Was erlauben Musk? Eine Diagnose

Georg Rest­le, Chef und Mode­ra­tor der WDR-Sen­dung »Moni­tor«, hat am 29. Okto­ber des Jah­res 2022 blu­tend, geschun­den, über­mü­det und aus­ge­hun­gert, den eisi­gen Wind des erbar­mungs­lo­sen Bliz­zards im Haar, als letz­ter Mann im Schüt­zen­gra­ben inmit­ten des infer­na­li­schen Lärms ein­schla­gen­der Mör­ser­gra­na­ten und gequäl­ter Schreie der Kame­ra­den mit ersterben­der Stim­me einen dra­ma­ti­schen Funk­spruch abgesetzt:

Wie gut er ist! Man möch­te direkt beten. Es ist klar, wie schwer er an der Bür­de trägt, so gut zu sein. Ohne ihn hät­te der Hass viel­leicht schon gesiegt, wären die Stim­men der Unter­drück­ten bereits ver­stummt, die Unge­hör­ten unge­hört geblie­ben. Aber er ist ein­fach zu gut, um das zuzu­las­sen. Gut, dass er so gut ist. Amen.

Elon Musk über­nimmt Twit­ter und löst dadurch in alten und neu­en Medi­en einen Meltdown ohne Glei­chen aus. Die Süd­deut­sche Zei­tung hyper­ven­ti­liert: »die ame­ri­ka­ni­sche Demo­kra­tie ist in Gefahr« und wählt dazu die Über­schrift: »Und am Mon­tag kommt Trump zurück«. Dahin­ter steckt ein lus­ti­ger Fake, der auf Twit­ter die Run­de mach­te und bei der Süd­deut­schen wohl zu gut ins Welt­bild pass­te, um ihn nicht unge­prüft zu glauben:

Irgend­wann hat man es gemerkt und die Über­schrift in »Elon Musk gibt den Ober­depp« geän­dert, in Anspie­lung dar­auf, dass Musk nach der Über­nah­me »Chief Twit« in sein Twit­ter-Pro­fil geschrie­ben hat. Sei­nen Sinn für Humor nimmt man ihm beson­ders übel.

Sogar die Bun­des­re­gie­rung betei­ligt sich an der Hys­te­rie und will Twit­ter künf­tig »sehr genau beob­ach­ten«. Bis­her war dem­nach sicher­ge­stellt, dass alles mit rech­ten Din­gen zugeht? Wodurch? Die nicht ansatz­wei­se vor­han­de­ne Trans­pa­renz? Die eben­so nicht vor­han­de­ne demo­kra­ti­sche Kon­trol­le oder Regu­lie­rung? Die es in den ande­ren sozia­len Netz­wer­ken, die anschei­nend kei­ner »genau­en Beob­ach­tung« bedür­fen, genau­so wenig gibt?

Iron Law of Woke Projection

Die bis­he­ri­ge Social-Media-Wirk­lich­keit sieht ja so aus, dass zum Bei­spiel Face­book und Twit­ter sowie eini­ge US-Leit­me­di­en durch Unter­drü­ckung belas­ten­der Bericht­erstat­tung über die Bidens offen­bar ent­schei­dend in den US-Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf ein­ge­grif­fen haben. Und das ist nur die Spit­ze des Eis­bergs. Seit Jah­ren wird die Prä­senz der Kon­ser­va­ti­ven auf den Platt­for­men erschwert und aus­ge­dünnt. Es ist nicht mal ein offe­nes Geheim­nis, son­dern gar kei­nes, dass Füh­rungs­per­so­nal und Beleg­schaf­ten der Tech-Unter­neh­men mehr­heit­lich klar links ste­hen. Das haben bei­spiels­wei­se der lang­jäh­ri­ge Twit­ter-Chef Jack Dor­sey und Mark Zucker­berg offen ein­ge­räumt. Bei Goog­le hat eine inter­ne Ver­samm­lung 2016 emo­tio­nal den Wahl­sieg Trumps betrau­ert, spä­ter hat eine Insi­de­rin vor ver­steck­ter Kame­ra dar­über phi­lo­so­phiert, wie man die »nächs­te Trump-Situa­ti­on« ver­hin­dern kön­ne. Im Rah­men einer ähn­li­chen Akti­on von Pro­ject Veri­tas gab ein Twit­ter-Mit­ar­bei­ter zu Pro­to­koll, die meis­ten Kol­le­gen sei­en »com­mie as fuck«, das Unter­neh­men glau­be nicht an Mei­nungs­frei­heit und es zen­sie­re Rech­te, nicht aber Linke.

Das war alles kein Pro­blem. Kei­ne Rufe nach Demo­kra­ti­sie­rung, Ver­ge­sell­schaf­tung, staat­li­cher Kon­trol­le der Platt­for­men; noch nicht ein­mal ein besorg­ter Zei­tungs­kom­men­tar. »Wenn es euch nicht passt, baut euch doch eure eige­ne Platt­form«, hieß es immer. »Es sind pri­va­te Unter­neh­men und die kön­nen machen, was sie wollen«.

Und jetzt kommt jemand, der die­se kla­re Schief­la­ge als Pro­blem sieht und nach sei­nem Bekun­den eine für alle offe­ne, fai­re und trans­pa­ren­te Platt­form will, die im Rah­men der Geset­ze Mei­nungs­frei­heit gewähr­leis­tet – und das ist eine Gefähr­dung der Demo­kra­tie, wo vor­her alles in Ord­nung war. 

Das ist eine Rea­li­täts­um­kehr um 180°, die James Lind­say als »Iron Law of Woke Pro­jec­tion« bezeich­net.

Weis­band beschreibt genau die Situa­ti­on, die wir bis­her auf Twit­ter haben, nur dass es Lin­ke sind, die so tun, als wären sie die Welt, wäh­rend sie mit der herr­schen­den Twit­ter-Mei­nung in Wahr­heit viel­leicht 10 Pro­zent reprä­sen­tie­ren, wenn überhaupt. 

Sie fürch­ten, kurz, dass Musk genau das macht, was sie selbst an sei­ner Stel­le machen wür­den oder bis­her bereits gemacht haben. 

»An der Stelle enteignen«

So auch die Juso-Vor­sit­zen­de Jes­si­ca Rosen­thal, die Musk »an der Stel­le ent­eig­nen« möch­te. Für den »Spie­gel« zei­gen ihre Äußerungen, …

… wie groß die Sor­ge ist, der Mul­ti­mil­li­ar­där könn­te die Platt­form zum Instru­ment sei­ner per­sön­li­chen Inter­es­sen machen, miss­lie­bi­ge Mei­nun­gen unter­drü­cken – und einer Radi­ka­li­sie­rung des Dis­kur­ses Vor­schub leisten.

Die Sor­ge? Wel­che Sor­ge? Wes­sen Sor­ge? Die gesell­schaft­li­che Gesamt­sor­ge? Wie begrün­det ist die? Miss­lie­bi­ge Mei­nun­gen unter­drü­cken – ich dach­te, die Befürch­tung ist, dass der olle Dumm­kopf die Mode­ra­ti­on abschaf­fen will, weil er nicht ver­steht, dass die Mei­nungs­frei­heit Gren­zen hat? Zudem sprach er vor Mona­ten davon, die Algo­rith­men offen­le­gen zu wol­len, um Mani­pu­la­ti­on gera­de zu verhindern. 

In einem ande­ren Arti­kel raunt der »Spie­gel«, dass Donald Trump die Über­nah­me bereits beju­belt habe – DA-DA-DAAAAM! Irgend­ei­ne sach­li­che Ein­schät­zung dar­über hin­aus lie­fern bei­de Arti­kel nicht.

Auch für Jan Böh­mer­mann führt kein Weg dar­an vor­bei, den USA den Krieg zu erklä­ren – da darf man sich jetzt nicht wegducken:

All dem liegt die erstaun­lich welt­frem­de Vor­stel­lung zugrun­de, ein Mensch wie Elon Musk wür­de nun ein­fach blind und blöd alle Regeln der Platt­form abschaf­fen oder dort ander­wei­tig als Axt im Wal­de wir­ken und sei­ne 44-Mil­li­ar­den-Dol­lar-Inves­ti­ti­on mit­samt sei­nes Rufes vor die Wand fah­ren. War­um soll­te er das tun? Was soll­te sein Motiv dabei sein? Es wür­de zwei­fel­los die Platt­form zer­stö­ren, wenn er zulie­ße, dass Anar­chie aus­bricht, oder die Algo­rith­men mani­pu­lier­te (um was zu errei­chen?), was bei­des zur Fol­ge hät­te, dass die Lin­ke ver­grault wird. Was hät­te er davon? Für wie dumm hal­ten die­se Men­schen ihn? Wie konn­te ein sol­cher Dumm­kopf auf­bau­en, was er auf­ge­baut hat?

Hass zerstört die Theory of Mind

»Poli­ti­cal hate shat­ters an individual’s theo­ry of mind«, sagt der Psy­cho­lo­ge Gad Saad. Das ist es wohl. Der Feind ist als böse mar­kiert und das macht Empa­thie für ihn eben­so wie ratio­na­les Den­ken in Bezug auf ihn unmög­lich – und Recher­che über ihn unwahr­schein­lich, wie man hin­zu­fü­gen muss. In die­sel­be Rich­tung geht Jona­than Haidts Meta­pher des mora­li­schen Kraft­felds:

Inner­halb eines mora­li­schen Kraft­felds ist Abweich­ler­tum zutiefst ver­stö­rend. Aposta­ten und Ket­zer müs­sen ver­bannt oder exe­ku­tiert wer­den. … Moral bin­det und blen­det. … Sakra­li­sie­rung ver­zerrt das Den­ken. Hei­li­ge Wer­te bin­den Teams zusam­men und machen sie blind für die Wahrheit.

Was wie­der­um den Kreis zum ange­spro­che­nen Phä­no­men der Pro­jek­ti­on schließt. Im Rah­men des Gut-und-böse-Den­kens bei akti­vier­tem mora­li­schem Kraft­feld wird die Eigen­grup­pe als nur gut und die Feind­grup­pe als nur böse gese­hen. Das eige­ne Böse muss dazu auf den Geg­ner pro­ji­ziert wer­den. Je mehr Böses es zu pro­ji­zie­ren gibt, des­to auf­fäl­li­ger wird das. Und hier gibt es eine Men­ge, denn das »Böse«, um das es geht, ist die lin­ke Bei­na­he-Hege­mo­nie in der Medienöffentlichkeit.

Was erlauben Musk?

Am 27. Okto­ber, also deut­lich vor Georg Rest­les heroi­scher Ges­te, in einem Tweet zu beteu­ern, wie gut er ist, twit­ter­te Musk eine Bot­schaft an die Wer­be­trei­ben­den auf Twit­ter. Ich zitie­re auszugsweise.

Ich habe Twit­ter gekauft, weil es für die Zukunft der Zivi­li­sa­ti­on wich­tig ist, einen gemein­sa­men öffent­li­chen Markt­platz zu haben, auf dem eine brei­te Span­ne von Über­zeu­gun­gen auf gesun­de Wei­se und gewalt­frei debat­tiert wer­den kann. Gegen­wär­tig besteht eine gro­ße Gefahr, dass sich Social Media in rechts- und links­ex­tre­me Echo­kam­mern auf­spal­tet, die Hass erzeu­gen und unse­re Gesell­schaft spalten.

In der uner­müd­li­chen Gier nach Klicks haben gro­ße Tei­le der tra­di­tio­nel­len Medi­en die­se pola­ri­sier­ten Extre­me bedient und ange­trie­ben, in dem Glau­ben, damit Geld zu ver­die­nen, doch dabei bleibt die Mög­lich­keit zum Dia­log auf der Strecke.

Rest­le kau­ert an die­ser Stel­le bereits zu Tode ver­ängs­tigt unter sei­nem Schreib­tisch ob die­ses Tsu­na­mis des Has­ses. Übri­gens klingt das ziem­lich genau nach dem, was auch Saskia Esken gera­de beklagt hat. Aber wenn Musk es beklagt und lösen will, ist das böse, weil er nicht links ist. Oder nicht links genug – er gab ja an, immer demo­kra­tisch gewählt zu haben, bis die Demo­kra­ten zur Par­tei des Has­ses gewor­den sei­en.

Das ist jener Hass, der für Georg Rest­le nicht exis­tiert, weil er und sei­ne Kol­le­gen schlicht nicht dar­über berich­ten. Und dass Musk selbst gegen Hass vor­ge­hen möch­te und viel­leicht sogar ver­nünf­ti­ge Ideen dazu hat – die­se Vor­stel­lung kann ein Georg Rest­le gar nicht verarbeiten.

Bei­spiel: Die Begrün­dung, die Musk im Früh­jahr dafür nann­te, dass er die Sper­rung von Trump für einen Feh­ler hielt.

[Die Sper­re] hat einen gro­ßen Teil des Lan­des vor den Kopf gesto­ßen und am Ende nicht dazu geführt, dass Trump kei­ne Stim­me mehr hät­te. Er wird jetzt auf Truth Social sein, zusam­men mit einem gro­ßen Teil der Rech­ten in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Ich glau­be, das könn­te das Pro­blem nur ver­schärft haben.

Die Unfä­hig­keit, sich vor­zu­stel­len, dass es mehr nega­ti­ve als posi­ti­ve Kon­se­quen­zen haben könn­te, erheb­li­chen Tei­len der Bevöl­ke­rung ein­fach den Mund zu ver­bie­ten, ist Teil der oben ange­spro­che­nen Zer­stö­rung der »theo­ry of mind«. Die gan­ze links­or­tho­do­xe »Gegen-rechts«-Wirtschaft beruht dar­auf, denn wenn die mit ihrer aggres­si­ven Arro­ganz und abge­schot­te­ten Links­dog­ma­tik irgend­je­man­den nie errei­chen wird, dann Rech­te oder sol­che, die mit Rech­ten sympathisieren.

Zurück zu Musks aktu­el­len Bot­schaft an die Werbetreibenden:

Nichts­des­to­trotz kann Twit­ter selbst­ver­ständ­lich nicht zu einer anar­chi­schen Höl­len­land­schaft wer­den, wo ohne Kon­se­quen­zen alles gesagt wer­den kann. Die Platt­form muss nicht nur die jewei­li­gen Lan­des­ge­set­ze ach­ten, son­dern auch für alle warm und ein­la­dend sein; ein Ort, wo man die gewünsch­te Erfah­rung den eige­nen Prä­fe­ren­zen gemäß gestal­ten kann, so wie es zum Bei­spiel Fil­me oder Video­spie­le für alle Alters­grup­pen sowie für Erwach­se­ne und alles dazwi­schen gibt.

Das hin­der­te »WDR Aktu­el­le Stun­de« nicht dar­an, mehr als 24 Stun­den spä­ter (oh the iro­ny) zu twit­tern:

Jetzt ist es offi­zi­ell: Elon Musk hat Twit­ter über­nom­men. Dort soll jeder alles sagen dür­fen, Pöbe­lei­en inklu­si­ve. Aber ame­ri­ka­ni­sche Rede­frei­heit und deut­sche Mei­nungs­frei­heit sind zwei ganz ver­schie­de­ne Din­ge, sagt Mar­kus Becke­dahl von Netzpolitik.

Sehr kluk. Nur irrele­vant. Hat Musk gesagt, er wol­le irgend­wel­che Lan­des­ge­set­ze nicht ach­ten? Nein, er hat das Gegen­teil gesagt.

Schwarzer Gürtel im Taubenschach

Doch die scharf­sin­nigs­te Ein­las­sung stammt von einem der hoch­in­tel­lek­tu­el­len Köp­fe hin­ter dem »ZDF Maga­zin Roya­le«, der jeden Gebüh­ren­cent wert ist und mit etwas gutem Wil­len sogar als alpha­be­ti­siert gel­ten kann:

HAHAHAHA MEINUNGSFREIHEIT DANN DARF ICH DICH JA BESCHIMPFEN WIE ICH WILL DU PIMMEL HAHAHAHA DA HAST DU MEINUNGSFREIHEIT ICH BIN SEHR INTELLIGENT – das ist schon mal ein Knül­ler, aber dann noch mit dem Klas­si­ker »Expe­ri­ment« einen drauf­set­zen, so dass er auto­ma­tisch Sie­ger ist und alles schon anti­zi­piert hat, was man zur Erwi­de­rung sagen könn­te, und das Blo­cken und Aus­blen­den als ori­gi­nel­le Idee ver­kau­fen – Respekt. Schwar­zer Gür­tel im Taubenschach.

Es ist gene­rell inter­es­sant, was für ein ver­hass­tes Wort und Kon­zept »Mei­nungs­frei­heit« unter ton­an­ge­ben­den Lin­ken gewor­den ist, und damit ver­bun­den, wie fest sie sich ein­hel­lig davon über­zeugt zei­gen, dass Mei­nungs­frei­heit zu ihrem Nach­teil wäre. Wahr­schein­lich ist Mei­nungs­frei­heit auch liber­tä­rer Auto­ri­ta­ris­mus, oder sogar »Kli­ma Ras­sis­mus«; wer weiß.

Sie sind ja … ein schäbiger Troll!

Dass es übri­gens außer­halb der Bub­ble grund­sätz­lich kei­ne Men­schen mehr gibt, son­dern nur noch »Trol­le«, ist längst eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Auch beim »Volks­ver­pet­zer«, wo der Sound von Roland Freis­ler so leben­dig ist wie nir­gends sonst:

Men­schen, die wir nicht mögen, sind gar kei­ne Men­schen, son­dern irra­tio­na­le Mons­ter. Zer­stö­rung der Theo­ry of Mind durch poli­ti­schen – und d. h. reli­giö­sen – Hass. Selbst­ver­ständ­lich fehlt im Arti­kel jeder Beleg dafür, dass »extre­me Rech­te jubeln«. Dass nur extre­me Rech­te gut fin­den, was wir blöd fin­den, gehört zu den Aprio­ri­en des Glau­bens, deren Gewiss­heit jeder Empi­rie vor­ge­la­gert ist.

Diesseits des Deliriums

Aber genug von dem Geschnat­ter. Wie kann man das Gan­ze rea­lis­tisch einschätzen?

Es gibt eine Kate­go­rie von Super­rei­chen, die soge­nann­te Phil­an­thro­pie betrei­ben, also ihren Reich­tum nicht nur nut­zen, um ein Luxus­le­ben zu füh­ren, son­dern ver­su­chen, damit Gutes zu bewir­ken, was natür­lich heißt: was sie per­sön­lich für »Gutes« hal­ten. Dazu gehö­ren etwa auch Bill Gates und Geor­ge Soros. Man muss nicht gut und kann falsch oder gefähr­lich fin­den, was sie bewir­ken, aber Gutes zu bewir­ken scheint ihr Antrieb zu sein. Das ist auch plau­si­bel, denn wel­che Zie­le soll man als Mil­li­ar­där noch haben? Man kann sich vor­stel­len, dass Luxus allein auf Dau­er nicht befrie­di­gend ist.

So ein Mil­li­ar­där ist auch Musk. Er will den Kli­ma­wan­del bekämp­fen, den er für eine der größ­ten Bedro­hun­gen der Mensch­heit hält. Künst­li­che Intel­li­genz hält er für gefähr­lich, aber unver­meid­lich, und enga­giert sich des­halb auf dem Gebiet. Sein Raum­fahrt­un­ter­neh­men soll einer Kolo­ni­sie­rung des Welt­raums den Weg bah­nen. Es ergibt sich das kon­sis­ten­te Bild eines Visio­närs, der zu einer posi­ti­ven Gestal­tung der Zukunft bei­tra­gen will. Man kann das als Grö­ßen­wahn ein­ord­nen, aber es ist nicht grö­ßen­wahn­sin­ni­ger als das Wir­ken etwa von Bill Gates, Geor­ge Soros oder Klaus Schwab.

Natür­lich ist die Sor­ge über sol­ches Ein­grei­fen der Rei­chen und Mäch­ti­gen grund­sätz­lich berech­tigt und etwas, wor­über man reden soll­te. Aber bit­te nicht nur auf einer Sei­te und dort in schrills­ter Hys­te­rie, wäh­rend auf der ande­ren ohne Kom­men­tar alles durch­geht und man als Ver­schwö­rungs­schwur­b­ler gebrand­markt wird, wenn man Vor­gän­ge bedenk­lich fin­det. Denn Musk fällt ja hier nur dadurch aus der Rei­he, dass er nicht pro­gres­siv ist. Wie erwähnt:

Ins­be­son­de­re hat er sich gegen Wokeness posi­tio­niert. Im April twit­ter­te er, das woke Geis­tes­vi­rus mache Net­flix unge­nieß­bar, und dar­auf folg­te eine noch dezi­dier­te­re Aussage:

Also kein Wun­der, dass er als böse mar­kiert ist; für man­che ist ja »woke« gleich­be­deu­tend mit Gerech­tig­keit, Mit­ge­fühl, Anstän­dig­keit und so ziem­lich allem, was sonst noch gut ist. Aber sie steht eben völ­lig quer zu den Prin­zi­pi­en der Auf­klä­rung, Rechts­staat­lich­keit und Demo­kra­tie, wenn man genau hin­sieht, auf denen frei­heit­li­che Gesell­schaf­ten gebaut sind, so dass ihre Ver­tre­ter sich eigent­lich nicht auf die­se beru­fen können. 

Doch die­se Dis­kus­si­on wür­de hier zu weit füh­ren. Ich sehe jeden­falls vor dem Hin­ter­grund von Musks Bio­gra­phie nicht, war­um man ihm nicht glau­ben soll­te, dass er mit Twit­ter beab­sich­tigt, posi­tiv auf den öffent­li­chen Dis­kurs ein­zu­wir­ken, wobei »posi­tiv« heißt, in Rich­tung Fair­ness und kon­struk­ti­ven Mei­nungs­aus­tau­sches. Für gro­ße Pro­fi­te ist die Platt­form ja nicht bekannt, und war­um er plötz­lich zum rech­ten Kul­tur­krie­ger wer­den soll­te, nach­dem er das nie war, ist auch nicht ersicht­lich. Und selbst wenn, könn­te er durch ein zer­stör­tes Twit­ter kei­nen Ein­fluss mehr aus­üben und muss mit sehr genau­er und kri­ti­scher Beob­ach­tung rechnen.

Die schwie­ri­ge­re Fra­ge ist, wie viel er wirk­lich bewir­ken kann. Er sprach im Früh­jahr davon, dass die Algo­rith­men offen­ge­legt wer­den soll­ten, und bezeich­ne­te sich zum Schre­cken der Lin­ken als »free speech abso­lu­tist«. Jetzt wird sich zei­gen, wel­ches Schick­sal solch hohe Idea­le auf dem har­ten Boden der Rea­li­tät neh­men. Das The­ma Mode­ra­ti­on von Inhal­ten ist das bes­te Bei­spiel für die­se Rea­li­täts­pro­be. Free Speech klingt toll, aber auf einer Platt­form wie Twit­ter, lau­fen eben tat­säch­lich Kom­mu­ni­ka­ti­ons­strö­me ab, die Scha­den anrich­ten, wenn sie unkon­trol­liert blei­ben. Und im Zwei­fel wis­sen die Betei­lig­ten mehr dar­über als wir hier drau­ßen. Dass auch Musk Respekt vor dem The­ma hat, zeig­te er mit der Ankün­di­gung, mit einem plu­ra­lis­tisch besetz­ten Exper­ten­gre­mi­um dar­über zu bera­ten und bis dahin kei­ner­lei Ände­run­gen vor­zu­neh­men. (Gerüch­te über eine Trump-Rück­kehr sind somit verfrüht.)

Ich könn­te mir also vor­stel­len, dass sich gar nicht so viel ändert, weil die Zwän­ge der Wirk­lich­keit nur einen Kom­pro­miss zulas­sen, der für nie­man­den ganz befrie­di­gend ist. Aber ich bin vor­sich­tig opti­mis­tisch, dass Musk tat­säch­lich Ver­bes­se­run­gen brin­gen kann. Dass sie nötig ist, mei­nen nicht nur Elon Musk und Saskia Esken, son­dern etwa auch der renom­mier­te Psy­cho­lo­ge Jona­than Haidt, der den aktu­el­len Dyna­mi­ken sozia­ler Medi­en eine Schlüs­sel­rol­le in der seit etwa 10 Jah­ren zu beob­ach­te­ten gesell­schaft­li­chen Spal­tung, Radi­ka­li­sie­rung und Ver­blö­dung zuschreibt, für die wir oben iro­ni­scher­wei­se eini­ge Bei­spie­le gese­hen haben. Musks Lebens­lauf mahnt, ihn nicht zu unter­schät­zen, und wer sich in Anbe­tracht sei­ner Leis­tun­gen das Urteil erlaubt, er sei dumm, ist ein nar­ziss­ti­scher Idiot.

Was aber sicher nicht pas­sie­ren wird, ist, dass er auf Twit­ter sys­te­ma­tisch Rech­te begüns­tigt oder miss­bräuch­li­cher Nut­zung der Platt­form freie Bahn lässt. Es könn­te allen­falls sein, dass auch woke-lin­ke Hass­mobs ver­stärkt mit der Mode­ra­ti­on zu tun bekom­men und Zei­tun­gen auch nega­ti­ve Bericht­erstat­tung über lin­ke Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten pos­ten dür­fen – und aus Sicht der Woke-Lin­ken wären glei­che Maß­stä­be genau die him­mel­schrei­en­de Unge­rech­tig­keit, die sie jetzt befürch­ten, getreu dem Prin­zip der repres­si­ven Tole­ranz. So gese­hen könn­te ihre Panik berech­tigt sein. Und das wäre gut so.

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