Die Empathielücke und die Krise der Männlichkeit

Die­ser Text erschien ursprüng­lich in mei­nem alten Blog als Bei­trag zum Tag der Geschlech­ter-Empa­thie­lü­cke am 11. Juli 2018. Ein Jahr spä­ter ver­öf­fent­li­che ich ihn hier gering­fü­gig über­ar­bei­tet wie­der. Im Alter­na­tiv­los-Aqua­ri­um fin­den Sie wei­te­re Infor­ma­tio­nen und Bei­trä­ge zum The­ma.

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»Es ist gut, wenn wei­nen­de Män­ner im Fern­se­hen gezeigt wer­den«.

Die­sen Satz hör­te ich neu­lich in einer Knei­pen­run­de, die sich zum WM-Spiel Kolum­bi­en gegen Eng­land ver­sam­melt hat­te. Nach Ver­län­ge­rung und Elf­me­ter­schie­ßen hat­te Eng­land gewon­nen. Eines der Stim­mungs­bil­der nach dem Abpfiff zeig­te einen kolum­bia­ni­schen Spie­ler auf der Bank, der sicht­lich nie­der­ge­schla­gen war und Trä­nen in den Augen hat­te.

Dazu äußer­te eine jun­ge Frau am Tisch obi­gen Satz. Jemand ande­res in Hör­wei­te, männ­lich, pflich­te­te nach­drück­lich bei, als hät­te sie etwas Pro­fun­des gesagt, das man gar nicht oft genug wie­der­ho­len kann.

Dies stell­te mich vor ein Dilem­ma. Soll­te ich schwei­gen oder ihre Äuße­rung zurück­wei­sen und damit eine poli­ti­sche Dis­kus­si­on vom Zaun bre­chen?

Trotz inne­rem Pro­test zu schwei­gen ist immer eine Unehr­lich­keit gegen­über ande­ren und sich selbst. Zu wider­spre­chen ande­rer­seits birgt bei sen­si­blen The­men eine gewis­se Wahr­schein­lich­keit, dass dar­aus Kon­tro­ver­sen fol­gen, die leicht eine Stun­de oder auch den gan­zen Abend dau­ern kön­nen. Dabei woll­ten wir alle uns doch nur in freund­li­cher Gesell­schaft ent­span­nen. Habe ich das Recht, den Abend in Beschlag zu neh­men? Und habe ich Lust dazu?

Es gäbe theo­re­tisch auch den Mit­tel­weg, höf­lich und diplo­ma­tisch zu wider­spre­chen statt »Bull­shit« zu sagen, wie es mir auf der Zun­ge lag, oder vor­sich­tig nach­zu­fra­gen, was sie mein­te. Aber auch das wäre unehr­lich gewe­sen, denn ich will mir gar nicht zum x‑ten Mal den immer glei­chen, modisch män­ner­feind­li­chen Quatsch anhö­ren, dass tra­di­tio­nel­le Männ­lich­keit »toxisch« sei und Män­ner mehr wie Frau­en wer­den müss­ten und/oder mehr Femi­nis­mus brauch­ten.

Wie klingt die Gegen­pro­be: »Es ist gut, wenn wei­nen­de Frau­en im Fern­se­hen gezeigt wer­den«. Wür­de man das in einer gesel­li­gen Run­de sagen, mit einem Aus­druck der Genug­tu­ung beim Anblick einer wei­nen­den Frau? Wie wür­den die Leu­te dar­auf reagie­ren?

Ich höre den Ein­wand, die bei­den Fäl­le sei­en doch nicht ver­gleich­bar, denn Frau­en hät­ten ja kein Pro­blem damit, Gefüh­le aus­zu­drü­cken. Eine Fest­stel­lung übri­gens, die nur dann nicht als böses sexis­ti­sches Kli­schee gilt, wenn sie als Beleg für die Über­le­gen­heit der Frau­en ange­führt wird. Die grö­ße­re emo­tio­na­le Sen­si­bi­li­tät der Frau­en ist gleich­zei­tig wahr und nicht wahr, je nach­dem, wer sie in wel­chem Kon­text mit wel­cher Inten­ti­on erwähnt.

Doch ein ver­meint­li­cher unter­schied­li­cher Bedarf nach Vor­bil­dern ist nicht der wah­re Grund dafür, dass wir die For­de­rung nach wei­nen­den Män­nern ver­sus Frau­en im Fern­se­hen unter­schied­lich emp­fin­den. Dies wäre nur eine beque­me Ratio­na­li­sie­rung, die einen tief­grei­fen­den Aspekt unse­rer Natur und Kul­tur teils ver­deckt, teils zur pro­gres­si­ven Ein­stel­lung ver­brämt: Wir brin­gen Män­nern weni­ger Empa­thie ent­ge­gen als Frau­en. Genau­er gesagt: kon­kre­ten Män­nern deut­lich weni­ger, Män­nern als Grup­pe oder in der Abs­trak­ti­on ten­den­zi­ell über­haupt kei­ne.

Um die­se Klam­mer zu schlie­ßen: Ich habe in der Knei­pen­run­de nichts gesagt und bereue das. Um als Indi­vi­du­en und als Kul­tur zu über­le­ben, müs­sen wir die Wahr­heit sagen.

Die Pflicht der Männer, sich zu opfern

Das Pro­blem an dem Satz »es ist gut, wenn wei­nen­de Män­ner im Fern­se­hen gezeigt wer­den« und der ver­brei­te­ten Idee dahin­ter, Män­ner soll­ten mehr von ihrem Lei­den zei­gen: Damit ver­bin­det sich kei­ne Absicht, ihnen zu hel­fen.

Die­se Idee ist nur ein wei­te­rer Aus­druck der Grund­re­gel, dass Män­ner sich selbst hel­fen. Das Pro­blem des männ­li­chen Lei­dens ist nach die­ser Auf­fas­sung nicht, dass es den Män­nern über­haupt wider­fährt, son­dern nur, dass sie falsch damit umge­hen.

Das ist eine kon­se­quen­te Fort­set­zung einer Jahr­tau­sen­de alten Tra­di­ti­on, wel­che Män­nern die Auf­ga­be zuschreibt, Hil­fe zu geben, nicht, sie zu emp­fan­gen.

Der Erfolg aller Gesell­schaf­ten der Geschich­te war [..] auf dem Blut, dem Schweiß und den Trä­nen von Män­nern gebaut, die ihr Leben in Krie­gen geop­fert haben, um die Frei­heit aller zu bewah­ren, und ihr Leben ris­kiert haben, um die Infra­struk­tur der Zivi­li­sa­ti­on auf­zu­bau­en. Ins­be­son­de­re von den Män­nern der Arbei­ter­klas­se wur­de auf­grund ihres Geschlechts erwar­tet, dass sie in Tun­neln ster­ben, auf hohen Gebäu­den, in Minen und auf hoher See, wäh­rend sie die Gebäu­de, Ver­kehrs­we­ge, Lebens­mit­tel und Sicher­heit schaf­fen, die für alle den Kom­fort eines zivi­li­sier­ten Lebens ermög­li­chen. Über alle Zeit­al­ter hin­weg wur­den Män­ner durch Ehrung und sozia­le Bestä­ti­gung »sozi­al besto­chen«, sich ent­spre­chend zu ver­hal­ten. So erlang­ten Män­ner (und eini­ge Frau­en) auf­grund ihrer Stär­ke oder ihres Mutes den Sta­tus von Hel­den. Gleich­zei­tig wur­den Män­ner (übli­cher­wei­se jedoch nicht Frau­en) »beschämt« in dem Maß, in dem sie die­sem Mus­ter nicht ent­spra­chen. Es gibt kei­ne bes­se­re Illus­tra­ti­on dafür als die wei­ßen Federn, die im Ver­ei­nig­ten König­reich als Sym­bo­le der Feig­heit an Män­ner aus­ge­ge­ben wur­den, die nicht für ihr Land kämp­fen woll­ten.

Mar­tin Seager, War­ren Far­rell, John A. Bar­ry (2016): The Male Gen­der Empa­thy Gap: Time for Psy­cho­lo­gy to Take Action (PDF), mei­ne Über­set­zung

Sol­da­ten in der Grund­aus­bil­dung

Seit der Zeit des Ers­ten Welt­kriegs, aus der die­ses Bei­spiel stammt, haben sich man­che Aspek­te der Geschlech­ter­ver­hält­nis­se ver­än­dert und ande­re nicht.

Gleich geblie­ben ist, dass von Män­nern erwar­tet wird, zu tun, was getan wer­den muss, ihre Bedürf­nis­se hint­an­zu­stel­len und über ihr Lei­den zu schwei­gen. Gefähr­li­che, schmut­zi­ge und aus­neh­mend har­te Arbei­ten sind wei­ter­hin über­wie­gend Män­ner­sa­che. Weit über 90 Pro­zent der­je­ni­gen, die bei Arbeits­un­fäl­len oder in Kriegs­ein­sät­zen ster­ben, sind Män­ner. Män­ner füh­ren bei den Selbst­mor­den, den Gefäng­nis­in­sas­sen, den Opfern lega­ler wie ille­ga­ler Gewalt und den Obdach­lo­sen. Sie ster­ben ein paar Jah­re frü­her.

Dies sind nack­te Tat­sa­chen. Gleich­zei­tig ist in der öffent­li­chen Sphä­re heu­te ein Abwei­chen von der Auf­fas­sung weit­ge­hend undenk­bar, dass die Frau­en und nur die Frau­en »struk­tu­rell benach­tei­ligt« sei­en.

Meme

Nun ist »Benach­tei­li­gung« (außer­halb sek­ten­ar­ti­ger neu­lin­ker Grup­pie­run­gen) kein Wett­be­werb und das Geschlech­ter­ver­hält­nis kein Null­sum­men­spiel. Viel­mehr gibt es eine tra­di­tio­nel­le, in der mensch­li­chen Natur wur­zeln­de Arbeits­tei­lung zwi­schen Män­nern und Frau­en, die für bei­de Vor- und Nach­tei­le brach­te. Dies berührt eine ele­men­ta­re Wahr­heit, die der Pro­gres­si­vis­mus heu­ti­ger Prä­gung aus­klam­mert: Ein Arran­ge­ment mit nur Vor­tei­len, ein Leben ohne Lei­den und Ent­beh­rung, gibt es nicht. Wer aber ein sol­ches fik­ti­ves Arran­ge­ment zum Maß­stab der Rea­li­tät macht, hat immer Motiv und Legi­ti­ma­ti­on, Bestehen­des zu zer­stö­ren.

Trotz aller Des­in­for­ma­ti­on, die kur­siert (etwa die, Frau­en erhiel­ten ein Vier­tel weni­ger Geld »für glei­che Arbeit« oder sei­en die pri­mä­ren Opfer von Gewalt im öffent­li­chen Raum oder Angrif­fen in Soci­al Media), ist im Prin­zip all­ge­mein bekannt, dass über­wie­gend Män­ner malo­chen, Gewalt erlei­den, unter Brü­cken erfrie­ren und im Gefäng­nis ver­sau­ern, wäh­rend sie von lin­ken Medi­en ein­schließ­lich der über­wie­gend von ihnen selbst finan­zier­ten öffent­lich-recht­li­chen regel­mä­ßig beschimpft und ver­leum­det wer­den.

Am Welt­män­ner­tag fin­det das ZDF Gewalt gegen Män­ner beson­ders lus­tig (Link)

Doch irgend­wie ist man in der Lage, all das für uner­heb­lich zu hal­ten, wenn es um die Fra­ge geschlechts­be­ding­ter Pri­vi­le­gi­en und Benach­tei­li­gun­gen geht.

Aber wie?

Bei­spiels­wei­se, indem man sich sagt, die Män­ner sei­en selbst schuld: War­um arbei­ten sie auch so viel! War­um wer­den sie auch kri­mi­nell! War­um grei­fen sie auch zur Fla­sche! War­um fres­sen sie auch ihre Gefüh­le in sich hin­ein! Da ist nichts struk­tu­rell, das ist ihr eige­nes dum­mes Ver­hal­ten!

Oder indem man sich sagt, das sei alles gering­fü­gig und die männ­li­chen Pri­vi­le­gi­en über­wö­gen so stark, dass die Nach­tei­le (wie die Erwar­tung, dass man sich ggf. mit 18 Jah­ren auf dem Schlacht­feld zer­fet­zen lässt usw.) rela­tiv dazu nicht der Rede wert sei­en.

Oder indem man es ein­fach aus­blen­det.

Alle drei Vari­an­ten beru­hen auf der Zero-Empa­thy-Linie gegen­über Män­nern, die in öffent­li­chen und poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen heu­te die Norm ist.

Soweit wir wis­sen kön­nen, gab es die Empa­thie­lü­cke schon immer – sie­he das Zitat oben. Das rela­ti­ve Feh­len von Empa­thie für Män­ner scheint bio­lo­gisch ver­wur­zelt zu sein. Es ist ein all­ge­gen­wär­ti­ges kul­tu­rel­les Motiv, dass Män­ner sich für ihre Frau­en, Fami­li­en und Gesell­schaf­ten opfern. Wer fän­de einen Hol­ly­wood­film erbau­lich, in dem eine Frau in den Tod geht, damit ihr männ­li­cher Gegen­part glück­lich wei­ter­le­ben kann?

Ein Mann, der sich opfert und dabei uner­mess­li­chen Schmerz auf sich nimmt, (fast) ohne zu kla­gen, ist das zen­tra­le Bild des Chris­ten­tums, das mit dem Appell ver­bun­den ist, sich ihn zum Vor­bild zu neh­men. Man stel­le sich dage­gen vor, am Kreuz der Chris­ten hin­ge eine Frau.

Aus evo­lu­ti­ons­theo­re­ti­scher Sicht ist eine Bevor­zu­gung von Frau­en durch die Empa­thie plau­si­bel: Frau­en sind für das Über­le­ben einer Grup­pe wert­vol­ler, denn ihre frucht­ba­re Pha­se ist kür­zer, ihre Kapa­zi­tät zur Fort­pflan­zung ist eng begrenzt und sie sind beson­ders in der Schwan­ger­schaft hoch­gra­dig ver­wund­bar. Ein Mann kann in prak­tisch unbe­grenz­ter Zahl Kin­der zeu­gen, selbst wenn er jung stirbt. Die Frucht­bar­keit der Frau­en ist ein knap­pes Gut, die der Män­ner nicht. Gleich­zei­tig sind Män­ner ana­to­misch bes­ser zum Kämp­fen und Arbei­ten aus­ge­stat­tet. Das ergibt ein kla­res Bild.

Ein wei­te­res evo­lu­tio­nä­res Indiz ist die Tat­sa­che, dass Frau­en in ihrem Erschei­nungs­bild Attri­bu­te des Kind­chen­sche­mas auf­wei­sen, das unter ande­rem Schutz­ver­hal­ten aus­löst. Das Volu­men der Kos­me­tik­bran­che und die Res­sour­cen und Zeit, die Frau­en für Make-Up auf­wen­den, ver­wei­sen auf die star­ke Wir­kung, die die­se phy­sio­gno­mi­schen Merk­ma­le auf Män­ner aus­üben. (Anders als Femi­nis­tin­nen anneh­men, schmin­ken Frau­en sich nicht, weil sie gehirn­ge­wa­sche­ne Zom­bies sind, die gedan­ken­los tun, was man ihnen sagt, son­dern weil es ihnen Vor­tei­le bringt. Nein, doch, oh.)

Dem Opfer steht keine Ehrung mehr gegenüber

Was hat sich also heu­te im Ver­gleich zur tra­di­tio­nel­len Ord­nung geän­dert?

Die Balan­ce zwi­schen Opfer­be­reit­schaft und Gra­ti­fi­ka­ti­on ist ver­lo­ren­ge­gan­gen. Män­ner, die sich nicht opfern wol­len oder wenig zu bie­ten haben, wer­den wei­ter­hin beschämt, doch dem steht kei­ne ent­spre­chen­de Ehrung der­je­ni­gen mehr gegen­über, die den Erwar­tun­gen ent­spre­chen und etwas leis­ten.

Zwar wer­den Füh­rungs­per­so­nen wei­ter­hin gut bezahlt, man zeigt Ret­tern Respekt und gele­gent­lich wer­den auch Prei­se ver­lie­hen. Für her­aus­ra­gen­de Leis­tun­gen gibt es immer noch Aner­ken­nung. Doch die­se löst sich sofort in Luft auf, wenn es nicht um kon­kre­te Per­so­nen geht, son­dern um Män­ner als Grup­pe, Männ­lich­keit als Prin­zip oder männ­li­che Eigen­schaf­ten im All­ge­mei­nen. Die­se gel­ten als schänd­lich, schmut­zig, gest­rig.

Dass es in ers­ter Linie Män­ner sind, die aus der Gna­den­lo­sig­keit der Natur den Kom­fort der Zivi­li­sa­ti­on machen und dabei sich selbst ver­schlei­ßen, hat unter ande­rem den Effekt, dass sie mehr ver­die­nen als Frau­en. Eigent­lich liegt es nahe, in Anbe­tracht die­ser Tat­sa­che zu sagen: Nun, sie haben ja auch ent­spre­chend hart dafür gear­bei­tet, und wir alle pro­fi­tie­ren erheb­lich von der Infra­struk­tur, die sie bereit­stel­len, von den guten und bezahl­ba­ren Lebens­mit­teln, der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung, der öffent­li­chen Sicher­heit und noch vie­lem mehr; zumal ein Teil des Ein­kom­mens von Fami­li­en­vä­tern sowie­so bei Ehe­frau­en und Töch­tern lan­det.

Statt­des­sen deu­tet man die höhe­re Ver­gü­tung der grö­ße­ren männ­li­chen Arbeits­leis­tung als Unge­rech­tig­keit und ruft den Män­nern zu: »Hey, macht Platz für die Frau­en«, als wäre das lebens­lan­ge Arbei­ten in ers­ter Linie Genuss und Selbst­ver­wirk­li­chung.

Berg­werks­ar­bei­ter um 1900 nach ihrer Schicht im Auf­zug

Nichts macht kras­ser deut­lich, dass der heu­ti­ge west­li­che Femi­nis­mus ein Pro­dukt pri­vi­le­gier­ter Mit­tel­schichts-Aka­de­mi­ke­rin­nen des 20. Jahr­hun­derts ist, als sei­ne Grund­an­nah­me, für die Ver­sor­gung und den Schutz ande­rer zu arbei­ten und zu kämp­fen wäre durch die gan­ze Mensch­heits­ge­schich­te hin­durch ein Pri­vi­leg gewe­sen, als hät­ten die Män­ner des Mit­tel­al­ters die Frau­en aus Ego­is­mus oder Bos­heit davon abge­hal­ten, am Gla­mour des Schuf­tens auf dem Acker teil­zu­ha­ben.

Denn ja – die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit waren Bau­ern, nicht Prin­zen, und neben den weni­gen Prin­zen gab es weni­ge Prin­zes­sin­nen. So war es immer: Weni­gen rei­chen ste­hen vie­le arme Fami­li­en gegen­über, nicht vie­len rei­chen Män­nern vie­le arme Frau­en. Dem Femi­nis­mus gebührt Respekt für die Leis­tung, die absur­de Annah­me ins öffent­li­che Bewusst­sein gepflanzt zu haben, Män­ner soli­da­ri­sier­ten sich von Natur aus eher mit ande­ren Män­nern als mit der eige­nen Frau und Fami­lie. Das ist auf dem Niveau eines erfolg­rei­chen Kühl­schrank­ver­käu­fers am Nord­pol.

In dem Film »The Red Pill« erklärt Kathe­ri­ne Spil­lar, Mit­be­grün­de­rin der Femi­nist Majo­ri­ty Foun­da­ti­on und Chef­re­dak­teu­rin des femi­nis­ti­schen Maga­zins Ms., die Exis­tenz der Män­ner­rechts­be­we­gung damit, dass Män­ner sich dage­gen wehr­ten, ihre Pri­vi­le­gi­en zu ver­lie­ren. Dies illus­triert sie mit der Bemer­kung, für die Groß­vä­ter der heu­ti­gen Män­ner sei es doch sehr kom­for­ta­bel gewe­sen, von ihren Frau­en die Hem­den gebü­gelt zu bekom­men.

Män­ner, die gebü­gel­te Hem­den tra­gen – die­ses Bild zeigt, auf wel­che sozia­le Schicht und wel­che Kate­go­rie von Lebens­pro­ble­men sich der Hori­zont des west­li­chen Femi­nis­mus gewöhn­lich beschränkt.

US-Sol­da­ten auf dem Natio­nal­fried­hof Arling­ton

Ein unerbittlich verteidigtes Tabu

Wenn Män­ner ihre Bedürf­nis­se ernst neh­men und ihr Lei­den arti­ku­lie­ren, schlägt ihnen ein Tsu­na­mi aus Wut, Hass und Ver­ach­tung ent­ge­gen. Auf den Punkt brach­te das in ihrer unnach­ahm­li­chen Men­schen­ver­ach­tung die Spie­gel-Kolum­nis­tin Mar­ga­re­te Sto­kow­ski, als sie Jens Jes­sens ZEIT-Arti­kel über den män­ner­feind­li­chen Zeit­geist als »halt- und ehr­lo­ses Geflen­ne« bezeich­ne­te.

Sel­ten geben Femi­nis­tin­nen so offen zu, dass sie uralte männ­li­che Ehr­kon­zep­te benut­zen, um Män­ner zu beschä­men und zu kon­trol­lie­ren. Aber es muss dabei nicht aus­drück­lich der Begriff »Ehre« fal­len, um es erkenn­bar zu machen.

Da wäre etwa der Spott­be­griff »Male Tears«, mit dem Femi­nis­tin­nen ihre kate­go­ri­sche Empa­thie­ver­wei­ge­rung für Män­ner zum Aus­druck brin­gen, die über ihre Bedürf­nis­se und/oder Lei­den spre­chen. (Wenn sie dafür kri­ti­siert wer­den, war natür­lich alles nur Iro­nieman hängt sozu­sa­gen nach­träg­lich ein »(lacht)« an -, so wie auch die Phra­se »Mas­cu­lini­ty so fra­gi­le« oder der belieb­te Hash­tag »#kil­l­all­men« nur Iro­nie sind und der jahr­zehn­te­lan­ge Ein­satz von Femi­nis­tin­nen dafür, dass männ­li­che Gewalt- und Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer wei­ter­hin nicht wahr­ge­nom­men wer­den und kei­ne Anlauf­stel­len haben, ver­mut­lich eben­falls nur Iro­nie ist.)

Femi­nis­ti­sche Reak­ti­on auf femi­nis­mus­kri­ti­schen »ZEIT«-Artikel

Die Bedürf­nis­se, Pro­ble­me und Lei­den von Män­nern und Jun­gen wer­den nicht ein­fach nur über­se­hen. Viel­mehr ist deren Arti­ku­la­ti­on mit einem Tabu belegt, das inner­halb kul­tur­prä­gen­der Schich­ten uner­bitt­lich und mit fun­da­men­ta­lis­ti­schem Eifer ver­tei­digt wird.

Das ist am ein­deu­tigs­ten zu beob­ach­ten, wenn es um die Män­ner­rechts­be­we­gung geht oder auch nur das Wort »Män­ner­rech­te« fällt. Deren Ver­tre­ter wer­den atta­ckiert, bekämpft, ver­leum­det, beschimpft und ver­spot­tet, als wären sie direk­te Abge­sand­te des Teu­fels.

Stan­dard­mä­ßig hält man ihnen etwa ent­ge­gen, sie woll­ten Frau­en auf die Rol­le der Haus­frau fest­na­geln, streb­ten irgend­ei­ne Ver­fü­gungs­ge­walt von Män­nern über Frau­en oder deren Kör­per an, hass­ten Frau­en oder – um ganz kur­zen Pro­zess zu machen – sei­en Nazis.

Nun – das sind Lügen. Um es vor­sich­ti­ger zu for­mu­lie­ren, da ich den Spre­chern nicht in die Köp­fe schau­en kann: Es sind Lügen, unge­prüft über­nom­me­ne Falsch­in­for­ma­tio­nen, ideo­lo­gie­be­ding­te Hal­lu­zi­na­tio­nen oder Mischun­gen aus alle­dem.

Die Män­ner­rechts­be­we­gung ist nichts ande­res als eine Orga­ni­sa­ti­on, die sich für die Inter­es­sen von Män­nern ein­setzt. Und wenn femi­nis­ti­sche Män­ner anneh­men, pri­mä­res Inter­es­se von Män­nern sei eine Unter­jo­chung der Frau­en, soll­ten sie viel­leicht ein­mal in sich gehen und sich fra­gen, war­um ihnen das so plau­si­bel erscheint.

Die hef­ti­ge Abwehr die­ser Orga­ni­sa­ti­on zeigt frap­pie­rend das Gefühl aku­ter Bedro­hung, das es in unse­rer Kul­tur aus­löst, wenn Män­ner zusam­men­kom­men, um über ihre Pro­ble­me zu spre­chen. Sie sind sofort der Feind und das Aller­letz­te, und man hält es für nor­mal, ihre Akti­vi­tä­ten mit allen Mit­teln unter­bin­den zu wol­len.

»Es ist gut, wenn wei­nen­de Män­ner im Fern­se­hen gezeigt wer­den.« Aber eben nur, solan­ge sich damit kei­ner­lei Anspruch ver­bin­det, mit irgend­ei­nem Pro­blem ernst­ge­nom­men zu wer­den oder etwas an den Ver­hält­nis­sen zu ändern.

Andern­falls pas­siert so etwas:

Die­sel­be Art von Reak­ti­on fin­det man regel­mä­ßig in gro­ßen Medi­en, deren Autoren bei die­sem The­ma nur gering­fü­gig zivi­li­sier­ter auf­tre­ten als die hier zu sehen­den blö­ken­den Demons­tran­ten. Auf Gen­der­a­ma doku­men­tiert Arne Hoff­mann dies seit vie­len Jah­ren.

Eine vergiftete Einladung

Män­ner arti­ku­lie­ren ihre Gefüh­le des­we­gen nicht sehr bereit­wil­lig, weil sie von Kind­heit an dar­auf gedrillt sind, ihren Wert als Per­son an ihre Fähig­keit zu knüp­fen, ihre Bedürf­nis­se der Erfül­lung ihrer gesell­schaft­li­chen Auf­ga­ben unter­zu­ord­nen. Außer­halb der Män­ner­rechts­be­we­gung im wei­tes­ten Sinn gibt es nie­man­den, der dar­an etwas ändern will, am wenigs­ten der Femi­nis­mus.

Die femi­nis­ti­sche For­de­rung »zeigt eure Gefüh­le« in Kom­bi­na­ti­on mit dem jeder­zeit dro­hen­den Male-Tears-Spott zeich­net einen engen Kor­ri­dor vor, in dem sich der männ­li­che Gefühls­aus­druck bewe­gen darf, sowohl inhalt­lich als auch for­mal.

Eine wun­der­vol­le Illus­tra­ti­on dafür kommt von der Meme gewor­de­nen Femi­nis­tin »Big Red«, noch ein­mal in »The Red Pill«. Cas­sie Jaye kon­fron­tiert sie im Inter­view mit der Kri­tik, der Femi­nis­mus habe die Rech­te der Män­ner nicht auf dem Schirm. Ihre Ant­wort:

Cry me a river. Real­ly, becau­se femi­nism is a move­ment about the dis­crepan­ci­es when it comes to women’s equa­li­ty, becau­se we’re still not the­re yet. So don’t even start with the who­le “you don’t think about the men’s issu­es”, well, you know, start your own god­damn move­ment, which they have, but may­be make it a litt­le more about legi­ti­ma­te issu­es like cus­to­dy and ali­mo­ny and things that you think are une­qual, which all stem from patri­ar­chy.

Chan­ty Binx / »Big Red«

Ich para­phra­sie­re: »Der Femi­nis­mus ist ein­sei­tig – okay, dann grün­det doch eure eige­ne Bewe­gung! Ups, das habt ihr ja, und ich habe gera­de kei­fend, dozie­rend und nie­man­den zu Wort kom­men las­send dage­gen pro­tes­tiert. Hm. Na ja, aber nur des­halb, weil eure Anlie­gen nicht legi­tim sind (was natür­lich ich ent­schei­de), obwohl es ja legi­ti­me Anlie­gen für euch gäbe, die aller­dings alle Teil des Patri­ar­chats sind, also eure Schuld und nur durch unse­re Lösun­gen sinn­voll zu behan­deln. Eure Bewe­gung ist ille­gi­tim und über­flüs­sig.«

In Wirk­lich­keit lau­tet die patho­lo­gisch wider­sprüch­li­che Bot­schaft: »Zeigt eure Gefüh­le und sprecht über eure Pro­ble­me, aber sagt dabei nur, was wir hören wol­len, und nichts ande­res, oder wir bekämp­fen euch mit allen Mit­teln«.

Die Verdrängung von Materialität und Konflikt

Wie kam es dazu, dass Männ­lich­keit so in Ver­ruf gera­ten ist? Dass wir eine klei­ne Zahl von Ver­bre­chen mit Männ­lich­keit in Ver­bin­dung brin­gen und nicht die Mil­lio­nen Akte der Wert­schöp­fung, des Hel­fens und des Ret­tens, die Män­ner täg­lich voll­brin­gen? Dass es annä­hernd unmög­lich gewor­den ist, die Män­ner hier­für zu fei­ern?

In einem lesens­wer­ten ZEIT-Essay von 2012 ver­tritt Chris­toph Kucklick die The­se, dass die west­li­chen Kul­tu­ren etwa um den Beginn des 19. Jahr­hun­derts her­um anfin­gen, Män­ner mit den Gewal­ten der Moder­ni­sie­rung zu asso­zi­ie­ren, die zu die­ser Zeit die bekann­te und ehe­mals selbst­ver­ständ­li­che Welt- und Gesell­schafts­ord­nung aus den Angeln ris­sen.

Die Män­ner stan­den für das rege Trei­ben auf den Märk­ten und Stra­ßen, die Güter­pro­duk­ti­on, die Kon­kur­renz, den Krieg, das Cha­os, die Beschleu­ni­gung, die Umbrü­che und die Unmo­ral; die Frau­en für Ruhe, Bestän­dig­keit, Gebor­gen­heit, Tra­di­ti­on, Mit­ge­fühl und Tugend.

Den wis­sen­schaft­lich nicht halt­ba­ren Sozi­al­kon­struk­ti­vis­mus des Autors ein­mal bei­sei­te – die The­se ist auch in Kon­text einer Kul­tur der Poli­ti­schen Kor­rekt­heit plau­si­bel. Die öffent­li­che Sphä­re scheint danach zu stre­ben, auf der Ebe­ne von Spra­che und Sym­bo­lik eine Welt zu schaf­fen, in der alle gleich sind, alle dazu­ge­hö­ren (wozu auch immer) und nie­mand ver­letzt wird. Man­che ver­glei­chen die­se Phi­lo­so­phie mit Wett­kämp­fen auf Kin­der­ge­burts­ta­gen, bei denen alle Kin­der anschlie­ßend zum Sie­ger gekürt wer­den, damit sich nie­mand zurück­ge­setzt fühlt.

In einer hoch­in­ter­es­san­ten Dis­kus­si­on (Video­link) haben ein­mal Jor­dan Peter­son und The­ryn Mey­er den Gedan­ken erör­tert, dass die Kul­tur der poli­ti­schen Kor­rekt­heit als Keim eines neu­en Tota­li­ta­ris­mus gese­hen wer­den kann, der im Unter­schied zu frü­he­ren Tota­li­ta­ris­men erst­mals femi­nin cha­rak­te­ri­siert ist. Die star­ke Beto­nung des Mit­füh­lens, das Stre­ben nach Gleich­heit und Har­mo­nie unter den Unter­ge­be­nen, deren ten­den­zi­el­le Ent­mün­di­gung, die gna­den­lo­se Abwehr von Stö­run­gen der Har­mo­nie, das nim­mer­mü­de Hin­ein­re­gie­ren in per­sön­li­che Bezie­hun­gen und Gefüh­le – all das lässt sich plau­si­bel als exzes­si­ve und an der fal­schen Stel­le wirk­sa­me Müt­ter­lich­keit deu­ten. In dem bekann­ten Aus­druck »Nan­ny-Staat« spie­gelt sich eine ähn­li­che Idee. Eine »Nan­ny« bemut­tert und betüd­delt, aber ein Staat, der das tut, ist unaus­weich­lich Auto­ri­tär.

Es geht hier nicht um eine Pau­scha­li­sie­rung von weib­li­chen oder müt­ter­li­chen Eigen­schaf­ten. Die Tem­pe­ra­men­te von Män­nern und Frau­en unter­schei­den sich, dies aber nur gra­du­ell. Frau­en nei­gen ein wenig mehr zur poli­ti­schen Kor­rekt­heit und Män­ner ein wenig mehr nach rechts. Die Ten­den­zen sind vor­han­den, erge­ben aber bei Wei­tem kei­nen Schwarz-Weiß-Gegen­satz.

Doch so wie im Mili­ta­ris­mus vor 100 Jah­ren bestimm­te Aspek­te von Männ­lich­keit kul­ti­viert, glo­ri­fi­ziert und exzes­siv über­trie­ben wur­den – auch von Frau­en -, so kön­nen auch bestimm­te Aspek­te von Weib­lich­keit oder Müt­ter­lich­keit kul­ti­viert, glo­ri­fi­ziert und exzes­siv über­trie­ben wer­den – auch von Män­nern.

Dies scheint zumin­dest einen Aspekt des kul­tu­rel­len Kli­mas heu­te tref­fend zu beschrei­ben. Hier wird ein ähn­li­cher Gedan­ke aus­ge­führt.

Doch wir kön­nen die­se Welt, in der alle gleich sind, alle dazu­ge­hö­ren und nie­mand ver­letzt wird, eben nur auf der Ebe­ne der Spra­che und Sym­bo­lik schaf­fen, d.h. uns vor­gau­keln. Der har­te Boden der Rea­li­tät ver­schwin­det nicht. Es gibt Krank­heit, Schmerz, Ent­täu­schung, Ver­rat, Trau­er, Ver­zweif­lung, Gewalt, Unglück, Kon­kur­renz, Man­gel, Knapp­heit, Hun­ger, Streit, Neid und Hass.

Wir sind gezwun­gen, durch schmut­zi­ge und har­te Arbeit Tei­le der Natur in Bedürf­nis­be­frie­di­gungs­mit­tel zu ver­wan­deln und dabei auch Tei­le von ihr zu zer­stö­ren. Ungleich­heit kommt bereits mit unse­ren unter­schied­li­chen Geno­men in die Welt und poten­ziert sich durch die unter­schied­li­che Aus­stat­tung der Ein­zel­nen mit nütz­li­chen Fähig­kei­ten und noch mehr durch die Not­wen­dig­keit von Hier­ar­chi­en für die Orga­ni­sa­ti­on von Grup­pen und Gesell­schaf­ten.

Lei­den und Schmerz beglei­ten uns immer. Durch die rela­ti­ve Befrei­ung unse­res Geis­tes von den Impe­ra­ti­ven situa­ti­ver Rei­ze neh­men wir Dis­kre­pan­zen zwi­schen unse­rem Ide­al und unse­rer Rea­li­tät wahr. Das bringt Wut, Neid, Miss­gunst, Resi­gna­ti­on und destruk­ti­ve Stre­bun­gen her­vor.

Der Kon­flikt um die Ein­wan­de­rung ist ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel für die Kol­li­si­on der Per­spek­ti­ve der poli­ti­schen Kor­rekt­heit, die Har­mo­nie und Gleich­heit betont, mit einer ande­ren, wel­che die Welt als einen Ort begrenz­ter Res­sour­cen und Mög­lich­kei­ten begreift, als einen Ort, in dem der Lauf der Din­ge blind für unse­re Hoff­nun­gen ist und sei­nen eige­nen Gesetz­mä­ßig­kei­ten folgt, einen Ort, an dem Men­schen schwit­zen, blu­ten, lei­den und ster­ben – so oder so, unaus­weich­lich, immer. Weil die Welt so ist. Was nicht heißt, dass man Lei­den nicht mini­mie­ren könn­te oder soll­te – im Gegen­teil ist dies in einer Welt begrenz­ter Res­sour­cen und Mög­lich­kei­ten das sinn­volls­te Ziel. Doch die »har­te« Per­spek­ti­ve weiß, dass nicht alles Wün­schens­wer­te auch mög­lich ist und dass alles einen Preis hat.

Ein Aspekt der poli­ti­schen Pola­ri­sie­rung ist ein Ver­lust der Fähig­keit, die jeweils ande­re Per­spek­ti­ve zu ver­ste­hen und zu inte­grie­ren. Zuge­spitzt und grob ver­ein­facht: Den Rech­ten fehlt das Mit­ge­fühl für die Armen der Welt, den Lin­ken fehlt das Bewusst­sein für die Gren­zen des Mach­ba­ren, sei­en es öko­no­mi­sche, kul­tu­rel­le, psy­cho­lo­gi­sche oder noch ande­re.

In ihrer tra­di­tio­nel­len Funk­ti­on als Arbei­ter, Kämp­fer und Herr­scher sind bzw. waren Män­ner direk­ter mit der Rea­li­tät als einer Are­na des Kamp­fes um begrenz­te Res­sour­cen aller Art kon­fron­tiert. Heu­te ist die­ser Aspekt der Rea­li­tät etwas, das die eher links ori­en­tier­ten Eli­ten der west­li­chen Gesell­schaf­ten nicht ger­ne sehen: die Tat­sa­che, dass unse­re Bedürf­nis­be­frie­di­gungs­mit­tel der Natur müh­sam abge­run­gen wer­den müs­sen, dass für unse­re Sicher­heit täg­lich jemand den Kopf hin­hal­ten muss und dass es Kon­flik­te zwi­schen Men­schen und Grup­pen gibt, die zum Teil in bösem Wil­len wur­zeln, zum Teil aber auch ein­fach dar­in, dass wir in einer Welt begrenz­ter Res­sour­cen leben.

Kurz: Die Tat­sa­che, dass alles einen Preis hat.

Viel­leicht wehrt sich unser Zeit­al­ter umso stär­ker dage­gen, die Lebens­wirk­lich­keit der Män­ner ernst zu neh­men, weil die Kon­fron­ta­ti­on mit die­ser Wirk­lich­keit die poli­tisch kor­rek­te Uto­pie einer har­mo­ni­schen Welt der Gleich­heit zer­stö­ren wür­de, einer Welt, die man regie­ren kann wie einen Kin­der­ge­burts­tag, in der sich alle ver­tra­gen, nie­mand ver­letzt wird und all die guten Din­ge ein­fach vor­han­den sind, ohne dass man sie hart erar­bei­ten oder teu­er erkau­fen müss­te.

Die Uto­pie einer Welt, mit ande­ren Wor­ten, in der eine Kul­tur ohne star­ke Män­ner über­le­ben kann.

3 Kommentare

  1. »Die star­ke Beto­nung des Mit­füh­lens, das Stre­ben nach Gleich­heit und Har­mo­nie unter den Unter­ge­be­nen, deren ten­den­zi­el­le Ent­mün­di­gung, die gna­den­lo­se Abwehr von Stö­run­gen der Har­mo­nie, das nim­mer­mü­de Hin­ein­re­gie­ren in per­sön­li­che Bezie­hun­gen und Gefüh­le – all das lässt sich plau­si­bel als exzes­si­ve und an der fal­schen Stel­le wirk­sa­me Müt­ter­lich­keit deu­ten.«

    Kann man in Deutsch­land nach mei­nem Ein­druck am Auf­kom­men des »Wut­bür­gers«, dem teil­wei­se eben­falls ver­mehrt abwer­tend gemein­ten »besorg­ten Bür­gern«, und in jün­ge­rer Zeit der all­ge­gen­wär­ti­gen »Hass­re­de« sehen. Span­ned wel­ches Gefühl als nächs­tes dran ist, viel­leicht die Angst?
    Ist natür­lich auch immer nur für bestimm­te Formen/Themen von Pro­test und Sor­gen reser­viert.

  2. Lie­ber Sebas­ti­an,

    vie­len Dan­ke für die­sen Bei­trag, der mich elek­tri­siert hat. Wie lan­ge brauchst Du, um so einen Text zu ver­fas­sen?

    Du benennst in dem Text etwas, das mir seit Mona­ten und eigent­lich Jah­ren Sor­gen berei­tet: Im Gespräch mit Freun­den kann ich oft nicht mehr sagen, was ich den­ke, oder ich ver­lie­re die­se Freun­de. Es geht dabei meist um Gen­der-Fra­gen. In mei­nem (ehe­ma­li­gen?) Umfeld neh­men fast alle an, es herr­sche ein Patri­ar­chat. Wenn man sich seit Jah­ren kennt, will man ja irgend­wann mal sagen, was man wirk­lich denkt. Kürz­lich habe ich also in einer Bar in der Run­de gesagt, ich hal­te die Theo­rie der Herr­schaft des Patri­ar­chats für wis­sen­schaft­lich nicht halt­bar und alle dach­ten ich wäre plötz­lich ver­rückt oder böse gewor­den. Es wur­de mit zuneh­men­der gegen­sei­ti­ger Ver­bit­te­rung gestrit­ten. In Dei­nem Text fin­de ich eine Erklä­rung: ein qua­li­ta­tiv neu­ar­ti­ges Stre­ben nach tota­ler Har­mo­nie erregt gera­de in einem aka­de­misch-geis­tes­wis­sen­schaft­lich bei­na­he schon Hass auf fremd­ar­ti­ge Ide­en, die nicht nur als Stö­rung, son­dern als Angriff emp­fun­den wer­den und als sol­cher mit der eige­nen Exis­tenz kaum ver­ein­bar erschei­nen. Es fehlt jede Bereit­schaft, sich in ande­re Posi­tio­nen ein­mal hin­ein­zu­den­ken.

    Eine Detail­an­mer­kung. Du schreibst:
    »Nichts macht kras­ser deut­lich, dass der heu­ti­ge west­li­che Femi­nis­mus ein Pro­dukt pri­vi­le­gier­ter Mit­tel­schichts-Aka­de­mi­ke­rin­nen des 20. Jahr­hun­derts ist, als sei­ne Grund­an­nah­me, für die Ver­sor­gung und den Schutz ande­rer zu arbei­ten und zu kämp­fen wäre durch die gan­ze Mensch­heits­ge­schich­te hin­durch ein Pri­vi­leg gewe­sen, als hät­ten die Män­ner des Mit­tel­al­ters die Frau­en aus Ego­is­mus oder Bos­heit davon abge­hal­ten, am Gla­mour des Schuf­tens auf dem Acker teil­zu­ha­ben.«
    In der Sache hast Du sicher recht. Ich wäre aber vor­sich­tig in Annah­men dar­über, wie die Arbeits­tei­lung über so lan­ge his­to­ri­sche Zeit­räu­me wie das »Mit­tel­al­ter« kon­kret funk­tio­niert hat. Ich wür­de davon aus­ge­hen, dass die Frau­en wie auf dem Hof mei­ner Oma eben­falls auf den Äckern gear­bei­tet haben, aber das wäre eine eige­ne his­to­ri­sche For­schungs­fra­ge. 🙂

    Herz­li­che Grü­ße und vie­len Dank für den anre­gen­den Bei­trag!
    Mar­tin

    1. Hal­lo Mar­tin, vie­len Dank! Im Zusam­men­hang mit den Sor­gen und Erfah­run­gen, die du beschreibst, fin­dest du viel­leicht auch in den ande­ren Bei­trä­gen hier noch Inter­es­san­tes. Zum zwei­ten Punkt, da habe ich wohl unklar for­mu­liert, ich gehe auf jeden Fall davon aus, dass Frau­en zu allen Zei­ten auch gear­bei­tet haben. (Die bür­ger­li­che Haus­frau ist eine his­to­risch sehr jun­ge Erschei­nung, und auch die ist ja nicht untä­tig, außer viel­leicht bei einer wohl­ha­ben­den Min­der­heit.) Ich woll­te nur die Welt­fremd­heit beto­nen, die dazu gehört, Arbeit pri­mär als Pri­vi­leg zu sehen.

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