Heilige Werte und ideologische Blindheit

Es gibt eine Sor­te von Ansich­ten über die Welt, die wir mit Zäh­nen und Klau­en ver­tei­di­gen. Wir stel­len uns blind gegen Infor­ma­tio­nen, die ihnen wider­spre­chen, wer­ten sie reflex­haft ab oder wer­den rich­tig­ge­hend zor­nig auf die, die sie wei­ter­ge­ben. Im Extrem­fall erklä­ren wir Men­schen und Grup­pen zu Fein­den und zie­hen in den Krieg gegen sie, weil ihre Ansich­ten uns in die­ser Wei­se pro­vo­zie­ren.

Die­ser Arti­kel beschäf­tigt sich mit der Psy­cho­lo­gie hin­ter die­sem Phä­no­men. Was dabei geschieht, ist, in aller Kür­ze gesagt, dass Men­schen mora­li­sche Gemein­schaf­ten bil­den und dabei hei­li­ge Wer­te ver­in­ner­li­chen, die sie an ihre Grup­pe bin­den. Die­ser Mecha­nis­mus der Grup­pen­in­te­gra­ti­on durch hei­li­ge Wer­te ist ein Pro­dukt der Evo­lu­ti­on, das unse­rer außer­or­dent­li­chen Fähig­keit zur Koor­di­na­ti­on und Koope­ra­ti­on in Groß­grup­pen und somit unse­rem Erfolg als Spe­zi­es zugrun­de liegt.

Die Kehr­sei­te des­sen ist eine reflex­haf­te Feind­se­lig­keit gegen jeden, der die hei­li­gen Wer­te ver­letzt, sei es ein Ver­tre­ter einer Fremd­grup­pe oder ein Ket­zer in den eige­nen Rei­hen. Sein Han­deln bedroht das, was die Grup­pe im Inners­ten zusam­men­hält, und deren Mit­glie­der sto­ßen ihn ab wie Anti­kör­per einen Krank­heits­er­re­ger. Ver­letzt jemand hei­li­ge Wer­te, stellt sich unwill­kür­lich eine Wahr­neh­mung die­ser Per­son als bös­ar­tig ein.

An ers­tes Anschau­ungs­bei­spiel folgt ein Aus­zug aus dem Buch »Them and US: Cult Thin­king and the Ter­ro­rist Thre­at« von Arthur Deik­man. Der Autor ist Psych­ia­ter und hat sich über Jah­re mit der Sozi­al­psy­cho­lo­gie von Sek­ten beschäf­tigt. Der Witz an sei­nem Buch ist, dass es die Grund­be­stand­tei­le von Sek­ten­ver­hal­ten und ‑den­ken auch an ver­schie­dens­ten Aspek­ten des nor­ma­len All­tags­le­bens auf­zeigt; natür­lich meist in abge­schwäch­ter Form im Ver­gleich zu dem, was in tat­säch­li­chen Sek­ten vor­geht.

Sek­ten­ver­hal­ten ist dem­nach ein extre­mer Aus­druck von Aspek­ten mensch­li­cher Psy­cho­lo­gie, die bei uns allen in weni­ger extre­mer Form wirk­sam sind. Hier geht es mir vor allem um ein Zitat, das von einer eige­nen Erfah­rung Deik­mans mit Sek­ten­den­ken han­delt. Sei­ne Theo­rie wer­de ich ein ande­res Mal näher vor­stel­len.

Das Zitat berich­tet von einem Über­gang von der Innen­sei­te einer sek­ten­ar­ti­gen Grup­pe auf die Außen­sei­te. Es ist das, was man in gewis­sen Inter­net-Sub­kul­tu­ren als Red-Pill-Erfah­rung bezeich­net; der ernüch­tern­de und gleich­zei­tig befrei­en­de Aus­bruch aus einem Gebor­gen­heit und Ord­nung stif­ten­den Glau­bens­sys­tem.

Man kann dafür vie­le Bei­spie­le brin­gen (wei­ter unten fol­gen noch wel­che), aber ich fin­de die­ses beson­ders hilf­reich, weil es aus einem ganz ande­ren kul­tu­rel­len Kon­text stammt. Wenn man über das mora­lisch beding­te Abwehr­ver­hal­ten schrei­ben will, das hier The­ma ist, ergibt sich ein bestimm­tes Pro­blem. Sobald man Bei­spie­le bringt, ist damit zu rech­nen, dass man beim Leser genau das Abwehr­ver­hal­ten her­vor­ruft, das man eigent­lich nicht her­vor­ru­fen, son­dern distan­ziert beob­ach­ten und beschrei­ben will. Wün­schens­wert wäre daher theo­re­tisch ein Bei­spiel, das mög­lichst jeder nüch­tern und distan­ziert betrach­ten kann. Aber wenn das alle kön­nen, ist es kein Bei­spiel für das unter­such­te Phä­no­men mehr, weil dann die frag­li­chen Abwehr­re­ak­tio­nen bei die­sem The­ma gar nicht auf­tre­ten.

Ein Bei­spiel aus einem ent­fern­ten kul­tu­rel­len Kon­text, der wie­der­um aber noch nahe genug ist, um ihn zu ver­ste­hen, löst die­ses Pro­blem. Hier ist auf­grund der kul­tu­rel­len Distanz die Merk­wür­dig­keit des Ver­hal­tens der Gläu­bi­gen recht klar zu erken­nen und die Wahr­schein­lich­keit gering, dass jemand Anstoß nimmt. Die Erzäh­lung spielt in den USA zur Zeit der 1980er Jah­re, wo ein Atom­krieg gegen die Sowjet­uni­on als rea­le Mög­lich­keit erschien und dies ent­spre­chen­de Ängs­te erzeug­te. Die sek­ten­ar­ti­ge Grup­pe, um die es geht, ist die Frie­dens­be­we­gung bzw. ein Teil davon. Film ab.

Eine der wich­tigs­ten Metho­den, mit denen Grup­pen ihre Macht ent­fal­ten, ist die Dro­hung mit Tadel und Aus­schluss durch Klas­si­fi­zie­rung des Abweich­lers als schlecht. Ich erfuhr dies am eige­nen Leib, als ich in der Anti-Kern­kraft-Bewe­gung aktiv war. (Zu die­ser Zeit hät­te ich nicht geglaubt, dass Links­li­be­ra­le wie ich anfäl­lig für Sek­ten­ver­hal­ten wären, wäh­rend ich mir aber sicher war, dass die Rech­ten es waren.) Es lohnt sich, die Geschich­te zu erzäh­len, weil sie viel­leicht Berüh­rungs­punk­te mit den eige­nen Vor­ur­tei­len des Lesers hat und eine Erfah­rung der Dyna­mik ver­mit­teln mag, die ich hier bespre­che.

Ja, wit­zi­ger­wei­se hal­te ich die Geschich­te aus gegen­tei­li­gem Grund für hilf­reich. Aber das macht nichts.

In den 1980ern, als Russ­land der Fokus unse­rer Ängs­te war, stell­te die Mög­lich­keit eines Atom­kriegs – ob ver­se­hent­lich aus­ge­löst oder nicht –, eine sehr rea­le Gefahr dar, und man­che hat­ten das Gefühl, dass ein sol­cher Hor­ror unmit­tel­bar bevor­stand. Ich reagier­te dar­auf, indem ich aktiv wur­de und ver­such­te, über die enor­men Gefah­ren auf­zu­klä­ren sowie über die Mög­lich­kei­ten, ihnen zu begeg­nen. (Dies war kei­ne neue Rol­le für mich; Ich war in den 1960ern gegen über­ir­di­sche Atom­waf­fen­tests aktiv gewe­sen. Jetzt war die Bedro­hung noch grö­ßer und die Angst vor der Kata­stro­phe noch über­wäl­ti­gen­der.) Ich stell­te ande­ren Akti­vis­ten gegen­über die Fra­ge, was Men­schen tun konn­ten, um im Fall eines Atom­kriegs ihre Über­le­bens­chan­cen zu ver­bes­sern. Die Ant­wort war, dass man nichts tun konn­te; Bun­ker gal­ten als nutz­los und die Ver­hin­de­rung eines Atom­kriegs als ein­zi­ge Mög­lich­keit. Spre­cher der Ärz­te für sozia­le Ver­ant­wor­tung erklär­ten, dass jeder, der sich in der Pla­nung der zivi­len Ver­tei­di­gung enga­gier­te, unmo­ra­lisch war und »eine höchst unethi­sche Tat« beging.

Die­se Pau­schal­ur­tei­le über­zeug­ten mich nicht. Ich begann, außer­halb der Lite­ra­tur der Frie­dens­be­we­gung zu recher­chie­ren, wo ich auf ande­re Sicht­wei­sen und Fak­ten stieß. Schließ­lich gelang­te ich zu der Auf­fas­sung, dass regio­na­le Lebens­mit­tel­vor­rä­te Mil­lio­nen Leben ret­ten konn­ten, wenn es zum Krieg käme, und dass die Ein­rich­tung sol­cher Vor­rä­te nicht das Wett­rüs­ten beschleu­ni­gen oder den Men­schen ein fal­sches Sicher­heits­ge­fühl ver­mit­teln wür­de, son­dern eine logi­sche und ange­mes­se­ne Reak­ti­on auf eine sehr rea­le Gefahr dar­stell­te. Außer­dem glaub­te ich, dass die Men­schen auch die weni­ger alar­mie­ren­den Fak­ten zu Strah­lung erfah­ren soll­ten, und eben­so, wel­chen Schutz ein Bun­ker bie­ten konn­te und wel­chen nicht.

Als ich die­se Gedan­ken mei­nen Freun­den in der Frie­dens­be­we­gung gegen­über äußer­te, zuck­ten sie leicht zurück und ver­eng­ten die Augen, und ich sah förm­lich, wie sie inner­lich mei­nen Namen aus der Schub­la­de »die Guten« nah­men und unter »die Bösen« ableg­ten. (Viel­leicht hat­ten Sie, der Leser, eine ähn­li­che Reak­ti­on.)

Ich bewarb einen Vor­trag über Schutz­maß­nah­men gegen Strah­lungs­ge­fah­ren, ein­schließ­lich nuklea­rer Explo­sio­nen. Fast nie­mand kam, außer ein paar Demons­tran­ten aus der Frie­dens­be­we­gung. Zusam­men mit dem Radio­lo­gen, der den Vor­trag hielt, war ich spä­ter zu einer Radio-Talk­show ein­ge­la­den. Offen­sicht­lich hat­te der Gast­ge­ber gro­ße Schwie­rig­kei­ten, es mit­ein­an­der zu ver­ein­ba­ren, dass ich für Lebens­mit­tel­vor­rä­te war, also eine Maß­nah­me der zivi­len Ver­tei­di­gung befür­wor­te­te, aber gleich­zei­tig die Ent­wick­lung neu­er Atom­waf­fen ablehn­te und ein ent­spre­chen­des Abkom­men mit der Sowjet­uni­on befür­wor­te­te. Wie ande­re vor ihm hat­te er ange­nom­men, dass ich ein Kriegs­trei­ber [»Hawk«] sein muss­te. Eine sek­ten­ar­ti­ge Nei­gung zu einem Schwarz-Weiß-Bild der Welt war all­zu offen­sicht­lich.

Die­ser öffent­li­che Auf­tritt und ein Inter­view in einer Lokal­zei­tung erzeug­ten eine Reak­ti­on, deren Art und Vehe­menz mich über­rasch­ten. Ich wur­de hef­tig ange­grif­fen. Nie­mand aus der Frie­dens­be­we­gung frag­te mich, wie sich mei­ne Über­zeu­gun­gen begrün­de­ten. Sie waren nicht im Gerings­ten neu­gie­rig; sie hat­ten ein­fach ent­schie­den, dass ich ein Hard­li­ner gewor­den war, ein unmo­ra­li­scher Sur­vi­va­list. Die Argu­men­te, die sie gegen mei­ne Sicht­wei­se vor­brach­ten, erschie­nen sim­plis­tisch und unlo­gisch, ganz wie die Rezi­ta­tio­nen von Dog­men, die ich aus mei­ner For­schung zu reli­giö­sen Sek­ten kann­te.

Wäh­rend ich bei ande­ren Sek­ten­pro­zes­se am Werk sah, wur­de mir auch bewusst, wie sie mich selbst beein­fluss­ten. Ich erwähn­te flüch­ti­gen Bekannt­schaf­ten und sogar eini­gen Freun­den gegen­über mei­ne Ansich­ten nicht mehr, weil ich befürch­te­te, aus­ge­sto­ßen zu wer­den. So lehr­reich die Erfah­rung auch war, so unan­ge­nehm gestal­te­te es sich, in der eige­nen Grup­pe als Schur­ke zu gel­ten. Als ich bei einer öffent­li­chen Anhö­rung aus­sag­te, wur­de ich von einer Grup­pe aus der Frie­dens­be­we­gung mit der­sel­ben Rhe­to­rik ange­grif­fen, die ich selbst frü­her als Mit­glied der­sel­ben Grup­pe benutzt hat­te. Es war beängs­ti­gend, plötz­lich auf der ande­ren Sei­te zu ste­hen, das Objekt der ste­chend feind­se­li­gen Bli­cke und der lei­den­schaft­li­chen Appel­le an die Mensch­lich­keit zu sein. Reu­ig sah ich ein, dass ich frü­her ähn­lich selbst­ge­fäl­lig die emo­tio­na­le Befrie­di­gung genos­sen hat­te, die aus dem Gefühl ent­springt, im Sinn eines guten Zwecks recht­schaf­fen zu han­deln. Ich hät­te nie erfah­ren, dass ich zu einem gewis­sen Grad ein Sek­ten­mit­glied war, hät­te ich nicht begon­nen, das Dog­ma mei­ner Grup­pe anzu­zwei­feln.

Die Pas­sa­ge ent­hält eini­ge wich­ti­ge Beob­ach­tun­gen, die in der Pra­xis erken­nen las­sen, dass sol­che Vor­gän­ge am Werk sind:

  • die Abwe­sen­heit jeden Inter­es­ses dar­an, wie sich abwei­chen­de Stand­punk­te begrün­den
  • die sim­plis­ti­sche, in Tei­len unlo­gisch erschei­nen­de, dog­ma­ti­sche Rezi­ta­ti­on ste­reo­ty­per Über­zeu­gun­gen, die in der Grup­pe jeder teilt
  • die Schwarz-Weiß-Struk­tu­rie­rung der The­ma­tik: Wenn du x glaubst, bist du einer von denen und glaubst auch y und z

Als Erklä­rung für die­ses Phä­no­men favo­ri­sie­re ich die Arbeit des Sozi­al­psy­cho­lo­gen Jona­than Haidt. In sei­nem Best­sel­ler »The Righ­te­ous Mind: Why Good Peop­le are Divi­ded over Poli­tics and Reli­gi­on« von 2012 beschreibt er umfas­send die psy­cho­lo­gi­schen Grund­la­gen der Moral, wozu wesent­lich deren Funk­ti­on als Grup­pen­bin­de­mit­tel gehört. Und wäh­rend die Moral bin­det, blen­det sie auch.

Ich zitie­re im Fol­gen­den erst ein­mal aus einem Vor­trag mit dem Titel »The Bright Future of Post-Par­ti­san Soci­al Psy­cho­lo­gy«, den Haidt 2011 vor Fach­kol­le­gen gehal­ten hat. Dar­in stellt er mutig die The­se auf, dass die Sozi­al­psy­cho­lo­gie zu einer »tri­bal moral com­mu­ni­ty«, einer mora­li­schen Stam­mes­ge­mein­schaft gewor­den ist, in der hei­li­ge Wer­te das Den­ken ver­zer­ren und blin­de Fle­cken erzeu­gen. Immer­hin: Die Fach­ver­tre­ter haben die­se Kri­tik mit freund­li­chem Inter­es­se auf­ge­nom­men – im Gegen­satz zu Blog­gern, wie Haidt spä­ter sag­te.

Moral bindet und blendet

Haidt beginnt mit einer evo­lu­ti­ons­bio­lo­gi­schen Über­le­gung. Men­schen sind »ultraso­zi­al«, stellt er fest. Sie bil­den gro­ße, koope­ra­ti­ve Grup­pen mit fort­ge­schrit­te­ner Arbeits­tei­lung und einer Bereit­schaft der Indi­vi­du­en, für die Grup­pe zu opfern. So etwas ist in der Natur eher die Aus­nah­me als die Regel. Es gibt nur weni­ge ande­re Spe­zi­es, die in die­sem Sinn ultraso­zi­al sind, etwa Bie­nen, Wes­pen, Amei­sen und Nackt­mul­le.

Jona­than Haidt

Das evo­lu­ti­ons­bio­lo­gi­sche Pro­blem dabei ist das Opfern für die Grup­pe. Wie kann die Selek­ti­on eine Bereit­schaft her­vor­brin­gen, für die Grup­pe zu opfern, wenn doch zunächst ein­mal jeder, der das tut, sich einen unmit­tel­ba­ren Nach­teil ein­han­delt gegen­über dem, der nicht opfert? Bei den ande­ren ultraso­zia­len Spe­zi­es ist die­ses Pro­blem dadurch gelöst, dass die Indi­vi­du­en eines Vol­kes alle ver­wandt sind. Ihr Erb­gut über­lebt, wenn die Köni­gin über­lebt. Ver­wand­te zu begüns­ti­gen ist etwas ande­res, weil die einen Teil des eige­nen Erb­guts tra­gen. Wie aber funk­tio­niert das mit Nicht­ver­wand­ten? Wie kann aus dem Evo­lu­ti­ons­pro­zess eine Bereit­schaft her­vor­ge­hen, für ande­re etwas zu opfern, viel­leicht sogar das eige­ne Leben, wie Men­schen es ja tat­säch­lich tun?

Haidt zufol­ge stellt bei uns die Moral den Mecha­nis­mus zur Ver­fü­gung, der bei Bie­nen, Wes­pen und Amei­sen in ihrer bio­lo­gi­schen Ver­wandt­schaft besteht.

Unser Trick ist, ein Team zu bil­den, indem wir hei­li­ge Objek­te und Prin­zi­pi­en umkrei­sen.

Wir ver­in­ner­li­chen hei­li­ge Wer­te, die uns als Grup­pe zusam­men­bin­den und unser Ver­hal­ten syn­chro­ni­sie­ren. Ihnen ord­net sich das Indi­vi­du­um unter. Dar­auf beruht die stark aus­ge­präg­te Koope­ra­ti­ons­fä­hig­keit der Men­schen, auf ihr wie­der­um die Arbeits­tei­lung und die unge­heu­re Effek­ti­vi­tät, die die­se schließ­lich ent­fal­tet hat.

Als Lösung für das Selek­ti­ons­pro­blem schlägt Haidt Grup­pen­se­lek­ti­on vor. Wenn Indi­vi­du­en sich der Grup­pe unter­ord­nen und für sie opfern, ist die Grup­pe als Gan­ze effek­ti­ver. Inso­fern ver­schafft ihr die grö­ße­re Opfer­be­reit­schaft der Ein­zel­nen einen Vor­teil gegen­über ande­ren Grup­pen mit gerin­ge­rer Opfer­be­reit­schaft der Ein­zel­nen. Von die­sem Vor­teil auf Grup­pen­ebe­ne pro­fi­tie­ren unterm Strich auch die ein­zel­nen Mit­glie­der, so dass dies die Ver­lus­te durch die Opfer­be­reit­schaft auf­wiegt.

So weit geht Haidt im Vor­trag nicht ins Detail; die Dis­kus­si­on der Grup­pen­se­lek­ti­on fin­det sich nur im Buch. Die Grup­pen­se­lek­ti­on ist unter Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gen umstrit­ten, wes­halb Haidt rela­tiv viel Platz sei­ner Ver­tei­di­gung wid­met. Das wie­der­zu­ge­ben wür­de hier zu weit füh­ren. Doch die wesent­li­che Beob­ach­tung, die Grup­pen­bin­dung durch gemein­sa­me Wer­te und Moral sowie die Macht, die dies den Men­schen ver­leiht, schei­nen mir evi­dent, unab­hän­gig von ihrem evo­lu­tio­nä­ren Ursprung.

Was sind nun »hei­li­ge Wer­te«? Haidt über­nimmt eine Defi­ni­ti­on, der zufol­ge Hei­lig­keit ein Wert ist, »dem eine mora­li­sche Gemein­schaft impli­zit oder expli­zit eine unbe­grenz­te oder tran­szen­den­te Bedeu­tung zuschreibt« (Tet­lock et al 2000).

Unbe­grenz­te oder tran­szen­den­te Bedeu­tung heißt in der Pra­xis vor allem, dass im Umkreis hei­li­ger Wer­te kei­ne Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung und kei­ne Abwä­gung von Vor- und Nach­tei­len (oder eben Argu­men­ten) mög­lich ist. Der Ver­rat an Jesus Chris­tus wäre nicht weni­ger Ver­rat, wenn Judas 300 statt 30 Sil­ber­ta­ler dafür bekom­men hät­te. Die­ser Beob­ach­tung, dass kei­ne Kos­ten-Nut­zen-Abwä­gung und kei­ne Kom­pro­mis­se mög­lich sind, ent­spricht das Feh­len von Neu­gier für die Moti­ve der­je­ni­gen, die hei­li­ge Wer­te ver­let­zen. Ihr Tun ist unter kei­nen Umstän­den akzep­ta­bel. Daher spielt es kei­ne Rol­le, was die Umstän­de sind.

Wenn unse­re hei­li­gen Wer­te bedroht wer­den, ver­wan­deln wir uns in »intui­ti­ve Theo­lo­gen«, so Haidt: Wir nut­zen unse­ren Ver­stand, nicht um die Wahr­heit zu ermit­teln, son­dern um zu ver­tei­di­gen, was uns hei­lig ist. Wie hieß es bei Deik­man?

Die Argu­men­te, die sie gegen mei­ne Sicht­wei­se vor­brach­ten, erschie­nen sim­plis­tisch und unlo­gisch, ganz wie die Rezi­ta­tio­nen von Dog­men, die ich aus mei­ner For­schung zu reli­giö­sen Sek­ten kann­te.

Wenn wir etwas Sakra­li­sie­ren, also zum hei­li­gen Wert machen, bil­det sich das, was Haidt eine »ver­ti­ka­le Dimen­si­on« nennt. Ich wür­de es eine Pola­ri­sie­rung nen­nen, eine Pola­ri­sie­rung des Welt­bil­des. Es geht dabei um eine Art Ach­se mit einem Gut-Pol oben und einem Böse- oder Schlecht-Pol unten. Im Chris­ten­tum ent­spricht dem natür­lich Him­mel und Höl­le, in der Pra­xis die Pola­ri­tät von Tugend und Sün­de. Auch wenn man Athe­ist ist und der­art reli­gi­ös gela­de­ne Begrif­fe mei­det, kommt man nicht umhin, sich ähn­li­cher Pola­ri­sie­run­gen und Hier­ar­chi­en zu bedie­nen, um die Wirk­lich­keit an einem Wer­te­sche­ma zu mes­sen. Die­se ver­ti­ka­len Ach­sen fin­den sich über­all in der Spra­che, bei­spiels­wei­se in »höhe­ren« Zie­len und »nie­de­ren« Moti­ven.

Doch die Welt ist kom­plex und hat vie­le Grau­stu­fen. Sie auf eine Gut-Böse-Pola­ri­tät zu redu­zie­ren, auch wenn das nur bestimm­te Pra­xis­be­rei­che betrifft, bedeu­tet eine Ver­zer­rung und Ver­ein­fa­chung der Wahr­neh­mung und des Den­kens. Blin­de Fle­cken ent­ste­hen. Hier­für ver­wen­det Haidt die Meta­pher eines Kraft­felds, die ich für nütz­lich hal­te. Aus dem Vor­trag:

Sakra­li­sie­rung ver­zerrt das Den­ken. Die­se Ver­zer­run­gen sind für Außen­ste­hen­de offen­sicht­lich, aber für die­je­ni­gen inner­halb des Kraft­felds unsicht­bar. Und ich mei­ne wirk­lich Kraft­feld. Hei­li­ge Wer­te wir­ken wie ein star­ker Elek­tro­ma­gnet, der mora­li­sche Feld­li­ni­en erzeugt. Jeder und alles muss sei­nen Platz an die­sen Lini­en ent­lang fin­den.

Folie aus Haidts Vor­trag

Inner­halb eines mora­li­schen Kraft­felds ist Abweich­ler­tum zutiefst ver­stö­rend. Aposta­ten und Ket­zer müs­sen ver­bannt oder exe­ku­tiert wer­den. Aber mora­li­sche Kraft­fel­der fin­det man nicht nur in reli­giö­sen Gemein­schaf­ten. Sie kön­nen auch im Wis­sen­schafts­be­trieb wirk­sam sein. Sehen wir uns die sehr lin­ken Sozi­al­wis­sen­schaf­ten an, Anthro­po­lo­gie, Sozio­lo­gie und Psy­cho­lo­gie. Die­se Gebie­te waren immer ten­den­zi­ell links, aber in den 1960ern änder­te sich etwas. Die Bür­ger­rechts­be­we­gung und die Bru­ta­li­tät, die fried­li­che Demons­tran­ten erlit­ten, der Viet­nam­krieg, die Atten­ta­te auf schwar­ze Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten – die ras­sen­be­zo­ge­ne Unge­rech­tig­keit war über­wäl­ti­gend, höchst sicht­bar und für vie­le Men­schen empö­rend. Die Genera­ti­on, die in den 1960ern und 70ern erwach­sen wur­de, ist stark von die­sen Erfah­run­gen geprägt. Eine ver­ti­ka­le Dimen­si­on bil­de­te sich, wie ich glau­be, an der Ach­se Rasse/Rassismus ent­lang. Mar­tin Luther King wur­de als Mär­ty­rer sakra­li­siert und der Kampf um die Bür­ger­rech­te, der Kampf gegen den Ras­sis­mus wur­de der hei­li­ge Zweck, der die Lin­ke über die gan­zen Ver­ei­nig­ten Staa­ten hin­weg und in den Uni­ver­si­tä­ten ein­te. Ras­sis­ten und Unter­drü­cker waren unten, Opfer von Ras­sis­mus und Geg­ner der Unter­drü­ckung oben.

Sozi­al­wis­sen­schaft­li­che For­schung ist häu­fig rele­vant für poli­ti­sche Fra­gen. Daher ver­fin­gen sich vie­le sol­che Fra­gen in den mora­li­schen Feld­li­ni­en. Sehen Sie sich an, was pas­siert ist, als Pat Moy­ni­han, ein lin­ker Sozio­lo­ge und Poli­tik­ex­per­te, einen Bericht für Prä­si­dent John­sons Kampf gegen die Armut ver­fass­te, der den Titel trug: »The Negro Fami­ly: A Case for Natio­nal Action«. Moy­ni­han setz­te sich nach­drück­lich dafür ein, dass die Regie­rung han­del­te, um den Afro­ame­ri­ka­nern zu hel­fen. Aber sein Bericht ent­hielt ein Kapi­tel namens »Die Ver­stri­ckun­gen der Patho­lo­gie« [»The tang­le of patho­lo­gy«], was sein Aus­druck für die ver­bun­de­nen Pro­ble­me der unver­hei­ra­te­ten Mut­ter­schaft und Sozi­al­staats­ab­hän­gig­keit war.

Moy­ni­han benutz­te den Aus­druck »Kul­tur der Armut«. Obwohl klar war, dass die letzt­end­li­che Ursa­che die­ser Patho­lo­gie Ras­sis­mus war, beging er damit doch die Tod­sün­de. Er kri­ti­sier­te die afro­ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur, was bedeu­tet, dass er in gewis­ser Wei­se das Opfer beschul­dig­te [»bla­med the vic­tim«]. Der mora­li­sche Elek­tro­ma­gnet sprang an, Kos­ten-Nut­zen-Erwä­gun­gen waren ver­bo­ten, Opfer muss­ten unschul­dig sein. So sank Moy­ni­han nach unten und wur­de von vie­len sei­ner Kol­le­gen in Har­vard als »Ras­sist« gemie­den. Die kri­ti­sier­ten Poli­tik­kon­zep­te dem­ge­gen­über stie­gen auf. [Auf der Folie zu lesen: »Affir­ma­ti­ve Action, wel­fa­re, pro-choice«.] Sie wur­den zu Glau­bens­sät­zen. Wenn Ihre For­schung einen Schat­ten des Zwei­fels auf ihre Wirk­sam­keit oder Ethik wirft, ver­let­zen Sie das mora­li­sche Magnet­feld. Sie sind ein Ver­rä­ter Ihres Teams.

Moral bin­det und blen­det. So wur­de eine ergeb­nis­of­fe­ne Unter­su­chung der Pro­ble­me schwar­zer Fami­li­en für Jahr­zehn­te gemie­den, genau die­je­ni­gen Jahr­zehn­te, in denen sie am nötigs­ten gewe­sen wäre. Erst in den letz­ten paar Jah­ren haben Sozio­lo­gen anzu­er­ken­nen begon­nen, dass Moy­ni­han die gan­ze Zeit Recht gehabt hat­te. Sakra­li­sie­rung ver­zerrt das Den­ken. Hei­li­ge Wer­te bin­den Teams zusam­men und machen sie blind für die Wahr­heit.

Hier kommt Haidt zu sei­ner The­se, dass die Dis­zi­plin der Sozi­al­psy­cho­lo­gie zu einer mora­li­schen Stam­mes­ge­mein­schaft gewor­den ist. Er macht das an drei Befun­den fest:

  1. am Vor­han­den­sein von Tabus und Gefah­ren­zo­nen,
  2. an einem Man­gel an ideo­lo­gi­scher Diver­si­tät, der unmög­lich Zufall sein kann (fast alle sind links), und
  3. dem Vor­han­den­sein von Kon­ser­va­ti­ven, die Angst haben, ihre Ansich­ten zu äußern.

Uns inter­es­sie­ren hier die ers­ten, die Tabus und Gefah­ren­zo­nen, die der mora­li­sche Elek­tro­ma­gnet schützt. Nor­ma­ler­wei­se, so Haidt, sind Sozi­al­psy­cho­lo­gen sehr gut dar­in, Erklä­run­gen kri­tisch zu prü­fen, die ande­re für bestimm­te Phä­no­me­ne anbie­ten. Sie for­mu­lie­ren alter­na­ti­ve Erklä­run­gen und dazu Bedin­gun­gen, anhand deren die­se Erklä­run­gen geprüft wer­den könn­ten. Das ist ihr Beruf. Doch wenn sakra­li­sier­te The­men berührt sind, setzt die­ser Pro­zess der Prü­fung und Kri­tik aus.

Die­se The­men akti­vie­ren das Kraft­feld, begren­zen unser Den­ken und berau­ben uns der Fähig­keit, die vol­le Span­ne alter­na­ti­ver Hypo­the­sen zu über­den­ken. Es ist zu gefähr­lich für mich, hier Bei­spie­le durch­zu­ge­hen. Ich ver­wei­se nur auf die berühm­ten Über­le­gun­gen von Lar­ry Sum­mers [ehe­ma­li­ger Prä­si­dent der Har­vard-Uni­ver­si­tät] über die Über­re­prä­sen­ta­ti­on von Män­nern in den mathe­ma­ti­schen und natur­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tä­ten der füh­ren­den Uni­ver­si­tä­ten.

Als eine sei­ner drei Hypo­the­sen stell­te er her­aus, dass es einen Geschlech­ter­un­ter­schied in der Stan­dard­ab­wei­chung bei den IQ-Punk­ten von Män­nern und Frau­en gibt. Er sag­te nicht, dass Män­ner intel­li­gen­ter sei­en. Er sag­te nicht, dass Män­ner einen höhe­ren IQ hät­ten. Er ver­wies nur auf die bekann­te Tat­sa­che, dass die Varia­ti­on bei den IQ-Punk­ten der Män­ner grö­ßer ist, was bedeu­tet, dass es mehr Män­ner am unte­ren und am obe­ren Ende der Ver­tei­lung gibt. Könn­te das zur Unter­re­prä­sen­ta­ti­on von Frau­en auf den höchs­ten Ebe­nen der Natur­wis­sen­schaf­ten bei­tra­gen?

Wenn Sie außer­halb des Magnet­felds ste­hen, ist das eine gute Hypo­the­se, die sicher­lich eine nähe­re Unter­su­chung wert ist. Doch inner­halb des Magnet­felds ist es kei­ne erlaub­te Hypo­the­se. Es ist ein Sakri­leg. Es ist eine Beschul­di­gung der Opfer anstel­le der Mäch­ti­gen. Die anschlie­ßen­de Empö­rung führ­te letzt­lich zum Rück­tritt Sum­mers‹ als Prä­si­dent von Har­vard. Wir Psy­cho­lo­gen hät­ten uns über die Empö­rung empö­ren sol­len. Wir hät­ten sein Recht ver­tei­di­gen sol­len, frei zu den­ken.

Es ist viel­leicht nütz­lich, auf einen wei­te­ren Aspekt der mut­maß­li­chen Ent­ste­hung die­ser mensch­li­chen Ten­denz zur Sakra­li­sie­rung hin­zu­wei­sen, um die­se in einen grö­ße­ren Kon­text ein­zu­ord­nen. Haidts Moral­psy­cho­lo­gie beschreibt sechs Dimen­sio­nen mensch­li­chen Moral­emp­fin­dens. Dar­auf gehe ich an ande­rer Stel­le noch ein. Hier geht es um die Dimen­si­on Hei­lig­keit vs. Ver­fall.

Haidt zufol­ge ist das Emp­fin­den von Hei­lig­keit ver­sus Ver­fall ursprüng­lich als Abwehr­re­ak­ti­on gegen Infek­ti­on und Krank­hei­ten ent­stan­den. Der unmit­tel­bars­te Beleg dafür ist die häu­fi­ge Asso­zia­ti­on von Hei­lig­keit mit Rein­lich­keit in vie­len Kul­tu­ren. Unser Umgang mit Lei­chen hat zusam­men­hän­gen­de hygie­ni­sche und spi­ri­tu­el­le Funk­tio­nen. Glei­ches gilt für vie­le Regeln im Umgang mit den Kör­per­funk­tio­nen. Sie sind von Bedeu­tung für die Hygie­ne, aber auch für die Wür­de des Indi­vi­du­ums. Man könn­te auch sagen, für die Hei­lig­keit des Indi­vi­du­ums. Die Kör­per­pfle­ge auf­zu­ge­ben ent­sprä­che einer spi­ri­tu­el­len Ernied­ri­gung. Dass man vor dem Betre­ten des Tem­pels die Schu­he aus­zieht, hat eine prak­ti­sche hygie­ni­sche Funk­ti­on; dass die Füße beim Sit­zen nicht in Rich­tung der Bud­dha-Sta­tue zei­gen dür­fen, eine spi­ri­tu­el­le, die aber in der­sel­ben Annah­me wur­zelt, dass die Füße schmut­zig sind. (Übri­gens wie­der eine ver­ti­ka­le Ach­se, näm­lich zwi­schen Kopf/Geist und Füßen.) 

Auf der ande­ren Sei­te ist die Ver­let­zung von Hei­lig­kei­ten oft mit Ekel­ge­füh­len asso­zi­iert, die sonst haupt­säch­lich zur Abwehr von unhy­gie­ni­schen Sub­stan­zen oder Kör­pern die­nen. In extre­mis­ti­scher poli­ti­scher Rhe­to­rik taucht die­se Asso­zia­ti­on wie­der auf, wenn Fein­de als Krank­hei­ten oder Unge­zie­fer cha­rak­te­ri­siert wer­den. Zu den regel­mä­ßi­gen psy­cho­lo­gi­schen Unter­schie­den zwi­schen Kon­ser­va­ti­ven und Lin­ken gehört, dass bei Kon­ser­va­ti­ven die Ekel­emp­find­lich­keit grö­ßer ist. Hei­lig­keit ist somit zumin­dest teil­wei­se ein Abkömm­ling des beha­vio­ra­len Immun­sys­tems, das uns mit Abwehr­re­fle­xen gegen Frem­des und poten­ti­ell Ver­schmut­zen­des, Zer­set­zen­des aus­stat­tet. Sol­che Refle­xe wie­der­um spie­len eine wesent­li­che Rol­le im poli­ti­schen Auto­ri­ta­ris­mus, der ein Impuls ist, durch eine kol­lek­ti­ve Kraft­an­stren­gung unter einem geeig­ne­ten Anfüh­rer die Eigen­grup­pe um Ele­men­te zu berei­ni­gen, die man als kor­rum­pie­rend emp­fin­det. Es ent­behrt nicht einer gewis­sen Iro­nie, wie inbrüns­tig sich immer wie­der aus­ge­rech­net die uni­ver­sa­lis­ti­schen und tole­ran­ten Lin­ken sol­chen Impul­sen hin­ge­ben. Die Rech­ten sind die Aus­län­der der Lin­ken.

Was die wirklich denken: Ein moralisches Kraftfeld in Aktion

Man könn­te sich ein psy­cho­lo­gi­sches Expe­ri­ment vor­stel­len: Wir neh­men uns eine Ver­suchs­per­son, die seit Jah­ren in einem Glau­bens­sys­tem lebt, das sie nicht mehr hin­ter­fragt. Die­ser Per­son geben wir einen star­ken Anreiz, sich inten­siv über vie­le Stun­den mit den nie­der­ge­schrie­be­nen Aus­sa­gen von Ver­tre­tern einer Grup­pe zu beschäf­ti­gen, die in die­sem Glau­bens­sys­tem als ulti­ma­ti­ver bös­ar­ti­ger Feind gilt. Der Anreiz, dies zu tun, ist so stark, dass die Ent­schei­dung gegen die Beschäf­ti­gung mit dem Mate­ri­al für die Ver­suchs­per­son mit erheb­li­chen per­sön­li­chen Kos­ten ver­bun­den wäre. Die nie­der­ge­schrie­be­nen Aus­sa­gen der Feind­grup­pe kon­stru­ie­ren wir für das Expe­ri­ment so, dass kei­ne der bös­ar­ti­gen Hal­tun­gen dar­in vor­kommt, die das Glau­bens­sys­tem der Ver­suchs­per­son die­ser Grup­pe zuschreibt.

Was wür­de pas­sie­ren? Ver­wei­gert die Ver­suchs­per­son die Teil­nah­me und nimmt die ihr dadurch ent­ste­hen­den Ver­lus­te hin? Wenn nicht, wie lan­ge dau­ert es, bis sie ihre Erwar­tun­gen mit dem tat­säch­li­chen Mate­ri­al in Ein­klang gebracht hat, und auf wel­che Wei­se tut sie das?

Kein For­schungs­in­sti­tut, aber das Leben hat die­ses Expe­ri­ment durch­ge­führt. Die Ver­suchs­per­son ist die US-ame­ri­ka­ni­sche Fil­me­ma­che­rin Cas­sie Jaye. Sie hat im Jahr 2016 den Doku­men­tar­film »The Red Pill« ver­öf­fent­licht, der die Män­ner­rechts­be­we­gung vor allem in den USA und Kana­da por­trä­tiert. Den Film gibt es inzwi­schen auch mit deut­schen Unter­ti­teln z.B. bei Ama­zon. (Offen­le­gung: Die Unter­ti­tel sind von mir, aber ich ver­die­ne nichts mehr dar­an.)

Cas­sie Jaye

Eine Wei­le nach der Ver­öf­fent­li­chung des Films hielt sie einen Vor­trag über die inne­re Ent­wick­lung, die sie wäh­rend der Film­ar­bei­ten durch­lau­fen hat. Auf die­sem Vor­trag beruht das Fol­gen­de.

Jaye war ihr gan­zes erwach­se­nes Leben lang eine Femi­nis­tin gewe­sen. Die­sem The­ma hat­te sie sich unter der Prä­mis­se genä­hert, dass Män­ner­recht­ler der Feind waren. Sie glaub­te, dass die­se die Zeit zurück­dre­hen und Frau­en die Rech­te weg­neh­men woll­ten, eine Vor­herr­schaft des Man­nes über die Frau rekla­mier­ten, ein Recht des Man­nes auf sexu­el­le Diens­te behaup­te­ten und Ver­ge­wal­ti­gung ver­harm­los­ten und der­glei­chen mehr. Wenn Sie in der Main­stream­pres­se über die­se Bewe­gung gele­sen haben, glau­ben Sie viel­leicht Ähn­li­ches. Nichts davon ist wahr.

Jayes ursprüng­li­ches Vor­ha­ben war, eine Ent­lar­vung zu dre­hen. »Seht her, was sich hier unbe­merkt von der Öffent­lich­keit für eine absto­ßen­de Gemein­schaft von Frau­en­has­sern gebil­det hat!« Das war der Plan. Sie hat­te vor­her schon zwei Doku­men­tar­fil­me über eher linke/progressive The­men gedreht, und die­ses neue Pro­jekt, die Män­ner­rechts­be­we­gung zu ent­lar­ven, fand den Zuspruch der­je­ni­gen, die ihre älte­ren Fil­me schätz­ten.

Sie inter­view­te nun also Män­ner­recht­ler für den Film. Dabei ent­stan­den, wie sie angibt, mehr als 100 Stun­den Mate­ri­al. Das ers­te, was sie im Vor­trag nun rück­bli­ckend beob­ach­tet, ist, dass sie anfangs in die­sen vie­len Stun­den nicht wirk­lich zuhör­te. Ihr Anlie­gen beim Zuhö­ren war nicht, zu ver­ste­hen, was der Betref­fen­de sag­te, son­dern in sei­nen Wor­ten Bewei­se für das zu fin­den, was sie bereits über sei­ne ver­werf­li­chen Ansich­ten zu wis­sen glaub­te.

Dies ist eine wich­ti­ge Beob­ach­tung, weil es eine all­ge­gen­wär­ti­ge Ver­hal­tens­wei­se ist, die man oft auch an sich selbst beob­ach­ten kann. 

Zu sakra­li­sier­ten Abgren­zun­gen gegen Außen­sei­ter oder ande­re Grup­pen gehö­ren oft Annah­men dar­über, was die wirk­lich den­ken. Man hört sie das prak­tisch nie sagen und bleibt doch bei der Über­zeu­gung, genau zu wis­sen, was die wirk­lich den­ken. Ver­ständ­lich ist vor die­sem Hin­ter­grund dann, dass man gera­de­zu danach giert, es sie doch ein­mal sagen zu hören. Hin und wie­der sagt viel­leicht einer etwas, das grob in die­se Rich­tung geht oder zumin­dest so gedeu­tet wer­den kann, und das reicht dann wie­der eine Wei­le als Beweis dafür, was die wirk­lich den­ken. Unter­des­sen kann man wei­ter­hin igno­rie­ren oder als Irre­füh­rung abtun, was die in der Regel wirk­lich sagen, schrei­ben und tun.

Im Vor­trag stellt Cas­sie Jaye eini­ge Äuße­run­gen der Män­ner­recht­ler dem gegen­über, was im inne­ren ihres Kraft­felds ankam. Das Expe­ri­ment nimmt sei­nen Lauf.

Oft hör­te ich einen unschul­di­gen und berech­tig­ten Punkt, den ein Män­ner­recht­ler vor­brach­te, aber in mei­nem Kopf füg­te ich sei­ner Aus­sa­ge eine sexis­ti­sche oder frau­en­feind­li­che Ten­denz hin­zu, in der Annah­me, dass es das war, was er wirk­lich sagen woll­te, aber nicht sag­te. Hier sind drei Bei­spie­le.

Ein Män­ner­recht­ler sag­te: »Es gibt mehr als 2.000 Frau­en­häu­ser und nur ein Haus für männ­li­che Opfer häus­li­cher Gewalt in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Aber vie­le Stu­di­en zei­gen, dass Män­ner genau­so oft Gewalt durch ihre Intim­part­ner erfah­ren«. Ich hör­te: »Wir brau­chen kei­ne 2.000 Frau­en­häu­ser. Die täu­schen nur vor, Gewalt­op­fer zu sein. Das ist alles Betrug.«

Aber wenn ich mir heu­te das Film­ma­te­ri­al anse­he, das sich ange­sam­melt hat, in dem Män­ner­recht­ler über Hil­fe für Opfer häus­li­cher Gewalt spre­chen, und all die Blog­ar­ti­kel, die sie schrei­ben, und die Video-Live­streams, die sie auf You­Tube pos­ten, dann sagen sie das nie. Sie sagen nur, dass Män­ner auch Gewalt erfah­ren und Hil­fe und Mit­ge­fühl ver­die­nen.

Bei­spiel Num­mer zwei. Ein Män­ner­recht­ler sagt: »Wo bleibt die Gerech­tig­keit für den Mann, der fälsch­lich der Ver­ge­wal­ti­gung einer Frau beschul­digt wird und auf­grund die­ser Beschul­di­gung sein Sti­pen­di­um ver­liert und mit dem unaus­weich­li­chen Urteil ›Ver­ge­wal­ti­ger‹ gebrand­markt wird?« Ich hör­te: »Die Ver­ge­wal­ti­gung einer Frau ist kei­ne gro­ße Sache.« Es ist, als ob ich das Wort »fälsch­lich« nicht gehört hät­te. Ich hör­te nur: »er wur­de der Ver­ge­wal­ti­gung beschul­digt«. Natür­lich ist Ver­ge­wal­ti­gung »eine gro­ße Sache«, und alle Män­ner­recht­ler stim­men zu, dass es schreck­lich ist, wenn das jeman­dem zustößt. Schließ­lich wur­de mir klar, dass sie nur auf einen unter­be­lich­te­ten Aspekt der Dis­kus­si­on um Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit hin­wie­sen. Wer spricht für den warm­her­zi­gen, ehren­haf­ten Mann, der sein Sti­pen­di­um oder sei­nen Job oder noch schlim­mer, sei­ne Kin­der ver­liert, weil ihm etwas vor­ge­wor­fen wird, das er abso­lut nicht getan hat?

Drit­tes Bei­spiel. Ein Män­ner­recht­ler sagt: »Weib­li­che Geni­tal­be­schnei­dung ist in den meis­ten Län­dern der Welt ille­gal, aber die Beschnei­dung von männ­li­chen Säug­lin­gen ist Rou­ti­ne und wird prak­tisch nie in Fra­ge gestellt.« Ich dach­te ehr­lich, sie wür­den sagen, dass die Beschnei­dung von Mäd­chen auch legal sein soll­te. Das ist so weit von dem ent­fernt, was sie wirk­lich sag­ten, war­um reagier­te ich so? Ich sprang immer zur abso­lut schlimmstmög­li­chen Annah­me, weil ich dach­te: Das ist der Feind.

Cas­sie Jaye hat mehr als 100 Stun­den Inter­views gefilmt. Sie hat mehr als 100 Stun­den gelauscht, über Mona­te. Der Film war sei­ner­zeit ihr mit Lei­den­schaft ver­folg­ter Beruf. Doch nicht nur das, sie hat die­se mehr als 100 Stun­den nach Abschluss der Dreh­ar­bei­ten tran­skri­biert, also abge­schrie­ben. Nichts zwingt einen in ver­gleich­ba­rer Wei­se, den tat­säch­li­chen Inhalt gespro­che­ner Wor­te wahr­zu­neh­men, wie die­se Wor­te zu tran­skri­bie­ren. Man geht alles noch ein­mal in Zeit­lu­pe durch, so dass einem buch­stäb­lich kein ein­zi­ges Wort ent­geht. Und trotz­dem hat es Mona­te, wenn nicht Jah­re gedau­ert, bis sie es ver­moch­te, die Äuße­run­gen als das zu neh­men, was sie sind. Bis das Kraft­feld an Stär­ke ver­lor.

Dazu, dass dies schließ­lich geschah, mag auch bei­getra­gen haben, dass sich Freun­de und Unter­stüt­zer von ihr abwand­ten, als erkenn­bar wur­de, dass der Film nicht das gewünsch­te Feind­bild lie­fern wür­de. Die Medi­en fuh­ren eine Schmutz­kam­pa­gne. Schlüs­sel­satz aus dem Vor­trag:

Wenn Sie anfan­gen, den Feind zu ver­mensch­li­chen, dann wer­den Sie selbst zum Feind.

Das ist ein wei­te­rer Aspekt der oben ange­spro­che­nen Unfä­hig­keit zum Kom­pro­miss und zur Abwä­gung, die mit der Sakra­li­sie­rung ein­her­geht. Der Feind darf nicht ein biss­chen recht haben. Das wäre eine Kom­pro­mit­tie­rung der hei­li­gen Wer­te, ein Sakri­leg, und ist somit undenk­bar und inak­zep­ta­bel.

Sie schließt mit dem Appell, die Kunst und Not­wen­dig­keit des Zuhö­rens ernst zu neh­men. Dem kann man nur bei­pflich­ten. Zugleich wirkt es ein wenig naiv. Der Vor­trag selbst macht erschüt­ternd deut­lich, wie schwer und unwahr­schein­lich das Zuhö­ren im Zusam­men­hang tief ver­in­ner­lich­ter ideo­lo­gi­scher Ori­en­tie­run­gen ist. Noch ein­mal: Cas­sie Jaye hat­te durch ihre Arbeit einen star­ken Anreiz, sich mit dem »feind­li­chen« Mate­ri­al aus­ein­an­der­zu­set­zen, und hat sich in einer Aus­gie­big­keit und Tie­fe damit kon­fron­tiert, die die meis­ten von uns schon aus Zeit­grün­den nicht auf­brin­gen könn­ten, selbst wenn sie es woll­ten. Trotz­dem hat sie min­des­tens eini­ge Mona­te gebraucht, um den Elek­tro­ma­gne­ten her­un­ter­zu­fah­ren.

Kann man also nur resi­gnie­ren?

Nein, die­sen Schluss wür­de ich nicht zie­hen.

Man muss sich wohl damit abfin­den, dass man Men­schen nicht über­zeu­gen kann, wenn sie nicht dafür emp­fäng­lich sind. Eine Umori­en­tie­rung kann buch­stäb­lich Jah­re dau­ern, und Impul­se von ande­ren kön­nen dazu natür­lich einen Bei­trag leis­ten. Aber man kann nie­man­den dazu zwin­gen oder nöti­gen. Man­che schaf­fen es nie. 

Ein wich­ti­ger Fak­tor ist dabei die sozia­le Umge­bung. Wenn ich mit ande­ren Gläu­bi­gen zusam­men­le­be, dann wird mein Elek­tro­ma­gnet stän­dig von außen ver­stärkt. Ich spü­re, dass ich zunächst ein­mal in die Ein­sam­keit und ins Cha­os fal­len wür­de, wenn ich ihn abschal­te­te. Es muss schon etwas Schwer­wie­gen­des pas­sie­ren, um mich zu ver­an­las­sen, die Behag­lich­keit der Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit auf­zu­ge­ben und den Stress der eige­nen Exkom­mu­ni­ka­ti­on auf mich zu neh­men. Das tut man nicht ohne guten Grund, und es gibt vie­le gute Grün­de, es nicht zu tun.

Trotz­dem den­ke ich, dass wir eini­ge Schlüs­se aus die­sem Wis­sen zie­hen kön­nen, um das Mit­ein­an­der im Hin­blick auf unse­re Sakra­li­sie­run­gen gedeih­li­cher zu gestal­ten. Dabei soll­ten wir aber nicht von der Fra­ge­stel­lung aus­ge­hen, was wir tun kön­nen, um unse­re in Kraft­fel­dern gefan­ge­nen Mit­men­schen zu befrei­en. Frucht­ba­rer ist es, sich mit den eige­nen Kraft­fel­dern zu beschäf­ti­gen, denn die kann man eher posi­tiv beein­flus­sen. 

Dazu kann man unter ande­rem Fol­gen­des ver­su­chen:

  • Hell­hö­rig wer­den, wenn man trotz dün­ner Beweis­la­ge sicher zu wis­sen glaubt, was die wirk­lich den­ken.
  • Sich bei einer Äuße­rung, die man empö­rend fin­det, ernst­haft fra­gen: unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen könn­te ich so den­ken? Wie kann ich mir die­se Äuße­rung plau­si­bel machen, ohne auf die Annah­me zurück­zu­grei­fen, der Spre­cher sei dumm oder böse? Wel­ches sind die drei stärks­ten Argu­men­te, die mir für die­se Posi­ti­on ein­fal­len? Ja, das ist schwer und tut weh. Das bedeu­tet, dass es wirkt.
  • Beim Recher­chie­ren nicht nur Bele­ge für das suchen, was man glau­ben will, son­dern auch für das, was man nicht glau­ben will.
  • Genau die­je­ni­gen mora­li­schen Ver­feh­lun­gen bei sich selbst suchen, die man ande­ren wütend vor­wirft. (Oft eine hei­ße Spur.)
  • Sich eine Hal­tung der Unschulds­ver­mu­tung aneig­nen. Bezüg­lich der Moti­ve und Inten­tio­nen ande­rer nicht zur schlimmstmög­li­chen Annah­me sprin­gen.
  • Empi­rie­nah und sach­be­zo­gen dis­ku­tie­ren. Unter­schied­li­che hei­li­ge Wer­te wer­den sich durch eine Dis­kus­si­on nicht ver­söh­nen las­sen, aber die unter­schied­li­chen empi­ri­schen Annah­men der Streit­par­tei­en kön­nen mit­ein­an­der und mit der ver­füg­ba­ren Evi­denz kon­fron­tiert wer­den. Empi­ri­sche Daten und Fak­ten bil­den eine gemein­sa­me Dis­kus­si­ons­grund­la­ge.
  • Damit das mög­lich ist: Abstand neh­men vom Glau­ben an die eige­ne umfas­sen­de Infor­miert­heit, was die ent­schei­den­den Fra­gen angeht. Die Wirk­lich­keit ist weit und kom­plex. Wir wis­sen erbärm­lich wenig.
  • Zutiefst skep­tisch sein gegen­über Cha­rak­te­ri­sie­run­gen einer Grup­pe durch deren Geg­ner. Ich mei­ne das Sze­na­rio, dass ein Ver­tre­ter der Grup­pe A, die Grup­pe B nicht mag, einem erklärt, wor­um es in Grup­pe B geht. Das führt häu­fig zu Ver­kür­zun­gen und Ver­zer­run­gen bis hin zu frei­schwe­ben­den Fan­ta­si­en und Pro­jek­tio­nen, die mit der Rea­li­tät von Grup­pe B nur noch in Spu­ren­ele­men­ten etwas zu tun haben. Häu­fig spie­len die Medi­en die Rol­le der Grup­pe A. Man kann es ihnen viel­leicht noch nicht ein­mal zum Vor­wurf machen. Kraft­feld ist Kraft­feld.
  • Druck und Aggres­si­on in der Aus­ein­an­der­set­zung auf das not­wen­di­ge Mini­mum redu­zie­ren.
  • Fein­de bekämp­fen, wenn nötig, aber nie­mals has­sen.
  • Mehr ver­ge­ben, weni­ger urtei­len.

Eigent­lich hat die frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung die Lösung für die­se Pro­ble­me schon längst gefun­den. Im par­la­men­ta­ri­schen Sys­tem gibt es das Gefü­ge aus Regie­rung und Oppo­si­ti­on, vor Gericht gibt es Staats­an­walt und Ver­tei­di­ger, in der Wis­sen­schaft gibt es Kri­tik. 

Es ist nütz­lich, wenn man ein Argu­ment for­mu­liert, sich gleich­zei­tig erwart­ba­re Gegen­ar­gu­men­te zu über­le­gen und auf sie im Vor­hin­ein zu ant­wor­ten. Es ist faul, das nicht zu tun, es hält den Betrieb auf und es ist wohl auch unred­lich, wenn man gute Gegen­ar­gu­men­te kennt, aber ver­schweigt.

Doch letzt­lich ist es als Teil­neh­mer am Mei­nungs­streit nicht mei­ne Auf­ga­be, dei­ne Gegen­ar­gu­men­te stark zu machen. Das ist dei­ne Auf­ga­be. Wir haben sozia­le Mecha­nis­men, die unse­re mensch­li­che Nei­gung zur Ein­sei­tig­keit nicht nur kor­ri­gie­ren, son­dern dar­über hin­aus zu einer Quel­le neu­er Ein­sich­ten und Lösun­gen machen, denn zwei ver­schie­de­ne Ein­sei­tig­kei­ten erge­ben zusam­men ein voll­stän­di­ge­res Bild als jede der zwei Posi­tio­nen allein es bie­ten könn­te.

Doch damit das funk­tio­niert, ist eine sach­be­zo­ge­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on nötig. Die Gefahr ist, dass die­se häu­fig nicht mehr gewünscht ist oder wir die Fähig­keit dazu ver­lie­ren. Wenn ich mei­ne Geg­ner nicht auf der Sach­ebe­ne kri­ti­sie­re, son­dern mit kom­pro­mit­tie­ren­den Infor­ma­tio­nen oder Beschul­di­gun­gen anschwär­ze oder auch bei dem Ver­such, einen Vor­trag zu hal­ten, ein­fach nie­der­brül­le, dann beschä­di­ge ich nicht nur die­se Geg­ner. Ich beschä­di­ge sozia­le Mecha­nis­men der Kon­flikt­re­gu­lie­rung und Wis­sens­pro­duk­ti­on, die für eine auf­ge­klär­te Gesell­schaft kon­sti­tu­tiv sind.

Jona­than Haidt erfuhr auf sei­ne Kri­tik hin viel Zuspruch, da natür­lich auch ande­re die ange­spro­che­nen Pro­ble­me bemerkt hat­ten. Er grün­de­te dar­auf­hin die Hete­ro­dox Aca­de­my, eine Orga­ni­sa­ti­on, die sich für Mei­nungs­viel­falt im Wis­sen­schafts­be­trieb ein­setzt. Initia­ti­ven wie die­se kön­nen ein Teil der Lösung sein, der über ein indi­vi­du­el­les Bemü­hen um Selbst­kri­tik hin­aus­geht. Im genann­ten Buch über Sek­ten­ver­hal­ten erwähnt Deik­man, dass vor allem Füh­rungs­per­so­nen einen erheb­li­chen Ein­fluss dar­auf haben, ob es in ihren Orga­ni­sa­tio­nen eine Kul­tur der Kri­tik gibt oder eher Kon­for­mi­tät und Gehor­sam belohnt wer­den. In gerin­ge­rem Maß hat fast jeder dar­auf Ein­fluss.

Der ers­te Schritt wäre wohl, Einig­keit über die Ein­sicht (wieder-)herzustellen, dass man so etwas wie eine Kul­tur der Kri­tik über­haupt braucht.

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