Wilde Horden im Internet: Ein Spezialfall des Mythos vom reinen Bösen

Anknüp­fend an den vor­an­ge­hen­den Arti­kel über die Wahr­neh­mung ideo­lo­gi­scher Geg­ner als böse gehe ich hier anhand von Bei­spie­len auf eine Vari­an­te des Mythos des rei­nen Bösen ein, die uns im Inter­net­zeit­al­ter häu­fig begeg­net. Ich bezeich­ne sie als »Wil­de Hor­den«. Die­se tre­ten in Erzäh­lun­gen auf, die besa­gen, dass da drau­ßen bzw. im Inter­net eine wil­de Hor­de ihr Unwe­sen trei­be, die der Leser/Zuhörer fürch­ten und has­sen soll. Sol­che Erzäh­lun­gen haben die Funk­ti­on, ein Moral­sys­tem zu repro­du­zie­ren und die Pola­ri­tät von Gut und Böse zu schär­fen, was die eige­ne Sei­te ent­spre­chend hel­ler als gut erstrah­len lässt. Wil­de Hor­den sind ein dank­ba­res Ziel für Pro­jek­tio­nen des Bösen, weil sie furcht­ein­flö­ßend und zugleich anonym und nicht greif­bar sind. Will man kon­kre­te Per­so­nen beschul­di­gen, braucht man Bewei­se und muss sich der Ver­tei­di­gung der Beschul­dig­ten stel­len. Wil­de Hor­den hin­ge­gen kön­nen sich nicht und kann man nicht ver­tei­di­gen. Wil­de-Hor­den-Erzäh­lun­gen sta­bi­li­sie­ren mora­li­sche Gemein­schaf­ten, doch auf gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Ebe­ne zer­stö­ren sie Ver­trau­en.

Bevor ich zu den Bei­spie­len kom­me, fas­se ich noch ein­mal kurz zusam­men, wor­um es beim Mythos des rei­nen Bösen geht.

In aller Regel sehen Men­schen ihr eige­nes Han­deln nicht als böse an, son­dern als gut oder zumin­dest gerecht­fer­tigt. Dies muss man wis­sen, wenn man die Moti­va­ti­on von Handelnden/Tätern ver­ste­hen will, und die­ses Ver­ständ­nis wie­der­um ist nötig, wenn man wis­sen will, wie das Böse in die Welt kommt.

Erschwert wird es durch unse­re all­ge­mei­ne Nei­gung, Übel­tä­ter als bös­ar­tig wahr­zu­neh­men. Wir tref­fen reflex­haft die Annah­me, dass es ihre Absicht sei, zu schä­di­gen, zu ver­let­zen und Cha­os zu stif­ten, weil sie dar­an Befrie­di­gung fän­den. So ent­steht der »Mythos des rei­nen Bösen«, wie der Psy­cho­lo­ge Roy Bau­meis­ter es genannt hat – eine Vor­stel­lung, die wir uns vom Bösen bil­den und in Erzäh­lun­gen aller Art immer wie­der abbil­den, die aber mit der tat­säch­li­chen Psy­cho­lo­gie aggres­si­ven oder ander­wei­tig schä­di­gen­den Ver­hal­tens wenig zu tun hat.

Der Kern die­ser Vor­stel­lung ist der Kurz­schluss, »wer böse han­delt, ist böse«. Er ist psy­cho­lo­gisch vor allem des­we­gen attrak­tiv, weil er Klar­heit schafft, sowohl hin­sicht­lich der Kau­sa­li­tät als auch hin­sicht­lich der Moral eines Ereig­nis­ses: Die Tat ist durch die bösen Absich­ten des Täters hin­rei­chend erklärt und Gut und Böse sind sau­ber getrennt. Dies macht es leicht, zu urtei­len und zu verurtei­len.

Der Mythos des rei­nen Bösen ermög­licht es mir als Opfer oder Beob­ach­ter, jeg­li­che Gemein­sam­keit zwi­schen mir und dem Täter abzu­strei­ten, denn böse Moti­va­tio­nen wie die, die ich ihm zuschrei­be, sind mir fremd. Ich bin fehl­bar, aber ich will das Gute. Er will das Böse. Die kate­go­ri­sche Unter­schied­lich­keit zwi­schen ihm und mir schützt und stärkt die Wahr­neh­mung mei­ner selbst als gut.

Die Wahr­neh­mungs­ge­stalt des rei­nen Bösen in die­sem Sinn stellt sich nicht nur bei Gewalt­ta­ten und geziel­ten Feind­se­lig­kei­ten ein, son­dern auch, wenn jemand die eige­nen hei­li­gen Wer­te ver­letzt. Hei­li­ge Wer­te bin­den Men­schen zu koope­ra­ti­ven Gemein­schaf­ten zusam­men und funk­tio­nie­ren als ver­in­ner­lich­ter Kom­pass, der uns jeder­zeit füh­len lässt, was nach den Maß­stä­ben unse­rer Gemein­schaft gut und was böse ist. Stellt sich jemand gegen unse­re hei­li­gen Wer­te, reagie­ren wir reflex­haft mit emo­tio­na­ler Abwehr und neh­men den Ket­zer oder Außen­sei­ter als böse im obi­gen Sinn wahr.

Ein Pro­blem ist das vor allem aus zwei Grün­den. Ers­tens ver­ste­hen wir die wirk­li­che Moti­va­ti­on von Han­deln­den nicht, wenn wir uns mit dem Fan­ta­sie­bild des rei­nen Bösen begnü­gen. Unse­re Deu­tung des Gesche­hens ruht dann auf einer fal­schen Prä­mis­se und ist von Grund auf irra­tio­nal. Zwei­tens: Das Böse darf und muss mit allen Mit­teln bekämpft wer­den. Die Deu­tung eines Geg­ners als bös­ar­tig ist eine beque­me Mög­lich­keit, uns selbst die Lizenz aus­zu­stel­len, alle Mit­tel ein­zu­set­zen – auch sol­che, die aus der Per­spek­ti­ve eines unbe­tei­lig­ten Beob­ach­tes selbst bös­ar­tig erschei­nen. Womit sich der Kreis dann schließt: Auf­grund unse­rer Grün­de und Recht­fer­ti­gun­gen sehen wir das Böse nicht, wenn wir es selbst ver­kör­pern.

»Rassistische Vernichtungsfantasien«

Am 29. Juli stieß ein Mann aus Eri­trea einen 8‑jährigen Jun­gen im Frank­fur­ter Haupt­bahn­hof vor einen ein­fah­ren­den Zug und nahm ihm damit das Leben. Die AfD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Ali­ce Wei­del kom­men­tier­te dies so:

Dar­auf kam aus der Twit­ter­sphä­re unter ande­rem die­se Ant­wort:

Der Account von »Ste­fan« wur­de inzwi­schen gelöscht. Ich habe im Goog­le-Cache noch Res­te davon gefun­den, die nicht beson­ders aus­sa­ge­kräf­tig sind. Er nutz­te Twit­ter nur sel­ten und nicht pri­mär für poli­ti­sche Kom­men­ta­re. Er hat­te nur neun Fol­lo­wer. Immer­hin erziel­te sein »Volkstrecker«-Tweet 44 Likes, inso­fern ist er nicht ganz irrele­vant, aber die Res­te des Pro­fils las­sen kei­ne rechts­ex­tre­men Ten­den­zen oder ähn­li­ches erken­nen.

Ein Akti­vist aus dem lin­ken Lager kom­men­tier­te Wei­dels Tweet mit »Ste­fans« Reak­ti­on wie­der­um wie folgt. Ange­hängt war zusätz­lich ein Aus­schnitt der aktu­el­len Twit­ter-Trends.

Der Tweet beginnt mit einer nur vage umschrie­be­nen Grup­pe (»Ras­sis­ten«) und einer dar­auf bezo­ge­nen Aus­sa­ge der Form »es geht denen nicht um …, son­dern um …«. Eine mit Gewiss­heit vor­ge­tra­ge­ne, abso­lu­te Behaup­tung (»ein­zig und allein«) über Geis­tes­hal­tun­gen und Inten­tio­nen aller Indi­vi­du­en der zuvor vage umschrie­be­nen Grup­pe. Er glaubt sicher zu wis­sen, dass null posi­ti­ve mensch­li­che Regun­gen in die­sen »Ras­sis­ten« vor­han­den sind.

Die­ses häu­fig anzu­tref­fen­de Mus­ter ist ein star­ker Indi­ka­tor dafür, dass es sich um Fan­ta­sie han­delt. Wie soll­te es mög­lich sein, eine so spe­zi­fi­sche und siche­re Aus­sa­ge über psy­chi­sche Zustän­de einer hohen Anzahl frem­der Men­schen zu tref­fen? Die empi­ri­sche Basis fehlt und die Aus­sa­ge ist nicht ein­mal in sich plau­si­bel, wenn man es nüch­tern betrach­tet. War­um soll­te eine Befür­wor­tung der Todes­stra­fe oder Wut auf den Täter aus­schlie­ßen, dass man trau­ert und Mit­ge­fühl emp­fin­det? Geht nicht bei­des schlüs­sig mit­ein­an­der ein­her? Wür­de obi­ger Anklä­ger nicht selbst Wut auf einen rech­ten Mör­der emp­fin­den und dabei für sich in Anspruch neh­men, dass die Wut gerecht­fer­tigt sei und dass er zugleich um das Opfer traue­re?

Der Screen­shot der Twit­ter-Trends ergibt durch die Neben­ein­an­der­stel­lung von »Frank­furt«, »Afri­ka­ner« und »Todes­stra­fe« ras­sis­ti­sche, viel­leicht sogar geno­zi­da­le Asso­zia­tio­nen (Todes­stra­fe für Afri­ka­ner?), aber dass dies gleich­zei­ti­ge Trends sind, besagt natür­lich nicht, dass die Wör­ter auch in den­sel­ben Tweets auf­tau­chen und dort in dem hier sug­ge­rier­ten Zusam­men­hang ste­hen.

Die­ser Link führt bei Twit­ter eine Suche nach Tweets vom 29. Juli durch, die das Wort »Todes­stra­fe« ent­hal­ten. Die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Tweets bringt Empö­rung dar­über zum Aus­druck, dass »Todes­stra­fe« tren­det. Es ist prak­tisch immer so, wenn Leu­te sich über einen Twit­ter-Trend auf­re­gen: Die­se Leu­te wer­den schnell zur größ­ten Kraft, die den Trend leben­dig hält.

Die meis­ten Tweets spre­chen sich gegen die Todes­stra­fe aus, man­che mit, man­che ohne Empö­rung. Ich muss­te ein biss­chen suchen, um über­haupt einen Todes­stra­fen­be­für­wor­ter zu fin­den. Sol­che Befür­wor­tung ist aller­dings noch nicht gleich­be­deu­tend mit »Lynch­ge­lüs­ten« und »Ver­nich­tungs­fan­ta­si­en«.

Was ich nur ein ein­zi­ges Mal gese­hen habe – auf einem Screen­shot, den Lin­ke her­um­reich­ten –, ist ein Tweet, der sich für die Todes­stra­fe aus­sprach und dies in irgend­ei­ner Form auf Aus­län­der bezog. In den ande­ren weni­gen Fäl­len, in denen die For­de­rung nach der Todes­tra­fe über­haupt erho­ben wur­de, begrün­de­te sie sich stets aus der Grau­sam­keit der Tat. Auch die Tweets von Ali­ce Wei­del und »Ste­fan« neh­men in kei­ner Wei­se auf die Her­kunft oder Eth­ni­zi­tät des Täters Bezug.

Ich stieß also ver­ein­zelt auf Zorn und Rache­ge­lüs­te in Rich­tung eines Täters, der soeben grund­los und grau­sam ein Kind ermor­det hat. Das scheint mir weder über­ra­schend noch all­zu erschre­ckend. Ich konn­te nichts fin­den, was ras­sis­ti­schen Ver­nich­tungs­fan­ta­si­en glei­chen wür­de. Zie­hen grau­sa­me Gewalt­tä­ter etwa kei­ne Wut auf sich, wenn sie Lands­leu­te sind? Doch, natür­lich tun sie das.

Es gibt hier offen­bar ein Bedürf­nis, blut­dürs­ti­ge Nazi­h­or­den zu sehen, und selek­ti­ve Wahr­neh­mung erle­digt den Rest.

Die wilde Ur-Horde: Gamergate

Weil dies ein Phä­no­men ist, das einem regel­mä­ßig begeg­net, prä­ge ich dafür den Begriff »Wil­de Hor­den«. Es dürf­te etwas sein, das in die­ser Form erst im Inter­net­zeit­al­ter rele­vant gewor­den ist. Ich mei­ne die Fäl­le, in denen ein Erzäh­ler – meist ein Jour­na­list, Poli­ti­ker oder Akti­vist – das Bild zeich­net, dass da drau­ßen bzw. im Netz eine wil­de Hor­de ihr Unwe­sen treibt; eine Hor­de von Indi­vi­du­en, die vol­ler Hass sind und schä­di­gen, zer­stö­ren, ver­let­zen wol­len. Meist bekommt der Zuhö­rer die­se Hor­de nie zu Gesicht und der Erzäh­ler lie­fert nur dün­ne oder über­haupt kei­ne Bewei­se für ihre Exis­tenz.

Der Mecha­nis­mus der Wil­de-Hor­den-Erzäh­lung ist mir zum ers­ten Mal und in beson­de­rer Hef­tig­keit im Jahr 2014 im Zusam­men­hang mit »Gamer­ga­te« begeg­net, einer Rebel­li­on von Com­pu­ter­spie­le­fans gegen den Ver­such mit­ein­an­der ver­bün­de­ter Akti­vis­ten und Jour­na­lis­ten, die Com­pu­ter­spie­le-Sub­kul­tur und ‑Bran­che nach Maß­ga­be radi­kal­pro­ges­si­ver Iden­ti­täts­po­li­tik umzu­ge­stal­ten. Noch heu­te pfle­gen neu­lin­ke Akti­vis­ten und Orga­ni­sa­tio­nen den Mythos, dass damals Hor­den von jun­gen Gamern im Inter­net Jagd auf Frau­en und Min­der­hei­ten gemacht hät­ten und dass die Gamer-Kul­tur im Grun­de eine frau­en­feind­li­che und faschis­ti­sche sei. Gamer­ga­te hat hier viel­fach die Rol­le eines Ur-Mythos ange­nom­men, der die­se Leu­te nicht los­lässt; ich las sogar ein­mal, Gamer­ga­te hät­te Trump ins Amt gebracht. Das ist eine Wahn­vor­stel­lung mit einem Körn­chen Wahr­heit: Gamer­ga­te war der ers­te grö­ße­re und wirk­sa­me Wider­stand gegen das Vor­drin­gen neu­lin­ker Iden­ti­täts­po­li­tik in der Kul­tur, und Trump ist eben­falls unter ande­rem ein Wider­stand dage­gen; bes­ser gesagt: Aus­druck eines gesell­schaft­li­chen Wider­stan­des dage­gen. Die Stär­ke und Beharr­lich­keit die­ses Wider­stan­des ist für die Iden­ti­täts­po­li­ti­ker eine trau­ma­ti­sche Erfah­rung, da es für sie zur suk­zes­si­ven Ver­wirk­li­chung ihrer recht spe­zi­fi­schen theo­re­tisch-ideo­lo­gi­schen Vor­stel­lun­gen kei­ne akzep­ta­ble Alter­na­ti­ve gibt.

Da ich sei­ner­zeit noch recht stramm links war, neig­te ich einer­seits dazu, den lin­ken Akti­vis­ten und Medi­en zu glau­ben, die das behaup­te­ten. Ande­rer­seits aber schien es mir unplau­si­bel. War­um soll­ten Mas­sen jun­ger Män­ner auf Teu­fel komm raus »Frau­en has­sen«, und zwar so sehr, dass sie wochen- und mona­te­lang aktiv Jagd auf sie mach­ten? Män­ner mögen und lie­ben Frau­en im All­ge­mei­nen und has­sen sie nicht, ins­be­son­de­re jun­ge Män­ner.

Zu mei­ner Skep­sis trug auch bei, dass ich Com­pu­ter­spie­le grund­sätz­lich mit Sym­pa­thie sah, auch wenn ich nie ein Hard­core-Gamer war. Ich kann­te die­se Kul­tur als zuwei­len rup­pig, aber auch als welt­of­fen und krea­tiv. Was Frau­en betrifft, stell­te es sich mir immer so dar, dass die­se sich weit weni­ger für Com­pu­ter­spie­le inter­es­sier­ten und männ­li­che Gamer ihnen ten­den­zi­ell als nerdig und unse­xy gal­ten. Des­halb war es für Letztere/uns immer ein Anlass zur Freu­de, wenn jun­ge Frau­en sich für Games inter­es­sier­ten. Ich kann ver­ste­hen, wenn es für Game­rin­nen ner­vig ist, stän­dig bewun­dert, begafft und ange­bag­gert zu wer­den, was geschieht, weil Frau­en in die­ser Sze­ne ein­fach sel­ten sind. Doch die Behaup­tung, dass Mas­sen von Män­nern es sich vor­neh­men, die weni­gen vor­han­de­nen Frau­en aktiv aus dem Gaming zu ver­trei­ben, weil sie sie aus hei­te­rem Him­mel »has­sen«, ergab vor dem Hin­ter­grund mei­ner Erfah­run­gen kei­ner­lei Sinn.

Aber man las es ja über­all, also muss­te doch etwas dran sein? Lau­ter renom­mier­te Medi­en wer­den so etwas doch nicht erfin­den? Ich war ver­un­si­chert und woll­te Gewiss­heit. Ich frag­te mich also, wie man die ver­füg­ba­re Evi­denz so aus­wer­ten könn­te, dass das Ergeb­nis nicht nur anek­do­tisch wäre und dass man dar­aus schlie­ßen könn­te, was für den gan­zen Streit und die Gamer­ga­te-Bewe­gung wesent­lich und zen­tral ist und was nicht.

Und das war gar nicht so schwer. Ich sah mir zum einen die Ant­wor­ten auf die Tweets und Vide­os pro­mi­nen­ter Femi­nis­tin­nen an, die har­te Kri­tik an den Gamern übten und in den Medi­en als Opfer von mas­sen­haf­ten Dro­hun­gen und frau­en­ver­ach­ten­den Belei­di­gun­gen her­um­ge­reicht wur­den. Das Ergeb­nis ent­sprach dem der Suche nach »Todes­stra­fe« oben. Die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Tweets ent­hielt ver­nünf­ti­ge, begrün­de­te, mit nor­ma­lem mensch­li­chen Respekt vor­ge­tra­ge­ne Kri­tik, obwohl die­se Akteu­rin­nen hart aus­teil­ten. Eini­ge ent­hiel­ten flap­si­ge Sprü­che. Dro­hun­gen und vul­gä­re Inhal­te bil­de­ten allen­falls einen win­zi­gen Boden­satz. Dahin­ter stand ein­deu­tig kei­ne Mas­se. Hier waren die wil­den Hor­den nicht zu fin­den, von deren behaup­te­tem Wüten die Medi­en voll waren.

Dies kann ich nach so lan­ger Zeit nicht mehr empi­risch bewei­sen, da vie­le der damals rele­van­ten Posts und Accounts inzwi­schen nicht mehr exis­tie­ren. Außer­dem wür­de eine umfas­sen­de Dar­stel­lung und Beweis­füh­rung zu viel Raum bean­spru­chen. Ersatz­wei­se bie­te ich ein ande­res Bei­spiel an, das in viel klei­ne­rem Maß­stab eine ähn­li­che Gestalt auf­weist.

Exkurs: Amnesty verkauft »Damsel in Distress«

Im Dezem­ber 2018 ver­öf­fent­lich­te Amnes­ty Inter­na­tio­nal eine »Twit­ter-Stu­die«, die laut skan­da­li­sie­ren­der Über­schrift die »scho­ckie­ren­de Grö­ßen­ord­nung der Angrif­fe [abu­se] gegen Frau­en im Internt« offen­le­ge. Ich sah näher hin und fand her­aus, dass etwa Jour­na­lis­tin­nen und Poli­ti­ke­rin­nen laut die­ser Stu­die weni­ger als zwei Pro­zent miss­bräuch­li­che Tweets erhiel­ten. Das sind Berufs­grup­pen, deren Mit­glie­der eine über­durch­schnitt­li­che Reich­wei­te haben und durch ihre öffent­li­che Funk­ti­on auf das gesell­schaft­li­che Leben Ein­fluss neh­men, wes­halb ihre Äuße­run­gen zwangs­läu­fig immer ein paar Leu­te ver­är­gern wer­den. Selbst bei denen also, die am ehes­ten ange­fein­det wer­den, bleibt der Anteil miss­bräuch­li­cher Tweets unter zwei Pro­zent. Für den Durch­schnitt der Frau­en dürf­te der Wert ent­spre­chend klei­ner sein.

Die­se gute Nach­richt, dass Online-Anfein­dun­gen trotz Anony­mi­tät usw. sel­ten sind, passt nicht zum von Amnes­ty gewünsch­ten Schock­fak­tor. Ver­mut­lich des­halb ver­mark­te­te die Orga­ni­sa­ti­on ihre Stu­die dann mit der nebu­lö­sen Metrik, dass »alle 30 Sekun­den« eine Frau einen miss­bräuch­li­chen Tweet erhal­te. Das ZDF schlug die Hacken zusam­men und plap­per­te es nach. Die Ver­gleichs­grö­ße, die nötig wäre, um eine beson­de­re Betrof­fen­heit von Frau­en zu behaup­ten, näm­lich, wie häu­fig Män­ner ange­grif­fen wer­den, wur­de erst gar nicht erho­ben. (Laut einer gering­fü­gig älte­ren Stu­die von Pew Rese­arch sind Män­ner von allen Online-Anfein­dun­gen außer sexu­el­ler Beläs­ti­gung und Stal­king stär­ker betrof­fen als Frau­en. Das ent­spricht den Ver­hält­nis­sen bei der Gewalt­kri­mi­na­li­tät in der Off­line-Welt.) Auch hier lös­ten sich die wil­den Hor­den bei nähe­rem Hin­se­hen also schnell in Luft auf.

Die Irren leiten die Anstalt

Zurück zu Gamer­ga­te. Neben den Accounts der Gamer­ga­te-Geg­ne­rIn­nen sah ich mir die Inhal­te der You­Tube- und Twit­ter-Accounts eini­ger Gamer­ga­ter an, die inner­halb der Bewe­gung als Wort- und Mei­nungs­füh­rer fun­gier­ten. Deren Fol­lo­wer- und Abon­nen­ten­zah­len sowie die Likes ihrer Inhal­te schie­nen mir brauch­ba­re Indi­ka­to­ren dafür zu sein, dass ihre Stand­punk­te zumin­dest annä­hernd die Stand­punk­te der Gamer­ga­te-Bewe­gung wie­der­ga­ben. Ich wun­der­te mich, dass kaum ein Jour­na­list auf die Idee kam, sich auf die­se Wei­se sys­te­ma­tisch ein Bild davon zu machen, wor­um es ging.

Bei kei­nem die­ser Wort- und Mei­nungs­füh­rer war je zu hören, dass Frau­en, eth­ni­sche Min­der­hei­ten oder sonst jemand nichts im Gaming zu suchen hät­te. Nicht mal ein biss­chen. Viel­mehr ging es dar­um, dass eine kor­rupt agie­ren­de Kaba­le von radi­kal­pro­gres­si­ven Akti­vis­ten und Jour­na­lis­ten dar­auf dräng­te, die Com­pu­ter­spie­le-Sub­kul­tur auf eine ideo­lo­gi­sche Linie mit dem inter­sek­tio­na­len Femi­nis­mus zu brin­gen. Das Druck­mit­tel dazu war wie üblich das Anschwär­zen die­ser Com­mu­ni­ty als sexis­tisch, ras­sis­tisch, homo­phob etc. Dage­gen wehr­te sich die­se. Ähn­li­ches voll­zieht sich gegen­wär­tig im Zusam­men­hang mit Hol­ly­wood-Pro­duk­tio­nen (Ghost­bus­ters 2016, Star Wars, Ter­mi­na­tor 6, Cap­tain Mar­vel, Fema­le Thor …), mit dem Unter­schied, dass hier wohl nicht in ers­ter Linie die Medi­en die trei­ben­de Kraft der for­cier­ten Poli­ti­sie­rung sind, son­dern die Krea­ti­ven selbst.

Wenn die Fans als Ras­sis­ten und Frau­en­has­ser beschimpft wer­den, ist man ver­sucht, von Lügen in den Medi­en zu spre­chen. Doch wahr­schein­lich sind es genau­ge­nom­men kei­ne Lügen, da in der Wahr­neh­mung von Akti­vis­ten die Ableh­nung radi­kal­pro­gres­si­ver Ideo­lo­gie tat­säch­lich gleich­be­deu­tend mit »Frau­en has­sen« und Kri­tik an den Ver­tre­te­rin­nen die­ser Ideo­lo­gie »Hass« ist. Dies wäre ein Aus­druck der Wahr­neh­mung ideo­lo­gi­scher Geg­ner als böse, wie sie hier The­ma ist. Die­se Wahr­neh­mung ist dann so zwin­gend, dass man als Jour­na­list etwa die schwer­wie­gen­de Anschul­di­gung mas­sen­haf­ter Mord­dro­hun­gen unge­prüft durch­reicht und die Behaup­tun­gen einer inter­es­sier­ten Streit­par­tei eben­so unge­prüft als pure Wahr­heit akzep­tiert. Bei­des ist psy­cho­lo­gisch dann und nur dann plau­si­bel, wenn man im Bann einer Ideo­lo­gie steht, denn dann weiß man von vorn­her­ein, wo Gut und Böse ste­hen, und ein Prü­fung der Guten auf womög­lich Böses und umge­kehrt sind unnö­tig, ver­bie­ten sich sogar aus mora­li­schen Grün­den.

Dass prak­tisch alle gro­ßen Medi­en die Wil­de-Hor­den-Erzäh­lung ver­brei­te­ten, dabei auf Evi­denz ver­zich­te­ten und durch kei­ne Gege­nevi­denz davon abzu­brin­gen waren, jag­te mir einen tie­fen Schre­cken ein und ver­än­der­te mei­nen Blick auf die Welt für immer. Es wäre mir fast lie­ber gewe­sen, dass es mir gelun­gen wäre, die­se wil­den Hor­den auf­zu­fin­den, weil das den Schock und mei­ne Ent­frem­dung von der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung ver­hin­dert hät­te. Aber ich fand sie nicht, und nichts hat mein Ver­trau­en in die Medi­en der­art schwin­den las­sen wie die­se zutiefst beun­ru­hi­gen­de Erfah­rung einer media­len Mas­sen­hys­te­rie und ‑hal­lu­zi­na­ti­on.

Seit­dem glau­be ich nicht mehr ohne Bewei­se an wil­de Hor­den wel­cher Art auch immer. Jeder, der mich dazu auf­for­dert, bestimm­te Per­so­nen oder Grup­pen zu has­sen, soll sich zum Teu­fel sche­ren, wenn er sei­ne Vor­wür­fe gegen die­se Per­so­nen oder Grup­pen nicht kon­kre­ti­sie­ren und bewei­sen kann.

Moralpsychologische Funktionen der Wilde-Horden-Erzählung

Die gesell­schaft­li­chen Fol­gen des mora­li­schen Wirt­schaf­tens mit Wil­de-Hor­den-Erzäh­lun­gen sind nicht zu unter­schät­zen. Es macht einen gro­ßen Unter­schied, ob es da drau­ßen eine Genera­ti­on von jun­gen Män­nern gibt, die »Frau­en has­sen« und sie aktiv aus dem Inter­net ver­trei­ben wol­len, oder ob es sie nicht gibt. Glei­ches gilt für »Ras­sis­ten« mit »Ver­nich­tungs­fan­ta­si­en«. Es macht einen Unter­schied für unse­re Vor­stel­lung von der Welt, für unse­re Vor­stel­lung von der aktu­el­len gesell­schaft­li­chen Situa­ti­on und sogar für unser all­ge­mei­nes Men­schen­bild. Damit ist nicht zu spa­ßen. Man streut auch nicht leicht­fer­tig in der Nach­bar­schaft das Gerücht, dass ein Mör­der im Haus woh­ne.

Doch der Glau­be an die eine oder ande­re wil­de Hor­de stif­tet Sinn und Gemein­schaft. Er hat eine sozia­le und psy­chi­sche Funk­ti­on. Es wird nicht wirk­lich eine Frau geret­tet, wenn Spi­der-Man im Kino sei­ne Mary Jane aus der Bre­douil­le holt, aber es ist erbau­lich, ihm dabei zuzu­schau­en und sich mit ihm zu iden­ti­fi­zie­ren. Ähn­lich ist es, wenn Medi­en­er­zeug­nis­se oder Amnes­ty Inter­na­tio­nal aus­rei­ten, um Frau­en im Inter­net vor Mons­tern zu ret­ten. Es wer­den dadurch nicht wirk­lich Frau­en vor irgend­was geret­tet, aber die Medi­en bekom­men Klicks, Amnes­ty et al. bekom­men Spen­den und die Kli­cker und Spen­der kön­nen sich ein biss­chen tugend­haft füh­len. So haben alle, was sie woll­ten. Dass dabei sozia­les Ver­trau­en zer­stört wird, ist eine Exter­na­li­tät, wie das Abwas­ser einer Fabrik.

Die wil­den Hor­den mani­fes­tie­ren den Mythos des rei­nen Bösen. Sie bie­ten die Mög­lich­keit, einen Schur­ken in die Erzäh­lung ein­zu­füh­ren, ohne tat­säch­lich jeman­den kon­kret zu beschul­di­gen, wofür man letzt­lich ja dann doch Bewei­se bräuch­te. Indem ich sie ver­dam­me, indem ich sie has­se, indem ich ihre Ver­nich­tung for­de­re, demons­trie­re ich mei­ne Tugend und ver­or­te mich fest auf der Sei­te des Guten, auch in mei­nen eige­nen Augen. Indem Mani­fes­ta­tio­nen des rei­nen Bösen zei­gen, wo das Böse ist, zei­gen sie auch, wo das Gute ist, und wir brau­chen bei­des zur Ori­en­tie­rung und zur Grup­pen­bil­dung auf Basis sozia­ler Nor­men.

Zwei Schlussbemerkungen

Dass Mythen des Bösen eine sinn- und gemein­schafts­stif­ten­de Funk­ti­on haben, bedeu­tet nicht, dass wir uns der Irra­tio­na­li­tät und Feind­se­lig­keit aus­lie­fern müss­ten, die sie säen. Aber das Böse ein­fach zu leug­nen ist auch nicht die Lösung – es gibt das Böse. Es gibt auch Mobs im Inter­net und anders­wo. Von­nö­ten ist viel­mehr ein reflek­tier­tes Ver­ständ­nis vom Bösen, eine Phi­lo­so­phie des Bösen. Zu einer sol­chen ver­su­che ich hier­mit bei­zu­tra­gen, wobei natür­lich noch viel mehr dazu zu sagen wäre.

Bezüg­lich der poli­ti­schen Rechts-Links-Pola­ri­tät schrieb ich im letz­ten Arti­kel, dass die Wahr­neh­mung des Geg­ners als böse in bei­den Rich­tun­gen gesche­he. Dass Bei­spie­le lin­ker Wahr­neh­mung der Rech­ten als böse leich­ter zur Hand sind, führ­te ich dar­auf zurück, dass in unse­rem öffent­li­chen Leben ganz all­ge­mein lin­ke Wort­mel­dun­gen leich­ter zur Hand sind.

Aber wahr­schein­lich ist es nicht nur das. Ich nei­ge jetzt zu der Annah­me, dass Lin­ke tat­säch­lich eher Rech­te als bös­ar­tig wahr­neh­men als umge­kehrt. Das wür­de zu die­ser Beob­ach­tung von Tho­mas Sowell pas­sen:

Hin­ter dem Account steckt nicht wirk­lich Tho­mas Sowell, aber es sind ech­te Zita­te von ihm.

Man den­ke zur Illus­tra­ti­on etwa an das unter Rech­ten geläu­fi­ge Wort »Gut­mensch«. Wer es gebraucht, geht davon aus, dass die damit Bezeich­ne­ten im Grun­de gut sein wol­len und sich für gut hal­ten. Genau das geste­hen Lin­ke Rech­ten eher nicht zu. Sie neh­men viel­mehr an, Letz­te­re hät­ten von Grund auf böse Absich­ten und wür­den lügen und täu­schen, sofern sie gute Absich­ten behaup­te­ten.

In der Moral­psy­cho­lo­gie von Jona­than Haidt und aus ande­ren Quel­len gibt es Anhalts­punk­te dafür, dass Rech­te bes­ser ver­ste­hen, wie Lin­ke den­ken, als umge­kehrt. Das dürf­te die Erklä­rung dafür sein, dass Lin­ke ihre Geg­ner eher als Mani­fes­ta­ti­on des rei­nen Bösen wahr­neh­men – eine Wahr­neh­mung, die ja stets mit man­geln­dem Ver­ständ­nis der tat­säch­li­chen Moti­ve des Han­deln­den ein­her­geht.

Ein Text über die­se moral­psy­cho­lo­gi­schen Unter­schie­de zwi­schen Rech­ten und Lin­ken steht sowie­so ganz oben auf mei­ner Lis­te und folgt als nächs­tes.

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2 Kommentare

  1. Ich erle­be die­ses .… Erfin­den (?) von Hass oft auf twit­ter oder face­book.

    Man liest irgend­ei­nen (kon­tro­ver­sen) Post und drun­ter fin­det man dann Kom­men­ta­re wie »Die Kom­men­ta­re sind wie­der unter aller Sau«, »In den Kom­men­ta­ren zeigt sich wie­der der All­tags­ras­sis­mus der Deut­schen.« oder der All­zeit­klas­si­ker »Die Kom­men­ta­re zei­gen mir, wie Recht der OP mit sei­ner Mei­nung hat.
    Geht man dann durch die Kom­men­ta­re, fin­det man weit über­wie­gend erreg­te State­ments über den unsäg­li­chen Hass der ande­ren Kom­men­ta­to­ren. Allein den Hass fin­det man nicht, oder nur ver­ein­zelt. Viel­leicht wur­de er gelöscht. Ich weiss es oft natür­lich nicht, aber das Ratio ech­ter Hass­re­den zu Empö­rung dar­über ist ver­mut­lich im Bereich 1:10.
    Was man hin­ge­gen eher fin­det ist sach­li­che, viel­leicht poin­tier­te Kri­tik am Ori­gi­nal­pos­ting. Aber wer weiss, viel­leicht ent­le­digt man sich der sach­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung am ele­gan­tes­ten, wenn man Geg­ner des Has­sens und des Het­zens bezich­tigt.

  2. »Man den­ke zur Illus­tra­ti­on etwa an das unter Rech­ten geläu­fi­ge Wort »Gut­mensch«. Wer es gebraucht, geht davon aus, dass die damit Bezeich­ne­ten im Grun­de gut sein wol­len und sich für gut hal­ten. Genau das geste­hen Lin­ke Rech­ten eher nicht zu. Sie neh­men viel­mehr an, Letz­te­re hät­ten von Grund auf böse Absich­ten und wür­den lügen und täu­schen, sofern sie gute Absich­ten behaup­te­ten.«

    Es besteht hier eine gewis­se Logik, wenn man von einem lin­ken Welt­bild mit dem Nazi als »Rein­form« rech­ter Ideo­lo­gie aus­geht. Links ist (darf) an ihm nichts sein, der Sozia­lis­mus­an­teil ist hier nur ein Trick, und wenn sie das faken kön­nen, dann natür­lich auch alles ande­re.

    Rech­te dage­gen sind sich nach mei­nem Ein­druck eher nicht so einig in ihrem Mar­kie­ren des poli­ti­schen Geg­ners als tota­li­tär. Sind die schlimms­ten Lin­ken jetzt Kom­mu­nis­ten, Sozia­lis­ten, Sta­li­nis­ten, (Öko-)Faschisten oder gar die wah­ren Nazis?

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