In Stücken

»Was ich bewir­ke, begrei­fe ich nicht; denn nicht, was ich will, trei­be ich vor­an, son­dern was ich has­se, das tue ich.« – Römer 7:15

Mein lin­ker Radi­ka­lis­mus ent­stand im frü­hen Erwach­se­nen­al­ter aus einem destruk­ti­ven Impuls und einer Sehn­sucht nach Zuge­hö­rig­keit her­aus. Die gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit war kalt und abwei­send. Ich hass­te und woll­te zer­stö­ren, was mich zer­stör­te, und sah mich dabei auf der guten Sei­te, weil mein Ziel eine bes­se­re Welt war. Dies schien die Zer­stö­rungs­lust zu recht­fer­ti­gen, obwohl ich nicht wuss­te, wie die bes­se­re Welt geschaf­fen wer­den könn­te, nach­dem das Zer­stö­rungs­werk voll­bracht wäre.

Ich war das jüngs­te von drei Kin­dern einer schwer alko­hol­ab­hän­gi­gen und über­for­der­ten allein­er­zie­hen­den Mut­ter. Sie sorg­te mehr oder weni­ger für Nah­rung, Klei­dung und Schul­bü­cher, aber emo­tio­nal schwank­te sie zwi­schen Abwe­sen­heit und Aggres­si­on. Die Näch­te füll­te sie mit An– und Weh­kla­gen. Ihr Leben war eine Pla­cke­rei ohne Per­spek­ti­ve, und dafür mach­te sie nicht zuletzt uns Kin­der verantwortlich.

Als Fol­ge die­ser Sozia­li­sa­ti­on ver­stand ich wäh­rend des Her­an­wach­sens nicht, wie die Welt funk­tio­nier­te. Ich beob­ach­te­te, wie die Men­schen in stil­lem Ein­ver­ständ­nis über unaus­ge­spro­che­ne Regeln inter­agier­ten, aber ich konn­te oft nur in Form lee­rer Nach­ah­mung dar­an teil­neh­men, weil mei­ne emo­tio­na­le Ent­wick­lung und Ver­fas­sung nicht da war, wo sie hät­te sein sollen.

Neben mei­ner Sehn­sucht nach Lie­be und Zuge­hö­rig­keit ent­wi­ckel­te ich über die Jah­re eine erbit­ter­te Feind­se­lig­keit gegen das Sys­tem, das mich nicht teil­ha­ben ließ; gegen das gro­ße Spiel, in dem ich immer nur ver­lie­ren konnte.

Jede Bio­gra­phie bil­det neben Indi­vi­du­el­lem auch Sozia­les und All­ge­mein­mensch­li­ches ab. Die Bedürf­nis­se nach Sinn und Gemein­schaft gehö­ren zur mensch­li­chen Natur, das Lei­den unter ihrem Zer­fall und Feh­len ist aus­zeich­nen­des Merk­mal unse­rer Epo­che. Dies zeigt sich in der All­ge­gen­wart der Süch­te eben­so wie im Vor­drin­gen säku­la­rer Pseu­do­re­li­gio­nen in das spi­ri­tu­el­le Vaku­um im Zen­trum unse­rer Kultur.

Am Über­gang vom Mit­tel­al­ter in die Moder­ne wur­den unse­re Vor­fah­ren aus ihren eng geknüpf­ten Gemein­schaf­ten her­aus­ge­ris­sen. Bis dahin hat­te das Geflecht der sozia­len Bezie­hun­gen, ein­ge­bet­tet in ein umfas­sen­des reli­giö­ses Welt­bild, jedem Men­schen sei­nen fes­ten Platz im Kos­mos zuge­wie­sen. Ein­sam­keit war kaum mög­lich, Fra­gen nach dem Sinn des Lebens stell­ten sich nicht, die Arbeit für den Lebens­un­ter­halt war eine stän­di­ge sinn­vol­le Beschäf­ti­gung und die Unsi­cher­heit der Lebens­ver­hält­nis­se erzwang sozia­len Zusammenhalt.

In sei­nem Buch »Escape from Free­dom« ver­gleicht Erich Fromm die mehr oder weni­ger schock­ar­ti­ge Auf­lö­sung die­ser »pri­mä­ren Bin­dun­gen« unse­rer Vor­fah­ren mit dem Erwach­sen­wer­den des ein­zel­nen Men­schen seit­her. Die pri­mä­re Bin­dung zu den Eltern geht ver­lo­ren, nie­mand küm­mert sich mehr, man muss sich selbst küm­mern. Der Buch­ti­tel spielt auf die mas­sen­haf­te Hin­wen­dung der Men­schen zu auto­ri­tä­ren Regi­men im frü­hen 20. Jahr­hun­dert an.

Der Psych­ia­ter Arthur Deik­man bezeich­net unse­re tie­fe unbe­wuss­te Sehn­sucht nach einer Rück­kehr in die schüt­zen­de Obhut der Eltern als den »Abhän­gig­keits­traum«. Er sieht dar­in einen wesent­li­chen Motor der Sektenbildung. 

Unser Ver­hal­ten geht auf ver­schlun­ge­nen Wegen aus einer Viel­zahl unbe­wuss­ter Moti­va­tio­nen und Auto­ma­tis­men her­vor. Es ist eher Regel als Aus­nah­me, dass wir nicht wis­sen, war­um wir tun, was wir tun, und wol­len, was wir wol­len. Wir erfin­den bei Bedarf Begrün­dun­gen und Recht­fer­ti­gun­gen, die mehr oder weni­ger plau­si­bel sind und sich har­mo­nisch in unser Selbst­bild ein­fü­gen, aber nichts mit den tat­säch­li­chen Grün­den und Antrie­ben zu tun haben müssen.

Kogni­ti­ve Dis­so­nanz ent­steht, wenn Aspek­te des Selbst bewusst wer­den, die das schmei­chel­haf­te Selbst­bild stö­ren und daher einer Neu­in­ter­pre­ta­ti­on bedürfen.

»Ich bin des­we­gen so zor­nig, weil ich so gut bin.«

Vie­le Men­schen glau­ben das. Oft Men­schen, denen die Sehn­sucht nach dem Aus­nah­me­zu­stand aus allen Poren quillt.

Ich habe es selbst ein­mal geglaubt. Es ist ein düs­te­rer Ort. Die Tod­sün­den (hier: Zorn und Hoch­mut) füh­ren wirk­lich in die Höl­le, und zwar direkt, ohne dass man erst ster­ben müsste.

Im ers­ten Semes­ter mei­nes Stu­di­ums der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten hör­te ich erst­mals von Gen­der Stu­dies. Geschlech­ter­be­zie­hun­gen, aha, inter­es­sant. Män­ner sei­en da aber nicht unbe­dingt will­kom­men, sag­te man mir. Auch Frau­en nicht, wenn sie eige­ne Vor­stel­lun­gen mit­brach­ten. Es wer­de erwar­tet, dass man die prä­sen­tier­ten Leh­ren ver­in­ner­li­che und nicht in Fra­ge stel­le. Sonst wür­den sie schnell feind­se­lig. Ich fand das befremd­lich, aber nahm es hin und igno­rier­te es schließ­lich weit­ge­hend, wie die meis­ten anderen.

Bald dar­auf wur­de ich Mit­glied eines Arbeits­krei­ses, der über vie­le Jah­re mein pri­mä­rer Freun­des­kreis blieb. Unter einem ziem­lich auto­ri­tär auf­tre­ten­den und etwas mani­schen, aber auch cha­ris­ma­ti­schen Pro­fes­sor stu­dier­ten und lehr­ten wir Gesell­schafts­theo­rie auf Basis der Schrif­ten von Nor­bert Eli­as. Die mar­xis­tisch getön­te Les­art die­ser Sozio­lo­gie, die unser Pro­fes­sor ver­trat, wur­de für uns zur ein­zig rich­ti­gen Art, die Welt zu ver­ste­hen und auf den rich­ti­gen Weg zu bringen.

Ich erschrak, als mir eines Tages über Umwe­ge zu Ohren kam, dass Kom­mi­li­to­nen uns als »Sek­tie­rer« bezeich­ne­ten. Es erschien mir gänz­lich falsch und unfair. Von innen gese­hen scheint ja im Gegen­teil die eige­ne Grup­pe die ein­zi­ge zu sein, die klar sieht. Aller­dings kam der Sek­tie­rer-Vor­wurf, soweit wir wuss­ten, haupt­säch­lich von den Kri­ti­schen Theo­re­ti­kern, die ihren eige­nen Zir­kel mit Anspruch auf über­le­ge­nen Rea­li­täts­zu­gang pfleg­ten. Dass wir ins­be­son­de­re ihnen ein Dorn im Auge waren, hat­te nicht zuletzt mit der Kon­kur­renz­si­tua­ti­on zu tun.

Die­ser Freun­des­kreis blieb für mich vie­le Jah­re eine Art ideo­lo­gi­sche Hei­mat, auch als wir nur noch spo­ra­disch Kon­takt mit­ein­an­der hat­ten. Das Welt­bild, das ich mir in die­ser Zeit ange­eig­net hat­te, lie­fer­te mir wei­ter­hin die Gesell­schafts­theo­rie und Ethik, an deren Maß­stab ich alles beur­teil­te und mein Leben zu füh­ren ver­such­te. Im Kern stand eine radi­ka­le Gleich­heits­ideo­lo­gie, von der sich alles ande­re ableitete.

Irgend­wo lag allem die dif­fu­se Vor­stel­lung zugrun­de, dass eine Gesell­schaft ohne Hier­ar­chie und ein­schrän­ken­de Nor­men in irgend­ei­nem Sinn der Nor­mal­fall und die Abwei­chung davon eine Per­ver­si­on war. Die­se Prä­mis­se funk­tio­nier­te in merk­wür­dig offe­nem Wider­spruch zu unse­rem Wis­sen, dass es eine sol­che Gesell­schaft nie gege­ben hat, geschwei­ge denn eine höher ent­wi­ckel­te. Jede Hier­ar­chie und Ungleich­heit erschien als Fol­ge die­ser Per­ver­si­on, die irgend­wann, irgend­wie gesche­hen war, und muss­te bekämpft werden. 

Reflex­haft teil­te man alles in Mecha­nis­men der Unter­drü­ckung und Mecha­nis­men der Befrei­ung ein und erhielt dadurch eine kla­re Ori­en­tie­rung über Gut und Böse, Rich­tig und Falsch. Zum Rich­ti­gen gehör­te auto­ma­tisch alles, was geeig­net schien, das Fal­sche zu bekämp­fen. Vor die­sem Hin­ter­grund kann ich unschwer nach­voll­zie­hen, dass man­che es für einen Akt der Eman­zi­pa­ti­on und Gerech­tig­keit hal­ten, irgend­wel­che Autos anzu­zün­den. Die Autos sind Antrie­be, Pro­duk­te und Sym­bo­le einer gesell­schaft­li­chen Aus­beu­tungs­ma­schi­ne­rie, die es zu zer­stö­ren gilt. 

Über­haupt ist ein glo­ba­les Kon­strukt wie der »Kapi­ta­lis­mus« ein dank­ba­res Gegen­über für ideo­lo­gi­sche Selbst­ge­rech­tig­keit, da man im Prin­zip jeden als sei­nen Kom­pli­zen, aber auch jeden als sein Opfer inter­pre­tie­ren kann. Immer so, wie man es gera­de braucht.

Es war eine Prä­gung, deren Tie­fe und Fes­tig­keit mich rück­bli­ckend erstaunt. Ich stieß auf eine Grup­pe, die für mei­ne Bedürf­nis­se anschluss­fä­hig war – inter­es­san­te Leh­ren, die mir bestä­tig­ten, dass die Gesell­schafts­ord­nung falsch war; sym­pa­thi­sche und gleich­ge­sinn­te Gleich­alt­ri­ge; die star­ke Vater­fi­gur des Pro­fes­sors -, und das genüg­te, um mich bin­nen weni­ger Mona­te zum Gläu­bi­gen zu machen. Spä­ter brauch­te es Jah­re und meh­re­re schock­ar­ti­ge Erschüt­te­run­gen des Glau­bens von außen, um mich nach und nach von ihm zu befreien.

Faschis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus, Kom­mu­nis­mus und Sozia­lis­mus zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts ziel­ten dar­auf, eine enger geknüpf­te sozia­le Gemein­schaft (wieder-)herzustellen. Ihre Gemein­sam­keit war der Anti­li­be­ra­lis­mus, und der Libe­ra­lis­mus ist die poli­ti­sche Phi­lo­so­phie des säku­la­ren Individualismus.

Auch heu­te besteht eine ent­schei­den­de Par­al­le­le zwi­schen Rech­ten und Lin­ken dar­in, dass bei­de mit dem libe­ra­len Indi­vi­dua­lis­mus auf Kriegs­fuß ste­hen und mehr Gemein­schaft wol­len, auch wenn sie sich die­se Gemein­schaft unter­schied­lich vor­stel­len. Bei Rech­ten ist es eher eine wohl­ge­ord­ne­te sozia­le Struk­tur, die die Stre­bun­gen der mensch­li­chen Natur in zivi­li­sier­te Bah­nen lenkt und das völ­kisch-kul­tu­rel­le Erbe pflegt, wel­ches über Jahr­tau­sen­de gewach­sen ist und so etwas wie die See­le oder den spi­ri­tu­el­len Kern die­ser Gemein­schaft bil­det; bei Lin­ken eher ein frei­wil­li­ger, soli­da­ri­scher Zusam­men­schluss glei­cher Indi­vi­du­en, die frei von Herr­schaft und unnö­ti­gen Ein­schrän­kun­gen durch sozia­le Nor­men bes­se­re Bezie­hun­gen mit­ein­an­der ein­ge­hen können.

Ich erin­ne­re mich dun­kel an eine Sze­ne mei­ner Kind­heit, in der mir jemand erklär­te, was poli­ti­sche Wah­len sind. Da trä­ten SPD und CDU gegen­ein­an­der an, erfuhr ich. Die SPD wol­le, dass man Schwa­chen hilft, und die CDU wol­le das nicht. Von die­ser Aus­kunft zehr­te ich lan­ge. Die einen nett und nor­mal, die ande­ren aus uner­find­li­chen Grün­den Arsch­lö­cher, verstanden.

Als ich also anfing, die Gesell­schaft für ihre Käl­te zu has­sen, iden­ti­fi­zier­te ich den Kapi­ta­lis­mus als Ursa­che, die Mäch­ti­gen und die Rei­chen, nicht zuletzt die Kon­ser­va­ti­ven, die sich wei­ger­ten, etwas gegen die Tyran­nei zu unter­neh­men. In zwei­ter Rei­he auch die Durch­schnitts­men­schen, die zu trä­ge oder zu dumm waren, zu erken­nen, dass der Kapi­ta­lis­mus uns alle aus­beu­te­te und gegen­ein­an­der aus­spiel­te, unge­rech­ten Herr­schafts­struk­tu­ren unter­warf und unse­rer Mensch­lich­keit beraubte.

Wäre ich im rech­ten Milieu auf­ge­wach­sen, hät­te ich ande­re Grün­de dafür gefun­den, dass die moder­ne Gesell­schaft vor der Auf­ga­be schei­ter­te, mir eine Hei­mat zu bie­ten. In Tei­len hät­te ich bloß ande­re Aspek­te des Kapi­ta­lis­mus her­aus­grei­fen müs­sen. Schul­dig wären dann die libe­ra­len Kräf­te gewe­sen, die die Nor­men und Tra­di­tio­nen auf­lö­sen, die unse­rem Leben ein­mal Sinn und Struk­tur gege­ben haben. Die Lin­ken, die Leis­tung bestra­fen und Untä­tig­keit beloh­nen und damit die Grund­la­gen der Kul­tur unter­gra­ben. Die Migran­ten, die frem­de Nor­men mit­brin­gen, Kos­ten ver­ur­sa­chen und wenig bei­tra­gen und so das Löch­rig­wer­den des sozia­len Gewe­bes beschleunigen.

Psy­cho­lo­gisch lie­gen lin­ken und rech­ten Ein­stel­lun­gen unter­schied­li­che Aus­prä­gun­gen all­ge­mei­ner Per­sön­lich­keits­ei­gen­schaf­ten zugrun­de. Lin­ke sind ten­den­zi­ell Men­schen mit gro­ßer Offen­heit für Erfah­rung (Kreativität/Neugier) und gerin­ger Gewis­sen­haf­tig­keit (Fleiß/Ordnungsliebe), bei Rech­ten ist es umge­kehrt (Details hier).

In über­schau­ba­ren Gemein­schaf­ten ergän­zen die­se Tem­pe­ra­men­te ein­an­der. Kräf­te der Repro­duk­ti­on und Ver­tei­di­gung des Bestehen­den (rechts) sind wich­tig, und Kräf­te, die eine gewis­se Offen­heit und Anpas­sungs­fä­hig­keit sichern (links), sind eben­falls wich­tig. Die unter­schied­li­che Ver­tei­lung der Eigen­schaf­ten unter den Indi­vi­du­en ermög­licht es der Grup­pe, mehr zu sehen, als sie sähe, wenn es nur Rech­te, nur Lin­ke oder nur Mitt­le­re gäbe.

Doch das Ide­al­sze­na­rio der gegen­sei­ti­gen Ergän­zung setzt vor­aus, dass die Teil­grup­pen mit­ein­an­der reden. In der Mas­sen­ge­sell­schaft wird es ihnen mög­lich, sich weit­ge­hend von der jeweils ande­ren zu iso­lie­ren. Wenn jeder Flü­gel die hal­be Wahr­heit hat, ent­steht durch Zusam­men­ar­beit eine Annä­he­rung an die gan­ze Wahr­heit; wenn es aber kei­ne Zusam­men­ar­beit mehr gibt, ent­ste­hen geschlos­se­ne Zir­kel mit ver­ab­so­lu­tier­ten Halb­wahr­hei­ten: Ideologien.

Wel­chen Sinn und Wert hat die Fest­stel­lung, dass der Libe­ra­lis­mus sehr viel bes­ser ist als der Tota­li­ta­ris­mus, wenn es der Libe­ra­lis­mus ist, der die Drift in den Tota­li­ta­ris­mus erzeugt?

Im Jahr 2018 dis­ku­tier­ten Jor­dan Peter­son und Sam Har­ris an vier Aben­den vor gro­ßem Publi­kum über das Für und Wider der Reli­gi­on. Peter­son meint, dass die Geschich­ten und Leh­ren des Chris­ten­tums einen Wert haben und ihr Ver­schwin­den aus dem gesell­schaft­li­chen Leben ein Sinn­va­ku­um hin­ter­las­sen hat, das unter ande­rem zu den tota­li­tä­ren Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts geführt hat.

Har­ris, ent­schie­de­ner Athe­ist, ent­geg­ne­te hier, man müs­se end­lich mit der fal­schen Behaup­tung auf­räu­men, Kom­mu­nis­mus und Faschismus/Nationalsozialismus sei­en athe­is­ti­sche Bewe­gun­gen gewe­sen. Sie trü­gen doch deut­lich selbst reli­giö­se Züge. 

Ich fin­de das fas­zi­nie­rend, weil ich letz­te­rem Befund völ­lig zustim­me, ihn aber eher als Argu­ment für die Gegen­sei­te sehe. Die Abschaf­fung der Reli­gi­on führt nicht in eine Welt ohne Reli­gi­on, son­dern in eine Welt, in der man immer wie­der mit Span­nung erwar­ten darf, wel­che über ein paar Jah­re oder Jahr­zehn­te zusam­men­ge­klöp­pel­te Pseu­do­re­li­gi­on den nächs­ten Mob antreibt.

Ohne Zwei­fel haben Athe­is­ten wie Har­ris gute Argu­men­te. Aber mir scheint für die­se zu gel­ten, was der Bio­lo­ge E.O. Wil­son in Rich­tung des Mar­xis­mus sag­te: »Good ideo­lo­gy, wrong spe­ci­es« (er sah dar­in eine gute Opti­on für Amei­sen). In Anbe­tracht der Beob­ach­tung, dass Men­schen nicht ratio­nal sind, kön­nen Har­ris oder auch Ste­ven Pin­ker in sei­nem neu­en Auf­klä­rungs­buch nur hilf­los den Appell wie­der­ho­len: »seid ratio­nal!« Es erin­nert an den alten Tita­nic-Titel: »Hung­er­pro­blem gelöst – ein­fach mehr spachteln!«

Wer im Geist Peter­sons auf das Chris­ten­tum hofft, geht – als Mini­mum – davon aus, dass die­ses ein über Jahr­tau­sen­de gereif­tes Glau­bens­sys­tem ist, das auf­grund sei­nes Alters ela­bo­rier­ter, dif­fe­ren­zier­ter und bes­ser geeig­net ist, das gesell­schaft­li­che Leben ein­schließ­lich sei­ner spi­ri­tu­el­len Dimen­si­on zu ord­nen, als die über kur­ze Zeit­räu­me geform­ten, viel­fach auf Hybris, Igno­ranz und Res­sen­ti­ment gewach­se­nen säku­la­ren Glau­bens­sys­te­me, die heu­te in das von ihm zurück­ge­las­se­ne Vaku­um vordringen.

Ein simp­les, aber wich­ti­ges Bei­spiel dafür wäre, dass sich das Chris­ten­tum mit der Sünd­haf­tig­keit der Men­schen abfin­det und des­halb der Gna­de und der Ver­ge­bung hohen Stel­len­wert ein­räumt. Die säku­la­ren Pseu­do­re­li­gio­nen hin­ge­gen schei­nen davon aus­zu­ge­hen, dass sie die Sün­de – das, was sie jeweils dafür hal­ten – letzt­lich aus­rot­ten kön­nen und werden.

Aller­dings steht Peter­son vor einem ähn­li­chen Pro­blem wie Har­ris und Pin­ker mit ihren Appel­len an die Ratio­na­li­tät. Men­schen wer­den nicht auf Zuruf ratio­nal, aber sie wer­den auch nicht auf Zuruf gläu­big, zumal nicht auf die klu­ge Art und Wei­se, die wün­schens­wert wäre. Gesetzt den Fall, dass die Ant­wort in der Bibel steckt, und sei es bloß, weil die­se zwar nicht das Wort Got­tes, aber ein allen Alter­na­ti­ven über­le­ge­nes ethi­sches Sys­tem zur Ver­fü­gung stellt; wären wir über­haupt noch in der Lage, die­se Ant­wort zu ver­ste­hen, geschwei­ge denn, sie zu leben?

Wenn ich mir die heu­ti­gen bizar­ren Aus­wüch­se der lin­ken Iden­ti­täts­po­li­tik anse­he, erken­ne ich, wie sie in den eher alt­lin­ken Ori­en­tie­run­gen bereits ange­legt waren, die wir damals pfleg­ten. Das unaus­ge­spro­che­ne Grund­dog­ma, dass jede Ungleich­heit Fol­ge einer Per­ver­si­on eines ega­li­tä­ren und frei­en Natur­zu­stands sei, ist inzwi­schen bis auf die Geschlech­ter­un­ter­schie­de aus­ge­wei­tet wor­den. So weit waren wir damals noch nicht, aber die Prä­mis­se und Basis der Gesell­schafts­kri­tik war bereits dieselbe. 

Der Rück­blick wirft auch ein Licht auf die merk­wür­di­ge Ver­schmel­zung von Ele­men­ten des Mar­xis­mus – die Idee des Klas­sen­kamp­fes über­tra­gen auf Geschlech­ter, Haut­far­ben usw. – mit sol­chen des Post­mo­der­nis­mus, die es eigent­lich gar nicht geben dürf­te, weil der Post­mo­der­nis­mus Groß­theo­rien ablehnt und der Mar­xis­mus eine Groß­theo­rie ist. Man kann die­sen Wider­spruch in vie­len Spiel­ar­ten stän­dig beob­ach­ten. Auf der einen Sei­te der radi­ka­le Rela­ti­vis­mus, alles Sag­ba­re sei nur Kon­struk­ti­on ohne nach­weis­ba­ren Rea­li­täts­be­zug oder all­ge­mei­nen Wahr­heits­an­spruch; nicht nur die Geschlech­ter, die gan­ze Bio­lo­gie, sogar die Phy­sik sei nur »Dis­kurs« mit der Funk­ti­on der Macht­er­hal­tung und so wei­ter; auf der ande­ren Sei­te die uner­schüt­ter­li­che Gewiss­heit, dass die­se Welt­deu­tung ein für alle Mal wahr und rich­tig sei.

Wir haben es also mit einem Glau­ben zu tun, der pri­mär nega­tiv defi­niert ist. Eine Welt ohne Ungleich­heit, ohne Geschlech­ter und ohne Hier­ar­chien ist so weit weg, dass man sich nicht ansatz­wei­se vor­stel­len kann, wie so etwas aus­se­hen könn­te. Die Uto­pie bleibt vage. Nur eines ist für die Ver­tre­ter die­ser Ideo­lo­gie sicher: dass sie das Bestehen­de zu recht angrei­fen; dass das Bestehen­de kor­rupt und ver­derbt ist und bekämpft gehört. Und natür­lich gibt es in der Rea­li­tät genug Schlech­tes, wor­auf man zei­gen kann, um das zu belegen.

Es ist leicht, den Post­mo­der­nis­mus abzu­leh­nen, aber es ist schwer, kein Post­mo­der­nist zu sein. Denn es ist leicht, zu dekon­stru­ie­ren, und schwer, über die Dekon­struk­ti­on hin­aus an etwas zu glauben.

In dem Film The Dark Knight von Chris­to­pher Nolan erklärt Alfred, der But­ler, die Moti­va­ti­on des Cha­os stif­ten­den Jokers mit dem Satz »Some men just want to watch the world burn«.

Eine dänisch-US-ame­ri­ka­ni­sche Stu­die von 2018 geht die­ser Hypo­the­se nach. Sie refe­riert unter ande­rem Zah­len aus einer Umfra­ge zu die­sem »Bedürf­nis nach Cha­os«, wie die Autoren es nen­nen. Dem­zu­fol­ge neh­men 40 Pro­zent der befrag­ten US-Ame­ri­ka­ner eine zustim­men­de oder neu­tra­le Hal­tung zu dem State­ment ein, dass sie beim Gedan­ken an die »sozia­len und poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen« ihrer Gesell­schaft den­ken: »lasst sie alle bren­nen«.

Wir sind heu­te nicht des­halb so fried­lich, weil wir so gut sind, son­dern weil es für uns der Weg des gerings­ten Wider­stan­des ist, fried­lich zu sein.

Nolans Joker: »When the chips are down, the­se civi­li­zed peop­le – they’ll eat each other.«

Das Album You Won’t Get What You Want der Band Daugh­ters, von dem die­ser Song stammt, wur­de 2018 mit enthu­si­as­ti­schem Kri­ti­ker­lob auf­ge­nom­men; vom Album des Jah­res oder sogar des Jahr­zehnts war die Rede.

»Wir müs­sen die Wer­ke des­sen wir­ken, der mich gesandt hat, solan­ge es Tag ist. Es kommt die Nacht, da nie­mand wir­ken kann.« – Johan­nes 9:4

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