Heilige Werte und ideologische Blindheit

Es gibt eine Sorte von Ansichten über die Welt, die wir mit Zähnen und Klauen verteidigen. Wir stellen uns blind gegen Informationen, die ihnen widersprechen, werten sie reflexhaft ab oder werden richtiggehend zornig auf die, die sie weitergeben. Im Extremfall erklären wir Menschen und Gruppen zu Feinden und ziehen in den Krieg gegen sie, weil ihre Ansichten uns in dieser Weise provozieren.

Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Psychologie hinter diesem Phänomen. Was dabei geschieht, ist, in aller Kürze gesagt, dass Menschen moralische Gemeinschaften bilden und dabei heilige Werte verinnerlichen, die sie an ihre Gruppe binden. Dieser Mechanismus der Gruppenintegration durch heilige Werte ist ein Produkt der Evolution, das unserer außerordentlichen Fähigkeit zur Koordination und Kooperation in Großgruppen und somit unserem Erfolg als Spezies zugrunde liegt.

Die Kehrseite dessen ist eine reflexhafte Feindseligkeit gegen jeden, der die heiligen Werte verletzt, sei es ein Vertreter einer Fremdgruppe oder ein Ketzer in den eigenen Reihen. Sein Handeln bedroht das, was die Gruppe im Innersten zusammenhält, und deren Mitglieder stoßen ihn ab wie Antikörper einen Krankheitserreger. Verletzt jemand heilige Werte, stellt sich unwillkürlich eine Wahrnehmung dieser Person als bösartig ein.

An erstes Anschauungsbeispiel folgt ein Auszug aus dem Buch »Them and US: Cult Thinking and the Terrorist Threat« von Arthur Deikman. Der Autor ist Psychiater und hat sich über Jahre mit der Sozialpsychologie von Sekten beschäftigt. Der Witz an seinem Buch ist, dass es die Grundbestandteile von Sektenverhalten und ‑denken auch an verschiedensten Aspekten des normalen Alltagslebens aufzeigt; natürlich meist in abgeschwächter Form im Vergleich zu dem, was in tatsächlichen Sekten vorgeht.

Sektenverhalten ist demnach ein extremer Ausdruck von Aspekten menschlicher Psychologie, die bei uns allen in weniger extremer Form wirksam sind. Hier geht es mir vor allem um ein Zitat, das von einer eigenen Erfahrung Deikmans mit Sektendenken handelt. Seine Theorie werde ich ein anderes Mal näher vorstellen.

Das Zitat berichtet von einem Übergang von der Innenseite einer sektenartigen Gruppe auf die Außenseite. Es ist das, was man in gewissen Internet-Subkulturen als Red-Pill-Erfahrung bezeichnet; der ernüchternde und gleichzeitig befreiende Ausbruch aus einem Geborgenheit und Ordnung stiftenden Glaubenssystem.

Man kann dafür viele Beispiele bringen (weiter unten folgen noch welche), aber ich finde dieses besonders hilfreich, weil es aus einem ganz anderen kulturellen Kontext stammt. Wenn man über das moralisch bedingte Abwehrverhalten schreiben will, das hier Thema ist, ergibt sich ein bestimmtes Problem. Sobald man Beispiele bringt, ist damit zu rechnen, dass man beim Leser genau das Abwehrverhalten hervorruft, das man eigentlich nicht hervorrufen, sondern distanziert beobachten und beschreiben will. Wünschenswert wäre daher theoretisch ein Beispiel, das möglichst jeder nüchtern und distanziert betrachten kann. Aber wenn das alle können, ist es kein Beispiel für das untersuchte Phänomen mehr, weil dann die fraglichen Abwehrreaktionen bei diesem Thema gar nicht auftreten.

Ein Beispiel aus einem entfernten kulturellen Kontext, der wiederum aber noch nahe genug ist, um ihn zu verstehen, löst dieses Problem. Hier ist aufgrund der kulturellen Distanz die Merkwürdigkeit des Verhaltens der Gläubigen recht klar zu erkennen und die Wahrscheinlichkeit gering, dass jemand Anstoß nimmt. Die Erzählung spielt in den USA zur Zeit der 1980er Jahre, wo ein Atomkrieg gegen die Sowjetunion als reale Möglichkeit erschien und dies entsprechende Ängste erzeugte. Die sektenartige Gruppe, um die es geht, ist die Friedensbewegung bzw. ein Teil davon. Film ab.

Eine der wichtigsten Methoden, mit denen Gruppen ihre Macht entfalten, ist die Drohung mit Tadel und Ausschluss durch Klassifizierung des Abweichlers als schlecht. Ich erfuhr dies am eigenen Leib, als ich in der Anti-Kernkraft-Bewegung aktiv war. (Zu dieser Zeit hätte ich nicht geglaubt, dass Linksliberale wie ich anfällig für Sektenverhalten wären, während ich mir aber sicher war, dass die Rechten es waren.) Es lohnt sich, die Geschichte zu erzählen, weil sie vielleicht Berührungspunkte mit den eigenen Vorurteilen des Lesers hat und eine Erfahrung der Dynamik vermitteln mag, die ich hier bespreche.

Ja, witzigerweise halte ich die Geschichte aus gegenteiligem Grund für hilfreich. Aber das macht nichts.

In den 1980ern, als Russland der Fokus unserer Ängste war, stellte die Möglichkeit eines Atomkriegs – ob versehentlich ausgelöst oder nicht –, eine sehr reale Gefahr dar, und manche hatten das Gefühl, dass ein solcher Horror unmittelbar bevorstand. Ich reagierte darauf, indem ich aktiv wurde und versuchte, über die enormen Gefahren aufzuklären sowie über die Möglichkeiten, ihnen zu begegnen. (Dies war keine neue Rolle für mich; Ich war in den 1960ern gegen überirdische Atomwaffentests aktiv gewesen. Jetzt war die Bedrohung noch größer und die Angst vor der Katastrophe noch überwältigender.) Ich stellte anderen Aktivisten gegenüber die Frage, was Menschen tun konnten, um im Fall eines Atomkriegs ihre Überlebenschancen zu verbessern. Die Antwort war, dass man nichts tun konnte; Bunker galten als nutzlos und die Verhinderung eines Atomkriegs als einzige Möglichkeit. Sprecher der Ärzte für soziale Verantwortung erklärten, dass jeder, der sich in der Planung der zivilen Verteidigung engagierte, unmoralisch war und »eine höchst unethische Tat« beging.

Diese Pauschalurteile überzeugten mich nicht. Ich begann, außerhalb der Literatur der Friedensbewegung zu recherchieren, wo ich auf andere Sichtweisen und Fakten stieß. Schließlich gelangte ich zu der Auffassung, dass regionale Lebensmittelvorräte Millionen Leben retten konnten, wenn es zum Krieg käme, und dass die Einrichtung solcher Vorräte nicht das Wettrüsten beschleunigen oder den Menschen ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln würde, sondern eine logische und angemessene Reaktion auf eine sehr reale Gefahr darstellte. Außerdem glaubte ich, dass die Menschen auch die weniger alarmierenden Fakten zu Strahlung erfahren sollten, und ebenso, welchen Schutz ein Bunker bieten konnte und welchen nicht.

Als ich diese Gedanken meinen Freunden in der Friedensbewegung gegenüber äußerte, zuckten sie leicht zurück und verengten die Augen, und ich sah förmlich, wie sie innerlich meinen Namen aus der Schublade »die Guten« nahmen und unter »die Bösen« ablegten. (Vielleicht hatten Sie, der Leser, eine ähnliche Reaktion.)

Ich bewarb einen Vortrag über Schutzmaßnahmen gegen Strahlungsgefahren, einschließlich nuklearer Explosionen. Fast niemand kam, außer ein paar Demonstranten aus der Friedensbewegung. Zusammen mit dem Radiologen, der den Vortrag hielt, war ich später zu einer Radio-Talkshow eingeladen. Offensichtlich hatte der Gastgeber große Schwierigkeiten, es miteinander zu vereinbaren, dass ich für Lebensmittelvorräte war, also eine Maßnahme der zivilen Verteidigung befürwortete, aber gleichzeitig die Entwicklung neuer Atomwaffen ablehnte und ein entsprechendes Abkommen mit der Sowjetunion befürwortete. Wie andere vor ihm hatte er angenommen, dass ich ein Kriegstreiber [»Hawk«] sein musste. Eine sektenartige Neigung zu einem Schwarz-Weiß-Bild der Welt war allzu offensichtlich.

Dieser öffentliche Auftritt und ein Interview in einer Lokalzeitung erzeugten eine Reaktion, deren Art und Vehemenz mich überraschten. Ich wurde heftig angegriffen. Niemand aus der Friedensbewegung fragte mich, wie sich meine Überzeugungen begründeten. Sie waren nicht im Geringsten neugierig; sie hatten einfach entschieden, dass ich ein Hardliner geworden war, ein unmoralischer Survivalist. Die Argumente, die sie gegen meine Sichtweise vorbrachten, erschienen simplistisch und unlogisch, ganz wie die Rezitationen von Dogmen, die ich aus meiner Forschung zu religiösen Sekten kannte.

Während ich bei anderen Sektenprozesse am Werk sah, wurde mir auch bewusst, wie sie mich selbst beeinflussten. Ich erwähnte flüchtigen Bekanntschaften und sogar einigen Freunden gegenüber meine Ansichten nicht mehr, weil ich befürchtete, ausgestoßen zu werden. So lehrreich die Erfahrung auch war, so unangenehm gestaltete es sich, in der eigenen Gruppe als Schurke zu gelten. Als ich bei einer öffentlichen Anhörung aussagte, wurde ich von einer Gruppe aus der Friedensbewegung mit derselben Rhetorik angegriffen, die ich selbst früher als Mitglied derselben Gruppe benutzt hatte. Es war beängstigend, plötzlich auf der anderen Seite zu stehen, das Objekt der stechend feindseligen Blicke und der leidenschaftlichen Appelle an die Menschlichkeit zu sein. Reuig sah ich ein, dass ich früher ähnlich selbstgefällig die emotionale Befriedigung genossen hatte, die aus dem Gefühl entspringt, im Sinn eines guten Zwecks rechtschaffen zu handeln. Ich hätte nie erfahren, dass ich zu einem gewissen Grad ein Sektenmitglied war, hätte ich nicht begonnen, das Dogma meiner Gruppe anzuzweifeln.

Die Passage enthält einige wichtige Beobachtungen, die in der Praxis erkennen lassen, dass solche Vorgänge am Werk sind:

  • die Abwesenheit jeden Interesses daran, wie sich abweichende Standpunkte begründen
  • die simplistische, in Teilen unlogisch erscheinende, dogmatische Rezitation stereotyper Überzeugungen, die in der Gruppe jeder teilt
  • die Schwarz-Weiß-Strukturierung der Thematik: Wenn du x glaubst, bist du einer von denen und glaubst auch y und z

Als Erklärung für dieses Phänomen favorisiere ich die Arbeit des Sozialpsychologen Jonathan Haidt. In seinem Bestseller »The Righteous Mind: Why Good People are Divided over Politics and Religion« von 2012 beschreibt er umfassend die psychologischen Grundlagen der Moral, wozu wesentlich deren Funktion als Gruppenbindemittel gehört. Und während die Moral bindet, blendet sie auch.

Ich zitiere im Folgenden erst einmal aus einem Vortrag mit dem Titel »The Bright Future of Post-Partisan Social Psychology«, den Haidt 2011 vor Fachkollegen gehalten hat. Darin stellt er mutig die These auf, dass die Sozialpsychologie zu einer »tribal moral community«, einer moralischen Stammesgemeinschaft geworden ist, in der heilige Werte das Denken verzerren und blinde Flecken erzeugen. Immerhin: Die Fachvertreter haben diese Kritik mit freundlichem Interesse aufgenommen – im Gegensatz zu Bloggern, wie Haidt später sagte.

Moral bindet und blendet

Haidt beginnt mit einer evolutionsbiologischen Überlegung. Menschen sind »ultrasozial«, stellt er fest. Sie bilden große, kooperative Gruppen mit fortgeschrittener Arbeitsteilung und einer Bereitschaft der Individuen, für die Gruppe zu opfern. So etwas ist in der Natur eher die Ausnahme als die Regel. Es gibt nur wenige andere Spezies, die in diesem Sinn ultrasozial sind, etwa Bienen, Wespen, Ameisen und Nacktmulle.

Jonathan Haidt

Das evolutionsbiologische Problem dabei ist das Opfern für die Gruppe. Wie kann die Selektion eine Bereitschaft hervorbringen, für die Gruppe zu opfern, wenn doch zunächst einmal jeder, der das tut, sich einen unmittelbaren Nachteil einhandelt gegenüber dem, der nicht opfert? Bei den anderen ultrasozialen Spezies ist dieses Problem dadurch gelöst, dass die Individuen eines Volkes alle verwandt sind. Ihr Erbgut überlebt, wenn die Königin überlebt. Verwandte zu begünstigen ist etwas anderes, weil die einen Teil des eigenen Erbguts tragen. Wie aber funktioniert das mit Nichtverwandten? Wie kann aus dem Evolutionsprozess eine Bereitschaft hervorgehen, für andere etwas zu opfern, vielleicht sogar das eigene Leben, wie Menschen es ja tatsächlich tun?

Haidt zufolge stellt bei uns die Moral den Mechanismus zur Verfügung, der bei Bienen, Wespen und Ameisen in ihrer biologischen Verwandtschaft besteht.

Unser Trick ist, ein Team zu bilden, indem wir heilige Objekte und Prinzipien umkreisen.

Wir verinnerlichen heilige Werte, die uns als Gruppe zusammenbinden und unser Verhalten synchronisieren. Ihnen ordnet sich das Individuum unter. Darauf beruht die stark ausgeprägte Kooperationsfähigkeit der Menschen, auf ihr wiederum die Arbeitsteilung und die ungeheure Effektivität, die diese schließlich entfaltet hat.

Als Lösung für das Selektionsproblem schlägt Haidt Gruppenselektion vor. Wenn Individuen sich der Gruppe unterordnen und für sie opfern, ist die Gruppe als Ganze effektiver. Insofern verschafft ihr die größere Opferbereitschaft der Einzelnen einen Vorteil gegenüber anderen Gruppen mit geringerer Opferbereitschaft der Einzelnen. Von diesem Vorteil auf Gruppenebene profitieren unterm Strich auch die einzelnen Mitglieder, so dass dies die Verluste durch die Opferbereitschaft aufwiegt.

So weit geht Haidt im Vortrag nicht ins Detail; die Diskussion der Gruppenselektion findet sich nur im Buch. Die Gruppenselektion ist unter Evolutionsbiologen umstritten, weshalb Haidt relativ viel Platz seiner Verteidigung widmet. Das wiederzugeben würde hier zu weit führen. Doch die wesentliche Beobachtung, die Gruppenbindung durch gemeinsame Werte und Moral sowie die Macht, die dies den Menschen verleiht, scheinen mir evident, unabhängig von ihrem evolutionären Ursprung.

Was sind nun »heilige Werte«? Haidt übernimmt eine Definition, der zufolge Heiligkeit ein Wert ist, »dem eine moralische Gemeinschaft implizit oder explizit eine unbegrenzte oder transzendente Bedeutung zuschreibt« (Tetlock et al 2000).

Unbegrenzte oder transzendente Bedeutung heißt in der Praxis vor allem, dass im Umkreis heiliger Werte keine Kosten-Nutzen-Rechnung und keine Abwägung von Vor- und Nachteilen (oder eben Argumenten) möglich ist. Der Verrat an Jesus Christus wäre nicht weniger Verrat, wenn Judas 300 statt 30 Silbertaler dafür bekommen hätte. Dieser Beobachtung, dass keine Kosten-Nutzen-Abwägung und keine Kompromisse möglich sind, entspricht das Fehlen von Neugier für die Motive derjenigen, die heilige Werte verletzen. Ihr Tun ist unter keinen Umständen akzeptabel. Daher spielt es keine Rolle, was die Umstände sind.

Wenn unsere heiligen Werte bedroht werden, verwandeln wir uns in »intuitive Theologen«, so Haidt: Wir nutzen unseren Verstand, nicht um die Wahrheit zu ermitteln, sondern um zu verteidigen, was uns heilig ist. Wie hieß es bei Deikman?

Die Argumente, die sie gegen meine Sichtweise vorbrachten, erschienen simplistisch und unlogisch, ganz wie die Rezitationen von Dogmen, die ich aus meiner Forschung zu religiösen Sekten kannte.

Wenn wir etwas Sakralisieren, also zum heiligen Wert machen, bildet sich das, was Haidt eine »vertikale Dimension« nennt. Ich würde es eine Polarisierung nennen, eine Polarisierung des Weltbildes. Es geht dabei um eine Art Achse mit einem Gut-Pol oben und einem Böse- oder Schlecht-Pol unten. Im Christentum entspricht dem natürlich Himmel und Hölle, in der Praxis die Polarität von Tugend und Sünde. Auch wenn man Atheist ist und derart religiös geladene Begriffe meidet, kommt man nicht umhin, sich ähnlicher Polarisierungen und Hierarchien zu bedienen, um die Wirklichkeit an einem Werteschema zu messen. Diese vertikalen Achsen finden sich überall in der Sprache, beispielsweise in »höheren« Zielen und »niederen« Motiven.

Doch die Welt ist komplex und hat viele Graustufen. Sie auf eine Gut-Böse-Polarität zu reduzieren, auch wenn das nur bestimmte Praxisbereiche betrifft, bedeutet eine Verzerrung und Vereinfachung der Wahrnehmung und des Denkens. Blinde Flecken entstehen. Hierfür verwendet Haidt die Metapher eines Kraftfelds, die ich für nützlich halte. Aus dem Vortrag:

Sakralisierung verzerrt das Denken. Diese Verzerrungen sind für Außenstehende offensichtlich, aber für diejenigen innerhalb des Kraftfelds unsichtbar. Und ich meine wirklich Kraftfeld. Heilige Werte wirken wie ein starker Elektromagnet, der moralische Feldlinien erzeugt. Jeder und alles muss seinen Platz an diesen Linien entlang finden.

Folie aus Haidts Vortrag

Innerhalb eines moralischen Kraftfelds ist Abweichlertum zutiefst verstörend. Apostaten und Ketzer müssen verbannt oder exekutiert werden. Aber moralische Kraftfelder findet man nicht nur in religiösen Gemeinschaften. Sie können auch im Wissenschaftsbetrieb wirksam sein. Sehen wir uns die sehr linken Sozialwissenschaften an, Anthropologie, Soziologie und Psychologie. Diese Gebiete waren immer tendenziell links, aber in den 1960ern änderte sich etwas. Die Bürgerrechtsbewegung und die Brutalität, die friedliche Demonstranten erlitten, der Vietnamkrieg, die Attentate auf schwarze Führungspersönlichkeiten – die rassenbezogene Ungerechtigkeit war überwältigend, höchst sichtbar und für viele Menschen empörend. Die Generation, die in den 1960ern und 70ern erwachsen wurde, ist stark von diesen Erfahrungen geprägt. Eine vertikale Dimension bildete sich, wie ich glaube, an der Achse Rasse/Rassismus entlang. Martin Luther King wurde als Märtyrer sakralisiert und der Kampf um die Bürgerrechte, der Kampf gegen den Rassismus wurde der heilige Zweck, der die Linke über die ganzen Vereinigten Staaten hinweg und in den Universitäten einte. Rassisten und Unterdrücker waren unten, Opfer von Rassismus und Gegner der Unterdrückung oben.

Sozialwissenschaftliche Forschung ist häufig relevant für politische Fragen. Daher verfingen sich viele solche Fragen in den moralischen Feldlinien. Sehen Sie sich an, was passiert ist, als Pat Moynihan, ein linker Soziologe und Politikexperte, einen Bericht für Präsident Johnsons Kampf gegen die Armut verfasste, der den Titel trug: »The Negro Family: A Case for National Action«. Moynihan setzte sich nachdrücklich dafür ein, dass die Regierung handelte, um den Afroamerikanern zu helfen. Aber sein Bericht enthielt ein Kapitel namens »Die Verstrickungen der Pathologie« [»The tangle of pathology«], was sein Ausdruck für die verbundenen Probleme der unverheirateten Mutterschaft und Sozialstaatsabhängigkeit war.

Moynihan benutzte den Ausdruck »Kultur der Armut«. Obwohl klar war, dass die letztendliche Ursache dieser Pathologie Rassismus war, beging er damit doch die Todsünde. Er kritisierte die afroamerikanische Kultur, was bedeutet, dass er in gewisser Weise das Opfer beschuldigte [»blamed the victim«]. Der moralische Elektromagnet sprang an, Kosten-Nutzen-Erwägungen waren verboten, Opfer mussten unschuldig sein. So sank Moynihan nach unten und wurde von vielen seiner Kollegen in Harvard als »Rassist« gemieden. Die kritisierten Politikkonzepte demgegenüber stiegen auf. [Auf der Folie zu lesen: »Affirmative Action, welfare, pro-choice«.] Sie wurden zu Glaubenssätzen. Wenn Ihre Forschung einen Schatten des Zweifels auf ihre Wirksamkeit oder Ethik wirft, verletzen Sie das moralische Magnetfeld. Sie sind ein Verräter Ihres Teams.

Moral bindet und blendet. So wurde eine ergebnisoffene Untersuchung der Probleme schwarzer Familien für Jahrzehnte gemieden, genau diejenigen Jahrzehnte, in denen sie am nötigsten gewesen wäre. Erst in den letzten paar Jahren haben Soziologen anzuerkennen begonnen, dass Moynihan die ganze Zeit Recht gehabt hatte. Sakralisierung verzerrt das Denken. Heilige Werte binden Teams zusammen und machen sie blind für die Wahrheit.

Hier kommt Haidt zu seiner These, dass die Disziplin der Sozialpsychologie zu einer moralischen Stammesgemeinschaft geworden ist. Er macht das an drei Befunden fest:

  1. am Vorhandensein von Tabus und Gefahrenzonen,
  2. an einem Mangel an ideologischer Diversität, der unmöglich Zufall sein kann (fast alle sind links), und
  3. dem Vorhandensein von Konservativen, die Angst haben, ihre Ansichten zu äußern.

Uns interessieren hier die ersten, die Tabus und Gefahrenzonen, die der moralische Elektromagnet schützt. Normalerweise, so Haidt, sind Sozialpsychologen sehr gut darin, Erklärungen kritisch zu prüfen, die andere für bestimmte Phänomene anbieten. Sie formulieren alternative Erklärungen und dazu Bedingungen, anhand deren diese Erklärungen geprüft werden könnten. Das ist ihr Beruf. Doch wenn sakralisierte Themen berührt sind, setzt dieser Prozess der Prüfung und Kritik aus.

Diese Themen aktivieren das Kraftfeld, begrenzen unser Denken und berauben uns der Fähigkeit, die volle Spanne alternativer Hypothesen zu überdenken. Es ist zu gefährlich für mich, hier Beispiele durchzugehen. Ich verweise nur auf die berühmten Überlegungen von Larry Summers [ehemaliger Präsident der Harvard-Universität] über die Überrepräsentation von Männern in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fakultäten der führenden Universitäten.

Als eine seiner drei Hypothesen stellte er heraus, dass es einen Geschlechterunterschied in der Standardabweichung bei den IQ-Punkten von Männern und Frauen gibt. Er sagte nicht, dass Männer intelligenter seien. Er sagte nicht, dass Männer einen höheren IQ hätten. Er verwies nur auf die bekannte Tatsache, dass die Variation bei den IQ-Punkten der Männer größer ist, was bedeutet, dass es mehr Männer am unteren und am oberen Ende der Verteilung gibt. Könnte das zur Unterrepräsentation von Frauen auf den höchsten Ebenen der Naturwissenschaften beitragen?

Wenn Sie außerhalb des Magnetfelds stehen, ist das eine gute Hypothese, die sicherlich eine nähere Untersuchung wert ist. Doch innerhalb des Magnetfelds ist es keine erlaubte Hypothese. Es ist ein Sakrileg. Es ist eine Beschuldigung der Opfer anstelle der Mächtigen. Die anschließende Empörung führte letztlich zum Rücktritt Summers‹ als Präsident von Harvard. Wir Psychologen hätten uns über die Empörung empören sollen. Wir hätten sein Recht verteidigen sollen, frei zu denken.

Es ist vielleicht nützlich, auf einen weiteren Aspekt der mutmaßlichen Entstehung dieser menschlichen Tendenz zur Sakralisierung hinzuweisen, um diese in einen größeren Kontext einzuordnen. Haidts Moralpsychologie beschreibt sechs Dimensionen menschlichen Moralempfindens. Darauf gehe ich an anderer Stelle noch ein. Hier geht es um die Dimension Heiligkeit vs. Verfall.

Haidt zufolge ist das Empfinden von Heiligkeit versus Verfall ursprünglich als Abwehrreaktion gegen Infektion und Krankheiten entstanden. Der unmittelbarste Beleg dafür ist die häufige Assoziation von Heiligkeit mit Reinlichkeit in vielen Kulturen. Unser Umgang mit Leichen hat zusammenhängende hygienische und spirituelle Funktionen. Gleiches gilt für viele Regeln im Umgang mit den Körperfunktionen. Sie sind von Bedeutung für die Hygiene, aber auch für die Würde des Individuums. Man könnte auch sagen, für die Heiligkeit des Individuums. Die Körperpflege aufzugeben entspräche einer spirituellen Erniedrigung. Dass man vor dem Betreten des Tempels die Schuhe auszieht, hat eine praktische hygienische Funktion; dass die Füße beim Sitzen nicht in Richtung der Buddha-Statue zeigen dürfen, eine spirituelle, die aber in derselben Annahme wurzelt, dass die Füße schmutzig sind. (Übrigens wieder eine vertikale Achse, nämlich zwischen Kopf/Geist und Füßen.) 

Auf der anderen Seite ist die Verletzung von Heiligkeiten oft mit Ekelgefühlen assoziiert, die sonst hauptsächlich zur Abwehr von unhygienischen Substanzen oder Körpern dienen. In extremistischer politischer Rhetorik taucht diese Assoziation wieder auf, wenn Feinde als Krankheiten oder Ungeziefer charakterisiert werden. Zu den regelmäßigen psychologischen Unterschieden zwischen Konservativen und Linken gehört, dass bei Konservativen die Ekelempfindlichkeit größer ist. Heiligkeit ist somit zumindest teilweise ein Abkömmling des behavioralen Immunsystems, das uns mit Abwehrreflexen gegen Fremdes und potentiell Verschmutzendes, Zersetzendes ausstattet. Solche Reflexe wiederum spielen eine wesentliche Rolle im politischen Autoritarismus, der ein Impuls ist, durch eine kollektive Kraftanstrengung unter einem geeigneten Anführer die Eigengruppe um Elemente zu bereinigen, die man als korrumpierend empfindet. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wie inbrünstig sich immer wieder ausgerechnet die universalistischen und toleranten Linken solchen Impulsen hingeben. Die Rechten sind die Ausländer der Linken.

Was die wirklich denken: Ein moralisches Kraftfeld in Aktion

Man könnte sich ein psychologisches Experiment vorstellen: Wir nehmen uns eine Versuchsperson, die seit Jahren in einem Glaubenssystem lebt, das sie nicht mehr hinterfragt. Dieser Person geben wir einen starken Anreiz, sich intensiv über viele Stunden mit den niedergeschriebenen Aussagen von Vertretern einer Gruppe zu beschäftigen, die in diesem Glaubenssystem als ultimativer bösartiger Feind gilt. Der Anreiz, dies zu tun, ist so stark, dass die Entscheidung gegen die Beschäftigung mit dem Material für die Versuchsperson mit erheblichen persönlichen Kosten verbunden wäre. Die niedergeschriebenen Aussagen der Feindgruppe konstruieren wir für das Experiment so, dass keine der bösartigen Haltungen darin vorkommt, die das Glaubenssystem der Versuchsperson dieser Gruppe zuschreibt.

Was würde passieren? Verweigert die Versuchsperson die Teilnahme und nimmt die ihr dadurch entstehenden Verluste hin? Wenn nicht, wie lange dauert es, bis sie ihre Erwartungen mit dem tatsächlichen Material in Einklang gebracht hat, und auf welche Weise tut sie das?

Kein Forschungsinstitut, aber das Leben hat dieses Experiment durchgeführt. Die Versuchsperson ist die US-amerikanische Filmemacherin Cassie Jaye. Sie hat im Jahr 2016 den Dokumentarfilm »The Red Pill« veröffentlicht, der die Männerrechtsbewegung vor allem in den USA und Kanada porträtiert. Den Film gibt es inzwischen auch mit deutschen Untertiteln z.B. bei Amazon. (Offenlegung: Die Untertitel sind von mir, aber ich verdiene nichts mehr daran.)

Cassie Jaye

Eine Weile nach der Veröffentlichung des Films hielt sie einen Vortrag über die innere Entwicklung, die sie während der Filmarbeiten durchlaufen hat. Auf diesem Vortrag beruht das Folgende.

Jaye war ihr ganzes erwachsenes Leben lang eine Feministin gewesen. Diesem Thema hatte sie sich unter der Prämisse genähert, dass Männerrechtler der Feind waren. Sie glaubte, dass diese die Zeit zurückdrehen und Frauen die Rechte wegnehmen wollten, eine Vorherrschaft des Mannes über die Frau reklamierten, ein Recht des Mannes auf sexuelle Dienste behaupteten und Vergewaltigung verharmlosten und dergleichen mehr. Wenn Sie in der Mainstreampresse über diese Bewegung gelesen haben, glauben Sie vielleicht Ähnliches. Nichts davon ist wahr.

Jayes ursprüngliches Vorhaben war, eine Entlarvung zu drehen. »Seht her, was sich hier unbemerkt von der Öffentlichkeit für eine abstoßende Gemeinschaft von Frauenhassern gebildet hat!« Das war der Plan. Sie hatte vorher schon zwei Dokumentarfilme über eher linke/progressive Themen gedreht, und dieses neue Projekt, die Männerrechtsbewegung zu entlarven, fand den Zuspruch derjenigen, die ihre älteren Filme schätzten.

Sie interviewte nun also Männerrechtler für den Film. Dabei entstanden, wie sie angibt, mehr als 100 Stunden Material. Das erste, was sie im Vortrag nun rückblickend beobachtet, ist, dass sie anfangs in diesen vielen Stunden nicht wirklich zuhörte. Ihr Anliegen beim Zuhören war nicht, zu verstehen, was der Betreffende sagte, sondern in seinen Worten Beweise für das zu finden, was sie bereits über seine verwerflichen Ansichten zu wissen glaubte.

Dies ist eine wichtige Beobachtung, weil es eine allgegenwärtige Verhaltensweise ist, die man oft auch an sich selbst beobachten kann. 

Zu sakralisierten Abgrenzungen gegen Außenseiter oder andere Gruppen gehören oft Annahmen darüber, was die wirklich denken. Man hört sie das praktisch nie sagen und bleibt doch bei der Überzeugung, genau zu wissen, was die wirklich denken. Verständlich ist vor diesem Hintergrund dann, dass man geradezu danach giert, es sie doch einmal sagen zu hören. Hin und wieder sagt vielleicht einer etwas, das grob in diese Richtung geht oder zumindest so gedeutet werden kann, und das reicht dann wieder eine Weile als Beweis dafür, was die wirklich denken. Unterdessen kann man weiterhin ignorieren oder als Irreführung abtun, was die in der Regel wirklich sagen, schreiben und tun.

Im Vortrag stellt Cassie Jaye einige Äußerungen der Männerrechtler dem gegenüber, was im inneren ihres Kraftfelds ankam. Das Experiment nimmt seinen Lauf.

Oft hörte ich einen unschuldigen und berechtigten Punkt, den ein Männerrechtler vorbrachte, aber in meinem Kopf fügte ich seiner Aussage eine sexistische oder frauenfeindliche Tendenz hinzu, in der Annahme, dass es das war, was er wirklich sagen wollte, aber nicht sagte. Hier sind drei Beispiele.

Ein Männerrechtler sagte: »Es gibt mehr als 2.000 Frauenhäuser und nur ein Haus für männliche Opfer häuslicher Gewalt in den Vereinigten Staaten. Aber viele Studien zeigen, dass Männer genauso oft Gewalt durch ihre Intimpartner erfahren«. Ich hörte: »Wir brauchen keine 2.000 Frauenhäuser. Die täuschen nur vor, Gewaltopfer zu sein. Das ist alles Betrug.«

Aber wenn ich mir heute das Filmmaterial ansehe, das sich angesammelt hat, in dem Männerrechtler über Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt sprechen, und all die Blogartikel, die sie schreiben, und die Video-Livestreams, die sie auf YouTube posten, dann sagen sie das nie. Sie sagen nur, dass Männer auch Gewalt erfahren und Hilfe und Mitgefühl verdienen.

Beispiel Nummer zwei. Ein Männerrechtler sagt: »Wo bleibt die Gerechtigkeit für den Mann, der fälschlich der Vergewaltigung einer Frau beschuldigt wird und aufgrund dieser Beschuldigung sein Stipendium verliert und mit dem unausweichlichen Urteil ›Vergewaltiger‹ gebrandmarkt wird?« Ich hörte: »Die Vergewaltigung einer Frau ist keine große Sache.« Es ist, als ob ich das Wort »fälschlich« nicht gehört hätte. Ich hörte nur: »er wurde der Vergewaltigung beschuldigt«. Natürlich ist Vergewaltigung »eine große Sache«, und alle Männerrechtler stimmen zu, dass es schrecklich ist, wenn das jemandem zustößt. Schließlich wurde mir klar, dass sie nur auf einen unterbelichteten Aspekt der Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit hinwiesen. Wer spricht für den warmherzigen, ehrenhaften Mann, der sein Stipendium oder seinen Job oder noch schlimmer, seine Kinder verliert, weil ihm etwas vorgeworfen wird, das er absolut nicht getan hat?

Drittes Beispiel. Ein Männerrechtler sagt: »Weibliche Genitalbeschneidung ist in den meisten Ländern der Welt illegal, aber die Beschneidung von männlichen Säuglingen ist Routine und wird praktisch nie in Frage gestellt.« Ich dachte ehrlich, sie würden sagen, dass die Beschneidung von Mädchen auch legal sein sollte. Das ist so weit von dem entfernt, was sie wirklich sagten, warum reagierte ich so? Ich sprang immer zur absolut schlimmstmöglichen Annahme, weil ich dachte: Das ist der Feind.

Cassie Jaye hat mehr als 100 Stunden Interviews gefilmt. Sie hat mehr als 100 Stunden gelauscht, über Monate. Der Film war seinerzeit ihr mit Leidenschaft verfolgter Beruf. Doch nicht nur das, sie hat diese mehr als 100 Stunden nach Abschluss der Dreharbeiten transkribiert, also abgeschrieben. Nichts zwingt einen in vergleichbarer Weise, den tatsächlichen Inhalt gesprochener Worte wahrzunehmen, wie diese Worte zu transkribieren. Man geht alles noch einmal in Zeitlupe durch, so dass einem buchstäblich kein einziges Wort entgeht. Und trotzdem hat es Monate, wenn nicht Jahre gedauert, bis sie es vermochte, die Äußerungen als das zu nehmen, was sie sind. Bis das Kraftfeld an Stärke verlor.

Dazu, dass dies schließlich geschah, mag auch beigetragen haben, dass sich Freunde und Unterstützer von ihr abwandten, als erkennbar wurde, dass der Film nicht das gewünschte Feindbild liefern würde. Die Medien fuhren eine Schmutzkampagne. Schlüsselsatz aus dem Vortrag:

Wenn Sie anfangen, den Feind zu vermenschlichen, dann werden Sie selbst zum Feind.

Das ist ein weiterer Aspekt der oben angesprochenen Unfähigkeit zum Kompromiss und zur Abwägung, die mit der Sakralisierung einhergeht. Der Feind darf nicht ein bisschen recht haben. Das wäre eine Kompromittierung der heiligen Werte, ein Sakrileg, und ist somit undenkbar und inakzeptabel.

Sie schließt mit dem Appell, die Kunst und Notwendigkeit des Zuhörens ernst zu nehmen. Dem kann man nur beipflichten. Zugleich wirkt es ein wenig naiv. Der Vortrag selbst macht erschütternd deutlich, wie schwer und unwahrscheinlich das Zuhören im Zusammenhang tief verinnerlichter ideologischer Orientierungen ist. Noch einmal: Cassie Jaye hatte durch ihre Arbeit einen starken Anreiz, sich mit dem »feindlichen« Material auseinanderzusetzen, und hat sich in einer Ausgiebigkeit und Tiefe damit konfrontiert, die die meisten von uns schon aus Zeitgründen nicht aufbringen könnten, selbst wenn sie es wollten. Trotzdem hat sie mindestens einige Monate gebraucht, um den Elektromagneten herunterzufahren.

Kann man also nur resignieren?

Nein, diesen Schluss würde ich nicht ziehen.

Man muss sich wohl damit abfinden, dass man Menschen nicht überzeugen kann, wenn sie nicht dafür empfänglich sind. Eine Umorientierung kann buchstäblich Jahre dauern, und Impulse von anderen können dazu natürlich einen Beitrag leisten. Aber man kann niemanden dazu zwingen oder nötigen. Manche schaffen es nie. 

Ein wichtiger Faktor ist dabei die soziale Umgebung. Wenn ich mit anderen Gläubigen zusammenlebe, dann wird mein Elektromagnet ständig von außen verstärkt. Ich spüre, dass ich zunächst einmal in die Einsamkeit und ins Chaos fallen würde, wenn ich ihn abschaltete. Es muss schon etwas Schwerwiegendes passieren, um mich zu veranlassen, die Behaglichkeit der Gruppenzugehörigkeit aufzugeben und den Stress der eigenen Exkommunikation auf mich zu nehmen. Das tut man nicht ohne guten Grund, und es gibt viele gute Gründe, es nicht zu tun.

Trotzdem denke ich, dass wir einige Schlüsse aus diesem Wissen ziehen können, um das Miteinander im Hinblick auf unsere Sakralisierungen gedeihlicher zu gestalten. Dabei sollten wir aber nicht von der Fragestellung ausgehen, was wir tun können, um unsere in Kraftfeldern gefangenen Mitmenschen zu befreien. Fruchtbarer ist es, sich mit den eigenen Kraftfeldern zu beschäftigen, denn die kann man eher positiv beeinflussen. 

Dazu kann man unter anderem Folgendes versuchen:

  • Hellhörig werden, wenn man trotz dünner Beweislage sicher zu wissen glaubt, was die wirklich denken.
  • Sich bei einer Äußerung, die man empörend findet, ernsthaft fragen: unter welchen Voraussetzungen könnte ich so denken? Wie kann ich mir diese Äußerung plausibel machen, ohne auf die Annahme zurückzugreifen, der Sprecher sei dumm oder böse? Welches sind die drei stärksten Argumente, die mir für diese Position einfallen? Ja, das ist schwer und tut weh. Das bedeutet, dass es wirkt.
  • Beim Recherchieren nicht nur Belege für das suchen, was man glauben will, sondern auch für das, was man nicht glauben will.
  • Genau diejenigen moralischen Verfehlungen bei sich selbst suchen, die man anderen wütend vorwirft. (Oft eine heiße Spur.)
  • Sich eine Haltung der Unschuldsvermutung aneignen. Bezüglich der Motive und Intentionen anderer nicht zur schlimmstmöglichen Annahme springen.
  • Empirienah und sachbezogen diskutieren. Unterschiedliche heilige Werte werden sich durch eine Diskussion nicht versöhnen lassen, aber die unterschiedlichen empirischen Annahmen der Streitparteien können miteinander und mit der verfügbaren Evidenz konfrontiert werden. Empirische Daten und Fakten bilden eine gemeinsame Diskussionsgrundlage.
  • Damit das möglich ist: Abstand nehmen vom Glauben an die eigene umfassende Informiertheit, was die entscheidenden Fragen angeht. Die Wirklichkeit ist weit und komplex. Wir wissen erbärmlich wenig.
  • Zutiefst skeptisch sein gegenüber Charakterisierungen einer Gruppe durch deren Gegner. Ich meine das Szenario, dass ein Vertreter der Gruppe A, die Gruppe B nicht mag, einem erklärt, worum es in Gruppe B geht. Das führt häufig zu Verkürzungen und Verzerrungen bis hin zu freischwebenden Fantasien und Projektionen, die mit der Realität von Gruppe B nur noch in Spurenelementen etwas zu tun haben. Häufig spielen die Medien die Rolle der Gruppe A. Man kann es ihnen vielleicht noch nicht einmal zum Vorwurf machen. Kraftfeld ist Kraftfeld.
  • Druck und Aggression in der Auseinandersetzung auf das notwendige Minimum reduzieren.
  • Feinde bekämpfen, wenn nötig, aber niemals hassen.
  • Mehr vergeben, weniger urteilen.

Eigentlich hat die freiheitlich-demokratische Grundordnung die Lösung für diese Probleme schon längst gefunden. Im parlamentarischen System gibt es das Gefüge aus Regierung und Opposition, vor Gericht gibt es Staatsanwalt und Verteidiger, in der Wissenschaft gibt es Kritik. 

Es ist nützlich, wenn man ein Argument formuliert, sich gleichzeitig erwartbare Gegenargumente zu überlegen und auf sie im Vorhinein zu antworten. Es ist faul, das nicht zu tun, es hält den Betrieb auf und es ist wohl auch unredlich, wenn man gute Gegenargumente kennt, aber verschweigt.

Doch letztlich ist es als Teilnehmer am Meinungsstreit nicht meine Aufgabe, deine Gegenargumente stark zu machen. Das ist deine Aufgabe. Wir haben soziale Mechanismen, die unsere menschliche Neigung zur Einseitigkeit nicht nur korrigieren, sondern darüber hinaus zu einer Quelle neuer Einsichten und Lösungen machen, denn zwei verschiedene Einseitigkeiten ergeben zusammen ein vollständigeres Bild als jede der zwei Positionen allein es bieten könnte.

Doch damit das funktioniert, ist eine sachbezogene Kommunikation nötig. Die Gefahr ist, dass diese häufig nicht mehr gewünscht ist oder wir die Fähigkeit dazu verlieren. Wenn ich meine Gegner nicht auf der Sachebene kritisiere, sondern mit kompromittierenden Informationen oder Beschuldigungen anschwärze oder auch bei dem Versuch, einen Vortrag zu halten, einfach niederbrülle, dann beschädige ich nicht nur diese Gegner. Ich beschädige soziale Mechanismen der Konfliktregulierung und Wissensproduktion, die für eine aufgeklärte Gesellschaft konstitutiv sind.

Jonathan Haidt erfuhr auf seine Kritik hin viel Zuspruch, da natürlich auch andere die angesprochenen Probleme bemerkt hatten. Er gründete daraufhin die Heterodox Academy, eine Organisation, die sich für Meinungsvielfalt im Wissenschaftsbetrieb einsetzt. Initiativen wie diese können ein Teil der Lösung sein, der über ein individuelles Bemühen um Selbstkritik hinausgeht. Im genannten Buch über Sektenverhalten erwähnt Deikman, dass vor allem Führungspersonen einen erheblichen Einfluss darauf haben, ob es in ihren Organisationen eine Kultur der Kritik gibt oder eher Konformität und Gehorsam belohnt werden. In geringerem Maß hat fast jeder darauf Einfluss.

Der erste Schritt wäre wohl, Einigkeit über die Einsicht (wieder-)herzustellen, dass man so etwas wie eine Kultur der Kritik überhaupt braucht.

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1 Kommentar

  1. Ich habe diese Serien von überaus interessanten und erhellenden Artikeln erst jetzt gefunden und möchte mich ganz herzlich bedanken.

    Und ich kenne das, denn auch ich war sehr lange im feministischen Denken gefangen. Irgendwann aber wurden die Dissonanzen zwischen Glauben und der beobachteten Realität zu groß und ich machte mich auf der Suche nach dem Feind. Und fand eben gerade nicht das Erwartete (rechtsradikale Macho-Arschlöcher), sondern viele kluge, bedächtige und vernünftige Leute. Mir wurde irgendwann auch klar, dass ich – ohne Hinterfragen – 2,5 Jahrzehnte meiner Frau gedient hatte und ihr die maximale Freiheit geboten hatte, während ich in einem zwar sehr gut bezahlten, aber sehr anstrengenden und unangenehmen Vollzeitjob festhing. Aber als ich es dann wagte, meine eigenen Vorstellungen von einem guten Leben zu entwickeln und auch ein wenig umzusetzen, kann es zu starken Spannungen, die darin gipfelten, dass sie mich erst betrog und dann verließ.
    Und dann brach über mich herein, was die bösen Maskulisten immer behauptet hatten ich lange nicht hatte glauben wollen: Die Segnungen der deutschen Trennungs- und Scheidungsindustrie und war nur dem sehr beherzten Eingreifen meiner Kinder zu verdanken, dass ich halbwegs unbeschadet davonkam. Denn sie zwangen ihre Mutter zur Kooperation.

    Inzwischen bin ich zwar Frauen immer noch sehr zugetan, aber ein überzeugter Antifeminist. Eine Überzeugung, die mich viele Freundschaften und Bekanntschaften gekostet hat, denn ich lebe in dem typischen, sich linksliberal und ökologisch fühlenden Milieu der Akademiker einer westdeutschen Großstadt, die in Wirklichkeit alles Mögliche sind, aber ganz gewiss weder liberal noch ökologisch.

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