gerech­te­ren Welt bei­zu­tra­gen und machen sich nicht klar, wel­che Impli­ka­tio­nen es hat, wenn unse­re Kul­tur wirk­lich ein so ver­bre­che­ri­sches Sys­tem ist, wie die Theo­rien unter­stel­len, die die­ser Bericht­erstat­tung zugrun­de lie­gen. Denn was macht man mit einem sol­chen System?

Wahrheit

Scott Adams erwähn­te neu­lich, dass er es für Kin­des­miss­hand­lung hal­te, einem schwar­zen Kind von »sys­te­mi­schem Ras­sis­mus« zu erzählen. 

Kin­der wer­den stark von an sie gerich­te­ten Erwar­tun­gen beein­flusst. Wenn Erwach­se­ne einem Kind glaub­haft ver­mit­teln, dass sie ihm gro­ße Leis­tun­gen zutrau­en, wird es im Durch­schnitt mehr Leis­tungs­fä­hig­keit ent­wi­ckeln als ein Kind, bei dem das nicht geschieht.

Was also soll­te man einem schwar­zen Kind bes­ser sagen:

  1. »Sys­te­mi­scher Ras­sis­mus wird dich im Leben zurück­hal­ten«, oder
  2. »Es gibt über­all auf der Welt Ras­sis­mus, aber davon musst du dich nicht auf­hal­ten las­sen. Viel­leicht ist mal jemand unfreund­lich oder du bekommst eine Woh­nung oder einen Job nicht. Aber dann fin­dest du eine ande­re Woh­nung oder einen ande­ren Job. Unterm Strich kann dich der Ras­sis­mus nicht dar­an hin­dern, ein gutes Leben zu haben. Er wird nicht ver­hin­dern, dass du Freun­de fin­dest, jeman­den zum Hei­ra­ten fin­dest und eine Fami­lie grün­dest. Du kannst sogar von ihm pro­fi­tie­ren, denn wenn du dich anstrengst und gute Leis­tun­gen bringst, bekommst du sicher einen guten Stu­di­en­platz und einen guten Job.«

Die Ant­wort ist klar, wenn man ein gutes Leben für das Kind will und nicht ideo­lo­gisch beses­sen ist.

In einem wich­ti­gen Punkt aber muss ich Adams wider­spre­chen. Ihm zufol­ge ist es egal, ob es wahr ist, was man dem Kind mit der zwei­ten Vari­an­te sagt; es sei unab­hän­gig davon ein­fach bes­ser für das Kind.

Ich hal­te dem ent­ge­gen, dass es nicht bes­ser für das Kind wäre, wenn es nicht wahr wäre. Es geht ja nicht um den Glau­ben an den Weih­nachts­mann, den jedes Kind ohne­hin irgend­wann auf­gibt. Es geht um ein Bild von der Welt, an dem sich die­ser her­an­wach­sen­de Mensch auf sei­nem Weg durch das Leben ori­en­tie­ren soll. Damit wäre ihm nicht gedient, wenn das Bild falsch wäre. Ein fal­sches Bild wür­de immer wie­der zu Fehl­ein­schät­zun­gen, fal­schen Ent­schei­dun­gen und Ent­täu­schun­gen führen.

Adams meint, es braucht nicht wahr zu sein, es muss nur für das Kind funk­tio­nal sein. Ich sage: Es wäre nicht funk­tio­nal, wenn es nicht wahr wäre. 

Genau in die­sem Sinn will ich kei­ne Gesell­schafts­kri­tik unter­drü­cken und nichts beschö­ni­gen. Aber was als Gesell­schafts­kri­tik vor­ge­tra­gen wird, ist meist Ideo­lo­gie und damit das Gegen­teil von Kri­tik. Kri­tik ist eine gewis­sen­haf­te Durch­drin­gung einer Sache mit dem Ziel, mög­lichst genau fest­zu­stel­len, was sie ist und was sie nicht ist, was sie kann und was sie nicht kann. Ideo­lo­gie ist ein selbst­ge­fäl­li­ges Sich-Begnü­gen mit einer emo­tio­nal befrie­di­gen­den Pau­schal­ant­wort auf alle Fragen.

Wahr­heit erdet, stärkt und heilt; Lügen ent­zwei­en und schwä­chen, ver­dun­keln und des­ori­en­tie­ren, machen uns krank und irre. Auch die, an die man selbst glaubt. 

Ein­schließ­lich der gut gemeinten.

3.) Wie der postmoderne Antirassismus spaltet und Rassismus erzeugt

Statt eines Got­tes zum Ver­eh­ren bie­tet der auf dem Kopf ste­hen­de post­mo­der­ne Glau­be der Cri­ti­cal Social Jus­ti­ce einen Feind – sys­te­mi­sche Ungleich­heit – zum Zer­stö­ren, und was immer anstel­le des­sen, was er dekon­stru­iert, übrig bleibt oder neu ent­steht, erfährt dann das­sel­be Schicksal.

James Lind­say

Bis vor Kur­zem hät­te man gesagt: Behand­le alle Men­schen gleich und ver­su­che, über alle Grup­pen und Ste­reo­ty­pe hin­weg die indi­vi­du­el­le Per­son in jedem zu sehen. So bekämpft man Rassismus.

Jetzt nicht mehr. Die neue Losung lau­tet: Behand­le alle Men­schen unter­schied­lich, je nach­dem, wel­cher eth­nisch-kul­tu­rel­len Grup­pe du sie zuschreibst, und den­ke immer dar­an, dass es unmög­lich ist, ein­an­der über die Grä­ben der tren­nen­den Grup­pen­zu­ge­hö­rig­kei­ten hin­weg als indi­vi­du­el­le Per­son zu begegnen. 

Das ist kein Witz und kei­ne Über­trei­bung. Das ist »Anti­ras­sis­mus«. Das ist der Para­dig­men­wech­sel, den eine erfolg­rei­che neu­lin­ke Denk­schu­le uns der­zeit unter begeis­ter­tem Schwanz­we­deln der Medi­en auf­nö­tigt. Sie nennt sich »Cri­ti­cal Race Theo­ry«, auf Deutsch kri­ti­sche Ras­sen­theo­rie. Es ist kei­ne Pole­mik, die­se Leu­te als Ras­sen­theo­re­ti­ker zu bezeich­nen. Sie bezeich­nen sich selbst so. Und völ­lig zu recht. Sie sind Ras­sen­theo­re­ti­ker, sie sind Ras­sis­ten, und nie­mand soll­te ihnen auch nur einen Spalt breit die Tür öffnen.

Sind Sie rassistisch oder sind Sie rassistisch?

Vor ein paar Wochen stieß ich in einer Face­book­grup­pe auf fol­gen­des Meme: eine Bin­go-Kar­te mit »bei­läu­fig ras­sis­ti­schen« Äuße­run­gen von Weißen.

Dem­nach ist unter ande­rem ras­sis­tisch, wenn ein Wei­ßer sagt, dass er als Kind für sei­ne wei­ße Haut­far­be ange­fein­det wur­de; wenn er auf die schwar­zen Opfer der Kri­mi­na­li­tät unter Schwar­zen hin­weist; wenn er erwähnt, dass auch Wei­ße ein­mal Skla­ven waren; wenn er Affir­ma­ti­ve Action erwähnt; wenn er rekla­miert, dass nicht alle Wei­ßen (wor­an auch immer) schul­dig sind; wenn er dar­auf hin­weist, dass all­zu gro­ße Feind­se­lig­keit auf Sei­ten der Gerech­tig­keits­krie­ger ihrer Sache nicht dient usw.

Eine Wei­le starr­te ich die­se Gra­fik mit einer gewis­sen Fas­zi­na­ti­on des Ekels ungläu­big an, weil sie so dumm ist. Ein­fach jedes Argu­ment, das die Gegen­sei­te vor­brin­gen könn­te, als ras­sis­tisch abstem­peln – so ein­fach kann man es sich machen. Dann keim­te in mir eine Hoff­nung, dass das Meme von rech­ten Trol­len pro­du­ziert wur­de, um die Lin­ke schlecht aus­se­hen zu las­sen. Das ist durch­aus möglich. 

Letzt­lich ist es aber auch egal, denn die Gra­fik bil­det zutref­fend die Theo­rie ab, die lin­ke Ras­sen­theo­re­ti­ker ver­tre­ten. Dar­an ist nichts ver­zerrt dar­ge­stellt oder übertrieben.

Die Theo­rie ist, dass Wei­ße ras­sis­tisch sind. Wenn man sie damit kon­fron­tiert, gilt das Mot­to »Du hast kei­ne Chan­ce – nut­ze sie«:

  • Sie kön­nen zuge­ben, dass sie ras­sis­tisch sind. Dann kön­nen bzw. müs­sen sie kri­ti­sche Ras­sen­theo­re­ti­ker und »Anti­ras­sis­ten« wer­den und sich fort­an per­ma­nent mit dem eige­nen Ras­sis­mus beschäftigen.
  • Sie kön­nen abstrei­ten, dass sie ras­sis­tisch sind. Dies gilt dann als Beweis für ihren Rassismus.

Es ist daher tat­säch­lich so, wie die Gra­fik nahe­legt: Alles, was man gegen die Theo­rie sagen könn­te, ist ras­sis­tisch. Die Theo­rie, die Theo­rie, die hat immer recht. Und indem sie Men­schen anhand ihrer Haut­far­be be- und ver­ur­teilt, macht sie genau das zu ihrem Fun­da­ment, was sie zu bekämp­fen behaup­tet: Rassismus. 

»Critical Social Justice«

Es ist nicht leicht, einen pas­sen­den und pra­xis­taug­li­chen Namen für die­se merk­wür­di­ge Theo­rie und Bewe­gung zu fin­den, auf die sich Begrif­fe wie Social Jus­ti­ce, Wokeness, Poli­ti­cal Cor­rect­ness oder auch Jor­dan Peter­sons post­mo­der­ne Neo-Mar­xis­ten bezie­hen. Es ist ein neu­ar­ti­ges Phä­no­men. In einem ers­ten, gro­ben Zugriff kann man sagen, dass es Ele­men­te des fran­zö­si­schen Post­mo­der­nis­mus, der Frank­fur­ter Kri­ti­schen Theo­rie und mar­xis­ti­scher Kon­flikt­theo­rie über­nom­men, stark ver­flacht, waf­fen­fä­hig gemacht und zu einem qua­si­re­li­giö­sen Glau­bens­sys­tem zusam­men­ge­führt hat, des­sen Flucht­punkt die Ein­eb­nung sozia­ler Struk­tu­ren ist.

Im Febru­ar hat James Lind­say die Schwie­rig­kei­ten der Namens­fin­dung nach­ge­zeich­net und die Bezeich­nung Cri­ti­cal Social Jus­ti­ce vor­ge­stellt, auf die er sich mit Helen Pluck­ro­se und Peter Bog­hos­si­an geei­nigt hat.

Das Trio ist seit 2018 bekannt für sein erfolg­rei­ches Pro­jekt, eini­ge absicht­lich absur­de »wis­sen­schaft­li­che« Auf­sät­ze in »wis­sen­schaft­li­chen« Zeit­schrif­ten der Gen­der Stu­dies und ähn­li­cher »kri­ti­scher« Dis­zi­pli­nen zu plat­zie­ren. Wiki­pe­dia dazu:

Dem Pro­jekt vor­an­ge­gan­gen war die Ver­öf­fent­li­chung eines Hoax-Arti­kels mit dem Titel ›The con­cep­tu­al penis as a social con­struct‹, in dem die Autoren in der Tra­di­ti­on des radi­ka­len Kon­struk­ti­vis­mus argu­men­tie­ren, dass der Penis des Men­schen mit einer per­for­ma­ti­ven toxi­schen Mas­ku­lini­tät gleich­zu­set­zen sei und in enger Ver­bin­dung mit dem Kli­ma­wan­del stehe: …

So behaup­te­ten die Autoren etwa, das Ver­hal­ten von Hun­den in ver­schie­de­nen Hun­de­parks unter­sucht und mit der Ana­ly­se von 10.000 Hun­de­pe­nis­sen ange­rei­chert zu haben. Sie sei­en dabei zu dem Ergeb­nis gekom­men, dass es dort eine Ver­ge­wal­ti­gungs­kul­tur (rape cul­tu­re) gäbe, die einer mensch­li­chen ver­gleich­bar sei, und dass das Ver­hal­ten von Män­nern folg­lich wie bei einer Hun­de­dres­sur geän­dert wer­den kön­ne und müs­se. Ande­re Arti­kel behan­deln eine femi­nis­ti­sche Les­art von Hit­lers Mein Kampf (Nr. 7) oder behaup­ten, Män­ner könn­ten und soll­ten durch das ana­le Ein­füh­ren von Gegen­stän­den ihre Homo- und Trans­pho­bie ver­rin­gern (Nr. 3).

Das alles ist nur vor­der­grün­dig zum Lachen. Denn es ging nicht ein­fach dar­um, zu zei­gen, dass jeder Schwach­sinn in die­sen Blät­tern erschei­nen kann. Das wäre auch nicht wahr – nicht jeder Schwach­sinn. Nur sol­cher Schwach­sinn, der die »kri­ti­sche« Linie die­ser Dis­zi­pli­nen repro­du­ziert, und »kri­tisch« bedeu­tet in die­sem Zusam­men­hang »desta­bi­li­sie­rend« (Bei­spie­le unter Real Peer Review).

Nomi­nell rich­tet sich die Desta­bi­li­sie­rungs­ab­sicht auf unge­rech­te Herr­schaft, doch da – dies ist der post­mo­der­nis­ti­sche Teil – etwa auch Spra­che und Wis­sen­schaft als Instru­men­te die­ser Herr­schaft ver­stan­den wer­den, gilt es auch die­se zu desta­bi­li­sie­ren. Es gilt letzt­lich alles zu desta­bi­li­sie­ren, weil sich in allem ein Aus­druck »sys­te­mi­scher Ungleich­heit« nach­wei­sen lässt. Dass die The­men der ent­spre­chen­den Fach­zeit­schrif­ten schräg sind, ist aus die­ser Sicht nicht nur in Kauf zu neh­men, son­dern gewollt, da die Schräg­heit selbst sub­ver­siv ist. Sie ist Fea­ture, nicht Bug. Sie hat und erfüllt ihren Zweck.

Auf der Web­site New Dis­cour­ses set­zen die drei ihre wert­vol­le Auf­klä­rungs­ar­beit über die­sen äußerst effek­ti­ven Angriff auf die freie Gesell­schaft uner­müd­lich fort, wobei James Lind­say die trei­ben­de Kraft ist. Ich ver­dan­ke die­ser Res­sour­ce hier viel Input und ver­lin­ke ent­spre­chend aus­gie­big. Auch Lind­says Bei­trä­ge auf Face­book und Twit­ter loh­nen sich für Interessierte.

Der Bruch mit der Moderne

Ich ver­wen­de oben den Begriff »post­mo­dern« in dem Wis­sen, dass er nicht per­fekt ist. Er deckt nur teil­wei­se ab, was die­ses Den­ken aus­macht, und ist etwas ande­res als der ursprüng­li­che Post­mo­der­nis­mus. Aller­dings ist der post­mo­der­nis­ti­sche Aspekt ent­schei­dend, da im Wesent­li­chen er es ist, der den Para­dig­men­wech­sel voll­zieht, mit dem wir es zu tun haben: den Bruch mit der Moderne.

Ich ver­su­che im Fol­gen­den, die Form und Trag­wei­te die­ses Para­dig­men­wech­sels kla­rer zu umrei­ßen. Er lässt kei­nen Stein auf dem ande­ren. Ich hal­te es für wich­tig, dies ans Licht zu heben, weil ich anneh­me, dass die meis­ten Men­schen tat­säch­lich ein­fach nai­ve gute Absich­ten im Sinn haben, wenn sie in den »anti­ras­sis­ti­schen« Chor ein­stim­men, und sich über die Impli­ka­tio­nen der Theo­rie nicht im Kla­ren sind. Die Mani­pu­la­ti­on und Aus­beu­tung der guten Absich­ten nor­ma­ler, anstän­di­ger Leu­te für ihren Kul­tur­krieg gegen nor­ma­le, anstän­di­ge Leu­te gehört gene­rell zu den wich­tigs­ten und erfolg­reichs­ten Tak­ti­ken von Social-Justice-Aktivisten.

Der moder­ne Zugriff auf die Wirk­lich­keit ist (war) etwa dieser: 

Es gibt eine objek­ti­ve Wirk­lich­keit, die wir durch Wahr­neh­mung und For­schung erfas­sen kön­nen, nicht per­fekt und nicht voll­stän­dig, aber annä­hernd und mit der Zeit immer bes­ser. Was wir so in Erfah­rung brin­gen, sys­te­ma­ti­sie­ren wir mit Hil­fe von Begrif­fen und Theo­rien, die wir dann wie­der­um nut­zen kön­nen, um gezielt in die Wirk­lich­keit ein­zu­grei­fen und Pro­ble­me zu lösen. Auch wenn das zunächst eigen­nüt­zig geschieht, macht die­ses Stre­ben lang­fris­tig das Leben für vie­le und poten­zi­ell alle Men­schen bes­ser. So kam es etwa zur indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on, die auf Basis wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se einen nie zuvor dage­we­se­nen Wohl­stand für die Mas­sen (die es vor­her gar nicht gab) geschaf­fen hat. 

Die Mög­lich­keit des sys­te­ma­ti­schen Ein­grei­fens in die Wirk­lich­keit erstreckt sich im Prin­zip auch auf die Gesell­schaft. Wir haben neben Maschi­nen auch Insti­tu­tio­nen erfun­den, etwa demo­kra­ti­sche, rechts­staat­li­che und wohl­fahrts­staat­li­che. Wir haben nicht nur die Natur in gewis­sem Maß gezähmt, son­dern auch die Gesell­schaft. Bei­des nicht per­fekt und voll­stän­dig, aber wir sehen kla­re Fort­schrit­te und hal­ten wei­te­re für möglich. 

Auch der Ras­sis­mus unter uns hat bereits abge­nom­men und wird wei­ter abneh­men. Der theo­re­ti­sche Rah­men für die­se Abnah­me ist der Libe­ra­lis­mus. In der Ver­fas­sung steht die Wür­de des Men­schen, und das heißt, die Wür­de des Indi­vi­du­ums, ganz oben, dicht gefolgt vom Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund von Grup­pen­zu­ge­hö­rig­kei­ten. Wir ver­pflich­ten uns dar­auf, jeden Men­schen als Per­son zu sehen und zu wür­di­gen, jedem Men­schen die glei­che Chan­ce zu geben und ihn nur an den Äuße­run­gen und Hand­lun­gen zu beur­tei­len, die Aus­druck sei­ner Per­sön­lich­keit sind, und nicht dar­an, wel­che Pig­men­tie­rung sei­ne Haut hat oder wo er her­kommt. Wie­der­um: Das gelingt uns nicht per­fekt; nichts und nie­mand ist per­fekt, aber es ist grund­sätz­lich mög­lich und gelingt uns immer besser.

Der post­mo­der­ne Zugriff der »Social Justice«-Bewegung bricht hier­mit auf gan­zer Linie. Er ist nicht ganz klar in der Fra­ge, ob und inwie­fern es eine objek­ti­ve Wirk­lich­keit gibt, aber das ist für ihn auch nicht so wich­tig. Denn wor­auf es ihm ankommt, ist, dass es prak­tisch unend­lich vie­le Mög­lich­kei­ten gebe, die Wirk­lich­keit in »sozia­len Kon­struk­tio­nen« und »Dis­kur­sen« zu inter­pre­tie­ren. So mag es wohl zum Bei­spiel eine bio­lo­gi­sche Wirk­lich­keit geben, die es zwei Men­schen ermög­licht, sich durch bestimm­te Inter­ak­tio­nen fort­zu­pflan­zen. Aber des­we­gen gibt es noch lan­ge kei­ne Not­wen­dig­keit, dies mit den Begrif­fen »Geschlecht«, »Mann«, »Frau«, »Ehe«, »Fami­lie«, »Kind« und so wei­ter zu erfas­sen. Dies sind »sozia­le Konstruktionen«.

Obwohl es prak­tisch unend­lich vie­le Mög­lich­kei­ten gibt, die Wirk­lich­keit in sozia­len Kon­struk­tio­nen und Dis­kur­sen zu inter­pre­tie­ren, haben sich ein­zel­ne davon durch­ge­setzt (»Mann«, »Frau«, »Ehe« …). Sie fin­den die wei­tes­te Ver­brei­tung und gel­ten rela­tiv zu ande­ren als rich­ti­ger, viel­leicht sogar als ein­zig rich­ti­ge, als »Wahr­heit« oder »Fakt«. Grund dafür ist die Vor­macht­stel­lung der sozia­len Grup­pen, die die­se Dis­kur­se füh­ren. Die Mäch­ti­gen machen ihre Art, die Wirk­lich­keit zu inter­pre­tie­ren, für alle ver­bind­lich. Damit sichern sie ihre Macht und fes­ti­gen die sozi­al kon­stru­ier­te sys­te­mi­sche Ungleich­heit. Die Ohn­mäch­ti­gen, die Unter­drück­ten, die Mar­gi­na­li­sier­ten, haben oder hät­ten prin­zi­pi­ell ihre eige­nen Dis­kur­se, die genau­so wahr sind wie die vor­herr­schen­den und genau­so viel zur Erkennt­nis der Wirk­lich­keit bei­zu­tra­gen hät­ten; ihnen fehlt aber die Macht, sich damit Gel­tung zu verschaffen. 

Totalisierter Machtkampf

Dar­aus ergibt sich das poli­ti­sche Pro­gramm, die hege­mo­nia­len Dis­kur­se vom Thron zu sto­ßen und den mar­gi­na­li­sier­ten mehr Gel­tung zu ver­schaf­fen. Dies ist von der War­te die­ser Theo­rie aus gese­hen ein nack­ter Macht­kampf und nichts ande­res. Der Moder­nis­mus ging davon aus, dass Spra­che, Wör­ter, Theo­rien und Argu­men­te grund­sätz­lich geeig­net sind, zwi­schen Indi­vi­du­en gleich wel­cher Her­kunft ein Ein­ver­ständ­nis über Tei­le der Wirk­lich­keit her­zu­stel­len. Die Annah­me war, dass es bes­se­re und schlech­te­re Argu­men­te gibt, dass es Aus­sa­gen gibt, die einen grö­ße­ren Erkennt­nis­wert haben oder näher an der Wahr­heit sind als ande­re, und dies immer unab­hän­gig davon, wer sie ausspricht.

Im akti­vis­ti­schen Post­mo­der­nis­mus gibt es nichts der­glei­chen. »Wahr­heit«, »Erkennt­nis«, »bes­se­res Argu­ment« – das sind selbst nur Kon­struk­tio­nen, die die Macht der­je­ni­gen sichern, die in wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­sen die­ser Art zu Hau­se sind und eben dar­aus ihre Macht bezie­hen. Daher kommt das Urteil, das sei­en »wei­ße, männ­li­che« Kate­go­rien. Es ergibt sich logisch aus dem auf »Macht« fixier­ten theo­re­ti­schen Rah­men. Wenn man das nach die­sen Maß­stä­ben »bes­se­re Argu­ment« gewin­nen lässt, gewin­nen nur wie­der die Mäch­ti­gen. Die Unter­drü­ckung der ande­ren setzt sich fort. Wer das »bes­se­re Argu­ment« gewin­nen lässt, ist im bes­ten Fall naiv, im schlech­te­ren Fall akti­ver Zuar­bei­ter der sys­te­mi­schen Ungleich­heit (ras­sis­tisch, sexis­tisch, homo­phob, trans­phob, klas­sis­tisch, ableis­tisch, lookistisch …). 

Statt­des­sen kommt es dar­auf an, die hege­mo­nia­len Stim­men und Dis­kur­se zurück­zu­drän­gen, so dass die Mar­gi­na­li­sier­ten mehr Raum und Gel­tung erhal­ten. Das »bes­se­re Argu­ment« ist hier auto­ma­tisch das der Mar­gi­na­li­sier­ten, da jeder Auf­trieb für die­ses Argu­ment auto­ma­tisch zu weni­ger Unter­drü­ckung und mehr Gerech­tig­keit führt. Das tut es nicht auf­grund sei­nes Gehalts, son­dern indem durch sei­ne Arti­ku­la­ti­on und Ver­brei­tung Macht von den Unter­drü­ckern zu den Unter­drück­ten umge­lei­tet wird.

Daher ist es auch rich­tig und legi­tim, wenn Akti­vis­ten mit Trom­meln und Trö­ten einen moder­nis­ti­schen Red­ner über­tö­nen, ohne zu wis­sen, was der eigent­lich sagen woll­te. Sei­ne Rede dient nur zur Fes­ti­gung der Macht- und Unter­drü­ckungs­ver­hält­nis­se, von denen er pro­fi­tiert. Da die Wahr­heit auf alle Per­spek­ti­ven ver­teilt ist und die­ser Red­ner völ­lig unge­recht­fer­tigt eine »Art, zu wis­sen« als die ein­zig rich­ti­ge aus­gibt, dient es zugleich der wah­ren Wahr­heits­fin­dung und der Gerech­tig­keit, ihn niederzubrüllen.

Hier liegt der unver­meid­li­che Bruch des waf­fen­fä­hi­gen poli­ti­schen Post­mo­der­nis­mus mit dem ursprüng­li­chen phi­lo­so­phi­schen. Die Phi­lo­so­phen argu­men­tier­ten, dass es kein Met­anar­ra­tiv, also kei­ne umfas­sen­de Groß­theo­rie der Wirk­lich­keit geben sol­le, weil sol­che Theo­rien eben immer an bestimm­te Sicht­wei­sen (von Herr­schen­den) gebun­den sei­en und zu vie­le Facet­ten der Wirk­lich­keit unter­schlü­gen. Da ist durch­aus etwas dran. Die Akti­vis­ten der Post­mo­der­ne machen aber nun gera­de hier­aus eine Groß­theo­rie. Als Akti­vis­ten kön­nen sie auch nicht anders. Das Wesen des Post­mo­der­nis­mus war ursprüng­lich ein radi­ka­ler Zwei­fel. Aus einem radi­ka­len Zwei­fel her­aus kann man kei­nen Akti­vis­mus for­men. Aus ihm ist statt­des­sen das Gegen­teil gewor­den: eine uner­schüt­ter­li­che, gera­de­zu fana­ti­sche Gewiss­heit der Akti­vis­ten, unab­hän­gig von Argu­men­ten, Fak­ten, Bewei­sen und so wei­ter im Besitz des ein­zig rich­ti­gen Zugriffs auf die Wirk­lich­keit zu sein.

Die Abschaffung des Individuums

Und des­we­gen ist es wie­der­um doch nicht ganz egal, wel­che Argu­men­te ein Mar­gi­na­li­sier­ter vor­bringt. Er darf nichts vor­brin­gen, was der Theo­rie wider­spricht. Wenn etwa ein schwar­zer US-Ame­ri­ka­ner sagt, er habe nie Ras­sis­mus erlebt und glau­be nicht, dass »sys­te­mi­scher Ras­sis­mus« real und ein gro­ßes Pro­blem sei, dann ist das aus Sicht der Theo­rie kei­ne mar­gi­na­li­sier­te Stim­me, die als sol­che Gehör ver­dient. Genau so, wenn sich eine Frau gegen den Femi­nis­mus stellt. Ihre Stim­me ist dann als Frau­en­stim­me ungül­tig. Die Theo­rie sieht Kate­go­rien für sol­che Fäl­le vor, mit deren Hil­fe sie die Argu­men­te des Schwar­zen oder der Frau nicht nur igno­rie­ren, son­dern als Bestä­ti­gung wer­ten kann. Sie haben »fal­sches Bewusst­sein«, bie­dern sich beim Unter­drü­cker an, haben die Unter­drü­ckung inter­na­li­siert etc. Es ist klas­si­sches Ver­schwö­rungs­den­ken: Dass es kei­ne Bewei­se für die Ver­schwö­rung gibt, zeigt nur, wie mäch­tig sie ist.

Die Grup­pe bestimmt die Iden­ti­tät, die Iden­ti­tät bestimmt den Stand­punkt. Es gibt wei­ße, männ­li­che Dis­kur­se und weib­li­che, mar­gi­na­li­sier­te, PoC- und quee­re Dis­kur­se und so wei­ter. Um mit einer »authen­tisch« schwar­zen oder weib­li­chen (oder schwu­len etc.) Stim­me spre­chen zu kön­nen, muss die betref­fen­de Per­son in der Theo­rie geschult sein und die eige­ne »Posi­tio­na­li­tät« mit­re­flek­tie­ren. Sie spricht also als Schwar­zer, als Frau nach Maß­ga­be des­sen, was die Posi­tio­na­li­tät von Schwar­zen und Frau­en im all­ge­mei­nen Unter­drü­ckungs­sche­ma der Theo­rie zufol­ge diktiert.

Mar­gi­na­li­sier­te brau­chen die Theo­rie, um zu ihrer tat­säch­li­chen »Posi­tio­na­li­tät« vor­zu­drin­gen und von ihrem Stand­punkt aus »authen­tisch« zu spre­chen. Solan­ge sie das nicht tun, ist das, was sie sagen, nicht wirk­lich ihre Stim­me. Es ist Aus­druck einer Gehirn­wä­sche im Namen herr­schen­der Dis­kur­se und inhalt­lich ungül­tig. Dies legi­ti­miert dann auch, dass etwa Wei­ße Schwar­ze im Namen der Theo­rie zum Schwei­gen brin­gen, oder Män­ner Frau­en. Wenn Schwar­ze oder Frau­en die Herr­schafts­dis­kur­se der White Supre­ma­cy oder des Patri­ar­chats repro­du­zie­ren, dann repro­du­zie­ren sie die Unter­drü­ckung von Schwar­zen und Frau­en, und der kri­tisch geschul­te Gerech­tig­keits­krie­ger ist berech­tigt und ver­pflich­tet, sie um der Schwar­zen und Frau­en wil­len zu stop­pen – auch wenn er weiß, männ­lich und hete­ro­se­xu­ell ist.

Auch des­halb kann es in die­ser Theo­rie nicht so etwas wie ein »bes­se­res Argu­ment« geben: weil eh von vorn­her­ein klar ist, was alle sagen und wol­len. Die Grup­pe bestimmt die Iden­ti­tät, die Iden­ti­tät bestimmt den Stand­punkt. Ich sage das, was wei­ße Cis-Män­ner halt sagen, um ihre Pri­vi­le­gi­en zu ver­tei­di­gen. Und wenn ich etwas Neu­es sage, ist es eben etwas Neu­es, das Cis-Män­ner sagen, um ihre Pri­vi­le­gi­en zu ver­tei­di­gen. Man braucht sich damit nicht aus­ein­an­der­zu­set­zen. Alles, was ich sagen könn­te, ist in der Theo­rie bereits anti­zi­piert, aus­ge­deu­tet und inhalt­lich ent­wer­tet. Auch wenn ich ein »Ally« bin, sozu­sa­gen ein Ver­bün­de­ter im Kampf gegen mich selbst. Auch dann bin ich nur Sprech­pup­pe einer durch das gro­ße Macht­ge­fü­ge bestimm­ten Men­schen­ka­te­go­rie. Bezie­hungs­wei­se meh­re­rer Kate­go­rien, die sich in mir über­la­gern (»Inter­sek­tio­na­li­tät«).

Jen­seits die­ser Sprech­pup­pen­funk­ti­on für die Stand­punk­te, die sich zwin­gend und alter­na­tiv­los aus kol­lek­ti­ven Unter­drü­ckungs­schick­sa­len erge­ben, gibt es in die­sem Welt­bild kei­ne Indi­vi­du­en und kei­ne Indi­vi­dua­li­tät. Daher gibt es auch kei­ne Men­schen­wür­de, die sich am Indi­vi­du­um fest­ma­chen könn­te. Nur Opfer sind wert­voll, nur Opfer ver­die­nen Ent­ge­gen­kom­men und Respekt, aber auch sie nicht als Indi­vi­du­en. Die Unter­drü­cker behan­delt man ohne­hin grund­sätz­lich schlecht, weil man zor­nig ist und die Theo­rie besagt, dass man durch pas­siv-aggres­si­ve Unaus­steh­lich­keit eine bes­se­re Welt schaf­fe. Doch im Zwei­fel haben auch Opfer, also Schwar­ze, Frau­en, Schwu­le usw. kei­ne Wür­de und kei­ne Rech­te. Wenn sie durch ihre Äuße­run­gen die Ortho­do­xie ver­let­zen, sind sie genau­so vogel­frei. Der Mob ist gnadenlos.

Ich habe ein­mal in einem Gedan­ken­ex­pe­ri­ment gezeigt, dass »Diversity«-Politik logisch nur funk­tio­nie­ren kann, wenn man das Per­so­nal nach Ideo­lo­gie aus­wählt. Denn wenn man zufäl­lig Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, Frau­en, Schwu­le etc. rekru­tier­te, wären die nicht auto­ma­tisch alle links­iden­ti­tär. Es wären ganz nor­ma­le Leu­te, dar­un­ter sol­che, die »Diversity«-Politik ablehnen.

Die Theo­rie weiß das. Ech­te Diver­si­ty bedeu­tet daher für sie tat­säch­lich, ideo­lo­gisch kon­for­me Akti­vis­ten zu rekru­tie­ren, nicht ein­fach Men­schen mit unter­re­prä­sen­tier­ten Merkmalen. 

Man muss sich dar­an gewöh­nen, dass Begrif­fe aus dem Umfeld der Theo­rie nicht das bedeu­ten, was man als nai­ver Durch­schnitts­bür­ger unter ihnen ver­ste­hen wür­de. Das Wirt­schaf­ten mit dop­pel­bö­di­gen Begrif­fen gehört zu den wich­tigs­ten Tak­ti­ken die­ser Bewe­gung. Unter einer nai­ven Bedeu­tung, die jedem sofort als posi­tiv ein­leuch­tet, liegt eine radi­ka­le, die alles auf den Kopf stellt und von nor­ma­len Men­schen meist erst erkannt wird, wenn es zu spät ist. Lind­says Arti­kel über den Drei­klang Diver­si­ty – Inclu­si­on – Equi­ty (DIE) ist dies­be­züg­lich informativ.

An die­ser Stel­le wird deut­lich, dass und wie die­se Leh­re spal­tet und Ras­sis­mus pro­du­ziert. Sie schließt theo­re­tisch und prak­tisch-pro­gram­ma­tisch die Mög­lich­keit aus, dass Schwar­ze und Wei­ße ein­an­der vor­ur­teils­frei als Indi­vi­du­en, als Per­so­nen begeg­nen. Wo die Theo­rie regiert, haben sie den Auf­trag, ihr Schwarz­sein und Weiß­sein im Ver­hält­nis zuein­an­der sowie die Mani­fes­ta­ti­on von Ras­sis­mus in ihrer Begeg­nung stän­dig zu reflek­tie­ren und »sicht­bar zu machen«. Und das glei­che gilt letzt­lich für sämt­li­che Ver­tre­ter ver­schie­de­ner Identitätsgruppen.

Der ver­all­ge­mei­ner­te Kampf gegen die Unter­drü­cker sieht einem Han­deln aus Neid und/oder Rach­sucht zum Ver­wech­seln ähn­lich. Die Theo­rie ist wie geschaf­fen dafür, dem Res­sen­ti­ment eine Legi­ti­ma­ti­on zu ver­schaf­fen. Sie ist auch wie geschaf­fen dafür, einer Opfer­men­ta­li­tät eine Legi­ti­ma­ti­on zu ver­schaf­fen, sie auf Dau­er zu stel­len und sie zu vertiefen.

Auch ein Blick auf die Wir­kung kann den Ein­druck ent­ste­hen las­sen, dass das Gan­ze etwas mit Rache zu tun hat. Mit Diver­si­ty-Initia­ti­ven und ver­gleich­ba­ren Quo­ten wird land­auf, land­ab das Ziel pro­kla­miert, künf­tig weni­ger Wei­ße und vor allem weni­ger wei­ße Män­ner ein­zu­stel­len. Das bedeu­tet, dass Men­schen für Taten ande­rer bestraft wer­den, zu denen sie in kei­ner Bezie­hung ste­hen. Dabei stört es auch nicht, wenn etwa in Groß­bri­tan­ni­en bekannt wird, dass inzwi­schen wei­ße Jun­gen aus der Unter­schicht die schlech­tes­ten Lebens­chan­cen haben. Wei­ße Jun­gen kön­nen auf­grund der Ideo­lo­gie nicht als Opfer oder Hil­fe­be­dürf­ti­ge Beach­tung fin­den, ähn­lich wie die ver­ge­wal­tig­ten Mäd­chen von Rother­ham und anders­wo kei­ne Beach­tung fin­den konn­ten, weil sie als Wei­ße in der uni­ver­sel­len Macht­py­ra­mi­de höher ste­hen als die nicht­wei­ßen Täter.

Die­ses Kol­lek­tiv- und Rache­den­ken ist unge­recht und ein fun­da­men­ta­ler Bruch mit dem Kern des Libe­ra­lis­mus (und des Grund­ge­set­zes) – dem Vor­rang der Wür­de und Rech­te des Indi­vi­du­ums. Men­schen wer­den einem Kol­lek­tiv zuge­rech­net und dann für Ver­ge­hen bestraft, die man die­sem Kol­lek­tiv vor­wirft. Und nie­mand wird kei­nem Kol­lek­tiv zuge­rech­net. Abge­se­hen von dem theo­re­ti­schen Grenz­fall, dass ein Mensch nur Opfer wäre und kei­ner­lei Pri­vi­le­gi­en hät­te, muss jeder gebremst und bestraft wer­den, unab­hän­gig von sei­nem Han­deln und Charakter.

Von die­ser Behand­lung, auf Eigen­schaf­ten wie Geschlecht und Haut­far­be redu­ziert und unver­dient bestraft zu wer­den, wird sich jeder nor­ma­le Mensch vor den Kopf gesto­ßen füh­len. Es wird ihn auf die Bar­ri­ka­den brin­gen oder demo­ra­li­sie­ren. Die­ses Den­ken ist unge­eig­net, Men­schen in irgend­ei­ner Form zu ver­söh­nen oder zusam­men­zu­füh­ren, abge­se­hen von der sek­ten­ar­ti­gen Gemein­schaft der Akti­vis­ten. Doch auch die ist durch­drun­gen von Miss­trau­en und der stän­di­gen Dro­hung mit dem Blas­phe­mie­vor­wurf und der sozia­len Ächtung.

Universelles Lösungsmittel

Bevor ich auf die »Cri­ti­cal Race Theo­ry« und ihre Wir­kung zurück­kom­me, noch ein Hin­weis auf die zer­stö­re­ri­sche Wir­kung des waf­fen­fä­hi­gen Post­mo­der­nis­mus ins­ge­samt. James Lind­say cha­rak­te­ri­sier­te die Kri­ti­schen Theo­rien die­ser Art neu­lich tref­fend als »uni­ver­sel­les Lösungs­mit­tel«. Die Schwie­rig­keit bei einem uni­ver­sel­len Lösungs­mit­tel sei, einen Behäl­ter zu fin­den, der es hal­ten kann. »Ver­schüt­te genug davon, und du löst die Gesell­schaft auf«. 

Der Hin­ter­grund war die Über­le­gung, dass Kri­ti­sche Theo­rien und Post­mo­der­nis­mus in ihren ursprüng­li­chen For­men durch­aus ihren Sinn und Nut­zen hat­ten, aber ähn­lich wie gefähr­li­che Sub­stan­zen in der Che­mie vor­sich­tig gehand­habt wer­den müs­sen, von aus­ge­bil­de­ten Men­schen, die wis­sen, was sie tun. Aus die­sem Con­tain­ment haben sie sich her­aus­ge­fres­sen und sind zor­ni­gen Idio­ten in die Hän­de gefal­len, die immer mehr wer­den und genau das damit machen, was man nicht damit machen sollte.

Und zwar ziel­stre­big das zer­set­zen, was eine Kul­tur zusam­men­hält: ihre Werthierarchien. 

Kul­tu­ren set­zen Anrei­ze für ihre Indi­vi­du­en, Nütz­li­ches bei­zu­tra­gen. Wer tüch­tig arbei­tet, etwas erfin­det, eine gute Idee ein­bringt, hilfs­be­reit ist, erhält dafür sozia­le Aner­ken­nung. Auf lan­ge Sicht eröff­net ihm die­se Aner­ken­nung Zugang zu Res­sour­cen und somit ein gutes Leben.

Dafür braucht es Wert­hier­ar­chien, an denen man misst, was ein guter Bei­trag ist. Es gibt all­ge­mei­ne­re und spe­zi­fi­sche­re Wert­hier­ar­chien. So wird es eine spe­zi­el­le Wert­hier­ar­chie im Tisch­ler­hand­werk geben, die fest­legt, was gute Tisch­ler­ar­beit ist und wie ein guter, red­li­cher Tisch­ler unter­neh­me­risch agiert. Die­se Maß­stä­be ori­en­tie­ren sich wie­der­um an all­ge­mei­ne­ren Wert­hier­ar­chien wie Bedürf­nis­be­frie­di­gung, Scha­dens- und Lei­dens­ver­mei­dung, Kos­ten-Nut­zen-Rech­nun­gen, Ehr­lich­keit, Bere­chen­bar­keit, Sorg­falt und so weiter.

Mit Wert­hier­ar­chien gehen sozia­le Hier­ar­chien ein­her. Es sind zwei Sei­ten einer Medail­le. Die­je­ni­gen, die ihre Sache nach den Maß­stä­ben der Gesell­schaft gut machen, stei­gen auf. Ande­re kön­nen dar­an able­sen, was »eine Sache gut machen« kon­kret heißt, und kön­nen ihnen nach­ei­fern. In gewis­sem Umfang muss man ihnen nach­ei­fern, damit das, was man tut, nach den Maß­stä­ben der Gesell­schaft als nütz­lich gilt und ent­spre­chend belohnt wird. Wert­hier­ar­chie, sozia­le Hier­ar­chie und Pro­duk­ti­vi­tät hän­gen so eng zusam­men, dass man sich eine hier­ar­chie­freie Gesell­schaft eigent­lich nur als struk­tur­lo­se und ärm­li­che Ansamm­lung bezie­hungs­lo­ser Indi­vi­du­en vor­stel­len kann. Sobald einer auch nur in kleins­tem Maß­stab eine Koope­ra­ti­on orga­ni­siert und etwas auf die Bei­ne stellt, also eine sozia­le Struk­tur bil­det, ent­steht eine Hier­ar­chie, an deren Spit­ze er ist.

Für unse­re Akti­vis­ten sind die Wert­hier­ar­chien, die sich in einer Gesell­schaft durch­ge­setzt haben, grund­sätz­lich Unter­drü­ckungs­in­stru­men­te, die nur der Macht­er­hal­tung der­je­ni­gen die­nen, die an ihnen auf­stei­gen. Über­all dort, wo eine Kul­tur pro­duk­tiv ist, wo sich Erfolg abzeich­net, wo etwas funk­tio­niert, ent­steht eine Angriffs­flä­che für die Post­mo­der­nis­ten und Kri­ti­schen Theo­re­ti­ker, die auf­zei­gen wer­den, dass die eta­blier­te Pra­xis »pro­ble­ma­tisch« ist, dass sie Men­schen »mar­gi­na­li­siert« und »ande­re Arten, zu wis­sen« dis­kri­mi­niert (was ras­sis­tisch ist) und so weiter.

Die Wert­hier­ar­chie ori­en­tiert das Han­deln der Men­schen so, dass sie als Ein­zel­ne und Grup­pen pro­duk­tiv und erfolg­reich sein kön­nen. Doch was dabei ent­steht, ist für die Post­mo­der­nen immer nur ein Sys­tem der Unter­drü­ckung, das ein­ge­eb­net wer­den muss. Dar­aus erklä­ren sich auch die sys­te­ma­ti­schen Angrif­fe auf das Prin­zip der Kom­pe­tenz. Diver­si­ty-Quo­ten unter­stel­len, dass im Prin­zip jeder alles machen kön­ne. Euro­päi­sche Kul­tu­ren sind nur des­halb reich und erfolg­reich, weil sie ande­re beraubt haben, nicht etwa, weil sie viel­leicht auch ein paar Din­ge rich­tig gemacht hät­ten. Män­ner sind nur des­we­gen in hohen Posi­tio­nen und erhal­ten Nobel­prei­se, weil sie Män­ner sind, nicht etwa, weil sie (die­se Män­ner) etwas kön­nen und geleis­tet haben. Die stän­di­gen wüten­den Angrif­fe auf »alte, wei­ße Män­ner« sind der kon­kre­tes­te Aus­druck die­ses Krie­ges gegen das Prin­zip der Kompetenz. 

Der Fie­ber­traum des ver­gan­ge­nen Jah­res, Gre­ta Thun­berg und ihre Schar auf­ge­brach­ter Jugend­li­cher wür­den die Welt ret­ten, weil sie etwas »ver­stan­den« hät­ten, das die Erwach­se­nen nicht ver­stün­den, schlägt in die­sel­be Ker­be – unbe­irrt davon, dass genau das ver­hass­te Estab­lish­ment der alten, wei­ßen Män­ner die Kli­ma­for­schung her­vor­ge­bracht hat, ohne die Gre­ta Thun­berg über­haupt nichts zu sagen hätte.

»Kritische Rassentheorie«

In einem kla­ren, kom­pak­ten Vor­trag fasst Helen Pluck­ro­se die Ent­wick­lung des Post­mo­der­nis­mus bis zur heu­ti­gen »Cri­ti­cal Race Theo­ry« zusam­men. Ich zitie­re im Fol­gen­den eine Kernpassage.

Metho­den zu ver­wen­den, die von vorn­her­ein davon aus­ge­hen, dass Ras­sis­mus in jeder Inter­ak­ti­on zwi­schen einer wei­ßen Per­son und einer Per­son aus einer eth­ni­schen Min­der­heit prä­sent ist, führt dazu, dass man ihn auch immer fin­det und den Glau­ben an eine all­ge­gen­wär­ti­ge »white supre­ma­cy« festigt. 

Der Begriff »white supre­ma­cy« ist ein gutes Bei­spiel für die erwähn­te Dop­pel­bö­dig­keit der Spra­che die­ser Ideologie. 

Ich erin­ne­re mich noch dar­an, dass sich »white supre­ma­cy« auf ame­ri­ka­ni­sche Neo­na­zis bezog, die an eine Über­le­gen­heit der »wei­ßen Ras­se« glaub­ten. Nun kann der Begriff »supre­ma­cy« aber auch ein­fach eine Vor­herr­schaft in dem Sinn bedeu­ten, dass Wei­ße die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit stel­len und damit auch die Norm prä­gen, ein­fach so, wie Gha­na­er in Gha­na und Japa­ner in Japan »vor­herr­schen« und die Norm prä­gen. So kann man den Begriff auf die ganz all­täg­li­che Nor­ma­li­tät anwen­den – und die Neo­na­zis immer mit­schwin­gen lassen. 

Wie beant­wor­tet man vor die­sem Hin­ter­grund die Fra­ge, ob man eine »white supre­ma­cy« befür­wor­tet? Man kann sie nur ver­nei­nen. Das aber bedeu­tet sehr unter­schied­li­che Din­ge je nach­dem, wel­che der zwei Begriffs­be­deu­tun­gen man einsetzt.

Unter den Din­gen, die bereits als ras­sis­ti­sche Mikro­ag­gres­sio­nen auf­ge­lis­tet wur­den, sind Kom­pli­men­te an schwar­ze Per­so­nen für ihre Elo­quenz, die Aus­sa­ge, dass man Men­schen nicht in Ras­sen­ka­te­go­rien sehe, oder der Stand­punkt, dass die best­qua­li­fi­zier­te Per­son eine Stel­le erhal­ten sol­le. Es ist klar, was für ein Minen­feld das ist. Und natür­lich sind es die eth­ni­schen Min­der­hei­ten, die am meis­ten davon betrof­fen sind, alles auf die­se Wei­se zu interpretieren. 

Greg Lukian­off und Jona­than Haidt beschrei­ben die­se gan­ze Metho­de als eine Art umge­kehr­te kogni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pie. Die kogni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pie lehrt Men­schen, nicht zu dra­ma­ti­sie­ren und nicht nega­ti­ve Bedeu­tun­gen in alles hin­ein­zu­le­sen. Dies redu­ziert Ängs­te und ver­bes­sert die Fähig­keit, in der Welt zu funk­tio­nie­ren. Der ange­wand­te Post­mo­der­nis­mus trai­niert Men­schen auf das genaue Gegen­teil. Unaus­weich­lich ver­mehrt er Ängs­te und ver­min­dert die Fähig­keit, in der Welt zu funk­tio­nie­ren. Lukian­off und Haidt füh­ren umfang­rei­che Evi­denz dafür an, dass genau dies passiert …

Hier lau­fen vie­le Fäden zusam­men. Auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne ver­stärkt das zwang­haf­te, sys­te­ma­ti­sche und theo­re­tisch begrün­de­te Nega­ti­ve-Bedeu­tun­gen-in-alles-Hin­ein­le­sen die Opfer­men­ta­li­tät, das Lei­den und damit die Moti­va­ti­on, »das Sys­tem« zu bekämp­fen. Auf sozia­ler Ebe­ne ent­steht so das »uni­ver­sel­le Lösungs­mit­tel«, denn das nega­ti­ve Den­ken kann in allen sozia­len Struk­tu­ren, Sys­te­men und Wer­ten das Übel »nach­wei­sen«, das wir alle aus der Welt schaf­fen wol­len: Ras­sis­mus, Frau­en­hass und so weiter.

Hier etwa am Bei­spiel »Clean Eating«:

Eine sau­be­re Ernäh­rung ist defi­niert als Ernäh­rung, die frei von Pes­ti­zi­den, raf­fi­nier­ten Koh­len­hy­dra­ten / ver­ar­bei­te­ten Lebens­mit­teln und so natur­nah wie mög­lich ist. Ich neh­me Anstoß an die­sem Begriff. Ers­tens sug­ge­riert die Idee »sau­be­ren Essens«, dass die Alter­na­ti­ve schmut­zi­ges Essen sei, was der Aus­wahl von Lebens­mit­teln sofort einen mora­li­schen Wert bei­misst. Wenn ich sauber/gut esse, bin ich wert­voll. Wenn ich schmutzig/schlecht esse, bin ich weni­ger wert­voll. Das liegt dar­an, dass die Ernäh­rungs­kul­tur mit ihrer Beto­nung auf Per­fek­tio­nis­mus, Dring­lich­keit und Ent­we­der-Oder-Den­ken auch in der White Supre­ma­cy ver­wur­zelt ist. Die­se wie­der­um erklärt kul­tu­rell rele­van­te Lebens­mit­tel oft für tabu. Damit das klar ist: Piz­za zu essen macht mich nicht schmut­zig oder weni­ger wert­voll. Wenn »sau­be­re« Lebens­mit­tel zudem nur wohl­ha­ben­de­ren Mit­glie­dern unse­rer Gesell­schaft zugäng­lich sind (die über­wie­gend weiß sind), besagt die Logik, dass die schmut­zi­gen für arme Peop­le of Color übrig blei­ben, die ein­fach nicht gut essen wol­len. Und die Vor­stel­lung, arme Peop­le of Color sei­en unrein und küm­mer­ten sich nicht um ihre Gesund­heit, ist ras­sis­tisch. Es ist ein Werk­zeug der White Supremacy.

So kann man in allem, wirk­lich in allem, die White Supre­ma­cy, das Patri­ar­chat und alle ande­ren For­men »sys­te­mi­scher Ungleich­heit« und Unter­drü­ckung »nach­wei­sen«, und damit alles anschwär­zen und zer­stö­ren. Ein­fach des­halb, weil sich in allem, was von Wert ist, eben auch eine Werthier­ar­chie abbil­det. Nichts darf wert­vol­ler sein als das ande­re. Zu Ende gedacht heißt das: nichts darf sein.

Es ist unheim­lich, wie genau die­se Ideo­lo­gie den Wor­ten des Mephis­to­phe­les folgt:

Ich bin der Geist, der stets verneint!

Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,

Ist wert, dass es zugrun­de geht.

Pluck­ro­se weiter:

Wenn eine Leh­re gegen exter­ne Kri­tik ver­schlos­sen ist, wie es die­se Theo­rien im All­ge­mei­nen sind, und Beweis­füh­rung und Ver­nunft von vorn­her­ein nicht nötig sind, kann ein Kor­pus von Arbei­ten schnell sehr ver­wor­ren wer­den. Über die letz­ten 30 Jah­re hat man Kon­zep­te auf Kon­zep­te getürmt, was zu einem Berg von Theo­rie geführt hat, der nie eine son­der­lich enge Bezie­hung zur Wirk­lich­keit hatte. 

Eine Autorin schreibt einen Auf­satz und argu­men­tiert für die Exis­tenz wei­ßer Pri­vi­le­gi­en, Peg­gy Mac­in­tosh. Sie hat ein paar gute Argu­men­te. Aber sie behaup­tet, dass das blo­ße Weiß­sein einem Indi­vi­du­um gro­ße Vor­tei­le brin­ge, ohne etwa Klas­se oder Wohl­stand zu berück­sich­ti­gen. Die Idee wird auf­ge­grif­fen und Kri­ti­sche Ras­sen­theo­re­ti­ker bau­en dar­auf auf, bis sie fest eta­bliert ist. Dann geht eine wei­te­re Autorin, Bar­ba­ra App­le­baum, einen Schritt wei­ter. Sie behaup­tet, dass wei­ße Pri­vi­le­gi­en es wei­ßen Men­schen ermög­lich­ten, gewis­ser­ma­ßen mit Ras­sis­mus davon­zu­kom­men, indem sie ihr Pri­vi­leg aner­ken­nen und sich so von ihm lossagen. 

Also brau­chen wir ein wei­te­res Kon­zept, das wir oben drauf set­zen kön­nen: die wei­ße Kom­pli­zen­schaft, wonach wei­ße Men­schen sich ihrer Ver­ant­wor­tung für Ras­sis­mus nie ent­le­di­gen kön­nen. Sie sind immer betei­ligt, ein­fach indem sie exis­tie­ren. Auch die­se Idee wird akzep­tiert und auf­ge­grif­fen, bis eine wei­te­re Autorin, Robin DiAn­ge­lo, wie­der­um einen Schritt wei­ter geht. 

Wei­ßes Pri­vi­leg und wei­ße Kom­pli­zen­schaft blei­ben in ihrer Arbeit zen­tra­le Begrif­fe, aber wir haben immer noch ein Pro­blem, denn man­che wei­ßen Men­schen leh­nen sie ab. Jetzt brau­chen wir wei­ße Fra­gi­li­tät, um die­se Lücke zu schließen. 

Wei­ße Fra­gi­li­tät ist, wenn wei­ße Men­schen als Reak­ti­on auf die Mit­tei­lung, dass sie pri­vi­le­giert und Kom­pli­zen des Ras­sis­mus sei­en, eines von drei Din­gen tun: wider­spre­chen, still sein oder fort­ge­hen. Das heißt, die ein­zi­ge Mög­lich­keit, nicht fra­gil zu sein, ist, an Ort und Stel­le ste­hen­zu­blei­ben und zuzustimmen. 

Das ist kei­ne Wis­sen­schaft, das ist eine Kaf­ka-Fal­le. Es gibt schlicht und ein­fach kei­ne legi­ti­me Mög­lich­keit, mit die­ser Kon­zep­ti­on der Gesell­schaft nicht über­ein­zu­stim­men, sie zu mäßi­gen, zu dif­fe­ren­zie­ren, teil­wei­se zuzu­stim­men oder Pro­ble­me auf­zu­zei­gen; man muss ein­fach zustimmen.

Pluck­ro­se zitiert nun Robin DiAn­ge­lo selbst, deren Buch über »wei­ße Fra­gi­li­tät« in den USA ein Best­sel­ler war und heu­te, am 16. Juli, als deut­sche Über­set­zung erscheint.

»Ras­sis­mus ist ein insti­tu­tio­na­li­sier­tes, viel­schich­ti­ges, auf meh­re­ren Ebe­nen ange­sie­del­tes Sys­tem, das Macht und Res­sour­cen ungleich zwi­schen wei­ßen Men­schen und Peop­le of Color, jeweils sozi­al als sol­che iden­ti­fi­zert, ver­teilt, und unver­hält­nis­mä­ßig den Wei­ßen nützt. Alle Mit­glie­der der Gesell­schaft sind sozia­li­siert, am Sys­tem des Ras­sis­mus teil­zu­neh­men … . Alle wei­ßen Men­schen pro­fi­tie­ren unab­hän­gig von ihren Inten­tio­nen von Ras­sis­mus. Nie­mand hat sich aus­ge­sucht, in den Ras­sis­mus hin­ein sozia­li­siert zu wer­den, also ist nie­mand schlecht. Aber nie­mand ist neu­tral. Nicht gegen Ras­sis­mus aktiv zu sein heißt, Ras­sis­mus zu unterstützen.«

Nie­mand ist schlecht. Fuß­no­te: außer allen Wei­ßen, die sich nicht vor­be­halt­los mir und mei­ner Theo­rie anschließen.

»Ras­sis­mus muss kon­ti­nu­ier­lich iden­ti­fi­ziert, ana­ly­siert und her­aus­ge­for­dert wer­den. Nie­mand ist jemals damit fer­tig. Die Fra­ge ist nicht: ›Hat Ras­sis­mus statt­ge­fun­den?‹, son­dern ›Wie hat sich Ras­sis­mus in die­ser Situa­ti­on mani­fes­tiert?‹. Der ras­si­sche Sta­tus Quo ist unbe­quem für die meis­ten Wei­ßen, also ist alles frag­wür­dig, was wei­ße Bequem­lich­keit stützt. … Wider­stand ist eine vor­her­sag­ba­re Reak­ti­on auf anti-ras­sis­ti­sche Bil­dung und muss aus­drück­lich und stra­te­gisch auf­ge­grif­fen werden.«

Die­se Sät­ze haben es in sich.

Wei­ße und Nicht­wei­ße sol­len sich vor, wäh­rend und nach jeder Begeg­nung mit­ein­an­der stän­dig fra­gen, nicht ob, son­dern wie sich in ihrer Begeg­nung Ras­sis­mus mani­fes­tie­re. Wei­ße und Nicht­wei­ße sol­len sich stän­dig im Bewusst­sein hal­ten, dass Wei­ße Nicht­wei­ße ras­sis­tisch unter­drü­cken. Nicht man­che manch­mal, son­dern alle immer. Sogar noch die Antirassisten.

Es gibt nichts Bes­se­res als die­ses Theo­rie­werk, wenn man Indi­vi­du­en schwä­chen und ihr Lei­den ver­grö­ßern möch­te. Es gibt nichts Bes­se­res als die­ses Theo­rie­werk, wenn man Indi­vi­du­en und Grup­pen ent­zwei­en und gegen­ein­an­der auf­het­zen möch­te; nicht nur, aber auch an der Unter­schei­dung zwi­schen weiß und nicht­weiß entlang.

Verletzung, Wut, Angst und Schmerz

Die New York Post brach­te am 20. Juni einen Bericht über eine Rei­he »anti­ras­sis­ti­scher Com­mu­ni­ty-Mee­tings«, die das New Yor­ker Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um für Leh­rer und ande­re Mit­ar­bei­ter veranstaltete.

Ein­drü­cke:

Nach der Tötung von Geor­ge Floyd und wochen­lan­gen, teils gewalt­sa­men Pro­tes­ten wer­den Leh­rer der städ­ti­schen Schu­len auf Basis von Haut­far­be, Ras­se und Eth­ni­zi­tät in Dis­kus­si­ons­grup­pen ein­ge­teilt – doch man­che Mit­ar­bei­ter fin­den, dass die­se Tren­nung genau so ent­zwei­end ist wie der Ras­sis­mus, der damit bekämpft wer­den soll.

Jeder (der 700 Mit­ar­bei­ter der Ear­ly Child­hood Divi­si­on des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums) konn­te sich einer Dis­kus­si­ons­grup­pe anschlie­ßen. Die Wahl­mög­lich­kei­ten umfass­ten: »Schwarz oder afro­ame­ri­ka­nisch, Latinx, nah­öst­lich oder nord­afri­ka­nisch, mul­ti­ras­sisch oder gemischt, Urein­woh­ner, asia­tisch-ame­ri­ka­ni­sche Pazi­fik­in­su­la­ner, wei­ße Allies«.

Wei­ße Allies bezieht sich auf die­je­ni­gen, die als »anti­ras­sis­tisch« gel­ten. Kei­ne ande­ren eth­ni­schen Grup­pen wur­den als »Allies« eingeordnet.

Wäh­rend die­ser Ses­si­on am 4. Juni teil­te ein schwar­zer Leh­rer gegen wei­ße und latein­ame­ri­ka­ni­sche Kol­le­gen aus.

»Und was ist mit euch, ihr wei­ßen, pri­vi­le­gier­ten Leh­rer aus Long Island? War­um sagt ihr nichts?«, schäum­te der Päd­ago­ge, der außer­dem »latein­ame­ri­ka­ni­sche Anfüh­rer« beschul­dig­te, sich nicht für die schwar­ze Com­mu­ni­ty ein­zu­set­zen, wie sich eine Quel­le erinnert.

Die schwar­ze Ceci­lia Jack­son, Lei­te­rin der öffent­li­chen Schu­le 317, sag­te den Mit­ar­bei­tern dann, sie müss­ten »Unter­bre­cher« von Ras­sis­mus wer­den, und for­der­te sie auf, wenn sie damit nicht an Bord sei­en, »bit­te mein Gebäu­de zu ver­las­sen«. Der Raum wur­de still.

Die schwar­ze Leh­re­rin, die für Nach­fra­gen nicht zu errei­chen war, ent­schul­dig­te sich spä­ter in einem »offe­nen Brief« bei ihren Kol­le­gen, der die­ser Zei­tung vor­liegt. Sie stell­te fest, dass ihre Bemer­kun­gen »von einem Ort der Ver­let­zung, der Wut, der Angst und des Schmer­zes« kamen. Sie beton­te, dass sie »kei­ne Indi­vi­du­en auf­grund ihrer Ras­se oder Reli­gi­on, ihres Glau­bens oder ihrer Haut­far­be has­se oder ablehne«.

»Ich brin­ge schwar­zen Schmerz zum Aus­druck«, schreibt die Leh­re­rin. »Das heißt nicht, dass alle Wei­ßen böse wären.«

Die Schul­lei­te­rin teil­te dann die Mit­ar­bei­ter auf Basis ihrer Ras­sen für ein wei­te­res Tref­fen am 9. Juni in drei Grup­pen ein: Latino/a/x/Hispanic, Weiß/Asiatisch/andere und Schwarz.

Zur Recht­fer­ti­gung der Ein­tei­lung in Ras­sen sag­te sie, es kön­ne »aus­beu­tend und emo­tio­nal ermü­dend« für Peop­le of Color sein, »pri­vi­le­gier­te Per­so­nen über ihre unver­dien­ten Pri­vi­le­gi­en und die Natur der Unter­drü­ckung mar­gi­na­li­sier­ter Per­so­nen aufzuklären«.

Die Abschnit­te ver­deut­li­chen, was »anti­ras­sis­ti­sche Pra­xis« bedeu­tet und bewirkt.

Die Ras­sen­tren­nung – nen­nen wir sie ruhig beim Namen – fin­det ihre Begrün­dung in der Theo­rie. Die ein­zel­nen »Ras­sen« haben eine unter­schied­li­che sozia­le »Posi­tio­na­li­tät«. Das bedeu­tet, dass sie ein­an­der sowie­so nicht ver­ste­hen könn­ten, wenn sie mit­ein­an­der reden wür­den. Durch die Mischung wür­de sich zudem in der Grup­pe auto­ma­tisch das herr­schen­de Unter­drü­ckungs­ver­hält­nis reproduzieren.

Wür­de sich eine ras­sisch gemisch­te Grup­pe als in der Lage erwei­sen, ein Ein­ver­ständ­nis über Ras­se­fra­gen her­zu­stel­len, dann wäre die­ses Ein­ver­ständ­nis künst­lich, da die unter­schied­li­chen Posi­tio­na­li­tä­ten kei­ne gemein­sa­me Sicht­wei­se her­vor­brin­gen kön­nen. Ins­be­son­de­re, wenn die­ses Ein­ver­ständ­nis etwas mit moder­nen, libe­ra­len Denk­wei­sen zu tun hät­te. Dann wäre der Befund, dass die Mar­gi­na­li­sier­ten sich »weiß stel­len« (»acting white«).

Wei­ße und Nicht­wei­ße spre­chen immer unter ver­schie­de­nen Bedin­gun­gen über Ras­sis­mus. Nicht­wei­ße kön­nen über alles spre­chen; Wei­ße kön­nen dar­über spre­chen, wie es ist, ras­sis­tisch und fra­gil zu sein, nicht aber dar­über, was es bedeu­tet, Opfer von Ras­sis­mus zu sein. Die Nicht­wei­ßen kön­nen dies den Wei­ßen erklä­ren, müs­sen es aber nicht. Das von ihnen zu erwar­ten wäre ras­sis­ti­sche Aus­beu­tung. Viel­mehr haben Wei­ße die Auf­ga­be, sich selbst zu infor­mie­ren, zum Bei­spiel durch ent­spre­chen­de Bücher und Kur­se, für die die Opfer wenigs­tens gut bezahlt wer­den. Die Wei­ßen haben umge­kehrt den Nicht­wei­ßen gar nichts zu sagen.

Schwar­ze emp­fin­den hier »Ver­let­zung, Wut, Angst und Schmerz« sowie Gefüh­le des Aus­ge­beu­tetseins und der Ermü­dung. Das ist anschei­nend ein tol­ler Erfolg für den Anti­ras­sis­mus. Die Wei­ßen sind unter­des­sen einem Gene­ral­ver­dacht aus­ge­setzt. Es spricht für sich, wenn eine Schul­lei­te­rin in einem offe­nen Brief beteu­ern muss, dass sie Wei­ße nicht hasse.

Zwei­fel­los wer­den auch Wei­ße die­ses zyni­sche Spiel auf Dau­er als »aus­beu­tend und ermü­dend« emp­fin­den. Es wird also unter die­sen Bedin­gun­gen für alle Betei­lig­ten bald sehr unan­ge­nehm, mit Men­schen der jeweils ande­ren Grup­pen zu ver­keh­ren. Die logi­sche mensch­li­che Ant­wort dar­auf ist, sol­chen Ver­kehr künf­tig auf ein not­wen­di­ges Mini­mum zu reduzieren.

Reinheitswahn

Noch ein Bei­spiel aus New York. Hier wird es schon schwe­rer, dem »anti­ras­sis­ti­schen« Wahn­den­ken zu fol­gen. Ein wei­ßer Mann wur­de dabei gese­hen, wie er das schwar­ze Kind einer befreun­de­ten Fami­lie auf dem Schoß hat­te, wor­auf­hin sei­ne wei­ßen Kol­le­gen aus­ras­te­ten, es sei ras­sis­tisch und schäd­lich und ver­let­zend, wenn Men­schen das sähen.

Wokeness zer­stört sozia­le Struk­tu­ren und hetzt Men­schen gegen­ein­an­der auf – immer. Es kann nicht anders sein. Ihre Beses­sen­heit von nega­ti­ven Inter­pre­ta­tio­nen der Wirk­lich­keit in Ver­bin­dung mit ihrem Wahn mora­li­scher Über­le­gen­heit zwingt sie, per­ma­nent die sozia­le Pra­xis und die Men­schen um sich her­um mit mora­li­schen Ankla­gen anzu­grei­fen und alles Erreich­te zu ent­wer­ten, ohne auch nur den Ansatz einer eige­nen pra­xis­taug­li­chen Idee zu haben.

Die Cri­ti­cal Race Theo­ry macht da kei­ne Aus­nah­me. Sie fügt nur das Sah­ne­häub­chen hin­zu, alles mit Ras­sis­mus auf­zu­la­den, indem sie allen Men­schen, die den Feh­ler bege­hen, ihr zuzu­hö­ren, ein obses­si­ves Ras­sen­den­ken aufzwingt.

Die Frau im Video ras­tet aus, wenn Wei­ße und Schwar­ze das Sakri­leg bege­hen, ein­an­der ein­fach nor­mal als Freun­de zu begeg­nen. Sie zer­fleischt sich mit Selbst­an­kla­gen, nicht anti­ras­sis­tisch genug zu sein, und steht dabei sogar von ande­rer Sei­te unter Druck, noch radi­ka­ler zu sein.

Ich wür­de ger­ne mal sehen, wie sich ein der­art fana­ti­sier­ter Mensch gegen­über Schwar­zen ver­hält. Bestimmt ganz unbe­fan­gen. Wobei das ja gar nicht das Ziel ist. Wei­ße sol­len sich unwohl füh­len, immer.

Cancelled

Ich habe über die letz­ten Jah­re hob­by­mä­ßig Swing getanzt und bin in ein paar ent­spre­chen­den Face­book­grup­pen. Wegen Coro­na herrsch­te hier weit­ge­hen­der Still­stand, doch so lang­sam erwacht die Sze­ne wie­der zum Leben. Seit Juni erhält die Cri­ti­cal Race Theo­ry Einzug.

Wie­der­holt wur­den Arti­kel gepos­tet, die Wei­ße auf­for­der­ten, ihr Pri­vi­leg zu che­cken, und erklär­ten, wie man ein »Anti­ras­sist« wer­de. Ger­ne kam dazu das Argu­ment, dass der Swing eine »schwar­ze« Kunst­form sei. Die Ver­fas­ser merk­ten selbst rich­tig an, dass Ras­sis­mus genau­so falsch wäre, wenn Schwar­ze nicht den Swing­tanz begrün­det hät­ten, und ich war froh, dass ihnen das auf­ge­fal­len ist. Ver­zich­ten woll­ten sie auf das Argu­ment aber den­noch nicht. Man nimmt jeden Hebel, den man krie­gen kann.

Es kur­sier­ten Lis­ten mit Rat­schlä­gen, wie man eine »anti­ras­sis­ti­sche« Pra­xis in der Sze­ne eta­blie­re. So soll­te man etwa gezielt dafür sor­gen, dass Schwar­ze sich auf Ver­an­stal­tun­gen wohl­fühl­ten, sie bevor­zugt zum Tan­zen auf­for­dern und so wei­ter. Einer klag­te vor­wurfs­voll, dass die­se Posts nicht genü­gend Likes beka­men. Eine Leh­re­rin ver­kün­de­te, dass, wer dar­auf hoff­te, das The­ma gehe vor­bei, nicht mehr zu ihren Kur­sen zu kom­men brau­che. Dazu gab es Beifall.

Eines Tages pos­te­te eine auf­ge­reg­te jun­ge Frau mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund Screen­shots von einer pri­va­ten Kon­ver­sa­ti­on mit dem Grup­pen­be­trei­ber. Sie hat­te eine »anti­ras­sis­ti­sche« Demo bewer­ben wol­len und er hat­te den Bei­trag nicht ver­öf­fent­licht, weil die Grup­pe aus­schließ­lich für Tanz­ver­an­stal­tun­gen da sei. Zuletzt hat­te er etwa Auf­ru­fe zu Demons­tra­tio­nen gegen die Coro­na­maß­nah­men eben­falls nicht zugelassen.

Die­se Screen­shots soll­ten nun sei­ne »Ras­sis­mus­blind­heit« illus­trie­ren und die Frau beton­te, dass die Ableh­nung des Auf­rufs sie zutiefst ver­letzt habe. Eine Dis­kus­si­on ent­brann­te. Vie­le schlos­sen sich ihrem Stand­punkt an, dass es kei­ne neu­tra­le Posi­ti­on gebe, dass man »anti­ras­sis­tisch« sein muss­te und dass es daher völ­lig inak­zep­ta­bel und min­des­tens wei­ße Kom­pli­zen­schaft war, ein »anti­ras­sis­ti­sches« Pos­ting nicht zuzu­las­sen. Eini­ge weni­ge mäßi­gen­de Stim­men wur­den zurecht­ge­wie­sen, dass sie mit ihrem wei­ßen Pri­vi­leg gar nicht wüss­ten, wor­über sie reden. Eine schlug vor, eine eige­ne Grup­pe zu öff­nen, »Swing gegen Ras­sis­mus« oder so. Sofort kam die boh­ren­de Ant­wort: »ach, du willst wohl nicht mit Ras­sis­mus beläs­tigt wer­den?« Ein Buch wur­de emp­foh­len, das ganz »freund­lich« geschrie­ben sei und erklä­re, Wei­ße leb­ten in »Hap­py­land«. Vie­le stimm­ten zu, dass Wei­ße oft nur ihren eige­nen ego­is­ti­schen Inter­es­sen nachgingen.

Vor­läu­fi­ges Ergebnis:

[Nach­trag April 2021: Vie­le wei­te­re Bei­spie­le dafür, wie Cri­ti­cal Race Theo­ry in der Pra­xis aus­sieht, habe ich hier gesam­melt.]

Up, up, up, up

Der Pfad zur Höl­le ist mit guten Absich­ten gepflas­tert. Das Stre­ben nach Höhe­rem kann auch direkt nach unten füh­ren, weil wir fehl­bar und ver­führ­bar sind. Je strah­len­der die Ver­hei­ßung, des­to grö­ßer die Ver­füh­rung. Die bes­ten Bei­spie­le dafür sind Dro­gen und Sek­ten, zwei auf­fäl­lig ver­wand­te Phä­no­me­ne. Sie ver­spre­chen den Him­mel, eine Befrei­ung von Sor­gen, Schwä­chen und Sün­de und eine Erhö­hung der indi­vi­du­el­len Exis­tenz. Eine Wei­le scheint das zu funk­tio­nie­ren. Doch bei­des sind künst­li­che Mit­tel zur Sta­bi­li­sie­rung der Per­sön­lich­keit, von denen man sich abhän­gig macht. Sie zer­stö­ren mit der Zeit von ihnen unab­hän­gi­ge Rea­li­täts­be­zü­ge und sozia­le Bin­dun­gen, was die Per­sön­lich­keit wei­ter schwächt und die Abhän­gig­keit vertieft.

Der Sek­ten­cha­rak­ter der Cri­ti­cal Race Theo­ry und ähn­li­cher Bewe­gun­gen liegt offen zuta­ge. Sek­ten erzeu­gen mit Zucker­brot und Peit­sche eine psy­chi­sche Abhän­gig­keit. Sie set­zen an der Fest­stel­lung an, dass der zu Rekru­tie­ren­de vom Bösen beses­sen sei, wie auch immer das Böse in der betref­fen­den Sek­te genau heißt; hier: Ras­sis­mus. Nur die Sek­te kann ihn davon befrei­en. Von Anfang an dient Schuld­ge­fühl als Hebel. Willst du dich etwa nicht vom Bösen befrei­en, noch nicht ein­mal jetzt, nach­dem wir dir erklärt haben, wie das geht, und Hil­fe ange­bo­ten haben?

Neben dem Druck steht eine Ver­lo­ckung. Es ist ja ein wich­ti­ges Körn­chen Wahr­heit dar­an; wir alle haben etwas Böses in uns, etwas Dunk­les, Bedrü­cken­des, Schul­di­ges. Die Sek­te scheint eine Befrei­ung davon zu bie­ten und uns in eine lie­ben­de Gemein­schaft auf­zu­neh­men. Bei­des erschei­nen unver­hoff­te glück­li­che Wen­dun­gen im Leben zu sein, ins­be­son­de­re für sol­che, die sich drin­gend nach sol­cher Erlö­sung sehnen.

Die Sek­te kann ihrem Mit­glied gegen­über jeder­zeit den Druck des Schuld­ge­fühls mobi­li­sie­ren, indem sie ihm vor­wirft, sich nicht genug dem Bösen zu wider­set­zen. Robin DiAn­ge­los Erken­nungs­zei­chen der Fra­gi­li­tät, Wider­spruch, Schwei­gen und Fort­ge­hen, brin­gen dies auf den Punkt. Es taucht auch im obi­gen Video auf: »You have to do the work!« Du musst dich bemü­hen! Du bemühst dich nicht genug! Du leis­test immer noch Wider­stand! Du ver­kehrst immer noch mit den Kom­pli­zen der White Supre­ma­cy in dei­ner Fami­lie! Du liest immer noch wei­ße Lite­ra­tur! Wie ernst meinst du es denn mit dei­nem Antirassismus? 

Das Haupt­druck­mit­tel ist der Ent­zug der Aner­ken­nung der Grup­pe. Weil das Mit­glied sich immer mehr von sei­nen sons­ti­gen Bezie­hun­gen löst, ist die Aner­ken­nung der Grup­pe alles, was es hat. Hier wer­den die Par­al­le­len zur Dro­gen­sucht augen­fäl­lig. Sek­ten machen eine kon­zen­trier­te Form sozia­len Sinns zur Droge.

In die­sem Bei­trag zeigt der ehe­ma­li­ge CIA-Offi­zier Art Kel­ler Par­al­le­len in der Rekru­tie­rungs­tech­nik des »Isla­mi­schen Staats« und der Cri­ti­cal Race Theo­ry auf. Bei­de ködern Neu­zu­gän­ge, indem sie wich­ti­ge Begrif­fe so defi­nie­ren, dass sie gar kei­ne ande­re Wahl las­sen, als sich der Sek­te anzu­schlie­ßen. Alle ande­ren Begriffs­be­deu­tun­gen wer­den eli­mi­niert. Bei der Cri­ti­cal Race Theo­ry ist die gesam­te Theo­rie bereits im Begriff »Ras­sis­mus« ent­hal­ten: Ras­sis­mus ist ein Macht­ver­hält­nis, nur Wei­ße kön­nen ras­sis­tisch sein, Wei­ße kön­nen nicht nicht ras­sis­tisch sein, nie­mand ist neu­tral, Anti­ras­sis­mus ist eine lebens­lan­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit dem eige­nen Ras­sis­mus. Wenn man den Begriff kauft, muss man sich anschlie­ßen oder man macht sich schul­dig (bzw. noch schuldiger).

So bekom­men die Akti­vis­ten leicht einen Fuß in die Tür. Du bist doch für Diver­si­ty, Inklu­si­on, Gerech­tig­keit, Anti­ras­sis­mus? »Ja, klar«, ant­wor­tet man, ohne zu wis­sen, was das in der Ter­mi­no­lo­gie der Akti­vis­ten jeweils bedeu­tet. Sobald man ihnen im Prin­zip zuge­stimmt hat, kön­nen sie jeder­zeit Druck auf­bau­en, indem sie argu­men­tie­ren, dass man nicht kon­se­quent genug umsetzt, wozu man sich selbst ver­pflich­tet habe. In Orga­ni­sa­tio­nen und Betrie­ben ist auch von denen, die sich nicht anschlie­ßen, kein ernst­haf­ter Wider­stand zu erwar­ten, denn nie­mand möch­te sich einem mög­li­chen Ismus-Vor­wurf der Diver­si­ty-Ver­ant­wort­li­chen aus­set­zen. So ist es kein Wun­der, dass nach und nach immer mehr pri­va­te und öffent­li­che Ein­rich­tun­gen auf Linie gebracht werden.

Doch wie eine Dro­ge, ist auch die Sek­te nicht wirk­lich in der Lage, die inne­ren Kon­flik­te zu lösen, die das Bedürf­nis nach ihr erzeugt haben. Immer mehr offen­bart sie ihre Schat­ten­sei­ten. Die Abhän­gig­keit, die Ein­sam­keit nach dem Lie­bes­ent­zug, der Druck des Schuld­ge­fühls, die Kul­tur des Miss­trau­ens und der Denun­zia­ti­on. Die per­sön­li­che Ver­letz­lich­keit, derent­we­gen man Hil­fe gesucht hat, wird nicht geheilt, son­dern aus­ge­beu­tet; das Indi­vi­du­um wird nicht stär­ker, son­dern schwä­cher; statt sich end­lich sozi­al auf­ge­ho­ben zu füh­len, fin­det es sich in einer Sphä­re der Über­wa­chung und Para­noia wie­der. Was der Him­mel zu sein schien, ähnelt immer mehr der Höl­le. Das Stre­ben nach Höhe­rem führt abwärts.

Der Song »Satan in the Wait« von der Band »Daugh­ters« bringt die­se Dia­lek­tik auf den Punkt. Der Text ist im Detail nicht leicht zu ver­ste­hen, aber es wird deut­lich, dass es um eine Art Revo­lu­ti­on oder Putsch geht. Ver­schie­de­ne Akteu­re ver­bin­den damit ver­schie­de­ne Hoff­nun­gen. Man­che sind zor­nig, ande­re träu­men von einer bes­se­ren Welt, ein Kreis von Ver­schwö­rern strebt nach Macht. Die Wech­sel­no­ten der Gitar­re im Refrain las­sen das ein­zi­ge Mal inmit­ten der fins­te­ren Gott­ver­las­sen­heit die­ses Albums so etwas wie einen Hoff­nungs­schim­mer erken­nen. Der Text dazu lautet:

Their bodies are open

Their chan­nels are open

This world is ope­ning up, up, up, up

Das »up« ist zunächst Teil der Wen­dung »ope­ning up«, die Welt öff­net sich, doch durch die Wie­der­ho­lung löst es sich davon und lässt sich auch als ein »nach oben! nach oben! nach oben!« lesen. Die Stim­me des Sän­gers ver­mit­telt dabei eine ver­zwei­fel­te Sehn­sucht nach »oben«, als wäre die­ses »oben« eine letz­te Chan­ce für einen, der es »unten« nicht mehr aushält.

In die­sen Zei­len drü­cken sich ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven aus. Auf die unmit­tel­bars­te weist der Song­ti­tel hin. Der Satan selbst beob­ach­tet, wie sich die Men­schen und die Welt für ihn öff­nen. Aber vor allem die drit­te Zei­le gibt auch die Per­spek­ti­ve der­je­ni­gen wie­der, die mit der vor sich gehen­den Ver­än­de­rung Hoff­nun­gen ver­bin­den. Das Sich-Öff­nen der Welt ist ein Gefühl, das sich ein­stellt, wenn wir neue Mög­lich­kei­ten für uns sehen. Und die­se sehn­süch­ti­gen, ver­zwei­fel­ten Hoff­nun­gen sind genau das, was auf der ande­ren Sei­te dem Satan die Tür öff­net. Zum Ende des Songs hin beschrei­ben wie auf Glatt­eis schlin­gern­de Gitar­ren­ak­kor­de und das immer mehr gequäl­te Schrei­en des Erzäh­lers, wie die uto­pi­sche Visi­on an der Wirk­lich­keit zer­schellt und die Welt ins Cha­os abgleitet.

Mir drängt sich die­ses Bild als Asso­zia­ti­on auf, weil die Cri­ti­cal Race Theo­ry die­se Janus­köp­fig­keit des Stre­bens nach Höhe­ren auf die Spit­ze treibt. Sie erfüllt eine Sehn­sucht für ihre Anhän­ger. End­lich etwas, das wirk­lich Sinn hat! End­lich eine Mög­lich­keit, eine bes­se­re Welt zu schaf­fen! End­lich von Unge­rech­tig­keit und Gewalt los­kom­men! End­lich damit anfan­gen, ein soli­da­ri­sches Mit­ein­an­der her­zu­stel­len! End­lich die Nazis vor die Tür set­zen! Es sind nach­voll­zieh­ba­re Sehn­süch­te und hohe Zie­le, aber genau das blen­det die Anhän­ger für die Tat­sa­che, dass ihre Mit­tel nicht nur nicht dazu geeig­net sind, das alles zu errei­chen, son­dern Kon­flikt, Cha­os und Zer­stö­rung her­vor­brin­gen müssen.

Die Cri­ti­cal Race Theo­ry bringt her­vor, was sie zu bekämp­fen glaubt. Ich mei­ne damit nicht nur den Ras­sis­mus gegen Wei­ße. Es ist basa­ler. Ras­sis­mus bedeu­tet, sich die Mensch­heit in Ras­sen unter­teilt vor­zu­stel­len und eine essen­ti­el­le, unüber­wind­li­che Ver­schie­den­heit zwi­schen die­sen Ras­sen anzu­neh­men. Die Cri­ti­cal Race Theo­ry behan­delt Men­schen ver­schie­de­ner »Ras­sen« unter­schied­lich, schreibt ihnen ver­schie­de­ne Eigen­schaf­ten und mora­li­sche Wer­tig­kei­ten zu, ver­langt von ihnen ras­sen­ge­mä­ßes Ver­hal­ten und Ras­sen­be­wusst­sein. Das ist Ras­sis­mus in Reinform.

Und all das sind nicht nur Theo­rien, son­dern auch Pra­xis­an­wei­sun­gen. Wir sol­len uns stän­dig den Ras­sis­mus bewusst machen, der alles durch­drin­ge. Wo Men­schen ver­schie­de­ner Eth­ni­en ein­an­der bis­her unvor­ein­ge­nom­men als Indi­vi­du­en begeg­ne­ten, kön­nen sie das mit der Cri­ti­cal Race Theo­ry nicht mehr. Ihr Wahr­neh­mungs­rah­men bei einer Begeg­nung ist nicht mehr »Per­son + Per­son«, son­dern »ras­sis­ti­scher Unter­drü­cker + ras­sis­tisch unter­drück­tes Opfer«. Eine authen­ti­sche Begeg­nung wird ver­un­mög­licht. Cri­ti­cal Race Theo­ry sät und erzwingt Miss­trau­en und Feindseligkeit.

Ist er sich sei­nes wei­ßen Pri­vi­legs bewusst, arbei­tet er an sei­nem Ras­sis­mus oder ruht er sich dar­auf aus und repro­du­ziert dadurch mei­ne Unter­drü­ckung? Ja, aus Sicht der Cri­ti­cal Race Theo­ry müs­sen sich Nicht­wei­ße mit Blick auf Wei­ße nicht nur stets fra­gen: Ist er ein Ras­sist?, son­dern: Ist er sich dar­über im Kla­ren, dass er ein Ras­sist ist, und gibt er es zu? Und so hat natür­lich auch der Wei­ße Grund zum Miss­trau­en. Ver­ur­teilt er mich als Ras­sis­ten? Sieht er nur den Unter­drü­cker in mir? Macht er mich für die Skla­ve­rei ver­ant­wort­lich? Ent­wer­tet er mei­ne Leis­tun­gen und mein Lei­den durch den Ver­weis auf mein wei­ßes Pri­vi­leg? Wenn ein Wei­ßer beför­dert wird: War das jetzt Ras­sis­mus? Wenn ein Schwar­zer beför­dert wird: War das jetzt »Anti­ras­sis­mus«?

Doch nicht nur zwi­schen Wei­ßen und Nicht­wei­ßen sät die »kri­ti­sche Ras­sen­theo­rie« Miss­trau­en und Feind­se­lig­keit. Oben haben wir den Vor­wurf an Lati­nos gehört, sich nicht genug mit den Schwar­zen zu soli­da­ri­sie­ren, hier reflek­tiert ein US-Ame­ri­ka­ner mit paki­sta­ni­schen Wur­zeln sein brau­nes Pri­vi­leg. Und natür­lich blei­ben auch die Schwar­zen selbst nicht ver­schont. Wenn sie der Theo­rie nicht fol­gen, haben sie fal­sches Bewusst­sein und machen sich zu Kom­pli­zen der Unter­drü­ckung. Auch Schwar­ze müs­sen mit­un­ter ihr wei­ßes Pri­vi­leg che­cken. Wäh­rend­des­sen krat­zen sich die Wei­ßen vor allem unter­ein­an­der die Augen aus.

Die Cri­ti­cal Race Theo­ry ruft dazu auf, das Böse aus­zu­rot­ten, das aus­nahms­los unse­re sozia­len Struk­tu­ren und uns selbst durch­drin­ge. Wenn wir es ein­mal nicht sehen, haben wir nicht genau genug hin­ge­se­hen – was selbst eine Form des Bösen ist. Dann müs­sen wir unse­re umge­kehr­te kogni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pie inten­si­vie­ren, um zu ler­nen, das Böse immer und über­all zu sehen. Und obwohl die Aus­rot­tung des Bösen – jeden­falls zu unse­ren Leb­zei­ten – unmög­lich ist, müs­sen wir sie mit aller Kraft und per­ma­nent ver­fol­gen und dür­fen das Böse nir­gends tolerieren.

So stif­tet man Cha­os und Wahn­sinn. Es ist perfekt.

Neben dem reli­giö­sen Wahn, der an sich schlimm genug wäre, ent­ste­hen Anrei­ze für Pro­fi­teu­re und Schlim­me­res. Die Dok­tri­nen der Theo­rie sind leicht zu ler­nen. Sie sind nicht kom­pli­ziert. Gleich­zei­tig kommt ihnen auf­grund der Sakra­li­sie­rung erheb­li­che mora­li­sche Auto­ri­tät zu. Ihre Kennt­nis ver­leiht Macht.

Wie viel kann man als Ras­sis­mus­wun­der­hei­ler eigent­lich ver­die­nen – unab­hän­gig davon, ob hin­ter­her weni­ger oder mehr Ras­sis­mus vor­han­den ist? Kann ich mei­ne Kennt­nis der Dok­trin viel­leicht ein­set­zen, um mir in mei­nem Betrieb Macht und Ein­fluss zu ver­schaf­fen? Kann ich sie ein­set­zen, um mich wich­tig zu machen, obwohl ich nichts auf die Rei­he bekom­me? Kann ich sie ein­set­zen, um Men­schen zu mob­ben und unter Druck zu set­zen? Kann ich sie ein­set­zen, um Cha­os zu stif­ten? Kann ich sie ein­set­zen, um mit gezielt plat­zier­ten Vor­wür­fen oder Gerüch­ten mir unlieb­sa­me Per­so­nen aus dem Weg zu räumen?

In einer Kul­tur des mora­li­schen Rein­heits­wahns sind Cha­rak­ter und Kom­pe­tenz als Grund­la­gen von Ein­fluss und Auto­ri­tät ent­wer­tet. Unver­hofft fließt den­je­ni­gen Macht zu, denen Denun­zia­ti­on, Mobs und Hexen­jag­den Befrie­di­gung berei­ten. Der Abwärts­sog ist ein Pro­dukt des Zusam­men­wir­kens von ech­ten Gläu­bi­gen, ver­irr­ten Sinn­su­chern, Pro­fi­teu­ren und Men­schen mit Bedürf­nis nach Macht und Chaos.

Ausblick

Die Cri­ti­cal Race Theo­ry stellt aus­drück­lich »die ele­men­ta­ren Grund­la­gen der libe­ra­len Gesell­schafts­ord­nung in Fra­ge«, dar­un­ter den Indi­vi­dua­lis­mus und die Idee der indi­vi­du­el­len Auto­no­mie. An die­ser Stel­le tut sich ein Huf­ei­sen auf, da auch die rech­te Gesell­schafts­kri­tik häu­fig an die­sen bei­den zen­tra­len Prin­zi­pi­en, also am Libe­ra­lis­mus und am Indi­vi­dua­lis­mus, ansetzt.

Dies macht es einem leicht, sich in der Posi­ti­on eines Libe­ra­len oder »Zen­tris­ten« als lachen­der Drit­ter zu prä­sen­tie­ren, der die ein­zi­ge Mög­lich­keit reprä­sen­tiert, zwi­schen der Scyl­la und Cha­ryb­dis eines lin­ken und eines rech­ten Anti­li­be­ra­lis­mus hindurchzusteuern.

In man­cher Hin­sicht ist es zu leicht. Erst ein­mal, weil es bequem und kos­ten­los ist und kei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit irgend­et­was bedarf. Das Recht­ha­ben scheint einem ein­fach in den Schoß zu fal­len. Sol­che Erkennt­nis­heu­ris­ti­ken, mit denen man allein durch Ori­en­tie­rung an Grup­pen zu einer Posi­ti­on gelangt (was sagen die Guten, was sagt die Mehr­heit, was sagen die Schmud­del­kin­der, von denen ich Abstand hal­ten muss?), trägt wesent­lich zu den Exzes­sen der Kon­for­mi­tät bei, die wir gegen­wär­tig beob­ach­ten. Sol­che Mei­nun­gen sind auf Sand gebaut.

Aber vor allem ist es des­we­gen zu leicht, weil der Libe­ra­lis­mus selbst die­se anti­li­be­ra­len Bewe­gun­gen her­vor­bringt. Er erzeugt die sozia­le und spi­ri­tu­el­le Lee­re, in der das Bedürf­nis nach reli­gi­ös auf­ge­la­de­nen Kol­lek­ti­vis­men ent­steht, und scheint dabei sogar nahe­zu­le­gen, dass die­se Lee­re kein Pro­blem sei.

Einer der ers­ten und klügs­ten Autoren, die sich mit dem moder­nen Sog in den Auto­ri­ta­ris­mus befass­ten, war Erich Fromm. In sei­nem Buch Escape from Free­dom beschreibt er, wie die Moder­ne unse­re Vor­fah­ren aus ihren ursprüng­li­chen, natur­wüch­si­gen Bin­dun­gen her­aus­ge­ris­sen und damit befreit, aber auch einer schmerz­li­chen Ver­ein­ze­lung und Des­ori­en­tie­rung preis­ge­ge­ben hat. Zu Anfang des 20. Jahr­hun­derts wand­ten sich Men­schen mas­sen­haft dem Auto­ri­ta­ris­mus zu, weil er ver­sprach, ihnen die ver­lo­re­ne Gebor­gen­heit und Sicher­heit der Gemein­schaft zurückzugeben.

Doch die­se Reak­ti­on ist für Fromm kei­ne Zwangs­läu­fig­keit. Er hält es für mög­lich, dass Men­schen eine indi­vi­du­el­le Stär­ke ent­wi­ckeln, mit der Frei­heit kei­ne Über­for­de­rung mehr ist. Wir müs­sen dem­zu­fol­ge mit ande­ren Wor­ten erwach­sen wer­den. Das Indi­vi­du­um muss erwach­sen wer­den, statt sich wie Peter Pan an sei­nen jugend­li­chen Fan­ta­sien und Lei­den­schaf­ten fest­zu­klam­mern. Dann ver­liert es auch die Sehn­sucht, sei­ne Auto­no­mie auf- und die Ver­ant­wor­tung für sein Han­deln an den Mob oder eine Füh­rungs­fi­gur abzugeben.

Dies ent­spricht dem, was Jor­dan Peter­son als rich­ti­gen Weg des Stre­bens nach Höhe­rem ver­kün­det – die Stär­kung des Indi­vi­du­ums. Der Erfolg scheint ihm recht zu geben. Damit mei­ne ich nicht nur die Ver­kaufs­zah­len, son­dern auch die vie­len Stim­men, die behaup­ten, dass Peter­sons Phi­lo­so­phie ihnen gehol­fen habe, ein bes­se­res Leben zu führen.

Aber genügt das? Ist das ein Rezept, das für gan­ze Län­der und Kul­tur­krei­se funk­tio­nie­ren kann? Das scheint mir die ent­schei­den­de Fra­ge für den Wes­ten zu sein: Ist das erwach­se­ne Indi­vi­du­um mög­lich und kann es eine Kul­tur tragen?

Bei aller berech­tig­ten Skep­sis dar­an haben wir mei­ner Ansicht nach im Moment kei­ne ande­re Wahl, als dar­auf zu set­zen. Eine schwa­che Chan­ce ist bes­ser als die siche­re Katastrophe.

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19 Kommentare

  1. Lie­ber Sebastian,

    du hast dir sehr viel Mühe gege­ben, das merkt man. Und die Mühe hat sich gelohnt, fin­de ich.
    Ja, der Text ist lang gewor­den. Und sehr erhellend.

    Von mei­ner Sei­te aus ein­fach ein­mal ein gro­ßes DANKE! für dei­ne Texte.
    Gemes­sen an den Kom­men­ta­ren sieht es so aus, als ob du damit auf wenig Reso­nanz stößt. Die Tex­te lösen kei­ne Inten­si­ven Debat­ten in den Kom­men­ta­ren aus.
    Ich will ein­mal beschrei­ben, wie es mir meist mit dei­nen Tex­ten geht: Ich lese den Text und den­ke mir: I could­n’t agree more. Da fehlt es dann an Moti­va­ti­on, irgend­et­was kom­men­tie­ren zu wol­len. Viel­leicht geht es ja auch ande­ren so. 

    Also noch ein­mal: DANKE! für dei­ne Gedan­ken und Denk­an­re­gun­gen. Und schön, dass du nach län­ge­rer Zeit wie­der ein­mal etwas geschrie­ben hast. 

    Noch kurz zum Inhalt: Mir scheint es auch so zu sein, dass die­se auf­ge­heiz­te Atmo­sphä­re sich aus einem Ver­lust der Reli­gi­on speist. Das poli­ti­sche Kam­pa­gnen oft den Cha­rak­ter eine fla­chen, einer faden­schei­ni­gen, einer per­ver­tier­ten Ersatz-Reli­gi­on anneh­men. Das ist aber nicht nur beim aktu­el­len The­ma Ras­sis­mus so. Man kann die­sel­ben Denk­fi­gu­ren und Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter auch im Radi­kal­fe­mi­nis­mus oder im Kom­mu­nis­mus sta­li­nis­ti­scher Prä­gung finden.

    »Gott ist tot« – die­ses kur­ze Zitat von Nietz­sche ken­ne vie­le. Weni­ge ken­nen den Kon­text. Man nimmt meist an, dies sei ein athe­is­ti­scher Tri­umph­schrei gewe­sen. Tat­säch­lich sagt Nietz­sche sinn­ge­mäß: Gott ist tot. Und WIR haben ihn getö­tet. Und wir wer­den das – ver­dammt noch mal – noch bit­te bereu­en. Es scheint so, als sol­le er Recht behalten …

    Ich hät­te da kei­ne Lösung. Ein ein­fa­ches zurück zur »alten« Reli­giö­si­tät kann es kaum geben. Aber offen­bar hin­ter­lässt es in der See­le eine Leer­stel­le. Da ist eine Sehn­sucht nach »reli­gio« im Wort­sin­ne, nach Rück­bin­dung an etwas Numi­no­ses. Und wird die Lee­re nicht gefüllt, gebiert sie die Mons­ter, die wir gera­de erle­ben und auch z.B. im Sta­li­nis­mus erlebt haben. 

    Wie es aus­geht in die­sem Fall? Wir wer­den es erleben …

    Aber eigent­lich woll­te ich dich ja nur ermu­ti­gen. Mach wei­ter mit dei­nen Tex­ten. Es lohnt sich. Gera­de für die stil­len Mitleser. 

    Bes­te Grüße
    virtual-cd

  2. Dan­ke für die­se aus­führ­li­che Analyse!

    Ich könn­te mir vor­stel­len, dass der obi­ge Arti­kel mehr Leu­te errei­chen wür­de, wenn man ihn in sechs oder sie­ben ein­zel­ne Bei­trä­ge auf­tei­len wür­de. Less is more.

  3. Hier­mit möch­te ich nur kurz mei­ner Begeis­te­rung Aus­druck verleihen.
    Dies ist schlicht und ergrei­fend eine bes­ten und umfas­sends­ten Arbei­ten zu die­sem The­ma, wel­che ich seit dem erneu­ten Auf­flam­men die­ses The­men­kom­ple­xes im Netz gele­sen habe.
    Ich wür­de aller­dings mei­nen, dass sie fast schon zu kom­plex für das »nor­ma­le« blog­le­sen­de Publi­kum ist
    (ja, ich weiß: wer oder was ist normal).
    Es ist, mei­nem Gefühl nach, eher etwas, was ich in einem Buch zu dem The­ma, oder in einer Zeit­schrift mit zeit­ak­tu­el­lem wis­sen­schaft­li­chen Kon­text erwar­ten würde. 

    Dies soll kei­ne Kri­tik sein, bloß ein Anhalts­punkt, war­um es hier, gemes­sen an Dei­ner Wahn­sinns­ar­beit, so wenig Reso­nanz gibt.
    Viel­leicht wäre es bes­ser, sol­che Arbei­ten, ent­spre­chend den Haupt­the­sen, in Kapi­teln an versch. Tagen hin­ter­ein­an­der zu ver­öf­fent­li­chen. Dann füh­len sich die meis­ten viel­leicht nicht so erschlagen.
    Ist aber auch nur eine The­se. Lei­der scheint sich die Auf­merk­sam­keits­span­ne bei vie­len Leu­ten sehr nach­tei­lig ent­wi­ckelt zu haben.
    Aus­nah­men bestä­ti­gen die Regel.

    Ich habe die­sen Blog gera­de neu ken­nen gelernt und wer­de mich jetzt auch auf die älte­ren Bei­trä­ge stür­zen, jeden­falls auf Die, wel­che mich the­ma­tisch tangieren.
    Ich möch­te Dir hier­mit Dank sagen, für die­se tol­le, end­lich ein­mal umfas­send fak­ten­ba­sier­te Arbeit zum The­ma, wel­che ich bestimmt bei der einen oder ande­ren Dis­kus­si­on mit anfüh­ren werde.
    Und wel­che ich natür­lich mit mei­ner win­zi­gen Band­brei­te auch wei­ter­emp­feh­len werde!
    Mit den bes­ten Wün­schen für Dich und dei­ne Arbeit.

    1. Hey, vie­len herz­li­chen Dank, das freut mich zu hören! Ich habe auch über­legt, es auf­zu­tei­len, aber das Ding ist so ein Mosa­ik, dass ich die ein­zel­nen Stü­cke ungern aus dem Kon­text rei­ßen woll­te. Aber viel­leicht mache ich noch ein klei­nes Buch/eBook für wenig Geld daraus.

  4. Sehr gut geschrie­be­ner, fun­dier­ter und wei­ser Arti­kel. Ich stim­me zu wirk­lich 100% mit der Ana­ly­se über­ein. Mit der Lösung aller­dings nicht. Die Men­schen einer Gesell­schaft (von Aus­nah­men abge­se­hen) brau­chen einen gemein­sa­men Nar­ra­tiv, etwas Ver­bin­den­des auf das sie Bezug neh­men kön­nen und/oder ein gemein­sa­mes Ziel. Gemein­sa­me Abstam­mung, Spra­che, Kul­tur, sowie Tugen­den auf die ein Land stolz sein kann ist dafür auch wei­ter­hin geeig­net. In Deutsch­land mag das alt­mo­disch oder sogar reak­tio­när klin­gen aber ein Grund­ge­setz­pa­trio­tis­mus oder EU-Stolz las­sen die Her­zen halt nicht höher schlagen

    1. Vie­len Dank! Ich sehe es ja auch so, dass die Gesell­schaft etwas brau­chen wür­de, wor­an man gemein­sam glau­ben kann. Aber was bringt es, zu kon­sta­tie­ren, dass irgend­ein X die­se Funk­ti­on theo­re­tisch erfül­len könn­te, wenn es sie fak­tisch doch aktu­ell nicht erfüllt? Ich schrieb dazu in einem etwas schwarz­pil­li­ge­ren Text mit Blick aufs Christentum:

      Aller­dings steht Peter­son vor einem ähn­li­chen Pro­blem wie Har­ris und Pin­ker mit ihren Appel­len an die Ratio­na­li­tät. Men­schen wer­den nicht auf Zuruf ratio­nal, aber sie wer­den auch nicht auf Zuruf gläu­big, zumal nicht auf die klu­ge Art und Wei­se, die wün­schens­wert wäre. Gesetzt den Fall, dass die Ant­wort in der Bibel steckt, und sei es bloß, weil die­se zwar nicht das Wort Got­tes, aber ein allen Alter­na­ti­ven über­le­ge­nes ethi­sches Sys­tem zur Ver­fü­gung stellt; wären wir über­haupt noch in der Lage, die­se Ant­wort zu ver­ste­hen, geschwei­ge denn, sie zu leben?

  5. In Kapi­tel 3 muss­te ich an die Mäd­chen­mann­schaft den­ken, die es gesprengt hat, als der Inter­sek­tio­na­lis­mus aufkam.

    Die­se Swing­tanz-Grup­pe befin­det sich aber nicht in Deutschland?

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