Gekapert

Under­stand immedia­te­ly that ALL pro­fes­sio­nal orga­niz­a­ti­ons are cap­tu­red. All of them. Accept this rea­li­ty now and reca­li­bra­te accordingly.

James Lind­say

The facts don’t care about your fee­lings. They care about the fee­lings of peop­le much more power­ful than you.

Bret Wein­stein

Der Film Inva­si­on of the Body Snat­chers oder Die Kör­per­fres­ser kom­men erzeugt eine dich­te Atmo­sphä­re der Para­noia, indem er das Erleb­nis ver­mit­telt, dass sich immer grö­ße­re Tei­le des Ver­trau­ten in etwas Frem­des und Bös­ar­ti­ges ver­wan­deln. Die Mit­men­schen wer­den nach und nach durch zom­bie­haf­te außer­ir­di­sche Dop­pel­gän­ger ersetzt. Die­ser Pro­zess läuft zunächst im Ver­bor­ge­nen ab und lan­ge Zeit ist nicht klar, wie weit er schon vor­an­ge­schrit­ten ist, denn die Men­schen­at­trap­pen sind ober­fläch­lich betrach­tet nicht von den Ori­gi­na­len zu unterscheiden. 

So ver­wan­delt sich die Welt um unse­re Hel­den her­um all­mäh­lich in eine kolo­ni­sier­te. Immer wie­der kom­men sie zu der schmerz­li­chen Ein­sicht, dass ein einst ver­trau­ter Mensch bereits ersetzt wur­de. Immer weni­ger Orte sind sicher, immer weni­ger Akteu­re ver­trau­ens­wür­dig. Als sie sich klar­ma­chen, was vor sich geht, ist es schon zu spät, um es auf­zu­hal­ten, falls es über­haupt je eine Chan­ce dazu gab. In der sym­bol­träch­ti­gen Schluss­sze­ne der Fas­sung von 1978 sehen wir, dass der Prot­ago­nist selbst zum Mons­ter gewor­den ist und die letz­te Über­le­ben­de an das Kol­lek­tiv der Mons­ter aus­lie­fert, man könn­te auch sagen: cancelt. 

Für uns Men­schen bil­den ande­re Men­schen, die im Gro­ßen und Gan­zen in der­sel­ben Sinn­welt leben wie wir, wesent­lich die Wirk­lich­keit, in der wir hei­misch sind, und das, was man in öko­lo­gi­schem Sinn »Umwelt« nennt. Zer­bricht die­se gemein­sa­me Sinn­welt, fal­len wir in Frem­de und Des­ori­en­tie­rung. Tre­ten Mit­glie­der der gemein­sa­men Sinn­welt sogar in eine ande­re, feind­li­che Sinn­welt über, ist es nicht Cha­os, das sich aus­brei­tet, son­dern eine kohä­ren­te Anti-Wirk­lich­keit, die im Begriff ist, die gewohn­te Wirk­lich­keit zu verschlingen. 

Dies ist eine rei­che Meta­pho­rik. Sie reflek­tiert zwi­schen­mensch­li­che Erfah­run­gen wie Wesens­ver­än­de­run­gen und unheim­li­che Dif­fe­ren­zen zwi­schen dem, was jemand zu sein scheint, und dem, was er wirk­lich ist, wie man sie zum Bei­spiel erlebt, wenn man erfährt, dass man belo­gen oder betro­gen wur­de. Aber auch kol­lek­ti­ve Vor­gän­ge klin­gen an, Vor­gän­ge wie Unter­wan­de­rung, Aus­brei­tung sek­ten­ar­ti­ger Beses­sen­heit und Aus­lö­schung des Indi­vi­du­ums im Namen eines Kol­lek­ti­vis­mus. In einer Sze­ne beschwich­tigt die von Leo­nard Nimoy gespiel­te Figur unse­re Grup­pe von Wider­ständ­lern, dass sie nichts zu befürch­ten hät­ten; das Leben als Attrap­pe sei har­mo­nisch und schmerzfrei.

Ich hat­te ges­tern so ein Body-Snat­chers-Gefühl, als ich einen kur­zen Kom­men­tar des Deut­schen Jour­na­lis­ten-Ver­ban­des gele­sen habe. Das Gefühl: Schei­ße, das sind über­haupt kei­ne Jour­na­lis­ten mehr. Das ist etwas ande­res. Etwas Frem­des und Bösartiges. 

Es geht um die Akti­on #alles­auf­den­tisch, die mehr oder weni­ger an #alles­dicht­ma­chen anknüpft. Dies­mal sind es kei­ne Kunst­vi­de­os, son­dern Inter­views, die Künst­ler mit Pro­fes­so­ren und ande­ren Exper­ten füh­ren. Die Leit­me­di­en sind erwart­bar alar­miert und ver­dam­men die Akti­on als Verschwörungsgeschwurbel.

Ich habe ein paar der Vide­os gese­hen. Zum Teil ist es tat­säch­lich Ver­schwö­rungs­ge­schwur­bel, zum Bei­spiel hier, wo behaup­tet wird, die Pan­de­mie sei ein gro­ßes Gehor­sams­ex­pe­ri­ment, was anschei­nend nicht als Meta­pher gemeint ist. Zum Teil sind die Stand­punk­te aber auch kon­ven­tio­nell und unspek­ta­ku­lär. Beim The­ma Mas­ken geht es etwa nur dar­um, wo Mas­ken etwas brin­gen und wo nicht; ein zum The­ma Imp­fun­gen befrag­ter Arzt sagt nicht viel mehr als dass die Imp­fung eine Risi­ko­ab­wä­gung ist, dass man nichts über even­tu­el­le Lang­zeit­fol­gen weiß und dass es frei­wil­lig sein soll­te. Die Inhal­te sind also durch­wach­sen, man­ches ist kri­tik­wür­dig, man­ches ist Quatsch, aber man­ches ist auch infor­ma­tiv und anregend. 

Der Deut­sche Jour­na­lis­ten-Ver­band wid­met sich dem The­ma in einem Kom­men­tar mit der pro­gram­ma­ti­schen Über­schrift »Unap­pe­tit­li­ches auf­ge­tischt«. Er führt die zwei Vide­os als Bei­spie­le an, die zufäl­lig Num­mer eins und zwei auf der You­Tube-Play­list von #alles­auf­den­tisch sind. Im ers­ten spricht der Schau­spie­ler Vol­ker Bruch mit dem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Micha­el Mey­en über Fak­ten­che­cker. Das zwei­te ist ein Gespräch des Schau­spie­lers Wotan Wil­ke Möh­rung mit dem Rechts­an­walt Joa­chim Steinhöfel. 

Zum The­ma »Fak­ten­che­cker« inter­view­te Bruch für #alles­auf­den­tisch den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Prof. Dr. Micha­el Mey­en von der LMU Mün­chen. Der nann­te den Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen Ken Jeb­sen übri­gens mal einen »pro­fes­sio­nel­len Journalisten«.

»Übri­gens« ist hübsch. Gleich mal als böse mar­kiert mit der Asso­zia­ti­on zu Jeb­sen. Irgend­wie hat der DJV aber wohl sei­nen eige­nen Link nicht ange­klickt, denn wenn man das tut, liest man bei der Süd­deut­schen Zeitung: 

Ein Blog, der Unmut aus­löst

Der LMU-Pro­fes­sor Micha­el Mey­en bie­tet im Inter­net frag­wür­di­gen Ansich­ten ein Forum. Den Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker Ken Jeb­sen habe er als pro­fes­sio­nel­len Jour­na­lis­ten* kennengelernt. 

*In einer vor­he­ri­gen Ver­si­on des Teasers wur­de die­se Aus­sa­ge als wört­li­ches Zitat gekenn­zeich­net. Das ist nicht kor­rekt. Micha­el Mey­en hat Ken Jeb­sen nicht wört­lich als pro­fes­sio­nel­len Jour­na­lis­ten bezeich­net. Die im Blog von Micha­el Mey­en ver­öf­fent­lich­ten Äuße­run­gen ent­spre­chen aber die­ser Einschätzung. 

Das ist an die­ser Stel­le bereits ein Griff ins Klo, umso mehr, da es kein belang­lo­ser Flüch­tig­keits­feh­ler ist, son­dern in dis­kre­di­tie­ren­der Absicht geschieht. Wenn man sich Mey­ens Blog­ar­ti­kel ansieht, von dem hier die Rede ist, wird es nicht bes­ser. Er prä­sen­tiert Jeb­sen als jeman­den, der eine Medi­en­ni­sche besetzt, die durch die blin­den Fle­cken der Leit­me­di­en ent­steht. Ob und wie­weit er mit Jebs­ens Arbeits­wei­se und inhalt­li­chen Stand­punk­ten über­ein­stimmt, geht aus dem Text nicht hervor. 

Das indi­rek­te Nicht-Zitat bezieht sich mut­maß­lich auf die­se Stelle: 

Bei KenFM arbei­ten Pro­fis, kein Zwei­fel. Ter­min­ab­spra­che, Emp­fang, Räu­me: per­fekt. Eine Assis­ten­tin plau­dert mit dem Gast, bis der Meis­ter kommt. Der nimmt sich ein paar Minu­ten zum Warm­wer­den, dann Mas­ke, Kame­ra, Ton. Das Maxi­mum her­aus­ho­len. 1A-Fern­se­hen liefern.

Hier geht es gar nicht direkt um Jour­na­lis­mus, son­dern eher um so etwas wie pro­fes­sio­nel­le Betriebs­or­ga­ni­sa­ti­on. Die Stel­le könn­te auch die Arbeit eines Come­di­ans beschrei­ben. »Pro­fes­sio­nel­ler Jour­na­list« wäre eine Aus­sa­ge über die Qua­li­tät und Aus­rich­tung der inhalt­li­chen Arbeit des Betref­fen­den. Die kann ich die­ser Stel­le und dem Rest des Blog­ar­ti­kels nicht ent­neh­men. Was hier ange­führt wird, um Mey­en zu dis­kre­di­tie­ren, ist ein sub­stan­ti­ell reich­lich dün­ner Knalleffekt.

Wei­ter:

Mey­ens Ein­las­sun­gen sind dann auch nicht ganz das, was man von einem seriö­sen Exper­ten zu dem The­ma viel­leicht erwar­ten wür­de. Unter ande­rem behaup­tet er, es gäbe [sic] ein inter­na­tio­na­les Netz­werk besag­ter Fak­ten­che­cker – ohne Bele­ge dafür zu präsentieren. 

Der DJV fackelt nicht lan­ge, wenn es dar­um geht, jeman­den als unse­ri­ös abzu­stem­peln. Aber Inter­views haben sel­ten Fuß­no­ten. Den Ein­wand feh­len­der Bele­ge kann man bei jedem Tages­the­men-Inter­view zwölf­mal erhe­ben. Und wenn man ganz blö­de inter­na­tio­nal fact che­cking net­work goo­gelt, fin­det man das besag­te Netz­werk ganz oben.

Bei Face­book fin­det man es auch:

Wei­ter:

Als »Klar­text« unter dem Video steht zusam­men­ge­fasst: »Fak­ten­che­cker sind Pro­pa­gan­da­ma­schi­nen, die sich als Jour­na­lis­mus ver­klei­den. Das gilt auch für den Fak­ten­fuchs des Baye­ri­schen Rund­funks oder den Fak­ten­fin­der der Tages­schau, die es nur gibt, weil der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk nicht den Plu­ra­lis­mus lie­fert, für den wir ihn eigent­lich bezahlen.«

Klei­ner Fak­ten­check: Das ist natür­lich ziem­li­cher Blöd­sinn. Gera­de in der Coro­na-Pan­de­mie haben die Fak­ten­che­cker von Fak­ten­fuchs, Fak­ten­fin­der, Cor­rec­tiv und ande­ren wich­ti­ge und groß­ar­ti­ge jour­na­lis­ti­sche Arbeit geleistet. 

An die­ser Stel­le klapp­te mir ungläu­big die Kinn­la­de run­ter, als mir klar wur­de, dass dies wirk­lich alles ist, was der Kom­men­tar zur Ver­tei­di­gung der Fak­ten­che­cker zu sagen hat. Dass sie voll super sind. Aha, dann bin ich ja beruhigt. 

Kurz zum Fak­ten­che­cker-Video. Ich ver­mu­te, dass vie­le ande­re auch hier ein­ge­stie­gen sind, weil es auf der Play­list ganz oben steht, und dar­aus abge­lei­tet haben, dass die Akti­on vol­ler Ver­schwö­rungs­ge­schwur­bel sei. Eine Kern­aus­sa­ge ist näm­lich, dass Fak­ten­che­cker in vie­len Län­dern haupt­säch­lich von phil­an­thro­pi­schen Groß­stif­tun­gen finan­ziert wer­den. Mey­en nennt nament­lich die Lumi­na­te-Stif­tung des eBay-Grün­ders und Mil­li­ar­därs Pierre Omidyar und die Open Socie­ty Foun­da­ti­ons von Geor­ge Soros. Spä­tes­tens hier schril­len die Alarm­si­re­nen – Soros! Fern­steue­rung von Fak­ten­che­ckern durch mäch­ti­ge Akteu­re im Ver­bor­ge­nen? Das ist doch ein Code für jüdi­sche Verschwörung! 

Ich weiß nicht, ob und in wel­chen Fäl­len Mey­en oder sonst jemand ins­ge­heim »jüdi­sche Ver­schwö­rung« meint, wenn er Ein­fluss­nah­men von Soros‹ Stif­tung erwähnt. Ich weiß eben­falls nicht, wie vie­le Leu­te das so auf­neh­men. Ich kann nicht aus­schlie­ßen, dass man­che es so mei­nen und auf­neh­men. Aber ich sehe hier bei wei­tem nicht genug Indi­zi­en, um das ein­fach als gege­ben zu unterstellen. 

Die Soros-Stif­tung exis­tiert ja nun mal und nimmt durch finan­zi­el­le För­de­run­gen auf gesell­schaft­li­che Pro­zes­se Ein­fluss, und das ist nicht immer für jeden trans­pa­rent. Wie soll man dar­über reden, ohne sich den Ver­dacht und Vor­wurf ein­zu­han­deln, mit Codes für jüdi­sche Ver­schwö­run­gen zu arbeiten? 

Fak­ten­che­cker sind Ein­rich­tun­gen, die als Auto­ri­tä­ten und Exper­ten für die Ent­schei­dung über Wahr­heit und Unwahr­heit auf­tre­ten. Cor­rec­tiv bei­spiels­wei­se ist bei Face­book, einem glo­ba­len Mono­po­lis­ten mit Mil­li­ar­den Nut­zern, in die Ent­schei­dung dar­über ein­ge­bun­den, was Wahr­heit ist und was gesagt wer­den darf. In Anbe­tracht des­sen hal­te ich den Gedan­ken nicht nur für berech­tigt, son­dern für zwin­gend, dass es für poli­ti­sche Akteu­re aller Art eine reiz­vol­le Idee sein muss, die­se Fak­ten­che­cker zu kon­trol­lie­ren. Es führt gar kein Weg dar­an vor­bei, dass sol­che Begehr­lich­kei­ten ent­ste­hen. Und nun soll die Fra­ge nicht erlaubt oder nicht rele­vant sein, wer die Fak­ten­che­cker finan­ziert und mit wel­chem Interesse? 

Zudem ist es kei­ne theo­re­ti­sche Spe­ku­la­ti­on, son­dern Fakt, dass die Open Socie­ty Foun­da­ti­ons und auch Omidyar pro­gres­si­ve Anlie­gen för­dern, also Gesell­schaf­ten in gewis­ser Wei­se nach links schie­ben wol­len. Und sie stem­men den größ­ten Anteil an der Finan­zie­rung von Fak­ten­che­ckern. Aber das wirft kei­ne Fra­gen auf. Ach so. 

Ich fand das Video inter­es­sant und infor­ma­tiv, weil ich nichts von die­sen Hin­ter­grün­den wuss­te. An eini­gen Stel­len war ich auch unzu­frie­den und hät­te Kri­tik. Zum Bei­spiel sagt Mey­en, die Fak­ten­che­cker sei­en von die­sen Stif­tun­gen »geka­pert« wor­den, kon­kre­ti­siert das aber nicht wei­ter. Was heißt geka­pert? Zu wel­chem Zweck? Lässt sich klar eine poli­ti­sche Schlag­sei­te auf­zei­gen, Befan­gen­heit, eine bestimm­te Agen­da? Was wis­sen wir, was wis­sen wir nicht? Mich hat bei meh­re­ren Vide­os gestört, dass die Inter­view­er nicht nach­ha­ken, son­dern sol­che wich­ti­gen Punk­te dif­fus in der Luft hän­gen las­sen. Die­se inhalt­li­che Vag­heit kann man als Pro­jek­ti­ons­flä­che für Ver­schwö­rungs­den­ken sehen und kri­ti­sie­ren, und auch wenn man sie nur als hand­werk­li­che Schwä­che ver­bucht, ist die dadurch ent­ste­hen­de Unklar­heit der ver­tre­te­nen Stand­punk­te unbefriedigend.

Man hät­te auch kri­ti­sie­ren kön­nen und müs­sen, dass Mey­en öffent­lich-recht­li­che Fak­ten­che­cker in einen Topf mit den pri­va­ten Platt­for­men wirft. Bei ers­te­ren ist das Pro­blem der Stif­tungs­fi­nan­zie­rung ja nicht gegeben. 

Ich fand außer­dem Mey­ens Kri­tik am Fak­ten­be­griff zu weit­ge­hend. Ja, der Fak­ten­be­griff lässt leicht ver­ges­sen, dass auch die Zusam­men­stel­lung von The­men und Fak­ten schon eine Sicht­wei­se abbil­det und nicht neu­tral ist, dass also »Fak­ten« nicht gleich­be­deu­tend mit »Wahr­heit« ist. Aber ich fin­de die Idee der Fak­ten­checks nicht grund­sätz­lich falsch. Sie sind ja meis­tens eine Reak­ti­on auf eine vor­ge­tra­ge­ne The­se. Man kann sich schon eine The­se vor­neh­men und prü­fen, ob die dar­in erho­be­nen Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen stim­men, auch wenn die­se Fra­ge nicht in jedem Ein­zel­fall ein­deu­tig mit ja oder nein zu beant­wor­ten ist. Mit den Fak­ten ist es wie mit Objek­ti­vi­tät: Man erreicht sie nicht in Per­fek­ti­on, aber in Annä­he­rung, und die Annä­he­rung spielt in der Pra­xis eine wich­ti­ge Rol­le. Wenn wir uns dar­auf zurück­zie­hen, dass alles sub­jek­tiv ist, kön­nen wir uns über­haupt nicht mehr über die Wirk­lich­keit verständigen. 

Man­ches ist also durch­aus kri­tik­wür­dig. Aber alles, was ein Jour­na­lis­ten­ver­band zu die­ser The­ma­tik zu sagen hat, ist sinn­ge­mäß: Das ist natür­lich Quatsch, die leis­ten groß­ar­ti­ge Arbeit, ohne jedes begrün­den­de Ele­ment? Was für ein Offen­ba­rungs­eid ist das? Wer Fak­ten­che­cker finan­ziert, ist kein The­ma? Dass Social-Media-Mono­po­lis­ten unter dem Druck von Staa­ten sol­che obsku­ren, intrans­pa­ren­ten, durch nichts demo­kra­tisch oder sonst wie legi­ti­mier­ten Fak­ten­che­cker für die gesam­te Welt­öf­fent­lich­keit ent­schei­den las­sen, was wahr und was unwahr ist, ist für Jour­na­lis­ten kein The­ma, und wer es zum The­ma macht, wird auf die­se bil­li­ge Wei­se in den Dreck gezo­gen? Was ist hier los? Man wür­de doch mei­nen, dass Jour­na­lis­ten die natür­li­chen Ver­bün­de­ten für jeden sind, der sich für Auf­klä­rung und gegen Mani­pu­la­ti­on und Des­in­for­ma­ti­on einsetzt. 

Aber man wür­de sich irren. 

Noch dras­ti­scher zeigt das der Abschnitt zum Video mit Stein­hö­fel, der den Schluss des Kom­men­tars bildet.

Mit der Mei­nungs­frei­heit beschäf­tigt sich das Video von Schau­spie­ler Wotan Wil­ke Möh­ring und Rechts­an­walt und Publi­zist Joa­chim Stein­hö­fel. Laut Text unter dem Video glau­be die Mehr­heit der Deut­schen, die Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land sei in Gefahr. 

Nun, dazu gibt es Zah­len. Eine Allens­bach-Umfra­ge im Juni 2021 ergab, dass 45 Pro­zent der Bür­ger mein­ten, man kön­ne sei­ne Mei­nung frei äußern, und 44 Pro­zent das Gegen­teil behaup­te­ten. »Die Mehr­heit« stimmt also nicht. 

Den­noch ist die Zustim­mung von 45 Pro­zent der schlech­tes­te Wert, der seit Beginn der Erhe­bun­gen 1953 je gemes­sen wur­de. Laut FAZ haben seit »den sech­zi­ger Jah­ren bis ins ver­gan­ge­ne Jahr­zehnt hin­ein regel­mä­ßig mehr als zwei Drit­tel der Befrag­ten« die Ansicht ver­tre­ten, man kön­ne sei­ne Mei­nung frei äußern. Wir sehen also einen dra­ma­ti­schen Absturz in den letz­ten Jahren.

Gleich­zei­tig ist recht klar, woher die Ver­fas­ser der Videobe­schrei­bung die Aus­sa­ge haben, »die Mehr­heit« sehe die Mei­nungs­frei­heit in Gefahr: Man­che Medi­en haben das feh­ler­haft so berichtet.

Man kann den Machern von #alles­auf­den­tisch also vor­wer­fen, dass sie glau­ben, was in der Zei­tung steht.

Aber Spaß bei­sei­te. Der DJV sagt nichts wei­ter zur Besorg­nis der Deut­schen über die Mei­nungs­frei­heit, so dass der Ein­druck ent­steht, die Anga­be hät­te kei­ne Basis und Möh­rung und Stein­hö­fel hät­ten Wahn­vor­stel­lun­gen – und das, wäh­rend sich die von den Bür­gern wahr­ge­nom­me­ne Mei­nungs­frei­heit in einem Absturz befin­det, der in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Geschich­te bei­spiel­los ist.

»Kon­for­mi­täts­druck, sozia­le Äch­tung, beruf­li­che Risi­ken, Kon­to­kün­di­gun­gen wenn man den Mund auf­macht« [sic], heißt es da. Selbst ganz gro­ße Kali­ber wer­den auf­ge­fah­ren, wenn die »digi­ta­le Mas­sen­ver­nich­tung frei­er Rede« beschwo­ren wird. 

»Mas­sen­ver­nich­tung« mag ein zu rei­ße­ri­sches Wort sein. Ande­rer­seits ist nicht so leicht zu ermes­sen, wel­che Trag­wei­te es hat, wenn Tech-Mono­po­lis­ten mas­sen­haft Inhal­te ent­fer­nen und Per­so­nen von ihren Platt­for­men ver­ban­nen, und das ist fak­tisch der Fall. Und Kon­for­mi­täts­druck, sozia­le Äch­tung, beruf­li­che Risi­ken, Kon­to­kün­di­gun­gen – das alles gibt es ohne Zwei­fel. Nicht zu ver­ges­sen Haus­durch­su­chun­gen, wenn man einen Poli­ti­ker »Pim­mel« nennt, wahr­schein­lich, um die gehei­me Kis­te mit wei­te­ren »Pimmel«-Tweets unterm Bett zu fin­den. Oder etwa zur Ein­schüch­te­rung? So oder so – sind das alles kei­ne The­men für den Journalismus? 

Nein, sind es nicht: 

Den Gegen­be­weis lie­fern die Macher der Akti­on gleich mit. Als Mei­nung kön­nen Mey­en, Bruch, Möh­ring, Stein­hö­fel und die ande­ren das alles selbst­ver­ständ­lich ver­brei­ten: Anders als in Län­dern, in denen die Pres­se- und Mei­nungs­frei­heit tat­säch­lich bedroht ist, ver­folgt sie hier­zu­lan­de nie­mand dafür, nie­mand ver­haf­tet oder bedroht sie, nie­mand ver­bie­tet es – offen­sicht­lich nicht mal der gesun­de Men­schen­ver­stand. Es lebe also die Mei­nungs­frei­heit! Die gilt aber umge­kehrt eben­so für schar­fe Kri­tik an sol­chen Äuße­run­gen. Mei­nungs­frei­heit bedeu­te­te noch nie die Frei­heit von Gegen­re­de – ganz im Gegenteil. 

Alles für null und nich­tig erklärt, durch den dum­men Trick, so zu tun, als wäre Mei­nungs­frei­heit eine binä­re Ange­le­gen­heit, so dass man sie ein­fach ent­we­der hat oder nicht hat. Doch in dem Video behaup­tet nie­mand, dass Deutsch­land die übels­te Dik­ta­tur der Erde sei. Könn­te es nicht etwa so sein, dass wir auf einer Mei­nungs­frei­heits-Ska­la von 1 bis 10 bei mei­net­we­gen 7 sind, wobei aber ein nega­ti­ver Trend zu ver­zeich­nen ist, der Anlass zur Besorg­nis gibt? Und darf man dann wegen die­ses Trends Alarm schla­gen? Was ist hier eigent­lich die Prä­mis­se – über bedroh­te Mei­nungs­frei­heit darf man erst spre­chen, wenn man nicht mehr dar­über spre­chen darf?

Das Video mit Stein­hö­fel als wahn­haft hin­zu­stel­len ist beson­ders dreist und absurd, weil der Mann ein­fach Rechts­an­walt ist und regel­mä­ßig im Zusam­men­hang mit Pro­fil­sper­run­gen gegen Tech-Kon­zer­ne vor­geht. Er kennt sich mit den Vor­gän­gen aus und das Video dreht sich um kon­kre­te Tat­sa­chen. Es wer­den weder Ver­schwö­rungs- noch sons­ti­ge Theo­rien gespon­nen, son­dern es geht ein­fach um evi­den­te rea­le Vor­gän­ge zum Nach­teil der Mei­nungs­frei­heit. Das wird vom DJV alles weg­ge­lo­gen. Mit dem Wort »Gegen­be­weis« wird sogar behaup­tet, es sei bewie­sen, dass es kein Pro­blem mit der Mei­nungs­frei­heit gebe und nichts in dem Video wahr sei. Wir haben in der Wahr­neh­mung der Bür­ger einen Absturz der Mei­nungs­frei­heit wie seit Jahr­zehn­ten nicht und der Jour­na­lis­ten-Ver­band lacht dar­über und behaup­tet, das sei alles nicht real.

Am Ran­de, die­ser Tweet kam nur einen Tag später:

Ich kann das nicht mehr mit Inkom­pe­tenz erklä­ren. Ins­be­son­de­re die letz­ten zwei Absät­ze des Kom­men­tars sind eine akti­ve Bekämp­fung von Stim­men, die sich für Mei­nungs­frei­heit ein­set­zen und eine akti­ve Unter­drü­ckung des Spre­chens über Tat­sa­chen, die klar auf ein Pro­blem hin­wei­sen, also eine akti­ve Bekämp­fung der Mei­nungs­frei­heit. Die gewähl­ten Mit­tel dazu sind Dis­kre­di­tie­rung von Akteu­ren unter Umge­hung der inhalt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung sowie Irre­füh­rung hart an der Gren­ze zur Lüge, inso­fern insi­nu­iert wird, Möh­ring und Stein­hö­fel wür­den sich das alles nur aus­den­ken. Man könn­te es auch Gas­ligh­t­ing nen­nen: Mil­lio­nen Men­schen wird erzählt, es sei nur ihre Ein­bil­dung, dass sie Angst haben müs­sen, ihre Mei­nung zu äußern. Du wirst gar nicht von uns miss­han­delt, das kommt dir nur so vor, weil du spinnst.

Dane­ben brach­te der DJV ges­tern eine Lob­hu­de­lei auf »Funk«, die man eigent­lich nur mit »Was darf Sati­re?« kom­men­tie­ren kann.

funk macht preis­ge­krön­ten, rele­van­ten und seriö­sen Jour­na­lis­mus für eine Ziel­grup­pe, die ARD und ZDF mit ihren ande­ren Pro­gram­men kaum oder gar nicht errei­chen. Die Zah­len spre­chen für sich: Jun­ge Men­schen wol­len und gou­tie­ren gut gemach­ten Jour­na­lis­mus, wenn er sie auf einem Weg erreicht, der ihnen ent­spricht. Das ist wich­tig, das ist schön und das macht Mut!

Was »Funk« ist, beschreibt Alex­an­der Kis­s­ler in der NZZ genau­er, als man es wis­sen möch­te.

Bleibt mir nur, zusam­men­fas­send das voll­stän­di­ge Lind­say-Zitat nach­zu­lie­fern, aus dem das Ein­gangs­mot­to ganz oben stammt: 

Vor einer Wei­le hat uns Bari Weiss in einem ein­fluss­rei­chen Essay gesagt, dass wir auf­hö­ren sol­len, scho­ckiert zu sein. Die Leu­te haben Schwie­rig­kei­ten damit. So kommt man einen Schritt wei­ter: Machen sie sich hier und jetzt klar, dass alle pro­fes­sio­nel­len Orga­ni­sa­tio­nen geka­pert sind. Alle. Akzep­tie­ren Sie die­se Tat­sa­che und stel­len Sie sich dar­auf ein.

Dass irgend­ei­ne pro­fes­sio­nel­le Orga­ni­sa­ti­on heu­te kom­mu­no-woke ist, hat kei­nen grö­ße­ren Nach­rich­ten­wert als dass Feu­er heiß ist, Was­ser nass macht und auf die Nacht der Mor­gen folgt. Hören Sie auf, scho­ckiert zu sein. Akzep­tie­ren Sie die Welt, wie sie ist, und tun Sie etwas dagegen. 

Wei­te­re Nach­rich­ten: hoch­gra­dig meta­stasie­ren­der Krebs in wei­te­ren Orga­nen gefun­den. Kön­nen Sie’s glauben?! 

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