Warum wir ideologische Gegner als bösartig wahrnehmen

Das Böse betritt die Welt meist unbe­merkt von den­je­ni­gen, die ihm die Tür öff­nen und es ein­las­sen. Die meis­ten Men­schen, die Böses tun, sehen ihre Taten nicht als böse an. Das Böse exis­tiert pri­mär im Auge des Betrach­ters, ins­be­son­de­re des Opfers.

Roy Bau­meis­ter in: »Evil: Insi­de Human Vio­lence and Cru­el­ty« (Deutsch: »Vom Bösen: War­um es mensch­li­che Grau­sam­keit gibt«), mei­ne Über­set­zung

Im lin­ken wie im rech­ten Lager erklärt man sich die abwei­chen­den Stand­punk­te der Geg­ner häu­fig damit, dass die­se von zer­stö­re­ri­schen Absich­ten getrie­ben sei­en. Damit kon­tras­tie­ren in der Wahr­neh­mung die jeweils eige­nen Absich­ten, die man für gut, pro­duk­tiv und men­schen­freund­lich hält. Der Vor­wurf an die Gegen­sei­te, von Bos­heit getrie­ben zu sein und zer­stö­ren zu wol­len, kommt in vie­len For­men vor. Eine der häu­figs­ten ist heu­te die Ankla­ge des Has­ses. Wei­te­re Bei­spie­le sind »Het­ze«, »Faschis­ten«, »men­schen­ver­ach­tend«, »Demo­kra­tie­fein­de«, »Ver­fas­sungs­fein­de« und »die Mas­ken fal­len«. Sie alle wol­len dar­auf hin­aus, dass der Geg­ner ins­ge­heim bös­ar­ti­ge, zer­stö­re­ri­sche Absich­ten ver­fol­ge. 

In die­sem Arti­kel argu­men­tie­re ich auf Basis des ein­gangs zitier­ten Buches von Bau­meis­ter, dass die Wahr­neh­mung des poli­ti­schen Geg­ners als böse ein psy­cho­lo­gi­scher Reflex ist, der das Den­ken ver­zerrt, die Kom­mu­ni­ka­ti­on behin­dert und zur Eska­la­ti­on der gegen­sei­ti­gen Feind­se­lig­kei­ten bei­trägt. Indem wir uns die­se Mecha­nis­men bewusst machen, kön­nen wir ihnen bes­ser wider­ste­hen.

Man kennt die Iden­ti­fi­ka­ti­on des Geg­ners mit dem Bösen viel­leicht eher von der Lin­ken in Rich­tung der Rech­ten. »Gegen rechts« ist geläu­fig und erscheint selbst­ver­ständ­lich, »gegen links« gibt es nicht. Einer der Grün­de dafür ist, dass die Rech­te in asso­zia­ti­ver Nähe zum Natio­nal­so­zia­lis­mus steht, der als annä­hernd ide­al­ty­pi­sche Ver­wirk­li­chung des Bösen gilt, wäh­rend der Kom­mu­nis­mus trotz sei­nes zah­len­mä­ßig noch höhe­ren Blut­zolls als im Prin­zip gute Idee im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis wei­ter­lebt. Ein ande­rer ist die ein­fa­che Tat­sa­che, dass Lin­ke die Dis­kur­s­ho­heit haben und man dadurch mit ihren Äuße­run­gen häu­fi­ger kon­fron­tiert ist. Den­noch gibt es die Vor­wür­fe bös­ar­ti­ger, zer­stö­re­ri­scher Absich­ten auch in der Gegen­rich­tung. Lin­ke wer­fen Rech­ten vor, Euro­pa zer­stö­ren zu wol­len, Rech­te wer­fen Lin­ken vor, Deutsch­land zer­stö­ren zu wol­len. Lin­ke wer­fen Rech­ten vor, von Hass auf Aus­län­der und ande­re Min­der­hei­ten moti­viert zu sein, Rech­te wer­fen Lin­ken vor, von Hass auf ihre Kul­tur, ihr Land und sich selbst moti­viert zu sein. Der Begriff »Faschis­ten« fliegt in bei­de Rich­tun­gen und behaup­tet rela­tiv vage eine Absicht, mit Auto­ri­tät und Gewalt die eige­nen Wer­te durch­zu­set­zen.

In die­sen Auf­fas­sun­gen bei­der Sei­ten steckt ein Körn­chen Wahr­heit. Men­schen haben zer­stö­re­ri­sche Impul­se, ins­be­son­de­re, wenn sie wütend sind, was im emo­tio­nal bedeut­sa­men Streit um Welt­deu­tun­gen oft der Fall ist. Und bei­de Sei­ten wol­len tat­säch­lich selek­tiv Din­ge zer­stö­ren oder freund­li­cher aus­ge­drückt: abbau­en.

Rech­te wol­len zum Bei­spiel mehr oder weni­ger gro­ße Tei­le der EU-Struk­tu­ren abbau­en, was man mit einer ent­spre­chend undif­fe­ren­zier­ten Wahr­neh­mung als »die EU zer­stö­ren« oder gar »Euro­pa zer­stö­ren« deu­ten kann. Lin­ke wol­len zum Bei­spiel einen Teil der Nor­men und Tra­di­tio­nen abbau­en, die mit Ehe und Fami­lie ver­knüpft sind, was man mit einer ent­spre­chend undif­fe­ren­zier­ten Wahr­neh­mung als »Ehe und Fami­lie zer­stö­ren« deu­ten kann. Zudem mag es auf der Rech­ten und der Lin­ken extre­me Rand­grup­pen geben, die wirk­lich die EU bzw. Ehe und Fami­lie rest­los zer­stö­ren wol­len und der Gegen­sei­te damit gele­gent­lich Bewei­se für ihren Gene­ral­ver­dacht lie­fern. Auto­ri­tä­re Ide­en und die Denk­fi­gur »Der Zweck hei­ligt die Mit­tel« gibt es eben­so auf bei­den Sei­ten.

Doch wie­so rückt man die poten­ti­ell destruk­ti­ven Ele­men­te und Impul­se des geg­ne­ri­schen Lagers in den Mit­tel­punkt und ver­all­ge­mei­nert sie, als wären sie sei­ne eigent­li­che Moti­va­ti­on und alles ande­re letzt­lich nur Tar­nung dafür? War­um glaubt man den ande­ren nicht, dass sie das Gute, zu dem sie sich beken­nen, auf­rich­tig für gut hal­ten und wirk­lich wol­len? Woher kommt die­ses zwin­gen­de Gefühl, dass sie nichts Gutes im Schil­de füh­ren und, mit einem Wort, böse sind?

Sind Sal­vi­ni und die AfD wirk­lich von der Absicht getrie­ben, »die Mensch­lich­keit in uns zu zer­stö­ren«?

Mei­ne Ant­wort lau­tet in Kür­ze: Es ist eine Erschei­nungs­form des­sen, was Roy Bau­meis­ter in sei­nem Buch den »Mythos des rei­nen Bösen« nennt. Dies ist eine Wahr­neh­mungs­ge­stalt, eine Vor­stel­lung, die wir uns auf­grund eines psy­cho­lo­gi­schen Refle­xes vom Bösen bil­den. Der Aus­lö­ser sind übli­cher­wei­se Hand­lun­gen, die uns unnö­tig zer­stö­re­risch erschei­nen. Es lohnt sich, einen nähe­ren Blick auf die­se Wahr­neh­mungs­ge­stalt zu wer­fen. Sie ist stark fan­ta­sie­ge­la­den, bestimmt aber wesent­lich unser Han­deln mit. Wie immer, wenn ver­zerr­te Vor­stel­lun­gen von der Rea­li­tät das tun, ist das Ergeb­nis nicht unbe­dingt posi­tiv – und nicht das, was man beab­sich­tigt hat­te.

Das Böse und die Eskalation

Im poli­ti­schen Streit spielt das Böse eine Dop­pel­rol­le. Es ist auf der einen Sei­te das, was wir ver­hin­dern wol­len: wei­te­re Eska­la­ti­on, Gewalt, Grau­sam­keit, Mord, Bür­ger­krieg und alles ande­re in die­ser Rich­tung. Auf der ande­ren Sei­te trägt das Böse als Wahr­neh­mungs­ge­stalt, als »Mythos des rei­nen Bösen« selbst zur Eska­la­ti­on bei. Unse­re Art, das Böse wahr­zu­neh­men, ermög­licht und befeu­ert es.

Auf die Mit­glie­der strei­ten­der Grup­pen mit ver­schie­de­nen Wer­te­sys­te­men wirkt ein stän­di­ger Sog, ihre Geg­ner als böse zu kate­go­ri­sie­ren. Dies liegt viel mehr in unse­rer Natur als ein Bestre­ben, den Geg­ner oder den Ket­zer zu ver­ste­hen. Wenn ein gewis­ses Span­nungs­ni­veau erreicht ist, müs­sen wir uns mit erheb­li­cher Kraft gegen unse­re Natur stem­men, um uns in ihn hin­ein­zu­ver­set­zen. Sei­ne Wahr­neh­mung als böse hin­ge­gen drängt sich unmit­tel­bar auf. Wo sie sich ver­fes­tigt, ver­un­mög­licht sie Empa­thie und Kom­mu­ni­ka­ti­on und recht­fer­tigt unmensch­li­che Metho­den. Das Böse darf man, nein, muss man uner­bitt­lich bekämp­fen.

Gegen Nazis wen­den wir Nazi-Metho­den an.

Phil­ipp Ruch, »Zen­trum für poli­ti­sche Schön­heit«

Es erschie­ne gera­de­zu ver­rückt, dem Bösen gegen­über fair und anstän­dig sein zu wol­len. Es mach­te einen viel­leicht sogar zum Kom­pli­zen.

Grup­pe A bekämpft also die als böse wahr­ge­nom­me­ne Grup­pe B uner­bitt­lich, in dem Glau­ben, dem Guten zu die­nen. Durch die uner­bitt­li­chen, viel­leicht auch grau­sa­men und unfai­ren Angrif­fe ver­fes­tigt sich bei Grup­pe B das Bild von Grup­pe A als böse. Bei­de han­deln im Zuge des eska­lie­ren­den Kamp­fes bös­ar­tig gegen den Geg­ner und glau­ben dabei, das Böse zu bekämp­fen. In dem Glau­ben, das Böse zu bekämp­fen, brin­gen bei­de mehr davon in die Welt.

Die Banalität des Bösen

Für den Zweck sei­ner Unter­su­chung defi­niert Bau­meis­ter das Böse recht weit und locker als Hand­lun­gen mit der Absicht, ande­re zu schä­di­gen. Auf die­ser Basis trägt er Daten und Wis­sen über sol­che Hand­lun­gen aus viel­fäl­ti­gen Quel­len und Kon­tex­ten zusam­men. Dazu gehört das gan­ze Spek­trum von gewöhn­li­chen Strei­tig­kei­ten über diver­se For­men von Kri­mi­na­li­tät bis hin zu extre­men Kriegs­ver­bre­chen. Die Aus­wer­tung inter­es­siert sich für Kon­text­be­din­gun­gen, Moti­va­tio­nen und Vor­ge­schich­ten der Taten sowie ihre Wahr­neh­mung und Deu­tung auf Sei­ten der Täter, Opfer und Beob­ach­ter. 

Dabei tritt ein schar­fer Kon­trast zwi­schen der psy­cho­lo­gi­schen Rea­li­tät des Bösen und der Vor­stel­lung zuta­ge, die wir uns intui­tiv vom Bösen bil­den. Die psy­cho­lo­gi­sche Rea­li­tät des Bösen ist banal, ganz im Sinn der For­mel von der »Bana­li­tät des Bösen«, die Han­nah Arendt in ihrem Buch über den Eich­mann-Pro­zess in Jeru­sa­lem präg­te. Aus der Nähe erschien der Ver­wal­ter des Holo­caust nicht als der Dämon, den man auf­grund sei­ner geno­zi­da­len Rol­le erwar­tet hät­te: 

Das Pro­blem mit Eich­mann war gera­de, dass so vie­le so waren wie er, und dass die Vie­len weder per­vers noch sadis­tisch waren, dass sie viel­mehr schreck­lich und erschre­ckend nor­mal waren und sind.

Han­nah Arendt: Eich­mann in Jeru­sa­lem. A Report on the Bana­li­ty of Evil (1963), mei­ne Über­set­zung

Mit dem­sel­ben Erschre­cken rin­gen His­to­ri­ker und Psy­cho­lo­gen immer von Neu­em mit der Erkennt­nis, dass Täter, die Kriegs­ver­bre­chen bege­hen, mehr­heit­lich nor­ma­le Men­schen mit nor­mal funk­tio­nie­ren­der Psy­che sind. Pro­mi­nen­te Bei­spie­le bzw. Dar­stel­lun­gen die­ses Rin­gens sind neben Arendt auch das Mil­gram-Expe­ri­ment sowie die Bücher »Ordi­na­ry Men«/»Ganz nor­ma­le Män­ner« von Chris­to­pher Brow­ning oder »Täter. Wie aus ganz nor­ma­len Men­schen Mas­sen­mör­der wer­den« von Harald Wel­zer. Die Erkennt­nis der Nor­ma­li­tät der Täter ist immer wie­der scho­ckie­rend und skan­da­lös, wes­halb sie den dra­ma­tur­gi­schen Mit­tel­punkt bei­der Buch­ti­tel bil­det.

Dies liegt dar­an, dass es schwer bis unmög­lich ist, die­se Erkennt­nis mit unse­ren intui­ti­ven Erwar­tun­gen und mora­li­schen Wer­tun­gen zu ver­söh­nen. Wir erwar­ten zunächst, auf Unge­heu­er zu sto­ßen, wenn wir uns die Lite­ra­tur über die Täter eines Geno­zids oder ande­re Grau­sam­kei­ten vor­neh­men. Doch je genau­er wir hin­se­hen und sys­te­ma­tisch erklä­ren, des­to weni­ger lässt sich die­ses Bild auf­recht­erhal­ten. 

Einen Ablauf zu erklä­ren heißt, eine mög­lichst geschlos­se­ne Kau­sal­ket­te, also Ket­te von Ursa­chen von Wir­kun­gen, zu ermit­teln und dar­zu­stel­len, die zu dem Ablauf geführt und ihn geformt haben. Doch je mehr Details in Kau­sal­ket­ten unter­ge­bracht sind, des­to weni­ger Frei­heit gibt es im ent­ste­hen­den Bild; je weni­ger Frei­heit, des­to weni­ger Ver­ant­wor­tung; und je weni­ger Ver­ant­wor­tung, des­to weni­ger kann man ver­ur­tei­len. Jeman­den, der kei­ne Wahl hat­te, kann man nicht ver­ur­tei­len, und je genau­er man hin­sieht, des­to mehr Fak­to­ren wer­den sicht­bar, die die Wahl­frei­heit des Betref­fen­den ein­ge­schränkt haben. Immer.

Wir wol­len das Bild vom Unge­heu­er aber nicht auf­ge­ben, weil wir es brau­chen, um Täter mit der gewünsch­ten Ein­deu­tig­keit ver­ur­tei­len zu kön­nen. Das mora­li­sche Urteil ist wie­der­um nötig, um klar­zu­stel­len, dass die Regeln wei­ter­hin in Kraft sind, die sie gebro­chen haben, sowie um Distanz zwi­schen ihnen und uns zu schaf­fen. Wenn Täter »nor­ma­le Men­schen« sind, dann sind sie wie ich, dann bin ich wie sie, dann wäre ich wahr­schein­lich auch imstan­de, das zu tun. Kein Wun­der, dass wir die­sen Gedan­ken lie­ber ver­mei­den.

In die­sem Kon­trast zwi­schen einem erklä­ren­den und einem urtei­len­den Zugriff auf das Täter­han­deln spie­gelt sich der Kon­trast zwi­schen dem Blick auf das eige­ne Han­deln und dem Blick auf das Han­deln ande­rer. Das eige­ne Han­deln kön­nen wir bes­ser erklä­ren, das der ande­ren bes­ser ver­ur­tei­len. In Bezug auf uns selbst haben wir immer unse­re Grün­de vor Augen, die Zwän­ge, die auf uns wir­ken, und viel­fäl­ti­ge Recht­fer­ti­gun­gen. Um Grün­de und Recht­fer­ti­gun­gen sind Men­schen sel­ten ver­le­gen. Zwän­ge sind eben­falls immer wirk­sam und spür­bar. Mit Ver­weis auf sie kön­nen wir uns wei­ter­hin für im Grun­de gut hal­ten, auch wenn wir selbst wis­sen, dass wir gegen mora­li­sche Regeln ver­sto­ßen.

Ein bekann­tes Zitat des SS-Chefs Hein­rich Himm­ler treibt die­sen Aspekt mensch­li­cher Moral­psy­cho­lo­gie auf die zyni­sche Spit­ze:

Von Euch wer­den die meis­ten wis­sen, was es heißt, wenn 100 Lei­chen bei­sam­men lie­gen, wenn 500 dalie­gen oder wenn 1000 dalie­gen. Dies durch­ge­hal­ten zu haben, und dabei – abge­se­hen von mensch­li­chen Aus­nah­me­schwä­chen – anstän­dig geblie­ben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein nie­mals geschrie­be­nes und nie­mals zu schrei­ben­des Ruh­mes­blatt unse­rer Geschich­te.

Wiki­pe­dia

Da wir die eige­nen Taten recht­fer­ti­gen und her­un­ter­spie­len, sehen wir das Böse nicht, wenn wir es selbst ver­kör­pern. So stellt es sich bei den Tätern in den Geschichts­bü­chern dar, und durch die nähe­re Beschäf­ti­gung mit ihren Moti­ven kön­nen wir uns in sie hin­ein­ver­set­zen und zwi­schen einer Betrach­tung in der ers­ten und der drit­ten Per­son wech­seln.

Je mehr wir ihre Zwän­ge, Grün­de und Recht­fer­ti­gun­gen in den Blick neh­men, des­to stär­ker wächst ein Grau­be­reich, wo vor­her ein schar­fer mora­li­scher Kon­trast zwi­schen der eige­nen Nor­ma­li­tät und dem dia­bo­li­schen Täter-Uni­ver­sum war. Der mora­li­sche Kon­trast beruht dar­auf, nicht die Grün­de, Zwän­ge und Recht­fer­ti­gun­gen von Tätern vor Augen zu haben. Und dies ist der Regel­fall, ins­be­son­de­re dann, wenn wir Opfer sind, den Opfern nahe ste­hen oder uns aus ande­ren Grün­den mit ihnen iden­ti­fi­zie­ren. In unse­ren Köp­fen formt sich des­halb die Vor­stel­lung: Die Täter han­deln böse, weil sie ein­fach böse sind.

Dies ist der »Mythos des rei­nen Bösen«. Er lebt bereits in uralten Sagen und natür­lich Reli­gio­nen, wo er von Teu­feln und Dämo­nen ver­kör­pert wird. Er formt sich immer wie­der aufs Neue in den Köp­fen von Ver­bre­chens­op­fern und auf Sei­ten von Kriegs­par­tei­en mit Blick auf den Geg­ner. Geschich­ten und Erzäh­lun­gen bis hin zu Hol­ly­wood­fil­men machen die­ses fan­ta­sie­gesät­tig­te Bild des Bösen immer wie­der sicht- und greif­bar.

Im fol­gen­den Abschnitt stel­le ich die acht Merk­ma­le des Mythos des rei­nen Bösen nach Bau­meis­ter vor. Im Anschluss skiz­zie­re ich kurz die bana­le­re Rea­li­tät des Bösen nach Bau­meis­ter. Im letz­ten Abschnitt geht es dann um den Stel­len­wert die­ser Mecha­nis­men des Bösen im »Cul­tu­re War«, also im Kon­text der Span­nung zwi­schen Links und Rechts als einer prä­gen­den sozia­len Kraft unse­rer Zeit.

Der Mythos des reinen Bösen

Fol­gen­de Auf­zäh­lung von acht Bestand­tei­len des Mythos des rei­nen Bösen ori­en­tiert sich eng an der Dar­stel­lung Bau­meis­ters.

  • Ers­tens bedeu­tet das Böse die absicht­li­che Schä­di­gung ande­rer Men­schen.
  • Zwei­tens ist die­ses Han­deln im Rah­men des Mythos pri­mär von dem Wunsch moti­viert, zu schä­di­gen, weil dies dem Täter Ver­gnü­gen oder Befrie­di­gung berei­te.

Dies ist meist Fan­ta­sie. In Wirk­lich­keit ist es Men­schen in der Regel eher unan­ge­nehm, ande­re zu schä­di­gen, die ihnen nichts getan haben. Kri­mi­nel­le neh­men es als not­wen­di­ges Übel in Kauf, ihren Opfern Leid zuzu­fü­gen, aber sie zie­hen dar­aus kei­ne Befrie­di­gung, geschwei­ge denn, dass es ihre Moti­va­ti­on wäre. 

Die­se Annah­me, der Täter genie­ße sein böses Tun, hängt damit zusam­men, dass aus Sicht des Opfers oft ein nach­voll­zieh­ba­res Motiv fehlt oder das Han­deln exzes­siv erscheint. Außer­dem ermög­licht sie eine kla­re Ver­ur­tei­lung des Täters. Die­se ver­liert sofort an Schär­fe und Ein­deu­tig­keit, sobald man den Gedan­ken zulässt, der Täter habe womög­lich unter Zwang gehan­delt und/oder nicht ger­ne getan, was er getan hat.

  • Drit­tens ist das Opfer unschul­dig und gut.

Dies ist mit dem eben genann­ten zwei­ten Aspekt ver­knüpft. Wenn der ande­re mir etwas ange­tan hat, weil er ein­fach böse ist, muss ich mich nicht fra­gen, ob ich einen Anteil an der Eska­la­ti­on habe.

In Wirk­lich­keit ent­ste­hen Gewalt­ta­ten nicht immer, aber meis­tens aus einer Abfol­ge gegen­sei­ti­ger Pro­vo­ka­tio­nen. Auch wenn es tat­säch­lich Unschul­di­ge trifft, gehört zur Tat eine Vor­ge­schich­te, die ein ande­res Bild ergibt als ein schlich­tes »der Täter ist böse«.

Der Mythos des rei­nen Bösen bringt auf der ande­ren Sei­te das Bild eines unbe­fleck­ten, hei­lig-unschul­di­gen Opfers mit, das wie jener ein Fan­ta­sie­pro­dukt ist, wel­ches vor allem psy­chi­schen Bedürf­nis­sen dient. Heu­te pro­fi­tie­ren mäch­ti­ge sozia­le Bewe­gun­gen sys­te­ma­tisch von der Tat­sa­che, dass dem Bild des Opfers etwas Hei­li­ges anhaf­tet.

Man kann häu­fig auf rela­tiv unauf­fäl­li­ge Wei­se den Mythos des rei­nen Bösen her­auf­be­schwö­ren und damit einen Geg­ner dämo­ni­sie­ren, indem man schlicht die Vor­ge­schich­te einer aggres­si­ven Hand­lung ver­schweigt. Dann erscheint es so, als schlü­ge der Betref­fen­de aus dem Nichts her­aus um sich. Dass Medi­en ger­ne berich­ten, wie Trump angreift, und aus­las­sen, wie er vor­her ange­grif­fen wur­de, ist ein Bei­spiel dafür.

Wobei man hier die Hen­ne-Ei-Fra­ge stel­len muss: Berich­ten sie in die­ser Form, weil sie Trump als böse erschei­nen las­sen wol­len oder weil sie Trump tat­säch­lich für böse hal­ten und die­se Form, zu berich­ten, daher als die natür­li­che und ange­mes­se­ne emp­fin­den? Im ver­link­ten Arti­kel behaup­te ich Letz­te­res.

  • Vier­tens ist das Böse der Ande­re, der Feind, der Außen­sei­ter, die Fremd­grup­pe.

Dies ver­an­schau­licht der Film­schur­ke mit exo­ti­schem Akzent eben­so wie unse­re Erwar­tung, Täter müss­ten dämo­ni­sche Eigen­schaf­ten auf­wei­sen. In Wirk­lich­keit sind Täter kei­ne ande­re Kate­go­rie von Lebe­we­sen als man selbst, und Gewalt­ta­ten wie ande­re Bös­ar­tig­kei­ten gesche­hen zumin­dest in Frie­dens­zei­ten am häu­figs­ten im sozia­len Nah­feld, das mit Men­schen bevöl­kert ist, die einem ähn­lich sind.

  • Fünf­tens ist das Böse zeit- und geschichts­los.

Die ange­nom­me­ne Geschichts­lo­sig­keit des Bösen unter­stützt sei­ne Wahr­neh­mung als etwas, das wie aus einer ande­ren Welt ist, die einen unüber­wind­li­chen Gra­ben zwi­schen sich selbst und dem Bösen zieht. Wenn das Böse ewig ist, muss ich mir weni­ger Gedan­ken dar­über machen, ob ich ein­mal böse wer­den könn­te.

  • Sechs­tens ist das Böse die Anti­the­se zu Ord­nung, Frie­den und Sta­bi­li­tät.

Das Ein­drin­gen des Bösen ist eine Stö­rung des nor­ma­len Laufs der Din­ge. Das Böse bedeu­tet nicht nur Scha­den, son­dern auch Cha­os und Irra­tio­na­li­tät.

Bat­mans Joker ist hier eine gute Illus­tra­ti­on. Viel­leicht ist er des­halb ein so effek­ti­ver und belieb­ter Schur­ke, weil er ide­al­ty­pisch den Mythos des rei­nen Bösen ver­kör­pert. Er genießt es, Böses zu tun, er tötet Unschul­di­ge, er kommt geschichts­los aus dem Nichts, er bil­det einen grel­len Kon­trast zu aller Nor­ma­li­tät und er steht für Cha­os. Das Auf­tre­ten als Clown über­zeich­net die Freu­de am Bösen und den Cha­os-Aspekt zur Kari­ka­tur. Die Ver­höh­nung und Ver­ach­tung sei­ner Opfer ist schon in sein Erschei­nungs­bild ein­ge­baut.

An ver­schie­de­nen Stel­len hebt Bau­meis­ter Schä­di­gung und Cha­os als Kern­ele­men­te des Mythos des rei­nen Bösen her­vor. Die ein­gangs ange­spro­che­ne Intui­ti­on, der Geg­ner habe Zer­stö­rung im Sinn, ent­hält bei­de. Man geht von der Vor­stel­lung aus, dass die jeweils ande­ren in eine mehr oder weni­ger gute Nor­ma­li­tät ein­drin­gen und sie ohne ver­nünf­ti­gen, nach­voll­zieh­ba­ren Grund zer­stö­ren wol­len. (Bei Lin­ken wäre die­se gute Nor­ma­li­tät etwa das mul­ti­kul­tu­rel­le Deutsch­land, bei Rech­ten das eth­nisch oder kul­tu­rell homo­ge­ne Deutsch­land.)

  • Sieb­tens zeich­nen sich böse Figu­ren oft durch Ego­is­mus aus.
  • Ach­tens haben böse Figu­ren oft Schwie­rig­kei­ten mit der Selbst­be­herr­schung, beson­ders in Bezug auf Zorn und Ärger.

Bau­meis­ter merkt an, dass die letz­ten bei­den Punk­te weni­ger zen­tral für den Mythos sind – und gleich­zei­tig mehr mit der Rea­li­tät zu tun haben als die vor­an­ge­hen­den. Vie­le Gewalt­ta­ten gesche­hen auf­grund von emp­fun­de­nen Krän­kun­gen, Belei­di­gun­gen usw., sind also Ver­tei­di­gun­gen des Egos, und vie­le gesche­hen auf­grund eines Ver­lusts der Selbst­be­herr­schung. Bau­meis­ter: »Die­se Aspek­te des Mythos mögen das Ein­drin­gen der Rea­li­tät in eine psy­cho­lo­gi­sche Fabri­ka­ti­on wider­spie­geln.«

Vier Quellen des Bösen

Bei obi­ger Auf­zäh­lung habe ich schon gele­gent­lich ange­deu­tet, wo der Mythos des rei­nen Bösen von der Rea­li­tät des Bösen abweicht. Um den Kon­trast wei­ter zu schär­fen, stel­le ich im Fol­gen­den die vier Quel­len des Bösen dar, die Bau­meis­ter im Zuge sei­ner Recher­che iden­ti­fi­ziert hat. Dies sind Instru­men­ta­li­tät, ver­letz­ter Ego­is­mus, mora­li­scher Idea­lis­mus und schließ­lich Sadis­mus.

Mit Instru­men­ta­li­tät ist gemeint, dass Men­schen zu bösen Mit­teln grei­fen, um etwas zu erlan­gen, das an sich nicht böse ist. Ich will Geld ver­die­nen (nicht böse) und sehe dazu für mich kei­nen ande­ren Weg als Kri­mi­na­li­tät (böse). Wenn ich nun jeman­den aus­rau­be, dann tue ich das nicht, weil ich Spaß dar­an hät­te, ihm Leid zuzu­fü­gen. Wenn ich die Wahl hät­te, täte ich es nicht. Es gibt Aus­nah­men, aber dies ist die Regel.

In die­sem Zusam­men­hang ver­weist Bau­meis­ter dar­auf, dass böse, also schä­di­gen­de Taten für Opfer sys­te­ma­tisch schwer­wie­gen­der und bedeut­sa­mer sind als für Täter. Ein Dieb kann gestoh­le­ne Gegen­stän­de meist nur unter ihrem mate­ri­el­len Wert ver­kau­fen, von ihrem ide­el­len Wert für den ehe­ma­li­gen Besit­zer hat er gar nichts. Eine Sexu­al­straf­tat ver­schafft dem Täter nur mit­tel­mä­ßi­ge und flüch­ti­ge Befrie­di­gung, belas­tet das Opfer aber für Jah­re, wenn nicht für immer. Der Scha­den ist für das Opfer ungleich grö­ßer als der Nut­zen für den Täter. Dies trägt dazu bei, dass Opfer die Taten als exzes­siv wahr­neh­men und sie sich somit nicht anders erklä­ren kön­nen als durch die Annah­me, der Täter sei ein­fach böse. Täter hin­ge­gen haben ihre Recht­fer­ti­gun­gen und vie­le Argu­men­te dafür, dass sie doch eigent­lich gute Men­schen sei­en und die­se eine Tat alles in allem kei­ne so gro­ße Sache sei. Opfer sehen schwarz­weiß, Täter sehen gro­ße Grau­zo­nen.

Die Kate­go­rie »ver­letz­tes Ego« umfasst Gewalt­ta­ten und sons­ti­ge feind­se­li­ge Hand­lun­gen, die auf­grund von Krän­kun­gen, Belei­di­gun­gen und ähn­li­chem enste­hen. Hier­hin gehört das Gros der All­tags- und Bezie­hungs­ge­walt. Und hier wären auch die Fäl­le ein­zu­ord­nen, in denen tat­säch­lich eine Absicht des Schä­di­gens um des Schä­di­gens wil­len besteht. Nur begrün­det sich die­se Absicht nicht wie im Mythos dadurch, dass der Täter ein­fach böse wäre. Viel­mehr ist es aus sei­ner Sicht so, dass er vor­her selbst ange­grif­fen und ver­letzt wur­de. Einer Ver­gel­tungs­hand­lung liegt das Bestre­ben zugrun­de, das schmei­chel­haf­te Selbst­bild zu ver­tei­di­gen, das der ande­re ange­grif­fen hat, und so gewis­ser­ma­ßen Gerech­tig­keit her­zu­stel­len.

Bau­meis­ter wen­det sich hier gegen die popu­lä­re Auf­fas­sung, Gewalt gehe vor­ran­gig von Men­schen mit nied­ri­gem Selbst­wert­ge­fühl aus. Ihm zufol­ge sind es viel­mehr Men­schen mit hohem, aber fra­gi­lem Selbst­wert­ge­fühl – sol­che, die sich eher überschät­zen und sich des­halb häu­fig gekränkt füh­len, wenn sie glau­ben, die Welt behand­le sie nicht mit dem Respekt, den sie ver­die­nen.

Die drit­te Kate­go­rie, der mora­li­sche Idea­lis­mus, ist im Zusam­men­hang mit Poli­tik und Kul­tur­kampf die inter­es­san­tes­te und neben der eben genann­ten die gefähr­lichs­te. Hier ist die schä­di­gen­de Tat aus Sicht des Täters dadurch gerecht­fer­tigt, dass sie einem guten höhe­ren Zweck die­ne. Über­zeu­gungs­tä­ter sind imstan­de, Bru­ta­li­tät und Grau­sam­keit als außer­or­dent­lich gute Taten anzu­se­hen. Obi­ges Himm­ler-Zitat ver­an­schau­licht dies. Er ent­schul­digt sich und sei­ne Män­ner über Tau­sen­den Lei­chen ste­hend nicht für man­geln­de Moral, son­dern er rühmt sich und sei­ne Män­ner für ihre her­aus­ra­gen­de Moral. Hier­auf kom­me ich gleich zurück.

Die vier­te Kate­go­rie Sadis­mus umfasst schließ­lich die Fäl­le, in denen es Men­schen tat­säch­lich zu genie­ßen schei­nen, ande­ren Leid zuzu­fü­gen. Für den Mythos ist dies zen­tral, doch Bau­meis­ter kommt zu dem Schluss, dass es in der Rea­li­tät ein eher sel­te­nes Motiv ist. Es gibt Seri­en­mör­der, die das Leid ihrer Opfer anschei­nend genie­ßen, und es gibt Gewalt­ex­zes­se in Krie­gen, im Zusam­men­hang mit Fol­ter und in den Kämp­fen unter Stra­ßen­gangs, die dar­auf schlie­ßen las­sen, dass Täter in eine Art Blut­rausch gera­ten. Es gibt Lust­mör­der, die als Sol­da­ten in Viet­nam waren und der­ar­ti­ge Befrie­di­gung aus dem Töten gezo­gen haben, dass sie es in der Hei­mat fort­setz­ten. Für man­che Täter ist Gewalt anschei­nend eine Art Sucht.

Doch die­se Fäl­le sind nicht die Regel. Die Täter­for­schung zeigt, dass sich nor­ma­le Men­schen unter geeig­ne­ten Umstän­den ohne gro­ße Mühe zu Tätern machen las­sen, aber auch, dass die meis­ten eher wider­wil­lig mit­zie­hen als mit Freu­de. Die Lite­ra­tur berich­tet ein­hel­lig von psy­chi­schen Pro­ble­men unter Sol­da­ten, die an Mas­sen­er­schie­ßun­gen teil­ge­nom­men haben. Dazu gehö­ren Alb­träu­me, Stress­sym­pto­me, Übel­keit und post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­run­gen. In der Schlacht schie­ßen eini­ge Sol­da­ten absicht­lich dane­ben, obwohl der Geg­ner eben­falls ver­sucht, sie zu töten. Viel­fäl­ti­ge Bele­ge zei­gen, dass es eine tief ver­an­ker­te Hem­mung und Abscheu gegen die Gewalt­aus­übung an ande­ren Men­schen gibt.

Ande­rer­seits ist in Krie­gen immer wie­der zu beob­ach­ten, dass Sol­da­ten eine Art Spiel aus dem Töten machen. Dar­aus könn­te man nahe­lie­gend auf Sadis­mus schlie­ßen. Bau­meis­ter ver­tritt dage­gen den Stand­punkt, dass die­ses Spie­le­ri­sche viel­mehr einen Ver­such dar­stellt, uner­träg­li­che Auf­ga­ben erträg­li­cher zu machen. Dafür spricht, dass Sol­da­ten, wenn sie sich wie das von Brow­ning unter­such­te Poli­zei­ba­tal­li­on all­mäh­lich an ihre mör­de­ri­schen Auf­ga­ben gewöh­nen, nicht anfan­gen, das Töten zu genie­ßen, son­dern es viel­mehr mit einer zuneh­mend kal­ten Pro­fes­sio­na­li­tät tun. Sie erfreu­en sich nicht am Leid der Opfer, son­dern sie blen­den es aus.

Das Böse als Antithese heiliger Werte

Der Mythos des rei­nen Bösen wird als Wahr­neh­mung akti­viert, wenn einem das Han­deln ande­rer ers­tens zer­stö­re­risch und zwei­tens nicht ratio­nal nach­voll­zieh­bar erscheint. Das all­täg­lichs­te Sze­na­rio, in dem das geschieht, sieht so aus, dass jemand gewalt­tä­tig han­delt und einem Beob­ach­ter der Kon­text nicht bekannt ist. Die Tat kommt wie aus dem Nichts. Ergo muss der Täter böse sein.

Doch das Sche­ma stellt sich auch ein, wenn jemand hei­li­ge Wer­te ver­letzt. Das Kon­zept der hei­li­gen Wer­te habe ich anhand der Arbeit des Psy­cho­lo­gen Jona­than Haidt hier genau­er erklärt. Es ver­weist auf einen wich­ti­gen Mecha­nis­mus der mensch­li­chen Grup­pen­bin­dung und zugleich der mensch­li­chen Reli­gio­si­tät.

Mensch­li­che Gemein­schaf­ten for­mie­ren sich um hei­li­ge Wer­te her­um. Wie gro­ße Magnet­fel­der ermög­li­chen die­se einer Viel­zahl von Men­schen ein koope­ra­ti­ves und fried­li­ches Mit­ein­an­der, indem sie in gewis­sem Umfang ihr Ver­hal­ten, ihr Emp­fin­den, ihre Wahr­neh­mung und ihr Den­ken syn­chro­ni­sie­ren.

Das Para­de­bei­spiel für hei­li­ge Wer­te sind reli­giö­se Wer­te. Doch es gibt auch säku­la­re hei­li­ge Wer­te, etwa Gleich­heit, Frei­heit, Demo­kra­tie, Hei­mat oder Umwelt­schutz. Kei­nes die­ser Kon­zep­te ist an sich oder zwangs­läu­fig ein hei­li­ger Wert. Man kann sie ratio­nal begrei­fen oder sakra­li­sie­ren, also hei­lig machen.

Der Haupt­un­ter­schied zwi­schen irgend­ei­nem Wert und einem hei­li­gen Wert ist, dass Letz­te­rer zu einer abso­lu­ten Grö­ße und unan­tast­bar wird. Über­ein­stim­mend heben Haidt und Bau­meis­ter dies her­vor. Hei­li­ge Wer­te sper­ren sich gegen Kom­pro­mis­se oder Abwä­gung mit ande­ren Wer­ten sowie gegen Kos­ten-Nut­zen-Rech­nun­gen. Ich brach­te dafür im ver­link­ten Text das Bei­spiel, dass Judas‹ Ver­rat immer noch Ver­rat wäre, wenn er mehr als 30 Sil­ber­ta­ler dafür bekom­men hät­te. Es ist kei­ne Fra­ge des Prei­ses, son­dern eine grund­sätz­li­che, bei der es kei­ne Grau­tö­ne und Mit­tel­we­ge gibt. Bau­meis­ter illus­triert es ähn­lich:

Sie kön­nen dem Teu­fel nicht nicht Ihre hal­be See­le ver­kau­fen.

Wir emp­fin­den schon die Idee als Sakri­leg, sich einem hei­li­gen Wert mit einer Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung zu nähern. Genau­so funk­tio­niert es bei säku­la­ren hei­li­gen Wer­ten. Kön­nen wir nicht ein biss­chen Dis­kri­mi­nie­rung zulas­sen? Kön­nen wir nicht ein biss­chen die Demo­kra­tie abbau­en? In den meis­ten sozia­len Krei­sen wären das unmög­li­che Stand­punk­te, obwohl in der Rea­li­tät über­haupt nicht scharf zu defi­nie­ren ist, was dis­kri­mi­nie­rend oder demo­kra­tisch ist. Sofern Dis­kri­mi­nie­rung und Demo­kra­tie­ab­bau statt­fin­den, müs­sen Befür­wor­ter sol­che Vor­gän­ge anders inter­pre­tie­ren, um einer Kol­li­si­on mit den hei­li­gen Wer­ten Gleich­heit und Demo­kra­tie aus­zu­wei­chen. Man kann sich nicht offen gegen sie stel­len und man kann sie nicht rela­ti­vie­ren.

Mit der Ver­ab­so­lu­tie­rung hei­li­ger Wer­te geht eine Ver­zer­rung der Wahr­neh­mung und des Den­kens ein­her. Alles, was den hei­li­gen Wert ver­kör­pert, muss rein sein, und alles, was ihn angreift oder in Zwei­fel zieht, muss schlecht oder böse sein. Da die Wirk­lich­keit aber nicht so fein säu­ber­lich in Gut und Böse sor­tiert, son­dern kom­plex und wider­sprüch­lich ist, muss man vie­les aus­blen­den und ande­res über­be­to­nen, um das schlich­te Gut-und-Böse-Den­ken auf­recht­zu­er­hal­ten. Haidt beschreibt die Effek­te par­ti­el­ler Blind­heit mit der Meta­pher des Magnet­felds, auf die ich oben schon zurück­ge­grif­fen habe. Alle Eisen­spä­ne rich­ten sich ent­lang den Feld­li­ni­en zwi­schen den zwei Polen aus. Wahr­neh­mun­gen und Äuße­run­gen, die die­sem Wahr­neh­mungs­sche­ma wider­spre­chen, wer­den als empö­rend und skan­da­lös emp­fun­den. Sie rufen wüten­de Abwehr­re­ak­tio­nen her­vor. Wenn der Norm­ver­let­zer nicht ein­lenkt und sich auf die eine oder ande­re Art den hei­li­gen Wer­ten unter­wirft, wird er in letz­ter Kon­se­quenz aus der Grup­pe ver­bannt oder gar ver­nich­tet.

Die­ser Mecha­nis­mus ist dafür ver­ant­wort­lich, dass so leicht der Mythos des rei­nen Bösen in welt­an­schau­li­che Strei­tig­kei­ten ein­dringt. Poli­ti­sche Lager und Par­tei­en sind mora­li­sche Gemein­schaf­ten. Ihre Mit­glie­der haben einen Satz hei­li­ger Wer­te ver­in­ner­licht. Je mehr sie sie ver­in­ner­licht haben und durch ihre sozia­len Kon­tak­te täg­lich dar­in bestä­tigt wer­den, des­to mehr emp­fin­den sie die­se Wer­te als selbst­ver­ständ­lich und alter­na­tiv­los, und des­to weni­ger kön­nen sie sich vor­stel­len, dass ein ver­nünf­ti­ger Mensch, der guten Wil­lens ist, sich im Wider­spruch zu die­sen hei­li­gen Wer­ten befin­den könn­te. Es ist zugleich eine kon­di­tio­nier­te Gefühls­re­ak­ti­on und eine von die­sem Stand­punkt aus logi­sche Schluss­fol­ge­rung: Wer das Hei­ligs­te angreift, muss böse sein.

Doch die Zahl der Fäl­le, in denen sol­che extre­men Feind­bil­der zutref­fen, dürf­te gegen Null gehen. In der Regel will nie­mand pri­mär zer­stö­ren oder han­delt vor­wie­gend aus Men­schen­feind­lich­keit oder Hass. Sowohl Rech­te als auch Lin­ke wol­len lebens­wer­te Lebens­be­din­gun­gen für Men­schen. Sie haben nur unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen davon, wie sol­che Lebens­be­din­gun­gen idea­ler­wei­se aus­sä­hen und wel­che Mit­tel geeig­net sind, sie her­zu­stel­len.

Wir gegen die, Gut gegen Böse – der Teufelskreis der Polarisierung

Unser Miss­ver­ständ­nis des Bösen folgt aus einer ver­zer­ren­den Wahr­neh­mung des Ande­ren und einer ver­zer­ren­den Wahr­neh­mung von uns selbst, die mit­ein­an­der Hand in Hand gehen. Wenn wir einen Übel­tä­ter als böse abha­ken, müs­sen wir uns nicht mehr fra­gen, ob wir selbst auch zu Taten wie sei­nen fähig wären. Der Mythos des rei­nen Bösen ver­führt zu Selbst­ge­rech­tig­keit. Bei­de Wahr­neh­mungs­ver­zer­run­gen begüns­ti­gen die Ent­ste­hung wei­te­rer bös­ar­ti­ger Hand­lun­gen. Da ich den Geg­ner für das Böse hal­te, habe ich kei­nen Grund, ihm gegen­über anstän­dig oder zurück­hal­tend zu sein. Je gläu­bi­ger ich bin, des­to mehr glau­be ich mich viel­leicht sogar ver­pflich­tet, so skru­pel­los zu sein wie mög­lich. Das Böse muss ver­nich­tet wer­den. Und da ich im Ein­klang mit den Wer­tun­gen mei­ner mora­li­schen Gemein­schaft hand­le, bin ich blind für die Tat­sa­che, dass ich selbst durch mei­ne aggres­si­ven Hand­lun­gen und mei­ne Ver­nich­tungs­wut mehr und mehr das ver­kör­pe­re, was nach all­ge­mein über­ein­stim­men­der Auf­fas­sung böse ist.

Was man gegen sol­che Teu­fels­krei­se der Eska­la­ti­on tun kann, scheint recht klar:

  1. der Ver­su­chung wider­ste­hen, den Geg­ner als böse zu kate­go­ri­sie­ren. Er ist in der Regel nicht bes­ser oder böser als man selbst. Statt­des­sen ver­su­chen, die Din­ge von sei­nem Stand­punkt aus zu sehen und zu ver­ste­hen, war­um er glaubt, was er glaubt.
  2. der Ver­su­chung wider­ste­hen, sich selbst Lizen­zen aus­zu­stel­len, die man ande­ren nicht auch aus­stel­len wür­de. Der Zweck hei­ligt nicht die Mit­tel. Sich klar­ma­chen, dass die eige­nen Mit­tel eben­so defi­nie­ren, wer man ist, wie die Zwe­cke, die man damit angeb­lich ver­folgt.

Ausblick: Was fehlt

Zwei­fel­los ist der Kul­tur­kampf unse­rer Tage zu wesent­li­chen Tei­len eine Kon­fron­ta­ti­on von mora­li­schen Gemein­schaf­ten mit ver­schie­de­nen hei­li­gen Wer­ten, und zwei­fel­los erzeu­gen die­se Kon­fron­ta­tio­nen böses Blut und Zerr­bil­der von Akteu­ren, die wie­der­um Kom­mu­ni­ka­ti­on erschwe­ren und Eska­la­ti­on begüns­ti­gen. 

Dabei ist jedoch auch noch ein ande­rer Aspekt im Spiel, den ich hier nur gestreift habe: Bau­meis­ters zwei­te Kate­go­rie, ver­letz­ter Ego­is­mus als Moti­va­tor feind­se­li­ger Hand­lun­gen. Hier geht es um Din­ge wie ver­letz­ten Stolz, Krän­kung, Selbst­wert­ge­fühl und Nar­ziss­mus. Häu­fig ist zu beob­ach­ten, dass Akteu­re sich stark mit ihren Theo­ri­en oder Glau­bens­sys­te­men iden­ti­fi­zie­ren und daher eine Kri­tik an ihnen als Angriff auf ihre Iden­ti­tät wahr­neh­men. Das ist eine ver­hee­ren­de Ent­wick­lung, die uns kri­tik- und dia­log­un­fä­hig macht. Die Iden­ti­täts­po­li­tik for­ciert die­sen Trend, indem sie ihre Anhän­ger dar­auf trai­niert, über­emp­find­lich zu sein (»Micro­ag­gres­si­ons«, Trig­ger­war­nun­gen), und indem sie davon aus­geht, als müss­ten alle Frau­en, alle Schwu­len, alle Trans­se­xu­el­len etc. letzt­lich den­sel­ben Stand­punkt ver­tre­ten, den umge­kehrt nur sie ver­tre­ten kön­nen. Nur so ist die For­de­rung nach »Reprä­sen­ta­ti­on« plau­si­bel. Dies aber bedeu­tet, dass Stand­punk­te mecha­nisch aus Iden­ti­tät fol­gen. Ich kann also in die­sem Rah­men dei­nen Stand­punkt nicht kri­ti­sie­ren, ohne dei­ne Iden­ti­tät anzu­grei­fen.

Ich fin­de es jeden­falls häu­fig schwer zu unter­schei­den, ob die zu beob­ach­ten­de Wut und Irra­tio­na­li­tät aus ver­letz­ten hei­li­gen Wer­ten oder aus ver­letz­ten Egos resul­tiert, und die Bezie­hung zwi­schen bei­den ist mir noch nicht klar. Ich wer­de dies­be­züg­lich wei­ter nach­den­ken und recher­chie­ren und ent­spre­chend dar­auf zurück­kom­men.

Als letz­ter Punkt ist fest­zu­hal­ten, dass es durch­aus destruk­ti­ve Impul­se im Sin­ne einer blin­den Zer­stö­rungs­wut und Bös­wil­lig­keit gegen ande­re Men­schen gibt. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine gewis­se Men­ge davon in sich trägt, die bei man­chen grö­ßer und bei ande­ren klei­ner ist, abhän­gig davon, wie zufrie­den sie mit ihrem Leben sind. Doch die­se Destruk­ti­vi­tät führt in der Regel ein halb unter­drück­tes Schat­ten­da­sein am Rand des See­len­le­bens und ist weit davon ent­fernt, die Haupt­mo­ti­va­ti­on des Betref­fen­den zu sein, wie der Mythos des rei­nen Bösen es nahe­le­gen wür­de. Auch dies wer­de ich zu einem ande­ren Zeit­punkt ver­tie­fen.

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