Pseudo-Realität

Der Wokeness-Kritiker James Lindsay hat am 25. Dezember 2020 den bahnbrechenden Text »Psychopathy and the Origins of Totalitarianism« – Psychopathie und die Ursprünge des Totalitarismus – veröffentlicht, der als Theorie der Wokeness-Bewegung vollständiger ist als alles, was ich bis dahin darüber gelesen hatte. Ich glaube, dass diese Theorie und ihr zentrales Konzept, Pseudo-Realität, für das Verständnis des Phänomens und für Widerstand dagegen äußerst nützlich sein können. Im Folgenden gebe ich daher Lindsays Überlegungen wieder, wie ich sie verstehe. Teilweise bin ich dabei nahe am Originaltext, an anderen Stellen habe ich eigene Erläuterungen oder Beispiele hinzugefügt, wo ich es für sinnvoll hielt. Lindsays Text ist sehr dicht und abstrakt und daher etwas mühsam zu lesen. Ich ziele hier nicht darauf, dieselbe Dichte zu reproduzieren, sondern will vor allem die Kerngedanken in einer relativ leicht verständlichen Form auch im Deutschen verfügbar machen.

Der Begriff Pseudo-Realität ist keine Erfindung von Lindsay, sondern stammt aus dem Aufsatz »Missbrauch der Sprache, Missbrauch der Macht« des Philosophen Josef Pieper aus den frühen 1970er Jahren. Er handelt davon, dass Menschen (Sophisten) Sprache manipulieren können, um sich Macht anzueignen, und die Sprache damit korrumpieren, und damit sind wir beim Thema. Lindsay stellt fest, dass sich viele Gräuel der Geschichte auf die Entstehung von Pseudo-Realitäten zurückführen ließen. Pseudo-Realitäten führen unausweichlich zu Tragödien, und zwar in dem Maß, in dem die, die an sie glauben, Macht in die Hände bekommen. Und genau dies, Macht, ist ihr primäres Interesse.

Pseudo-Realität als Machtquelle

Pseudo-Realitäten sind falsche Konstruktionen der Wirklichkeit, die ein oberflächlich plausibles, aber falsches Verständnis von ihr abbilden. Es sind unwahre Erzählungen über die Beschaffenheit der Welt, die sich tarnen, indem sie sich an vereinzelten Körnchen Wahrheit festmachen, wie ein Bündel Falschgeld unter einer echten Note, die sichtbar ganz oben liegt. Es sind Unwahrheiten, die von der Warte einer oberflächlichen und selektiven Wahrnehmung aus wahr aussehen.

Die Videos von George Floyds Verhaftung und Tod sind Realität; die Theorien des allumfassenden Rassismus, die damit in die Köpfe geschmuggelt werden, sind Pseudo-Realität. Man erkennt das bei näherer Betrachtung erstens daran, dass die Behauptungen der Pseudo-Realität sich selbst widersprechen, und zweitens daran, dass sie falsche Tatsachen behaupten oder suggerieren, in diesem Fall vor allem die, dass Weiße in den USA aus rassistischen Gründen massenhaft Schwarze töteten. Die Statistiken zeigen, dass das nicht wahr ist. Das »Patriarchat« im feministischen Sinn wäre ein weiteres Beispiel. Realität ist, dass die meisten Machtpositionen von Männern besetzt werden. Pseudo-Realität ist, dass daraus abzuleiten sei, dass alle oder die meisten Männer an dieser Macht teilhätten oder dass das Verhältnis zwischen den Geschlechtern grundsätzlich und überall von einem Machtgefälle zugunsten der Männer gekennzeichnet sei. Um dies daraus abzuleiten, muss man beispielsweise unterschlagen, dass auch viele statusniedrige und anderweitig unattraktive Arbeiten vornehmlich von Männern ausgeführt werden, während jene mächtigen Männer zwar sehr sichtbar sind, aber zahlenmäßig nur eine kleine Gruppe darstellen. Realität ist, dass es Transsexuelle gibt; Pseudo-Realität ist, dass die Zweigeschlechtlichkeit eine beliebige, zu Unterdrückungszwecken geschaffene »soziale Konstruktion« sei.

Was haben die Urheber einer Pseudo-Realität davon, sie zu erfinden und zu verbreiten? Hier wird es interessant. Lindsay behauptet, dass es sich bei den treibenden Kräften um Individuen mit bestimmten Psychopathologien handele, die sie unfähig machen, mit den Realitäten des Lebens zurechtzukommen. Die Pseudo-Realität hilft ihnen, trotz dieser Unfähigkeit ein Leben in Gesellschaft zu führen, vielleicht sogar ein erfolgreiches, und dabei eine bewusste Konfrontation mit der eigenen Pathologie zu vermeiden.

Hieran wird erkennbar, wie das Machtstreben der Anhänger einer Pseudo-Realität ins Spiel kommt, das ihr primärer Antrieb ist. Wenn ich der einzige bin, der an eine Pseudo-Realität glaubt, komme ich unter die Räder, bin mehr oder weniger auf ein Schattendasein beschränkt und kann langfristig kaum der Frage ausweichen, ob mit mir etwas nicht stimmt. Wenn ich aber andere manipulieren und nötigen kann, an meiner Pseudo-Realität teilzunehmen, dann kann ich es mir halbwegs behaglich mit meiner Pathologie einrichten und ein aktives, soziales Leben führen, sogar ein privilegiertes im Scheinwerferlicht; nicht trotz meines manipulativen Verhältnisses zur Wirklichkeit, sondern dank ihm.

Pseudo-Realitäten sind soziale Fiktionen, die nicht deswegen überleben, weil sie mit der Realität korrespondieren, sondern weil genug Menschen an sie glauben oder ihnen zumindest nicht entgegentreten. Es sind Macht gewährende linguistische Verzerrungen der Realität. Sie erfordern umgekehrt Macht, Manipulation und letztlich Gewalt zu ihrer Aufrechterhaltung. Somit sind sie »eine natürliche Spielwiese für Psychopathen« (Lindsay).

Pseudo-Realität und Psychopathie

Der das Konzept Psychopath/Psychopathie hier eine zentrale Rolle spielt, zitiere ich einen Ausschnitt aus dem Wikipedia-Artikel, der es gut auf den Punkt bringt:

Psychopathie bezeichnet heute eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Psychopathen sind auf den ersten Blick mitunter charmant, sie verstehen es, oberflächliche Beziehungen herzustellen. Dabei können sie sehr manipulativ sein, um ihre Ziele zu erreichen.

Fehlen von Empathie, Fehlen von Gewissen/Schuldbewusstsein und manipulatives Verhalten – man sieht sofort, wie das zu bestimmten Typen von Aktivisten passt und wie die Annahme bestimmter Ideologien zum geeigneten Mittel werden kann, diese Eigenschaften auszuleben.

Immer wieder staunen Beobachter der Wokeness über die Neigung ihrer Vertreter zur Projektion. Mit verblüffender Regelmäßigkeit werfen sie den von ihnen Angegriffenen alle möglichen Eigenschaften und Verfehlungen vor, die bei ihnen selbst hervorstechen – ein Extrembeispiel ist die Häufung männlicher Feministen, die Frauen missbrauchen. Andere prominente Beispiele sind Vorwürfe von Rassismus und Sexismus, Lügen und Manipulation, Hass und Hetze oder der Einschüchterung von Gegnern durch Online-Mobs. Doch das beste und wichtigste Beispiel ist das Thema Macht selbst.

Für Social-Justice-Aktivisten besteht die ganze soziale Wirklichkeit tendenziell nur aus Machtstreben und Machtausübung. Dies ist eine arg verkürzte, ins Zynische verzerrte und meist schlicht falsche Deutung sozialer Wirklichkeit, wo Macht(streben) ein Faktor ist, aber eben nur ein Faktor unter vielen. Die Aktivisten selbst sind in ihrer aktivistischen Tätigkeit allerdings hauptsächlich von Machtstreben geleitet und projizieren dies auf die normale soziale Wirklichkeit. 

Hier sieht man auch, wie die Projektion als Rechtfertigung und Befreiung von Schuld funktioniert. Sie sind Täter, die sich als Opfer der Umstände sehen und einfordern, auch von anderen als solche gesehen zu werden. Diese Opferrolle nutzen sie als Machtmittel, wann immer sie für ihre Täterschaft zur Rede gestellt oder zur Verantwortung gezogen werden, und machen damit die, die sie zur Verantwortung ziehen (wollen), zu Tätern. Indem sie alles menschliche Verhalten als Machtausübung interpretieren, erscheint innerhalb ihrer Pseudo-Realität ihr eigenes Verhalten nicht als Machtausübung, sondern als Befreiung von der Machtausübung anderer. Diese Umkehrung funktioniert im Kleinen wie im Großen. Sie charakterisieren die freiheitlichen Gesellschaften als durch und durch tyrannisch und ihre eigene totalitäre Agenda als einzige Möglichkeit zur Befreiung von dieser Tyrannei.

Funktionale Psychopathen und nützliche Idioten

Menschen, die die Pseudo-Realität bewohnen, werden funktional psychopathisch. Sie nehmen ein psychopathisches Verhalten an, das sie nicht isoliert oder in der Psychiatrie enden lässt, sondern sozialen Erfolg und Aufstieg in Machtpositionen ermöglicht. Hier ist also in zweifachem Sinn von Psychopathie die Rede – einmal von der echten Psychopathie von Akteuren im inneren Kreis, also den Erfindern, wahren Gläubigen und Fanatikern der Pseudo-Realität, und der funktionalen Psychopathie derjenigen, die zunächst geistig gesund sind, aber psychopathische Eigenschaften annehmen, indem sie unter dem Einfluss der Ideologen ihr Verhalten an einer psychopathischen Theorie der Wirklichkeit ausrichten.

Das Funktionale an dieser Psychopathie zeigt sich auch darin, dass Pseudo-Realisten von normalen Menschen meist zunächst für normal gehalten werden. Das ist ein zentraler Mechanismus der Ausbreitung der Pseudo-Realität, der dafür sorgt, dass nur wenige sich ihr entgegenstellen, und es denen schwer macht, die es tun. Normale Menschen unterstellen zunächst, dass es sich bei den Pseudo-Realisten ebenfalls um normale Menschen handele. Daher unterstellen sie auch, dass sie mit ihren Thesen etwas Sinnvolles und Vernünftiges meinen müssten, auch wenn es in weiten Teilen nicht so klingt. Beispielsweise ist es erstaunlich schwierig, normale Menschen davon zu überzeugen, dass eine Bewegung, die sich unter Losungen wie »Kill all Men« und »Men are Trash« versammelt, womöglich nicht vernünftig und wohlwollend ist.

Normale Menschen im Wirkungskreis der Pseudo-Realität liefern somit Tarnung und Deckung für die radikalen, pseudo-realen Behauptungen und Forderungen der Pseudo-Realisten. Deren Gedankengebäude machen einem dieses Rationalisieren und Schönreden leicht, indem sie meist ein vernünftiges X mitbringen, hinter dem sie ihr weniger vernünftiges Y verstecken können, wenn nötig. Deswegen haben alle wichtigen Begriffe, die sie verwenden, doppelte Bedeutungen, die eine Motte-Bailey-Strategie ermöglichen.  Lindsay charakterisiert die wohlwollenden, eigentlich gesunden und intelligenten Menschen, die darauf hereinfallen, als »nützliche Idioten«.

Zielgruppen der Pseudo-Realität

Pseudo-Realitäten sind Missbrauch von Sprache, der Missbrauch von Macht ermöglicht. Sie sind daher attraktiv für Menschen mit sprachlichem Geschick, die ein Bedürfnis nach Kontrolle über andere haben, und vielleicht sonst nicht viele nützliche Talente. Wenn eine Pseudo-Realität einmal angefangen hat, Wurzeln zu schlagen, zieht sie weitere solche Personen an, die die Fähigkeit und Bereitschaft mitbringen, sich durch die Manipulation von Diskursen Macht und Ressourcen anzueignen.

Die primäre Zielgruppe der Pseudo-Realität bilden Mittelschichts-Akademiker, wie sie in hoher Zahl im Wissenschaftsbetrieb, in den Medien, im Bildungssystem und in der Politik anzutreffen sind. Hier ist der primäre Resonanzraum, in dem die Pseudo-Realität funktioniert. In diesen Kreisen beruhen Status und Erfolg stark auf dem Ansehen und der Billigung der Peer Group. Deshalb kann eine Pseudo-Realität dort mehr zum Medium von Karriere- und Machtstreben werden als anderswo, wo es wichtiger ist, dass Vorstellungen von der Realität dieser auch entsprechen. Diese Menschen reagieren besonders empfindlich auf die Gefahr, dass Standesgenossen ihre Intelligenz, Bildung oder moralische Integrität in Frage stellen könnten, da ihr Selbstwertgefühl und ihr Status stark von diesen Qualitäten abhängen. Sie wollen sich um keinen Preis nachsagen lassen, zu dumm zu sein, um die Theorie zu verstehen, die in der guten Gesellschaft als wahr und richtig gilt, oder moralisch dem Pöbel nahezustehen, der sie – gewiss aus Dummheit oder Rohheit – ablehnt. Sie lassen sich daher leicht von den Angriffen und Forderungen der Pseudo-Realität unter Druck setzen, auch wenn sie zunächst nicht gläubig sind. Wann immer sie diesem Druck nachgeben, rationalisieren sie dies nachträglich (d.h. denken sich »gute Gründe« dafür aus – ein normaler Vorgang der Dissonanzreduktion) und mauern sich damit fester in die Pseudo-Realität ein. So verlieren sie allmählich die geistigen Ressourcen, die nötig sind, um sie in Frage zu stellen, während sie zugleich äußerlich von ihren Peers abhängig bleiben, was ein ständiger starker Anreiz ist, sie nicht in Frage zu stellen.

Die Verzerrungen der Realität sind missbräuchliches, manipulatives Verhalten. Sie manipulieren die Verletzlichkeit von Menschen, was eine bekannte Technik der Sektenrekrutierung ist. Sie bestärken Menschen in ihrem Gefühl der Verletzung, um sie für den Kampf gegen »das System« zu gewinnen, das an der Verletzung schuld sei, und um ihre Theorie als Lösung zu präsentieren. Je mehr Verletzung, desto manipulierbarer, desto besser. Statt verletzten Menschen bei der Heilung zu helfen, hämmert man ihnen ein, dass ihre Verletzung ein Normalzustand und unermesslich groß und tief sei und erst in der verwirklichten Utopie überwunden werden könne. Die Mission besteht darin, allen Menschen klarzumachen, dass sie in dieser Weise zutiefst verletzt und beschädigt seien. (In der Theorie stellt bereits die Sozialisierung in »Systeme des Rassismus« sowie das sozial konstruierte Unterdrückungssystem der Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität hinein eine solche tiefe Verletzung und Beschädigung aller dar.)

(Kein Witz)
(Witz)

Diese Manipulation wirkt am effektivsten auf tatsächlich emotional Verletzliche und psychisch Kranke, insbesondere solche, die Schwierigkeiten haben, mit den Regeln und Härten der Realität zurechtzukommen, sowie auf Naive, Wütende und Enttäuschte. So kann die Pseudo-Realität eine Masse von Sympathisanten aufbauen, von denen einige ihre Psychopathologien übernehmen. Dies ist die Alchemie des pseudo-realistischen Projekts: sonst normale Menschen in psychologisch, emotional und spirituell gebrochene Erfüllungsgehilfen zu verwandeln, die nicht mehr mit der Realität umgehen können und daher die Pseudo-Realität bevorzugen müssen, und diese Menschen strategisch einzusetzen.

Beweislastumkehr und Kontrolle

Pseudo-Realisten behaupten, man müsse die Welt durch eine bestimmte theoretische Linse, mit einem bestimmten (»kritischen«) Bewusstsein, aus einem bestimmten Blickwinkel wahrnehmen, um sie richtig wahrzunehmen, und wirft Außenstehenden vor, dazu unfähig zu sein. So wird zwischen Sehenden und Blinden unterschieden, zwischen denen mit kritischen und denen mit falschem Bewusstsein, denen, die wach seien, es verstanden hätten, und den Ignoranten etc. Die Beweislast liegt plötzlich bei denen, die die Realität bewohnen, denen ständig entgegengehalten wird, sie hätten die Theorie nicht verstanden und sich nicht genug damit auseinandergesetzt. Je mehr sich das totalitäre System manifestiert, desto mehr wird aus dem Vorwurf des Unverständnisses der Vorwurf, sich der Wahrheit böswillig zu verweigern. Dieser Böswilligkeit kann man dann auch mit Strafe und Zwang zuleibe rücken, also mit Gewalt.

Der oberste Zweck von Pseudo-Realitäten ist, wie erwähnt, ihren Teilnehmern Macht zu verschaffen. Das tun sie auf verschiedene Weise. Etwa indem sie eine Doppelmoral zum Vorteil der Zugehörigen etablieren und moralisch-linguistische Fallen stellen. Zu letzteren gehören Begriffe mit Doppelbedeutungen (Motte/Bailey) sowie das Unterdrucksetzen mit Beweislastumkehr und Kafkafallen (z.B. White Fragility – das Bestreiten deines Rassismus beweist deinen Rassismus).

Für diejenigen, die von den Pseudo-Realisten kontrolliert und tyrannisiert werden und nicht an die Pseudo-Realität glauben, ist es demütigend und demoralisierend, zur Teilnahme an einer Lüge gezwungen zu sein. Doch eine Pseudo-Realität kann nur als solche existieren, wenn nicht für jeden sofort offensichtlich ist, dass sie nicht echt ist; sie muss eine gewisse oberflächliche Plausibilität haben. Daher ist es eine schwierige und frustrierende Aufgabe, ihre Verzerrungen sichtbar zu machen, und der Versuch stößt nicht nur auf den erbitterten Widerstand der Anhänger, sondern auch auf den der nützlichen Idioten.

Utopismus

Das kleinste Beispiel für eine Pseudo-Realität wäre die Wahnwelt eines Psychiatrie-Patienten. Sein Wahn wird normalerweise behandelt, nicht belohnt und befördert. Doch es ist denkbar, dass er mit rhetorischem Geschick einige Menschen davon überzeugen kann, dass seine Pseudo-Realität eine bessere Deutung der Realität sei als die normale. Dadurch rutscht er in eine Macht- und Führungsposition und sein Wahn wird belohnt und befördert. Noch eine Stufe höher kann eine sektenhafte Pseudo-Realität zur globalen sozialen Bewegung werden.

Dazu müssen nur zwei weitere Annahmen zutreffen. Erstens die, dass eigentlich gesunde Menschen verführt und manipuliert werden können, an eine Pseudo-Realität zu glauben. Zweitens die, dass Sekten ideologisch und vor allem utopisch werden können. Utopisch sind sie, wenn sie darauf ausgerichtet sind, in ferner Zukunft eine ideale Gesellschaft zu schaffen. Dies stellen sie als weiten Weg dar, dessen erfolgreiche Beschreitung aber gleichwohl möglichst bald eine Revolution erfordere.

Ein solcher utopischer Endpunkt der Gesellschaftsentwicklung spielt eine wichtige Rolle im Denken der woken Ideologen. Ihr pseudo-realistisches Denken nähert sich der Wirklichkeit stets von diesem utopischen Endpunkt her und versteht sie dadurch systematisch falsch. Sie denken sich eine (sehr diffuse) perfekte Gesellschaft und erfinden pseudo-reale Gründe dafür, dass diese perfekte Gesellschaft noch nicht verwirklich ist. Um die realen Gründe dafür ans Licht zu heben, dass die Gesellschaft nicht perfekt ist, müsste man sich gewissenhaft mit der Realität auseinandersetzen. Doch das ist genau das, was die Pseudo-Realisten meiden und nicht können, weil es ihre Illusionen platzen ließe und ihre Pathologien, ihre (auch moralischen) Fehler und ihre Probleme sichtbar machen würde. Sie brauchen die perfekte Gesellschaft gerade deshalb, weil sie mit der bestehenden nicht zurechtkommen und es vermeiden, sich mit den wirklichen Gründen dafür zu konfrontieren. Die Pseudo-Realität ist eine Möglichkeit, in diesem Zustand zu verharren und trotzdem mehr oder weniger erfolgreich – wenn auch zornig und unglücklich – in der Welt zu existieren.

Die Strategie ist, so viele Menschen wie möglich zu verführen, zu nötigen oder zu zwingen, die eigene Pathologie zu übernehmen, so dass man mit ihr nicht mehr so allein ist und Regeln des Zusammenlebens einführen kann, in der sie die Norm ist. Utopistische Ideologien sind psychopathisch.

Paralogik und Paramoral

Da sie nicht wahrheitsgetreu mit der Realität korrespondiert, lässt sich eine Pseudo-Realität nicht in logischen Begriffen beschreiben. Sie verwendet für ihr Denken über die Welt eine Paralogik, die Struktur und Regeln hat, aber keine logischen Ergebnisse hervorbringen kann und in sich widersprüchlich ist. Teile von ihr sind in sich logisch, aber sie lassen sich nicht zu einem logisch kohärenten Ganzen zusammensetzen. Doch durch den oberflächlichen Anschein der Logik lassen sich normale Menschen manipulieren, eine Logik in die Pseudo-Realität hineinzuinterpretieren, die nicht da ist, und sie vernünftiger erscheinen zu lassen, als sie ist (nützliche Idioten, s.o.). Das Hereinfallen der »sehr klugen Leute«, wie Lindsay sie auch nennt, auf die Manipulation ist entscheidend für den Erfolg der Pseudo-Realität, da die Gruppe der wahren Gläubigen immer verhältnismäßig klein sein wird.

Die paralogische Struktur ist alchemisch, da es ihr Ziel ist, eine Sache in eine ganz andere zu verwandeln: die Realität in einen perfekten utopischen Zustand. Dass sie dahin führe, kann nie widerlegt werden, da ihre Vertreter immer behaupten werden, dass etwas falsch gemacht worden sei. Wo immer die Pseudo-Realisten an der Macht sind und die Umsetzung ihrer Ideen nur Zerstörung hervorbringt, ist etwas falsch gemacht worden. Richtiger Kommunismus wurde nie versucht.

Die Pseudo-Realität nutzt zu ihrer Durchsetzung eine zu ihr gehörige Paramoral. Dies ist ein sozial wirksames Moralsystem, das eine Umkehrung herkömmlicher Moral darstellt. Die Paramoral lässt Anhänger als gut und normale Menschen als böse erscheinen. Dieses Phänomen der Umkehrung dessen, was man unter anständigem Verhalten versteht, lag Anfang 2020 dem Witz des »New Guy«-Mems zugrunde.

Die Paramoral vergleicht alles und jeden mit dem perfekten utopischen Zustand. So erscheint jeder, der ihr widerspricht oder von ihrem Programm abweicht, als jemand, der den leidvollen, unperfekten Zustand der Welt beibehalten will und somit irrational, dumm oder böse sein muss. Die Vertreter der Pseudo-Realität handeln in dem Glauben, auf einen perfekten Weltzustand hinzuarbeiten, was ihr Handeln automatisch als moralisch richtig ausweist, auch wenn sie lügen, belästigen, beleidigen, verletzen und so weiter. Es ist das Prinzip »Der Zweck heiligt die Mittel«, und dieser Zweck, den leidvollen, ungerechten Zustand der Welt zu beenden, sticht alle anderen Zwecke und heiligt daher letztlich auch alle Mittel.

Die Paramoral etabliert zweigeteilte Varianten von Tugenden wie Toleranz, Akzeptanz, Mitgefühl, Fairness und Kompromiss. Dies ist eine extreme, am Ende absolut gesetzte Variante der im Politischen oft zu beobachtenden Doppelmoral. Für die Vertreter der Pseudo-Realität ist die Anwendung und Geltung dieser Tugenden immer genau dort äußerst wichtig, wo sie der Pseudo-Realität dienen (Heiligung von George Floyd), und streng verboten, wo sie das nicht tun (Ignorieren unzähliger schwarzer Kriminalitätsopfer und der ursächlichen sozialen Probleme). Die Paramoral wird mit totalitärer Strenge durchgesetzt. Dies ist nötig, um sie aufrechtzuerhalten, da sonst leicht zu erkennen wäre, dass sie eine Lüge und unmoralisch ist.

Die Paramoral ist eine Inversion der Moral, die sich moralischer als gewöhnliche Moral anfühlen kann, aber tatsächlich bösartig ist, da sie mehr Leiden und Konflikt in die Welt bringt. Sie dient Menschen mit bestimmten Psychopathologien, die nicht mit den Unannehmlichkeiten der Realität umgehen können. Sie gewinnt daher am leichtesten an Stärke, indem sie an das Opfertum solcher Personen appelliert, und an diejenigen mit ähnlichen Erfahrungen, die damit bislang würdevoller umgegangen sind.

Paralogik und Paramoral sind die Fäden, an denen die Illusion der Pseudo-Realität hängt. Sie müssen durchtrennt werden, um sich aus ihrem Bann zu befreien. Man muss sichtbar machen, dass es nicht wahr ist und dass es unmoralisch ist.

Die Partei

Da die Pseudo-Realität nicht real ist, können ihre Bewohner ihre Aussagen bzw. Glaubenssätze nicht selbst nachprüfen. Daher entscheiden Spezialisten über Richtig und Falsch. Sie sind die Schöpfer und wahren Gläubigen der Pseudo-Realität, die revolutionäre Avantgarde und die Partei, die immer recht hat. Sie biegen und drehen die Paralogik so, dass sie recht behalten, und die Paramoral so, dass sie immer tugendhaft sind. Die Fähigkeit dieses Biegens und Drehens wird permanent getestet, und zwar umso strenger, je weiter man in elitäre Kreise aufsteigt.

Die Partei kann der Pseudo-Realität den größten Machtgewinn abringen, wenn die Paralogik so unlogisch und die Paramoral so unmoralisch ist, wie sie jeweils gerade noch sein kann, ohne dass die Illusion platzt. Die Realitäts- und Vernunftferne ist bereits an sich eine potente Waffe der Demoralisierung von Gegnern und Beherrschten. Mangels Bezug zu Realität und Logik wird der Diskurs der Herrschenden immer willkürlicher, während die Willkür selbst eine Machtressource ist, weil sie den Beherrschten die Möglichkeit nimmt, sich auf die geltenden Regeln einzustellen.

Die Partei findet stets Sündenböcke für ihre Misserfolge. Letztere sind garantiert, da die Pseudo-Realität nicht real ist. Die üblichen Verdächtigen sind innere Feinde und Saboteure aller Art, die sich dem revolutionären Projekt entgegenstellen. Um sie aufzuspüren, sind die Sicherheitsorgane ständig auf der Suche nach Verschwörungen, Spionen und sozialen Gruppen mit falschem Bewusstsein. Aber der ultimative Sündenbock ist am Ende die Partei selbst. Wenn die Pseudo-Realität zusammenbricht, was unausweichlich ist, wird rückblickend die Partei selbst beschuldigt, von der reinen Lehre abgefallen zu sein, durch falsche Denkweisen, falsche Moral korrumpiert gewesen zu sein usw. Das war kein richtiger Kommunismus. So überleben Paralogik und Paramoral den eigenen Tod und können in der liberalen Gesellschaft bei passender Gelegenheit wieder Fuß fassen.

Konzentration und Ausbreitung der Psychopathie

Psychopathische Ideologien haben selbstkonzentrierende Wirkungen. Sie locken ähnlich psychopathische, opportunistische Schwindler an, die dann den engeren Kreis der Partei bilden. Sie reduzieren die psychologischen Kapazitäten aller, die mit ihnen in Berührung kommen, und zwar durch  verschiedene Formen der Demoralisierung, darunter Paramoralisierung, Ostrazismus und dialektische Fallen.

So verwandeln psychopathische Ideologien sonst normale Menschen (zumindest vorübergehend) in funktionale Psychopathen. Auch abgesehen von Demoralisierung und Destabilisierung durch Entfremdung von der Realität erzeugt die Teilhabe an einer psychopathischen Ideologie psychopathisches Verhalten. Dieses ist ein Erfordernis der Aufrechterhaltung der Paralogik (um innerhalb der Pseudo-Realität nicht als Idiot dazustehen) und der Paramoral (um innerhalb der Pseudo-Realität nicht als schlechter Mensch dazustehen). Man wird allmählich zu dem Monster, das zu bekämpfen man nicht stark genug war. Tugenden wie Toleranz werden absichtlich pervertiert (zweigeteilt), so dass sie allmählich immer mehr die psychopathischen Tendenzen verstärken.

Die Mangelhaftigkeit der Paralogik, die Willkür der Partei und die Dissonanzen um die Pseudo-Realität erzeugen eine ähnliche Unruhe im normalen Menschen, wie sie die Pseudo-Realität bei den pathologischen Individuen abstützt und tarnt. Dies hilft bei Rekrutierung, Indoktrination und Reprogrammierung. Die Betroffenen merken nicht, dass sie reprogrammiert werden und sich psychopathisch verhalten, solange sie sich nicht von Paralogik und Paramoral lösen. Sie sind realitätsinvertiert und halten die Normalen für Psychopathen und sich für die Normalen. Die Pseudo-Realität bewirkt eine vollständige Umkehrung dessen, was es heißt, geistig gesund zu sein.

Zusammenfassung

Die Ausbreitung der Pseudo-Realität ist eine Drift in den Totalitarismus. Treibende Kraft sind psychopathische Individuen, die aufgrund ihrer Psychopathologien nicht dazu in der Lage sind, sich mit der komplizierten Realität mit ihren Schwierigkeiten und Härten auseinanderzusetzen. Statt ihren Schwächen, Verletzungen und Problemen ins Auge zu sehen, projizieren Sie die Pathologie nach außen, nach dem Muster: Nicht ich bin es, dem etwas fehlt, sondern die Welt ist korrupt und diese Korruption ist Ursache meines Leidens, meiner Unzufriedenheit und meiner Unfähigkeit, meinen Platz auf dieser Welt zu finden. Wäre die Welt nicht korrupt, könnte ich gut in ihr leben.

Die Vorstellung der nicht korrupten Welt wird in der ausformulierten Ideologie zur utopischen Vision, auf deren Verwirklichung das Wirken der Pseudo-Realisten gerichtet ist. Wie die Utopie und der Weg zu ihr genau aussehen, können sie nicht sagen, weil die perfekte Welt dafür zu wenig Realitätsbezug hat. Um reale Probleme zu lösen, muss man sich intensiv und ehrlich mit diesen Problemen, also mit der Realität beschäftigen, und gerade dies vermeiden Pseudo-Realisten. Ihre Auseinandersetzung mit der Realität beschränkt sich im Wesentlichen darauf, Beweise dafür zu sammeln, dass die Welt durch und durch korrupt sei und nichts als Leiden hervorbringe. Dadurch können sie erstens ihren persönlichen Problemen ausweichen – es liegt nicht an mir, die Welt ist schlecht, ich bin gut, ich bin rein – und zweitens andere verführen und nötigen, an ihrer Pseudo-Realität teilzunehmen. Verführen, indem sie reales Leiden betonen und ihr Ideologieangebot als Lösung dafür verkaufen, und nötigen, indem sie Menschen beschuldigen, die korrupten, Leiden verursachenden Verhältnisse zu verteidigen, und sie so moralisch und später sozial unter Druck setzen.

Bei alldem kommt der Pseudo-Realität zugute, dass normalen Menschen meist das nötige Vorstellungsvermögen und vielleicht auch die Courage fehlt, um sich die Tiefe der Pathologie klarzumachen, die sich hier manifestiert.

Pseudo-Realität setzt an wahrnehmbaren Realitäten an und dichtet eine schräge theoretische Deutung dazu. Die gewöhnliche Reaktion nicht pathologischer Individuen besteht darin, die schräge theoretische Deutung im eigenen Kopf durch eine weniger schräge zu ersetzen, soweit Worte und Handlungen der Pseudo-Realisten das irgend zulassen, anzunehmen, dass sie eigentlich diese meinten, und das Ganze auf dieser Grundlage zu verteidigen.

Eine Drift in den Totalitarismus ist dies deshalb, weil die Menschen mehrheitlich im Großen und Ganzen normal sind und eine natürliche Tendenz haben, sich an der Realität festzuhalten oder zu ihr zurückzustreben, während die Pseudo-Realisten in die Utopie wollen, also genau in die andere Richtung. Eine Pseudo-Realität aufrechtzuerhalten und voranzutreiben erfordert einen ständigen Energieaufwand in Form von Propaganda, Zwang und Repression. Die Vertreter der Pseudo-Realität können Realität in ihrem Machtbereich nicht dulden. Sie können es subjektiv nicht, weil die Erkenntnis der Realität ihnen ihre eigene Pathologie vor Augen führen würde, was schmerzhaft und desorientierend wäre, und sie können es strategisch nicht, weil jedes Eindringen der Realität die Illusion der Pseudo-Realität und somit ihre Machtbasis erschüttert. Sie werden daher immer so unumschränkt herrschen, wie sie können, also wie man sie lässt. Solange folglich die Kräfte der Ausbreitung stärker sind als die der Eindämmung, ist totale Herrschaft der Fluchtpunkt der Entwicklung.

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14 Kommentare

  1. Sehr interessante Analyse – besten Dank hierfür!

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf ein Buch hinweisen, dass nicht genau das oben dargestellte Thema behandelt, aber doch ein benachbartes Thema:

    Ben Cobley: The Tribe: The Liberal-Left and the System of Diversity, 2018, Andrews UK Ltd, Exeter.

    https://books.google.de/books?id=0_hmDwAAQBAJ&printsec=frontcover&source=gbs_atb&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false

    Den Titel finde ich etwas irreführend, weil es in diesem Buch nur am Rande um »Diversity« geht – hauptsächlich behandelt das Buch die Funktionsweise von Identitätspolitik.

    Ich halte dies für eine gelungene Analyse der Identitätspolitik. Leider ist dieses Buch von Cobley nicht so bekannt – jedenfalls in Deutschland. Deshalb bringe ich diesen Verweis hier.

  2. Inwieweit hat man es hier mit Psychopathie im psychiatrischen Sinn zu zun? Also Unfähigkeit zur Empathie und Reue, Freude an Leid anderer usw.?

    1. Ein drastisches Beispiel ist das freudige Zerstören von Existenzen durch Online-Mobs wegen Nichtigkeiten. Das Muster »White Fragility« habe ich als Beispiel genannt und verlinkt. Das ist Missbrauchsverhalten. Immer in dem Bewusstsein, unschuldig, gut und Opfer zu sein.

      Das hier wird KINDERN eingetrichtert:

      1. Bin gerade auf eine Studie gestoßen, die genau aufs Thema passt:
        ignaling Virtuous Victimhood as Indicators of Dark Triad Personalities
        https://gwern.net/docs/psychology/2020-ok.pdf

        Man findet auch ein paar Presseartikel dazu. Offenbar liegt sogar eine ganze Reihe von Studien zugrunde.

        Aber noch ein paar Anmerkungen zum Psychopathie-Begriff.

        In den Diagnose-Manualen ICD und DSM findet sich die »Psychopathie« nicht mehr, möglicherweise aus politischen Gründen. Soweit ich weiß, verwendet man die Bezeichnung heute eher unter der Hand und meint damit eine wirklich extrem (!) empathielose Persönlichkeit, oft schwerkriminell. (Man unterscheidet insbesondere zwischen kognitiver und emotionaler Empathie. Psychpathen »wissen« wie andere fühlen, aber fühlen nicht »mit«.) Siehe auch Wikipedia zu »Psychopathie«.

        Man findet im Netz übrigens einiges zum Thema psychopathische Frauen, zumindest viel von Lydia Benecke. Es gibt nebenbei auch viele Psychpathen/Narzissten, die das charmante Auftreten nicht so drauf haben und dementsprechend weniger »erfolgreich« bei anderen sind.

        Alles interessant, aber eben etwas abseitig. Ich würde das nicht überstrapazieren, um Wokeness-Ideologie zu erklären. Man könnte stattdessen vielleicht von Cluster-B-Personlichkeitsstörungen sprechen. Allerdings gelten Personlichkeitsstörungen als über die Lebenszeit stabile Verhaltensdisposition. Sie werden nicht erworben, und es ist fraglich, inweiweit das überhaupt mit gesellschaftlichen Entwicklung in Zusammenhang zu bringen ist.

        Ein weiteres Problem ist die Unschärfe Psychopathie-Begriff, der eben auch laienhaft bzw. allgemeinsprachlich verwendet wird. In den Anfängen der psychologischen Wissenschaften hat man alles mögliche als »Psychopathie« bezeichnet. Und wie gesagt ist er aktuell nicht anerkannt.

        Ich habe einen gewissen Verdacht, dass auch Lindsay den Begriff eher im »weitesten Sinne« gebraucht. Interessant ist, dass man in dem langen Text die Zeichenfolge »empath« nur an zwei Stellen und dort nur in nebensächlichen Zusammenhängen findet. Dabei wäre es in einem solch ausführlichen Text wichtig, die Begriffswahl entsprechend zu erläutern.

        Um meine Kritik zusammenzufassen: Der Begriff Psychopathie ist entweder unscharf, oder er trifft nicht – es sei denn, es sind nur Persönlichkeiten gemeint, der keinerlei Mitgefühl kennen.

        1. In diesem Podcast geht er ab 8:30 genauer darauf ein, auch in Reaktion auf Kritik an der Begriffsverwendung, die manche für zu frei halten. Er meint dieser Stelle zufolge eine Kombination von Eigenschaften, die das Konstrukt von Robert D. Hare abbildet. 

          Die »Essenz« dessen, was er meint, beschreibt er so (bei 11:00):

          These are people who cannot cope with reality as it is and who have the psychological make-up necessary to make other people behave in a way that enables their problem.

          Eine Erweiterung, die er darüber hinaus vornimmt, ist die, zu sagen, eine Ideologie kann psychopathisch sein und die, die sie annehmen, zeigen dann psychopathisches Verhalten. Er benutzt dafür die Ausdrücke »essential« (wirklich krank) und »functional psychopathy« (funktional psychopatisch durch die Vermittlung der Ideologie).

          Ich finde das insofern sehr treffend, als das Verhalten eben wirklich kein normales Verhalten ist und das Manipulative, die Realitätsferne und die Empathielosigkeit dabei hervorstechen. Vielleicht muss man das ein paar Mal aus der Nähe bestaunt haben, um eine Vorstellung davon zu haben. Ich war ziemlich erschrocken, als ich vor sieben Jahren zum ersten mal dieses typische, extreme, aggressive, irrationale, gnadenlose SJW-Verhalten sah. Das war für mich ein völlig neues Phänomen, das mir lange Zeit völlig unverständlich blieb, und zu diesem Zeitpunkt war ich schon deutlich über 30.

        2. »Psychopathie« ist nicht grundsätzlich »-pathisch«, also krankhaft:
          Empathielosigkeit, bzw. deren Deaktivierung,
          ist Voraussetzung für das Überleben, zumindest bei Männern:
          Wer gegenüber Jagdbeute oder einem Feind im Kleinkonflikt oder Krieg so zimperlich, so empathisch ist wie gegenüber sich selbst oder seinen Kindern, der wird mit Sicherheit nicht effektiv, klar denkend (also »eiskalt«, unempathisch) töten können.
          Wir stammen ab von erfolgreichen Killern – egal ob für Nahrung, persönliche Sicherheit, Sex, Eroberung.
          Die Welt ist ein Schlachtfeld, eine Tatsache, die heutige wohlstandsverblödete Menschen kaum noch erkennen, da die Heile-Welt-Illusion sie infantil macht.
          Apropos infantil:
          Als Kind traf mich der Tod von Haustieren emotional stark, sogar ein abgerissener Plüschtierkopf ließ mich weinen. Heute genieße ich die Jagd und das eigenhändige Töten. Ähnlich wie die Intelligenzentwicklung beim Hirnwachstum scheint es auch einen Umbau der Emotionsmodule zu geben.
          »Psychopathie« entspricht wohl nur einem normal maskulin entwickelten Gehirn, das zum effektiven Töten gebaut ist, Interesse und Lust an Gewalt erzeugt. Gewalt- und Tötungslust als Ideal zieht sich durch menschliche Medien von den ersten Höhlenmalereien, über Buchdruck und Filme bis hin zum modernsten Medium, dem Computerspiel – so selbstverständlich genießen die Medienkonsumenten Mord und Totschlag, erleben Lust bei der Betrachtung und der Vorstellung, selbst so zu handeln, daß man den offensichtlichen Zusammenhang oft gar nicht mehr bemerkt.
          Und es sind nicht die Medien, die die Menschen hier formen, sondern die Menschen schaffen und suchen sich die Medien, die sie wollen.
          Schon kleine Jungs spielen gern Jagd und Verstecken, was Auflauern und Hinterhaltlegen für Jagd und Kriegsführung entspricht, sind fasziniert von Waffen, egal ob Klinge oder Schußwaffe, phantasieren zur Not einen Zweig zum Schwert fürs Spiel – wie in allen Säugetierarten spielen Jungtiere instinktiv das, was sie später im Leben brauchen.

          Und die ach so empathischen Frauen nutzen ihre Empathie in Wirklichkeit auch nicht nur zum helfen anderer, sondern als Angriffswaffe:
          Egal ob Beziehungspartner oder Freundin, sie saugen emotionale Schwächen geradezu analytisch auf und nutzen sie gegen Menschen, wenn sie das für angemessen halten. Wer nicht ganz stumpfsinnig und frauenunkundig ist, weiß darum – Frauen ersetzen fehlendes systemisches Weltwissen und mangelnde Muskelkraft mit psychologischer Kriegsführung, von Reputationszerstörung bis hin zu erstaunlich effektiven Methoden, Feind(innen) in Suizide zu treiben – tot ist tot, und die Tötungsmethoden der Frauen basieren auf exakt jener Empathie, die doch so einen guten Ruf hat…

          1. Sorry, aber nein.

            »Psychopathie« hat eine bestimmte Bedeutung. Dass Empathie nicht gleich verteilt wird, sondern am stärksten Nahestehenden gilt, dann der Ingroup, dann Fremden und am wenigsten Feinden, zumal während Kampfhandlungen, ist normal und hat nichts mit Psychopathie zu tun.

            Und man kann auch nicht das Wetteifern unter Menschen/Männern, Wettkampf, Lust an Stärke, Verteidigung von Gesellschaft und Familie, Heroismus, den Instinkt, sich in Gruppen gegen andere Gruppen zu verbünden und das alles aufs Töten oder gar eine »Tötungslust« reduzieren. Das ist falsch und krank, sorry. Arbeiten über Krieg und Gewalt zeigen konsistent, dass die allermeisten Menschen KEINEN Bock haben, zu töten, wenn es darum wirklich geht, dass es vielmehr eine Tötungshemmung gibt. Soldaten wollen nicht töten und haben währenddessen und danach oft psychische Probleme. Siehe zum Beispiel »Ganz normale Männer« von Christopher Browning oder »Vom Bösen« von Roy Baumeister. Lust aufs Töten und aufs Zufügen von Gewalt hat nur eine kleine Minderheit im einstelligen Prozentbereich, und das sind die wirklichen Psychopathen.

            Schon kleine Jungs spielen gern Jagd und Verstecken, was Auflauern und Hinterhaltlegen für Jagd und Kriegsführung entspricht, sind fasziniert von Waffen, egal ob Klinge oder Schußwaffe, phantasieren zur Not einen Zweig zum Schwert fürs Spiel – wie in allen Säugetierarten spielen Jungtiere instinktiv das, was sie später im Leben brauchen.

            Das stimmt, aber man kann das alles nicht aufs Töten reduzieren. Sie spielen ja auch nicht Töten, sondern Kämpfen, Jagen, Schleichen, Verstecken, clever sein, mutig sein, stark sein und so weiter. Es kann in Konfliktsituationen dazu kommen, dass getötet wird, das ist sozusagen die höchste Eskalationsstufe, aber es muss nicht dazu kommen und es ist nicht der Zweck, auf den das alles hinausläuft. Tiere versuchen auch nicht jeden Gegner gleich zu töten, sondern zu diesem Komplex von Verhaltensweisen gehören auch solche, die gerade verhindern, dass es dazu kommen muss.

    2. @Stephan Fleischhauer

      Ich bin der Meinung, man sollte sich auf die Quelle der Ideologie (USA) konzentrieren und gesellschaftliche Besonderheiten berücksichtigen.

      Twenge et al und andere haben schon vor einem Jahrzehnt vor einer Epidemie von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen gewarnt und 2014 festgestellt: »Compared to those over 65 years old (3.2%), nearly three times as many respondents in their twenties (9.4%) reported already experiencing the symptoms of NPD (Stinson et al., 2008).«

      Bezeichnend ist die Ausbreitung bestimmter Symptome in der jüngeren Generation: »In a large nationally representative sample of high school students, recent generations were more likely to have unrealistically high expectations for their future educational attainment and job prospects than previous generations at the same age (Reynolds, Stewart, Sischo & MacDonald, 2006), to expect to perform at the highest level in important adult roles (Twenge & Campbell, 2008), and to value goals linked to money, fame, and image (Twenge, Campbell, & Freeman, 2012). They were also less likely to express empathy for outgroups, to take action to help the environment, and to donate to charity (Twenge, Campbell, & Freeman, 2012). Middle school students scored markedly higher on self-esteem in the mid-2000s compared to the late 1980s (Gentile, Twenge, & Campbell, 2010). Finally, 80% of teens agreed with the statement “I am an important person” in 1989, up from only 12% in 1952 (Newsom, Archer, Trumbetta, & Gottesman, 2003). Out of 393 Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI) for Adolescents (Butcher et al., 1992) items, “I am an important person” increased in endorsement the most. Thus narcissism—or at least its correlates—has increased in community samples as well as college student samples.«
      Aus dem aktuelleren »The Narcissism Epidemic: Commentary on Modernity and Narcissistic Personality Disorder«

      Hilfreich wäre es, wenn man nicht nur über die gesellschaftlichen Auswirkungen der NPD diskutieren würde, sondern auch über die Gesellschaft, die sie erst hervorgebracht hat.
      Wenn bspw. im 2019er SAT-Test der Schüler und Schülerinnen aus der 11. Klasse im Sample sagenhafte 48% mit der Schulnote A+-A- benotet worden sind, weitere 36% mit der Schulnote B und letztere nur zu 60% das Notenlevel für Lesen und Schreiben (ERW) erreichen und 29% das für Mathematik, dann braucht man sich über ein auf einem falschen Selbstbild beruhende »self-esteem« nicht wundern.

      Ich sehe weiterhin einen engen Zusammenhang mit der Verbreitung von Depressionen und dem Ge- und Missbrauch von Psychopharmaka in den USA: »Die Rate, mit der der Gebrauch von Antidepressiva unter US-Amerikanern gestiegen ist, liegt bei fast 400 Prozent (!!!) über der der letzten zwei Jahrzehnte, und 11 Prozent der Amerikaner, 12 Jahre und älter, nehmen nun Antidepressiva (AD) laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht der US-Bundesregierung.
      (…)
      Die Analyse der Daten aus den Jahren 2005–2008 der U.S. National Health and Nutrition Examination Surveys zeigte auch, dass Antidepressiva das von US-Amerikanern dritthäufigste verschreibungspflichtige Medikament aller Altersgruppen sind und das am häufigsten (!!!) verwendete bei Personen im Alter von 18 bis 44.« https://arznei-news.de/antidepressiva-statistik/ vom 1.2.2020

      Auch hier wäre es angebracht, über gesellschaftliche Ursachen für diese Epidemie (!) an Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu diskutieren, bevor man diese in gewohnter Art und Weise wieder den Individuen als Pathologie übereignet.
      Die Opioidkrise oder Opioid-Epidemie in den USA (s. Wikipedia) blieb auch deshalb so lange unbeachtet, weil die Realität die »falschen Opfer« zeigte, nämlich vorwiegend weiße Männer zwischen 25–34.

      Hier sehe ich auch den konkreten politischen Nutzen der »Pseudo-Realität« – es gelingt fantastisch, bestimmte Opfergruppen einfach als nicht existent zu deklarieren, bzw. ihnen die gesellschaftliche Sympathie zu verweigern.
      Wer kein Brot hat, kann immerhin noch seine weißen Privilegien verzehren.

      1. Auch hier wäre es angebracht, über gesellschaftliche Ursachen für diese Epidemie (!) an Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu diskutieren, bevor man diese in gewohnter Art und Weise wieder den Individuen als Pathologie übereignet.

        Das ist sicher relevant und nötig, aber wäre halt auch ein anderes Thema. Der Text lässt offen, wo die Pathologien herkommen. Insofern sehe ich nicht, dass er sie irgendjemandem »übereignet«. Man muss halt irgendwo sein Thema abgrenzen, und mich treibt die Frage um, wie man diese totalitäre Bewegung stoppen kann, im Idealfall bevor es zu spät ist. Dazu versuche ich sie kenntlich zu machen, in der Hoffnung, dazu beizutragen, dass mehr Leute sagen: »stopp, das kenne ich, das führt zu nichts Gutem«, wenn sie um sich herum die Muster erkennen. Dass man sich mit der Krise der psychischen Gesundheit beschäftigen müsse, »bevor« man vor der Wokeness warnt, sehe ich überhaupt nicht. Übrigens auch deshalb nicht, weil diese Ideologie als zusätzliche Ursache und Verstärker der Pathologien hinzukommt. Da sie sich zusehends Schulen und Universitäten und die ganze Pädagogik unter den Nagel reißt, keine geringfügige.

        Aber sag mal – die Schlussfolgerungen aus der Diskussion, die zu führen du für angebracht hältst, die hast du doch schon, oder? 

        Für Mitleser, mit dem Zusammenhang zwischen Problemen seelischer Gesundheit und diesen Ideologien beschäftigt sich auch eingehend »The Coddling of the American Mind«.

        1. Hi Sebastian, die Frage von Stefan war: »Inwieweit hat man es hier mit Psychopathie im psychiatrischen Sinn zu tun?«
          Ich habe versucht, gesicherte psychologisches Erkenntnisse weiterzugeben – es gibt eine Zunahme von NPD und es gibt eine solche der Depressionen und des Ge- und Missbrauchs von Psychopharmaka in den USA.

          Es gibt noch eine weitere Studie aus Israel als Anregung: »The Tendency for Interpersonal Victimhood: The Personality Construct and its Consequences« von Gabay, Hameiri, Rubel-Lifschitz, Nadler, Mai 2020.

          Das Problem an solchen Wikipedia-Artikeln: »Psychopathen sind auf den ersten Blick mitunter charmant, sie verstehen es, oberflächliche Beziehungen herzustellen. Dabei können sie sehr manipulativ sein, um ihre Ziele zu erreichen.« – das könnte auch auf Narzissten zutreffen, aber das macht sie nicht zu »Psychopathen«.

          2021 ICD-10-CM Diagnosis Code F60.81:
          »Clinical Information
          A disorder characterized by an enduring pattern of grandiose beliefs and arrogant behavior together with an overwhelming need for admiration and a lack of empathy for (and even exploitation of) others.
          Personality disorder characterized by excessive self-love, egocentrism, grandiosity, exhibitionism, excessive needs for attention, and sensitivity to criticism.«

          Ist es nicht bemerkenswert, dass dies bisher immer als »männlich« galt?

          Schauen wir auf das weibliche Äquivalent:
          Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) gemäß DSM-IV (301.83), die übrigens als »weiblich« gelten:

          »Ein durchgängiges Muster von Instabilität im Bereich der Stimmung, der zwischenmenschlichen Beziehungen und des Selbstbildes. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter, und die Störung manifestiert sich in den verschiedenen Lebensbereichen.

          Folgende Kriterien weisen auf eine Boderline-Persönlichkeitsstörung hin. Werden mindestens fünf der nachfolgenden neun Kriterien erfüllt, kann von einem Vorliegen einer BPS ausgegangen werden:

          Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden (außer Suizid oder Selbstverletzungen, siehe auch 5);
          Ein Muster an instabilen aber intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen, das sich durch einen Wechsel zwischen den beiden Extremen der Überidealisierung und Abwertung auszeichnet;
          Identitätsstörungen: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung;
          Impulsivität bei mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Aktivitäten, z.B. Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, Ladendiebstahl, rücksichtsloses Fahren und Fressanfälle (außer Suizid oder Selbstverletzungen, siehe auch 5);
          Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder ‑drohungen oder Selbstverletzungsverhalten;
          Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z.B. hochgradige episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern);
          Chronisches Gefühl der Leere oder Langeweile;
          Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen);
          Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.«

          Nun Du: »Dass man sich mit der Krise der psychischen Gesundheit beschäftigen müsse, »bevor« man vor der Wokeness warnt, sehe ich überhaupt nicht.«

          Ok, Anregung: »However, 68% of all the unaffiliated expressed belief in God and out of the whole US population, only 2.4% self identified as »atheist«. A 2013 poll by UPI/Harris showed that three-quarters of U.S. adults say they believe in God, down from 82 percent in 2005, 2007 and 2009.«
          https://en.wikipedia.org/wiki/Demographics_of_atheism

          Nicht religiös bezeichneten sich in Deutschland hingegen 33% der Bevölkerung. In der Ex-DDR (neue Bundesländer) über zwei Drittel. https://en.wikipedia.org/wiki/Irreligion_in_Germany

          Preisfragen: In welchem Land wird religiös/manichäisch inspiriertes »Schwarz-Weiß Denken« mehr Anklang finden?
          Welche (von auf irrationalem Wunschdenken basierenden) Utopien werden in welchem der beiden Länder mehr Anhänger finden?

          Lindsay weigert sich hartnäckig, sein Konzept von »liberale Gesellschaft« auf die USA zu beziehen, woher aber die spezifische Variante der »woke« Ideologie stammt.
          Die Idee der immer bemühten »western civilisation« ist, sie ist ein US-Kulturexport, der bei einer eingehenden Begutachtung nicht stimmen kann.

          Leszek hat vor Jahren (2018) bereits zur Institutionalisierung der »Political Correctness« in den USA geschrieben:
          »Die politisch korrekte Variante des Poststrukturalismus/Postmodernismus entsteht im Zuge der US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus in den 80er Jahren und muss im Kontext US-amerikanischer soziokultureller Bezüge und soziologisch-struktureller Kontexte analysiert werden.

          Den wesentlichen Grund für die Entstehung der postmodernen Political Correctness in den USA aus soziologischer Perspektive stellt die verbreitete universitäre Institutionalisierung von Departments und Studiengängen zum Thema Diskriminierungsforschung bezüglich Frauen, ethnischer und anderer Minderheiten dar, die außerdem primär mit Personen mit ähnlicher politischer Weltsicht besetzt wurden/werden.

          Da der Fortbestand entsprechender universitärer Abteilungen, Studiengänge und Jobs nun davon abhängt, dass Diskriminierungsphänomene bezüglich bestimmter Gruppen dauerhaft bearbeitet werden, kommt es leider zu einem soziologisch-strukturellen Effekt, an den vorher niemand gedacht hatte:

          Ältere Diskriminierungen dürfen nie ganz verschwinden.
          Es müssen stets neue Diskriminierungen „entdeckt“ werden, seien sie auch noch so subtil.
          Es müssen stets neue Maßnahmen zur Beseitigung der behaupteten Diskriminierungen entwickelt werden.
          Andernfalls droht irgendwann Verkleinerung oder Schließung der Abteilungen und Studiengänge und somit Verdienstverringerung oder Jobverlust.

          Dieser soziologisch-strukturelle Effekt bringt dann automatisch – und zwar ganz ohne die „kulturmarxistische“ oder die „postmodern-neomarxistische“ Weltverschwörung, von denen rechte Demagogen uns gerne die Ohren volljammern – Political Correctness und Identitätspolitik hervor.

          Dass in den USA der Poststrukturalismus/Postmodernismus – und nicht eine der anderen linken Theorie-Traditionen (und schon gar nicht die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, die damit nichts zu tun hat) zur zentralen theoretischen Grundlage für die politisch korrekten Anti-Diskriminierungstheorien wurde, liegt also nicht daran, dass die französischen Poststrukturalisten bereits politisch korrekt gewesen wären, es liegt daran, dass alle anderen linken Theorie-Traditionen dafür noch weniger geeignet waren.

          Nach der universitären Etablierung von Abteilungen und Studiengängen für Diskriminierungsforschung bezüglich Frauen und verschiedenen Minderheiten benötigten die in diesen Kontexten arbeitenden Personen eine theoretische Grundlage. Alle anderen linken Theorie-Traditionen waren dafür noch ungeeigneter als der französische Poststrukturalismus, und zwar aus drei Gründen:

          Einige linke Theorie-Traditionen beruhen auf einem moralischen Universalismus, der sich für die Propagierung einseitiger und zu Übertreibungen neigender Partikularinteressen nicht eignet, weil man im Kontext universalistischer Moral nicht mit zweierlei Maß messen darf.
          Einige linke Theorie-Traditionen betonen die Klassensolidarität im ökonomischen Klassenkampf. Hier kann sich Identitätspolitik und Political Correctness nur hemmend und spaltend auswirken, daher sind auch diese linken Theorie-Strömungen als zentrale theoretische Grundlage für politisch korrekte Anti-Diskriminierungstheorien ungeeignet.
          Einige linke Theorie-Traditionen haben eine starke Gemeinwohlorientierung, auch dies ist mit der Betonung von einseitigen und zu Übertreibungen neigenden Partikularinteressen nicht gut kompatibel.
          Bei allen linken Theorie-Traditionen außer dem französischen Poststrukturalismus sind eine oder mehrere der drei genannten Kriterien vorhanden.

          Der französische Poststrukturalismus hatte hingegen eine Skepsis gegenüber universalistischen Konzepten, des Weiteren bejahte er zwar den ökonomischen Klassenkampf, aber dieses Thema war für ihn nicht so zentral, da der französischer Poststrukturalismus gemäß seiner Neigung, alles zu pluralisieren, die Pluralität verschiedener sozialer Kämpfe betonte. Der französische Poststrukturalismus beschäftigte sich unter anderem bereits kritisch mit gesellschaftlichen Ausschlussmechanismen und mit Anti-Diskriminierungsthemen (allerdings meistens nicht im Sinne von Identitätspolitik).

          Aus diesen Gründen haben die US-amerikanischen universitären Abteilungen zur Diskriminierungsforschung den Poststrukturalismus als zentrale theoretische Grundlage übernommen und bedienen sich bei anderen linken Theorie-Traditionen nur sporadisch und fragmentarisch.

          Des Weiteren wurde der Wahrheitskontextualismus des französischen Poststrukturalismus im Zuge der US-amerikanischen Poststrukturalismus-Rezeption auf die jeweils als diskriminiert angesehenen US-amerikanischen Gruppen übertragen. Während die französischen Poststrukturalisten die geltenden wissenschaftlichen Standards in ihren jeweiligen Disziplinen in der Regel einhielten, wurde im politisch korrekten US-amerikanischen Poststrukturalismus / Postmodernismus das Ideal wissenschaftlicher Objektivität als Subjektivität des weißen, heterosexuellen Mannes verunglimpft, und die verschiedenen als diskriminiert angesehenen Gruppen bekamen „Definitionsmacht“ für ihre Anliegen zugesprochen. Der postmodernistische Wahrheitskontextualismus verwandelte sich in den USA in einen postmodernistischen Wahrheitsrelativismus.

          Um den Poststrukturalismus zur ideologischen Legitimierung von politisch korrekter Identitätspolitik und kulturrelativistischem Multikulturalismus zu verwenden, musste der Poststrukturalismus als Philosophie der Differenz natürlich von seinem ursprünglichen Bezug auf Individuen gelöst werden und vollständig auf als diskriminiert angesehene Gruppen übertragen werden.

          Gerade dieser Aspekt macht einen wesentlichen Unterschied zwischen dem klassischen französischen Poststrukturalismus / Postmodernismus und dem politisch korrekten US-amerikanischen Poststrukturalismus / Postmodernismus aus, denn im klassischen französischen Poststrukturalismus beinhaltet der Differenzbegriff gewöhnlich (abgesehen von der oben erwähnten differenzfeministischen Ausnahme) auch die Besonderheit des Individuums und eine relative Autonomie des Individuums im Hinblick auf soziale Gruppen, denen es angehört. Das Individuum kann und soll in der Perspektive der meisten französischen Poststrukturalisten nicht in der soziozentrischen Kollektividentität einer bestimmten Gruppe aufgehen. Dieser Aspekt musste im politisch korrekten US-amerikanischen Postmodernismus beiseitegelassen werden, um Postmodernismus und politisch korrekte Identitätspolitik zusammenzubringen.

          Es ist nicht zufällig, dass der politisch korrekte Postmodernismus bzw. die postmoderne Political Correctness in den USA entstanden ist und nicht in Frankreich und von den USA aus den Siegeszug in der westlichen Welt angetreten hat – gefördert von neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten und pseudo-linken politischen Parteien, die dadurch ihre Hinwendung zu neoliberaler Politik zu verschleiern versuchen.«
          https://man-tau.com/2018/04/10/postmodernismus-ethnopluralismus-differenzphilosophie-identitaetspolitik/#sozio654

          Diese Erklärung kommt ohne psychische Pathologisierung des politischen Gegners aus und deshalb bevorzuge ich solche Erklärungsansätze.
          Das Problem ist sicherlich, die Linksidentitären versuchen gerade, ihre Ideologie als dominante zu setzen und lustig aber naheliegend ist, sie werden von der herrschenden Klasse hofiert. Gerade »gecancelt« wurde Adolph Reed – ein schwarzer Marxist. Ausgeladen von den »Democratic Socialists of America«.
          Surprise! Mit Fragen der Klasse behelligt zu werden, ist nämlich ein »Reduktionismus« (der mühselig auf die Sozialstruktur abgebildete der »Macht« ist es nicht).
          Vor mir liegt ein Buch namens »Rassismus. Anatomie eines Machtverhältnisses« von Achim Bühl. Der erste Satz der Einleitung auf Seite 9: »Die Geschichte aller bisherigen Klassengesellschaften ist die Geschichte des Rassismus.«
          Du weißt, das ORIGINAL hörte ich anders an, als diese Fälschung?
          Glaubst du ernsthaft, wer so etwas schreibt, käme ohne gigantische (Geschichts-) Fälschungen aus und das beträfe nur deine Vorstellungen von »Liberalität« und »liberaler Gesellschaft«?

          »Woke« = Gegenaufklärung.
          Unter diesem Banner würde ich versuchen, politische Allianzen zu bilden und die wäre weitaus größer, als du es dir vortsellen kannst.

  3. Sehr schön! Ich dachte, ich muss das alles mal aufschreiben auf deutsch, aber vielleicht reicht das hier ja aus. Sehr anschaulich und gut geschrieben!

  4. Ein schöner Text, den ich gerne noch um zwei Gedanken ergänzen möchte:

    Ich denke, die Tatsache, dass die eigene Wahrnehmung als eine Pseudo-Realität bezeichnet werden kann, ist nicht grundsätzlich ein Problem. Wahrnehmungen führen immer zu einem Modell der Realität und sind als solche immer eine Pseudo-Realität. Pioniere in Wissenschaft und Technik leben auch oft in solchen Pseudo-Realitäten und passen die tatsächliche Welt an ihre Pseudo-Realität an. Das passiert in diesem Fall im positiven Sinne – zumindest in der Art, dass viele von den Veränderungen Vorteile haben und nur wenige Nachteile.

    Der grundlegende Unterschied zu den Erweckten besteht meiner Meinung nach in dem negativen Menschen- und Weltbild, dass die Erweckten als Pseudo-Realität mit sich herumtragen. Erst dadurch wird es zum Problem. 

    Die Folgen der aktuellen Verbreitung scheint mir eine Art Massenpsychose zu sein. Einen solchen Effekt hat Aldous Huxley sehr schön in »Die Teufel von Loudun« beschrieben. Dort geht es um die Geschichte eines Pfarrers, der sich mit dem Teufel verbündet haben sollte. Die Muster menschlichen Verhaltens, die Huxley aus dem Fall seziert, lassen sich aber ohne Weiteres auf die heutige Situation anwenden.

    Ich denke die Dynamik, die die Erweckten erzeugen, speist sich insbesondere aus dem Reinigungsgedanken. Um eine Reinigung zu erreichen, muss Verzicht geübt werden. Wenn ich aber Verzicht übe, dann entwickelt sich eine eigentümliche Dynamik: Ich möchte entweder dafür belohnt werden oder sehen, wie andere auch verzichten. Passiert weder das Eine noch das Andere, dann fühle ich mich betrogen. Wenn andere auch Verzicht üben, dann entsteht aus der Kette von Verzichtsübungen eine Metrik. Der Gedankengang, durch die Höhe des Verzichts eine Hierarchie ableiten zu können, ist sehr naheliegend, denn ich ertrage den Verzicht und der Lohn ist entweder unmittelbar in Bezug auf das Objekt des Verzichts (unverfängliches Beispiel: Konsumverzicht und Investition des nicht konsumierten Geldes in Aktien wird »belohnt«, wenn der Wert der Aktien steigt) oder wird durch Statusgewinne ausgeglichen (Beispiel: Ich spende einen großen Geldbetrag und mein Ansehen in der Gruppe steigt.)
    Diese psychologische Mechanik wirkt stützend und beschleunigend auf die Verbreitung der Ideologie. Zum einen wollen die, die investiert haben einen Ertrag sehen (z.B. Status oder Alimente (»Paypal me!«)), zum anderen blicken die, die investiert haben, auf diejenigen herab, die nicht investiert haben. Das erhöht den Druck, auch zu investieren.

    Die negative Spirale, die dadurch in Gang gesetzt wird, wird ihr negatives Potential aber erst entfalten, denn wenn immer mehr Leute investieren, denn dann gibt es immer weniger, auf die herabgeschaut werden kann. Es muss also ein neues Kriterium gefunden werden, um weitere Statusgewinne zu ermöglichen. Bestenfalls zerfasert die Entwicklung dann und löst sich in einzelne Grüppchen auf, die als Sekten noch existieren, aber nicht mehr die ursprüngliche Dynamik erzeugen können. Im schlechtesten Fall und davon gehe ich zurzeit aus, wird ein ritueller Sündenbock erkoren und dient fortan als ritualisierte Projektionsfläche. Wenn die Gruppe der Sündenböcke klein genug ist, wird das dann auch physisch ausgetragen werden. (Nicht umsonst gab es in vergangenen Zeiten von Zeit zu Zeit Progrome, in denen sich der angestaute Frust gegen solche Sündenböcke entladen hat.)

    Es droht auf jeden Fall in meinen Augen ein Rückfall in voraufklärerische Zeiten.

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