Pseudo-Realität

Der Wokeness-Kri­ti­ker James Lind­say hat am 25. Dezem­ber 2020 den bahn­bre­chen­den Text »Psy­cho­pa­thy and the Ori­gins of Tota­li­ta­ria­nism« – Psy­cho­pa­thie und die Ursprün­ge des Tota­li­ta­ris­mus – ver­öf­fent­licht, der als Theo­rie der Wokeness-Bewe­gung voll­stän­di­ger ist als alles, was ich bis dahin dar­über gele­sen hat­te. Ich glau­be, dass die­se Theo­rie und ihr zen­tra­les Kon­zept, Pseu­do-Rea­li­tät, für das Ver­ständ­nis des Phä­no­mens und für Wider­stand dage­gen äußerst nütz­lich sein kön­nen. Im Fol­gen­den gebe ich daher Lind­says Über­le­gun­gen wie­der, wie ich sie ver­ste­he. Teil­wei­se bin ich dabei nahe am Ori­gi­nal­text, an ande­ren Stel­len habe ich eige­ne Erläu­te­run­gen oder Bei­spie­le hin­zu­ge­fügt, wo ich es für sinn­voll hielt. Lind­says Text ist sehr dicht und abs­trakt und daher etwas müh­sam zu lesen. Ich zie­le hier nicht dar­auf, die­sel­be Dich­te zu repro­du­zie­ren, son­dern will vor allem die Kern­ge­dan­ken in einer rela­tiv leicht ver­ständ­li­chen Form auch im Deut­schen ver­füg­bar machen.

Der Begriff Pseu­do-Rea­li­tät ist kei­ne Erfin­dung von Lind­say, son­dern stammt aus dem Auf­satz »Miss­brauch der Spra­che, Miss­brauch der Macht« des Phi­lo­so­phen Josef Pie­per aus den frü­hen 1970er Jah­ren. Er han­delt davon, dass Men­schen (Sophis­ten) Spra­che mani­pu­lie­ren kön­nen, um sich Macht anzu­eig­nen, und die Spra­che damit kor­rum­pie­ren, und damit sind wir beim The­ma. Lind­say stellt fest, dass sich vie­le Gräu­el der Geschich­te auf die Ent­ste­hung von Pseu­do-Rea­li­tä­ten zurück­füh­ren lie­ßen. Pseu­do-Rea­li­tä­ten füh­ren unaus­weich­lich zu Tra­gö­di­en, und zwar in dem Maß, in dem die, die an sie glau­ben, Macht in die Hän­de bekom­men. Und genau dies, Macht, ist ihr pri­mä­res Interesse.

Pseudo-Realität als Machtquelle

Pseu­do-Rea­li­tä­ten sind fal­sche Kon­struk­tio­nen der Wirk­lich­keit, die ein ober­fläch­lich plau­si­bles, aber fal­sches Ver­ständ­nis von ihr abbil­den. Es sind unwah­re Erzäh­lun­gen über die Beschaf­fen­heit der Welt, die sich tar­nen, indem sie sich an ver­ein­zel­ten Körn­chen Wahr­heit fest­ma­chen, wie ein Bün­del Falsch­geld unter einer ech­ten Note, die sicht­bar ganz oben liegt. Es sind Unwahr­hei­ten, die von der War­te einer ober­fläch­li­chen und selek­ti­ven Wahr­neh­mung aus wahr aussehen.

Die Vide­os von Geor­ge Floyds Ver­haf­tung und Tod sind Rea­li­tät; die Theo­rien des all­um­fas­sen­den Ras­sis­mus, die damit in die Köp­fe geschmug­gelt wer­den, sind Pseu­do-Rea­li­tät. Man erkennt das bei nähe­rer Betrach­tung ers­tens dar­an, dass die Behaup­tun­gen der Pseu­do-Rea­li­tät sich selbst wider­spre­chen, und zwei­tens dar­an, dass sie fal­sche Tat­sa­chen behaup­ten oder sug­ge­rie­ren, in die­sem Fall vor allem die, dass Wei­ße in den USA aus ras­sis­ti­schen Grün­den mas­sen­haft Schwar­ze töte­ten. Die Sta­tis­ti­ken zei­gen, dass das nicht wahr ist. Das »Patri­ar­chat« im femi­nis­ti­schen Sinn wäre ein wei­te­res Bei­spiel. Rea­li­tät ist, dass die meis­ten Macht­po­si­tio­nen von Män­nern besetzt wer­den. Pseu­do-Rea­li­tät ist, dass dar­aus abzu­lei­ten sei, dass alle oder die meis­ten Män­ner an die­ser Macht teil­hät­ten oder dass das Ver­hält­nis zwi­schen den Geschlech­tern grund­sätz­lich und über­all von einem Macht­ge­fäl­le zuguns­ten der Män­ner gekenn­zeich­net sei. Um dies dar­aus abzu­lei­ten, muss man bei­spiels­wei­se unter­schla­gen, dass auch vie­le sta­tus­nied­ri­ge und ander­wei­tig unat­trak­ti­ve Arbei­ten vor­nehm­lich von Män­nern aus­ge­führt wer­den, wäh­rend jene mäch­ti­gen Män­ner zwar sehr sicht­bar sind, aber zah­len­mä­ßig nur eine klei­ne Grup­pe dar­stel­len. Rea­li­tät ist, dass es Trans­se­xu­el­le gibt; Pseu­do-Rea­li­tät ist, dass die Zwei­ge­schlecht­lich­keit eine belie­bi­ge, zu Unter­drü­ckungs­zwe­cken geschaf­fe­ne »sozia­le Kon­struk­ti­on« sei.

Was haben die Urhe­ber einer Pseu­do-Rea­li­tät davon, sie zu erfin­den und zu ver­brei­ten? Hier wird es inter­es­sant. Lind­say behaup­tet, dass es sich bei den trei­ben­den Kräf­ten um Indi­vi­du­en mit bestimm­ten Psy­cho­pa­tho­lo­gien han­de­le, die sie unfä­hig machen, mit den Rea­li­tä­ten des Lebens zurecht­zu­kom­men. Die Pseu­do-Rea­li­tät hilft ihnen, trotz die­ser Unfä­hig­keit ein Leben in Gesell­schaft zu füh­ren, viel­leicht sogar ein erfolg­rei­ches, und dabei eine bewuss­te Kon­fron­ta­ti­on mit der eige­nen Patho­lo­gie zu vermeiden.

Hier­an wird erkenn­bar, wie das Macht­stre­ben der Anhän­ger einer Pseu­do-Rea­li­tät ins Spiel kommt, das ihr pri­mä­rer Antrieb ist. Wenn ich der ein­zi­ge bin, der an eine Pseu­do-Rea­li­tät glaubt, kom­me ich unter die Räder, bin mehr oder weni­ger auf ein Schat­ten­da­sein beschränkt und kann lang­fris­tig kaum der Fra­ge aus­wei­chen, ob mit mir etwas nicht stimmt. Wenn ich aber ande­re mani­pu­lie­ren und nöti­gen kann, an mei­ner Pseu­do-Rea­li­tät teil­zu­neh­men, dann kann ich es mir halb­wegs behag­lich mit mei­ner Patho­lo­gie ein­rich­ten und ein akti­ves, sozia­les Leben füh­ren, sogar ein pri­vi­le­gier­tes im Schein­wer­fer­licht; nicht trotz mei­nes mani­pu­la­ti­ven Ver­hält­nis­ses zur Wirk­lich­keit, son­dern dank ihm.

Pseu­do-Rea­li­tä­ten sind sozia­le Fik­tio­nen, die nicht des­we­gen über­le­ben, weil sie mit der Rea­li­tät kor­re­spon­die­ren, son­dern weil genug Men­schen an sie glau­ben oder ihnen zumin­dest nicht ent­ge­gen­tre­ten. Es sind Macht gewäh­ren­de lin­gu­is­ti­sche Ver­zer­run­gen der Rea­li­tät. Sie erfor­dern umge­kehrt Macht, Mani­pu­la­ti­on und letzt­lich Gewalt zu ihrer Auf­recht­erhal­tung. Somit sind sie »eine natür­li­che Spiel­wie­se für Psy­cho­pa­then« (Lind­say).

Pseudo-Realität und Psychopathie

Der das Kon­zept Psychopath/Psychopathie hier eine zen­tra­le Rol­le spielt, zitie­re ich einen Aus­schnitt aus dem Wiki­pe­dia-Arti­kel, der es gut auf den Punkt bringt:

Psy­cho­pa­thie bezeich­net heu­te eine schwe­re Per­sön­lich­keits­stö­rung, die bei den Betrof­fe­nen mit dem weit­ge­hen­den oder völ­li­gen Feh­len von Empa­thie, sozia­ler Ver­ant­wor­tung und Gewis­sen ein­her­geht. Psy­cho­pa­then sind auf den ers­ten Blick mit­un­ter char­mant, sie ver­ste­hen es, ober­fläch­li­che Bezie­hun­gen her­zu­stel­len. Dabei kön­nen sie sehr mani­pu­la­tiv sein, um ihre Zie­le zu erreichen.

Feh­len von Empa­thie, Feh­len von Gewissen/Schuldbewusstsein und mani­pu­la­ti­ves Ver­hal­ten – man sieht sofort, wie das zu bestimm­ten Typen von Akti­vis­ten passt und wie die Annah­me bestimm­ter Ideo­lo­gien zum geeig­ne­ten Mit­tel wer­den kann, die­se Eigen­schaf­ten auszuleben.

Immer wie­der stau­nen Beob­ach­ter der Wokeness über die Nei­gung ihrer Ver­tre­ter zur Pro­jek­ti­on. Mit ver­blüf­fen­der Regel­mä­ßig­keit wer­fen sie den von ihnen Ange­grif­fe­nen alle mög­li­chen Eigen­schaf­ten und Ver­feh­lun­gen vor, die bei ihnen selbst her­vor­ste­chen – ein Extrem­bei­spiel ist die Häu­fung männ­li­cher Femi­nis­ten, die Frau­en miss­brau­chen. Ande­re pro­mi­nen­te Bei­spie­le sind Vor­wür­fe von Ras­sis­mus und Sexis­mus, Lügen und Mani­pu­la­ti­on, Hass und Het­ze oder der Ein­schüch­te­rung von Geg­nern durch Online-Mobs. Doch das bes­te und wich­tigs­te Bei­spiel ist das The­ma Macht selbst.

Für Social-Jus­ti­ce-Akti­vis­ten besteht die gan­ze sozia­le Wirk­lich­keit ten­den­zi­ell nur aus Macht­stre­ben und Macht­aus­übung. Dies ist eine arg ver­kürz­te, ins Zyni­sche ver­zerr­te und meist schlicht fal­sche Deu­tung sozia­ler Wirk­lich­keit, wo Macht(streben) ein Fak­tor ist, aber eben nur ein Fak­tor unter vie­len. Die Akti­vis­ten selbst sind in ihrer akti­vis­ti­schen Tätig­keit aller­dings haupt­säch­lich von Macht­stre­ben gelei­tet und pro­ji­zie­ren dies auf die nor­ma­le sozia­le Wirklichkeit. 

Hier sieht man auch, wie die Pro­jek­ti­on als Recht­fer­ti­gung und Befrei­ung von Schuld funk­tio­niert. Sie sind Täter, die sich als Opfer der Umstän­de sehen und ein­for­dern, auch von ande­ren als sol­che gese­hen zu wer­den. Die­se Opfer­rol­le nut­zen sie als Macht­mit­tel, wann immer sie für ihre Täter­schaft zur Rede gestellt oder zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den, und machen damit die, die sie zur Ver­ant­wor­tung zie­hen (wol­len), zu Tätern. Indem sie alles mensch­li­che Ver­hal­ten als Macht­aus­übung inter­pre­tie­ren, erscheint inner­halb ihrer Pseu­do-Rea­li­tät ihr eige­nes Ver­hal­ten nicht als Macht­aus­übung, son­dern als Befrei­ung von der Macht­aus­übung ande­rer. Die­se Umkeh­rung funk­tio­niert im Klei­nen wie im Gro­ßen. Sie cha­rak­te­ri­sie­ren die frei­heit­li­chen Gesell­schaf­ten als durch und durch tyran­nisch und ihre eige­ne tota­li­tä­re Agen­da als ein­zi­ge Mög­lich­keit zur Befrei­ung von die­ser Tyrannei.

Funktionale Psychopathen und nützliche Idioten

Men­schen, die die Pseu­do-Rea­li­tät bewoh­nen, wer­den funk­tio­nal psy­cho­pa­thisch. Sie neh­men ein psy­cho­pa­thi­sches Ver­hal­ten an, das sie nicht iso­liert oder in der Psych­ia­trie enden lässt, son­dern sozia­len Erfolg und Auf­stieg in Macht­po­si­tio­nen ermög­licht. Hier ist also in zwei­fa­chem Sinn von Psy­cho­pa­thie die Rede – ein­mal von der ech­ten Psy­cho­pa­thie von Akteu­ren im inne­ren Kreis, also den Erfin­dern, wah­ren Gläu­bi­gen und Fana­ti­kern der Pseu­do-Rea­li­tät, und der funk­tio­na­len Psy­cho­pa­thie der­je­ni­gen, die zunächst geis­tig gesund sind, aber psy­cho­pa­thi­sche Eigen­schaf­ten anneh­men, indem sie unter dem Ein­fluss der Ideo­lo­gen ihr Ver­hal­ten an einer psy­cho­pa­thi­schen Theo­rie der Wirk­lich­keit ausrichten.

Das Funk­tio­na­le an die­ser Psy­cho­pa­thie zeigt sich auch dar­in, dass Pseu­do-Rea­lis­ten von nor­ma­len Men­schen meist zunächst für nor­mal gehal­ten wer­den. Das ist ein zen­tra­ler Mecha­nis­mus der Aus­brei­tung der Pseu­do-Rea­li­tät, der dafür sorgt, dass nur weni­ge sich ihr ent­ge­gen­stel­len, und es denen schwer macht, die es tun. Nor­ma­le Men­schen unter­stel­len zunächst, dass es sich bei den Pseu­do-Rea­lis­ten eben­falls um nor­ma­le Men­schen han­de­le. Daher unter­stel­len sie auch, dass sie mit ihren The­sen etwas Sinn­vol­les und Ver­nünf­ti­ges mei­nen müss­ten, auch wenn es in wei­ten Tei­len nicht so klingt. Bei­spiels­wei­se ist es erstaun­lich schwie­rig, nor­ma­le Men­schen davon zu über­zeu­gen, dass eine Bewe­gung, die sich unter Losun­gen wie »Kill all Men« und »Men are Trash« ver­sam­melt, womög­lich nicht ver­nünf­tig und wohl­wol­lend ist.

Nor­ma­le Men­schen im Wir­kungs­kreis der Pseu­do-Rea­li­tät lie­fern somit Tar­nung und Deckung für die radi­ka­len, pseu­do-rea­len Behaup­tun­gen und For­de­run­gen der Pseu­do-Rea­lis­ten. Deren Gedan­ken­ge­bäu­de machen einem die­ses Ratio­na­li­sie­ren und Schön­re­den leicht, indem sie meist ein ver­nünf­ti­ges X mit­brin­gen, hin­ter dem sie ihr weni­ger ver­nünf­ti­ges Y ver­ste­cken kön­nen, wenn nötig. Des­we­gen haben alle wich­ti­gen Begrif­fe, die sie ver­wen­den, dop­pel­te Bedeu­tun­gen, die eine Mot­te-Bai­ley-Stra­te­gie ermög­li­chen.  Lind­say cha­rak­te­ri­siert die wohl­wol­len­den, eigent­lich gesun­den und intel­li­gen­ten Men­schen, die dar­auf her­ein­fal­len, als »nütz­li­che Idioten«.

Zielgruppen der Pseudo-Realität

Pseu­do-Rea­li­tä­ten sind Miss­brauch von Spra­che, der Miss­brauch von Macht ermög­licht. Sie sind daher attrak­tiv für Men­schen mit sprach­li­chem Geschick, die ein Bedürf­nis nach Kon­trol­le über ande­re haben, und viel­leicht sonst nicht vie­le nütz­li­che Talen­te. Wenn eine Pseu­do-Rea­li­tät ein­mal ange­fan­gen hat, Wur­zeln zu schla­gen, zieht sie wei­te­re sol­che Per­so­nen an, die die Fähig­keit und Bereit­schaft mit­brin­gen, sich durch die Mani­pu­la­ti­on von Dis­kur­sen Macht und Res­sour­cen anzueignen.

Die pri­mä­re Ziel­grup­pe der Pseu­do-Rea­li­tät bil­den Mit­tel­schichts-Aka­de­mi­ker, wie sie in hoher Zahl im Wis­sen­schafts­be­trieb, in den Medi­en, im Bil­dungs­sys­tem und in der Poli­tik anzu­tref­fen sind. Hier ist der pri­mä­re Reso­nanz­raum, in dem die Pseu­do-Rea­li­tät funk­tio­niert. In die­sen Krei­sen beru­hen Sta­tus und Erfolg stark auf dem Anse­hen und der Bil­li­gung der Peer Group. Des­halb kann eine Pseu­do-Rea­li­tät dort mehr zum Medi­um von Kar­rie­re- und Macht­stre­ben wer­den als anders­wo, wo es wich­ti­ger ist, dass Vor­stel­lun­gen von der Rea­li­tät die­ser auch ent­spre­chen. Die­se Men­schen reagie­ren beson­ders emp­find­lich auf die Gefahr, dass Stan­des­ge­nos­sen ihre Intel­li­genz, Bil­dung oder mora­li­sche Inte­gri­tät in Fra­ge stel­len könn­ten, da ihr Selbst­wert­ge­fühl und ihr Sta­tus stark von die­sen Qua­li­tä­ten abhän­gen. Sie wol­len sich um kei­nen Preis nach­sa­gen las­sen, zu dumm zu sein, um die Theo­rie zu ver­ste­hen, die in der guten Gesell­schaft als wahr und rich­tig gilt, oder mora­lisch dem Pöbel nahe­zu­ste­hen, der sie – gewiss aus Dumm­heit oder Roh­heit – ablehnt. Sie las­sen sich daher leicht von den Angrif­fen und For­de­run­gen der Pseu­do-Rea­li­tät unter Druck set­zen, auch wenn sie zunächst nicht gläu­big sind. Wann immer sie die­sem Druck nach­ge­ben, ratio­na­li­sie­ren sie dies nach­träg­lich (d.h. den­ken sich »gute Grün­de« dafür aus – ein nor­ma­ler Vor­gang der Dis­so­nanz­re­duk­ti­on) und mau­ern sich damit fes­ter in die Pseu­do-Rea­li­tät ein. So ver­lie­ren sie all­mäh­lich die geis­ti­gen Res­sour­cen, die nötig sind, um sie in Fra­ge zu stel­len, wäh­rend sie zugleich äußer­lich von ihren Peers abhän­gig blei­ben, was ein stän­di­ger star­ker Anreiz ist, sie nicht in Fra­ge zu stellen.

Die Ver­zer­run­gen der Rea­li­tät sind miss­bräuch­li­ches, mani­pu­la­ti­ves Ver­hal­ten. Sie mani­pu­lie­ren die Ver­letz­lich­keit von Men­schen, was eine bekann­te Tech­nik der Sek­ten­re­kru­tie­rung ist. Sie bestär­ken Men­schen in ihrem Gefühl der Ver­let­zung, um sie für den Kampf gegen »das Sys­tem« zu gewin­nen, das an der Ver­let­zung schuld sei, und um ihre Theo­rie als Lösung zu prä­sen­tie­ren. Je mehr Ver­let­zung, des­to mani­pu­lier­ba­rer, des­to bes­ser. Statt ver­letz­ten Men­schen bei der Hei­lung zu hel­fen, häm­mert man ihnen ein, dass ihre Ver­let­zung ein Nor­mal­zu­stand und uner­mess­lich groß und tief sei und erst in der ver­wirk­lich­ten Uto­pie über­wun­den wer­den kön­ne. Die Mis­si­on besteht dar­in, allen Men­schen klar­zu­ma­chen, dass sie in die­ser Wei­se zutiefst ver­letzt und beschä­digt sei­en. (In der Theo­rie stellt bereits die Sozia­li­sie­rung in »Sys­te­me des Ras­sis­mus« sowie das sozi­al kon­stru­ier­te Unter­drü­ckungs­sys­tem der Zwei­ge­schlecht­lich­keit und Hete­ro­se­xua­li­tät hin­ein eine sol­che tie­fe Ver­let­zung und Beschä­di­gung aller dar.)

(Kein Witz)
(Witz)

Die­se Mani­pu­la­ti­on wirkt am effek­tivs­ten auf tat­säch­lich emo­tio­nal Ver­letz­li­che und psy­chisch Kran­ke, ins­be­son­de­re sol­che, die Schwie­rig­kei­ten haben, mit den Regeln und Här­ten der Rea­li­tät zurecht­zu­kom­men, sowie auf Nai­ve, Wüten­de und Ent­täusch­te. So kann die Pseu­do-Rea­li­tät eine Mas­se von Sym­pa­thi­san­ten auf­bau­en, von denen eini­ge ihre Psy­cho­pa­tho­lo­gien über­neh­men. Dies ist die Alche­mie des pseu­do-rea­lis­ti­schen Pro­jekts: sonst nor­ma­le Men­schen in psy­cho­lo­gisch, emo­tio­nal und spi­ri­tu­ell gebro­che­ne Erfül­lungs­ge­hil­fen zu ver­wan­deln, die nicht mehr mit der Rea­li­tät umge­hen kön­nen und daher die Pseu­do-Rea­li­tät bevor­zu­gen müs­sen, und die­se Men­schen stra­te­gisch einzusetzen.

Beweislastumkehr und Kontrolle

Pseu­do-Rea­lis­ten behaup­ten, man müs­se die Welt durch eine bestimm­te theo­re­ti­sche Lin­se, mit einem bestimm­ten (»kri­ti­schen«) Bewusst­sein, aus einem bestimm­ten Blick­win­kel wahr­neh­men, um sie rich­tig wahr­zu­neh­men, und wirft Außen­ste­hen­den vor, dazu unfä­hig zu sein. So wird zwi­schen Sehen­den und Blin­den unter­schie­den, zwi­schen denen mit kri­ti­schen und denen mit fal­schem Bewusst­sein, denen, die wach sei­en, es ver­stan­den hät­ten, und den Igno­ran­ten etc. Die Beweis­last liegt plötz­lich bei denen, die die Rea­li­tät bewoh­nen, denen stän­dig ent­ge­gen­ge­hal­ten wird, sie hät­ten die Theo­rie nicht ver­stan­den und sich nicht genug damit aus­ein­an­der­ge­setzt. Je mehr sich das tota­li­tä­re Sys­tem mani­fes­tiert, des­to mehr wird aus dem Vor­wurf des Unver­ständ­nis­ses der Vor­wurf, sich der Wahr­heit bös­wil­lig zu ver­wei­gern. Die­ser Bös­wil­lig­keit kann man dann auch mit Stra­fe und Zwang zulei­be rücken, also mit Gewalt.

Der obers­te Zweck von Pseu­do-Rea­li­tä­ten ist, wie erwähnt, ihren Teil­neh­mern Macht zu ver­schaf­fen. Das tun sie auf ver­schie­de­ne Wei­se. Etwa indem sie eine Dop­pel­mo­ral zum Vor­teil der Zuge­hö­ri­gen eta­blie­ren und mora­lisch-lin­gu­is­ti­sche Fal­len stel­len. Zu letz­te­ren gehö­ren Begrif­fe mit Dop­pel­be­deu­tun­gen (Motte/Bailey) sowie das Unter­druck­set­zen mit Beweis­last­um­kehr und Kaf­ka­fal­len (z.B. White Fra­gi­li­ty – das Bestrei­ten dei­nes Ras­sis­mus beweist dei­nen Rassismus).

Für die­je­ni­gen, die von den Pseu­do-Rea­lis­ten kon­trol­liert und tyran­ni­siert wer­den und nicht an die Pseu­do-Rea­li­tät glau­ben, ist es demü­ti­gend und demo­ra­li­sie­rend, zur Teil­nah­me an einer Lüge gezwun­gen zu sein. Doch eine Pseu­do-Rea­li­tät kann nur als sol­che exis­tie­ren, wenn nicht für jeden sofort offen­sicht­lich ist, dass sie nicht echt ist; sie muss eine gewis­se ober­fläch­li­che Plau­si­bi­li­tät haben. Daher ist es eine schwie­ri­ge und frus­trie­ren­de Auf­ga­be, ihre Ver­zer­run­gen sicht­bar zu machen, und der Ver­such stößt nicht nur auf den erbit­ter­ten Wider­stand der Anhän­ger, son­dern auch auf den der nütz­li­chen Idioten.

Utopismus

Das kleins­te Bei­spiel für eine Pseu­do-Rea­li­tät wäre die Wahn­welt eines Psych­ia­trie-Pati­en­ten. Sein Wahn wird nor­ma­ler­wei­se behan­delt, nicht belohnt und beför­dert. Doch es ist denk­bar, dass er mit rhe­to­ri­schem Geschick eini­ge Men­schen davon über­zeu­gen kann, dass sei­ne Pseu­do-Rea­li­tät eine bes­se­re Deu­tung der Rea­li­tät sei als die nor­ma­le. Dadurch rutscht er in eine Macht- und Füh­rungs­po­si­ti­on und sein Wahn wird belohnt und beför­dert. Noch eine Stu­fe höher kann eine sek­ten­haf­te Pseu­do-Rea­li­tät zur glo­ba­len sozia­len Bewe­gung werden.

Dazu müs­sen nur zwei wei­te­re Annah­men zutref­fen. Ers­tens die, dass eigent­lich gesun­de Men­schen ver­führt und mani­pu­liert wer­den kön­nen, an eine Pseu­do-Rea­li­tät zu glau­ben. Zwei­tens die, dass Sek­ten ideo­lo­gisch und vor allem uto­pisch wer­den kön­nen. Uto­pisch sind sie, wenn sie dar­auf aus­ge­rich­tet sind, in fer­ner Zukunft eine idea­le Gesell­schaft zu schaf­fen. Dies stel­len sie als wei­ten Weg dar, des­sen erfolg­rei­che Beschrei­tung aber gleich­wohl mög­lichst bald eine Revo­lu­ti­on erfordere.

Ein sol­cher uto­pi­scher End­punkt der Gesell­schafts­ent­wick­lung spielt eine wich­ti­ge Rol­le im Den­ken der woken Ideo­lo­gen. Ihr pseu­do-rea­lis­ti­sches Den­ken nähert sich der Wirk­lich­keit stets von die­sem uto­pi­schen End­punkt her und ver­steht sie dadurch sys­te­ma­tisch falsch. Sie den­ken sich eine (sehr dif­fu­se) per­fek­te Gesell­schaft und erfin­den pseu­do-rea­le Grün­de dafür, dass die­se per­fek­te Gesell­schaft noch nicht ver­wirk­lich ist. Um die rea­len Grün­de dafür ans Licht zu heben, dass die Gesell­schaft nicht per­fekt ist, müss­te man sich gewis­sen­haft mit der Rea­li­tät aus­ein­an­der­set­zen. Doch das ist genau das, was die Pseu­do-Rea­lis­ten mei­den und nicht kön­nen, weil es ihre Illu­sio­nen plat­zen lie­ße und ihre Patho­lo­gien, ihre (auch mora­li­schen) Feh­ler und ihre Pro­ble­me sicht­bar machen wür­de. Sie brau­chen die per­fek­te Gesell­schaft gera­de des­halb, weil sie mit der bestehen­den nicht zurecht­kom­men und es ver­mei­den, sich mit den wirk­li­chen Grün­den dafür zu kon­fron­tie­ren. Die Pseu­do-Rea­li­tät ist eine Mög­lich­keit, in die­sem Zustand zu ver­har­ren und trotz­dem mehr oder weni­ger erfolg­reich – wenn auch zor­nig und unglück­lich – in der Welt zu existieren.

Die Stra­te­gie ist, so vie­le Men­schen wie mög­lich zu ver­füh­ren, zu nöti­gen oder zu zwin­gen, die eige­ne Patho­lo­gie zu über­neh­men, so dass man mit ihr nicht mehr so allein ist und Regeln des Zusam­men­le­bens ein­füh­ren kann, in der sie die Norm ist. Uto­pis­ti­sche Ideo­lo­gien sind psychopathisch.

Paralogik und Paramoral

Da sie nicht wahr­heits­ge­treu mit der Rea­li­tät kor­re­spon­diert, lässt sich eine Pseu­do-Rea­li­tät nicht in logi­schen Begrif­fen beschrei­ben. Sie ver­wen­det für ihr Den­ken über die Welt eine Para­lo­gik, die Struk­tur und Regeln hat, aber kei­ne logi­schen Ergeb­nis­se her­vor­brin­gen kann und in sich wider­sprüch­lich ist. Tei­le von ihr sind in sich logisch, aber sie las­sen sich nicht zu einem logisch kohä­ren­ten Gan­zen zusam­men­set­zen. Doch durch den ober­fläch­li­chen Anschein der Logik las­sen sich nor­ma­le Men­schen mani­pu­lie­ren, eine Logik in die Pseu­do-Rea­li­tät hin­ein­zu­in­ter­pre­tie­ren, die nicht da ist, und sie ver­nünf­ti­ger erschei­nen zu las­sen, als sie ist (nütz­li­che Idio­ten, s.o.). Das Her­ein­fal­len der »sehr klu­gen Leu­te«, wie Lind­say sie auch nennt, auf die Mani­pu­la­ti­on ist ent­schei­dend für den Erfolg der Pseu­do-Rea­li­tät, da die Grup­pe der wah­ren Gläu­bi­gen immer ver­hält­nis­mä­ßig klein sein wird.

Die para­lo­gi­sche Struk­tur ist alche­misch, da es ihr Ziel ist, eine Sache in eine ganz ande­re zu ver­wan­deln: die Rea­li­tät in einen per­fek­ten uto­pi­schen Zustand. Dass sie dahin füh­re, kann nie wider­legt wer­den, da ihre Ver­tre­ter immer behaup­ten wer­den, dass etwas falsch gemacht wor­den sei. Wo immer die Pseu­do-Rea­lis­ten an der Macht sind und die Umset­zung ihrer Ideen nur Zer­stö­rung her­vor­bringt, ist etwas falsch gemacht wor­den. Rich­ti­ger Kom­mu­nis­mus wur­de nie versucht.

Die Pseu­do-Rea­li­tät nutzt zu ihrer Durch­set­zung eine zu ihr gehö­ri­ge Para­mo­ral. Dies ist ein sozi­al wirk­sa­mes Moral­sys­tem, das eine Umkeh­rung her­kömm­li­cher Moral dar­stellt. Die Para­mo­ral lässt Anhän­ger als gut und nor­ma­le Men­schen als böse erschei­nen. Die­ses Phä­no­men der Umkeh­rung des­sen, was man unter anstän­di­gem Ver­hal­ten ver­steht, lag Anfang 2020 dem Witz des »New Guy«-Mems zugrun­de.

Die Para­mo­ral ver­gleicht alles und jeden mit dem per­fek­ten uto­pi­schen Zustand. So erscheint jeder, der ihr wider­spricht oder von ihrem Pro­gramm abweicht, als jemand, der den leid­vol­len, unper­fek­ten Zustand der Welt bei­be­hal­ten will und somit irra­tio­nal, dumm oder böse sein muss. Die Ver­tre­ter der Pseu­do-Rea­li­tät han­deln in dem Glau­ben, auf einen per­fek­ten Welt­zu­stand hin­zu­ar­bei­ten, was ihr Han­deln auto­ma­tisch als mora­lisch rich­tig aus­weist, auch wenn sie lügen, beläs­ti­gen, belei­di­gen, ver­let­zen und so wei­ter. Es ist das Prin­zip »Der Zweck hei­ligt die Mit­tel«, und die­ser Zweck, den leid­vol­len, unge­rech­ten Zustand der Welt zu been­den, sticht alle ande­ren Zwe­cke und hei­ligt daher letzt­lich auch alle Mittel.

Die Para­mo­ral eta­bliert zwei­ge­teil­te Vari­an­ten von Tugen­den wie Tole­ranz, Akzep­tanz, Mit­ge­fühl, Fair­ness und Kom­pro­miss. Dies ist eine extre­me, am Ende abso­lut gesetz­te Vari­an­te der im Poli­ti­schen oft zu beob­ach­ten­den Dop­pel­mo­ral. Für die Ver­tre­ter der Pseu­do-Rea­li­tät ist die Anwen­dung und Gel­tung die­ser Tugen­den immer genau dort äußerst wich­tig, wo sie der Pseu­do-Rea­li­tät die­nen (Hei­li­gung von Geor­ge Floyd), und streng ver­bo­ten, wo sie das nicht tun (Igno­rie­ren unzäh­li­ger schwar­zer Kri­mi­na­li­täts­op­fer und der ursäch­li­chen sozia­len Pro­ble­me). Die Para­mo­ral wird mit tota­li­tä­rer Stren­ge durch­ge­setzt. Dies ist nötig, um sie auf­recht­zu­er­hal­ten, da sonst leicht zu erken­nen wäre, dass sie eine Lüge und unmo­ra­lisch ist.

Die Para­mo­ral ist eine Inver­si­on der Moral, die sich mora­li­scher als gewöhn­li­che Moral anfüh­len kann, aber tat­säch­lich bös­ar­tig ist, da sie mehr Lei­den und Kon­flikt in die Welt bringt. Sie dient Men­schen mit bestimm­ten Psy­cho­pa­tho­lo­gien, die nicht mit den Unan­nehm­lich­kei­ten der Rea­li­tät umge­hen kön­nen. Sie gewinnt daher am leich­tes­ten an Stär­ke, indem sie an das Opfer­tum sol­cher Per­so­nen appel­liert, und an die­je­ni­gen mit ähn­li­chen Erfah­run­gen, die damit bis­lang wür­de­vol­ler umge­gan­gen sind.

Para­lo­gik und Para­mo­ral sind die Fäden, an denen die Illu­si­on der Pseu­do-Rea­li­tät hängt. Sie müs­sen durch­trennt wer­den, um sich aus ihrem Bann zu befrei­en. Man muss sicht­bar machen, dass es nicht wahr ist und dass es unmo­ra­lisch ist.

Die Partei

Da die Pseu­do-Rea­li­tät nicht real ist, kön­nen ihre Bewoh­ner ihre Aus­sa­gen bzw. Glau­bens­sät­ze nicht selbst nach­prü­fen. Daher ent­schei­den Spe­zia­lis­ten über Rich­tig und Falsch. Sie sind die Schöp­fer und wah­ren Gläu­bi­gen der Pseu­do-Rea­li­tät, die revo­lu­tio­nä­re Avant­gar­de und die Par­tei, die immer recht hat. Sie bie­gen und dre­hen die Para­lo­gik so, dass sie recht behal­ten, und die Para­mo­ral so, dass sie immer tugend­haft sind. Die Fähig­keit die­ses Bie­gens und Dre­hens wird per­ma­nent getes­tet, und zwar umso stren­ger, je wei­ter man in eli­tä­re Krei­se aufsteigt.

Die Par­tei kann der Pseu­do-Rea­li­tät den größ­ten Macht­ge­winn abrin­gen, wenn die Para­lo­gik so unlo­gisch und die Para­mo­ral so unmo­ra­lisch ist, wie sie jeweils gera­de noch sein kann, ohne dass die Illu­si­on platzt. Die Rea­li­täts- und Ver­nunft­fer­ne ist bereits an sich eine poten­te Waf­fe der Demo­ra­li­sie­rung von Geg­nern und Beherrsch­ten. Man­gels Bezug zu Rea­li­tät und Logik wird der Dis­kurs der Herr­schen­den immer will­kür­li­cher, wäh­rend die Will­kür selbst eine Macht­res­sour­ce ist, weil sie den Beherrsch­ten die Mög­lich­keit nimmt, sich auf die gel­ten­den Regeln einzustellen.

Die Par­tei fin­det stets Sün­den­bö­cke für ihre Miss­erfol­ge. Letz­te­re sind garan­tiert, da die Pseu­do-Rea­li­tät nicht real ist. Die übli­chen Ver­däch­ti­gen sind inne­re Fein­de und Sabo­teu­re aller Art, die sich dem revo­lu­tio­nä­ren Pro­jekt ent­ge­gen­stel­len. Um sie auf­zu­spü­ren, sind die Sicher­heits­or­ga­ne stän­dig auf der Suche nach Ver­schwö­run­gen, Spio­nen und sozia­len Grup­pen mit fal­schem Bewusst­sein. Aber der ulti­ma­ti­ve Sün­den­bock ist am Ende die Par­tei selbst. Wenn die Pseu­do-Rea­li­tät zusam­men­bricht, was unaus­weich­lich ist, wird rück­bli­ckend die Par­tei selbst beschul­digt, von der rei­nen Leh­re abge­fal­len zu sein, durch fal­sche Denk­wei­sen, fal­sche Moral kor­rum­piert gewe­sen zu sein usw. Das war kein rich­ti­ger Kom­mu­nis­mus. So über­le­ben Para­lo­gik und Para­mo­ral den eige­nen Tod und kön­nen in der libe­ra­len Gesell­schaft bei pas­sen­der Gele­gen­heit wie­der Fuß fassen.

Konzentration und Ausbreitung der Psychopathie

Psy­cho­pa­thi­sche Ideo­lo­gien haben selbst­kon­zen­trie­ren­de Wir­kun­gen. Sie locken ähn­lich psy­cho­pa­thi­sche, oppor­tu­nis­ti­sche Schwind­ler an, die dann den enge­ren Kreis der Par­tei bil­den. Sie redu­zie­ren die psy­cho­lo­gi­schen Kapa­zi­tä­ten aller, die mit ihnen in Berüh­rung kom­men, und zwar durch  ver­schie­de­ne For­men der Demo­ra­li­sie­rung, dar­un­ter Para­mo­ra­li­sie­rung, Ost­ra­zis­mus und dia­lek­ti­sche Fallen.

So ver­wan­deln psy­cho­pa­thi­sche Ideo­lo­gien sonst nor­ma­le Men­schen (zumin­dest vor­über­ge­hend) in funk­tio­na­le Psy­cho­pa­then. Auch abge­se­hen von Demo­ra­li­sie­rung und Desta­bi­li­sie­rung durch Ent­frem­dung von der Rea­li­tät erzeugt die Teil­ha­be an einer psy­cho­pa­thi­schen Ideo­lo­gie psy­cho­pa­thi­sches Ver­hal­ten. Die­ses ist ein Erfor­der­nis der Auf­recht­erhal­tung der Para­lo­gik (um inner­halb der Pseu­do-Rea­li­tät nicht als Idi­ot dazu­ste­hen) und der Para­mo­ral (um inner­halb der Pseu­do-Rea­li­tät nicht als schlech­ter Mensch dazu­ste­hen). Man wird all­mäh­lich zu dem Mons­ter, das zu bekämp­fen man nicht stark genug war. Tugen­den wie Tole­ranz wer­den absicht­lich per­ver­tiert (zwei­ge­teilt), so dass sie all­mäh­lich immer mehr die psy­cho­pa­thi­schen Ten­den­zen verstärken.

Die Man­gel­haf­tig­keit der Para­lo­gik, die Will­kür der Par­tei und die Dis­so­nan­zen um die Pseu­do-Rea­li­tät erzeu­gen eine ähn­li­che Unru­he im nor­ma­len Men­schen, wie sie die Pseu­do-Rea­li­tät bei den patho­lo­gi­schen Indi­vi­du­en abstützt und tarnt. Dies hilft bei Rekru­tie­rung, Indok­tri­na­ti­on und Repro­gram­mie­rung. Die Betrof­fe­nen mer­ken nicht, dass sie repro­gram­miert wer­den und sich psy­cho­pa­thisch ver­hal­ten, solan­ge sie sich nicht von Para­lo­gik und Para­mo­ral lösen. Sie sind rea­li­täts­in­ver­tiert und hal­ten die Nor­ma­len für Psy­cho­pa­then und sich für die Nor­ma­len. Die Pseu­do-Rea­li­tät bewirkt eine voll­stän­di­ge Umkeh­rung des­sen, was es heißt, geis­tig gesund zu sein.

Zusammenfassung

Die Aus­brei­tung der Pseu­do-Rea­li­tät ist eine Drift in den Tota­li­ta­ris­mus. Trei­ben­de Kraft sind psy­cho­pa­thi­sche Indi­vi­du­en, die auf­grund ihrer Psy­cho­pa­tho­lo­gien nicht dazu in der Lage sind, sich mit der kom­pli­zier­ten Rea­li­tät mit ihren Schwie­rig­kei­ten und Här­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen. Statt ihren Schwä­chen, Ver­let­zun­gen und Pro­ble­men ins Auge zu sehen, pro­ji­zie­ren Sie die Patho­lo­gie nach außen, nach dem Mus­ter: Nicht ich bin es, dem etwas fehlt, son­dern die Welt ist kor­rupt und die­se Kor­rup­ti­on ist Ursa­che mei­nes Lei­dens, mei­ner Unzu­frie­den­heit und mei­ner Unfä­hig­keit, mei­nen Platz auf die­ser Welt zu fin­den. Wäre die Welt nicht kor­rupt, könn­te ich gut in ihr leben.

Die Vor­stel­lung der nicht kor­rup­ten Welt wird in der aus­for­mu­lier­ten Ideo­lo­gie zur uto­pi­schen Visi­on, auf deren Ver­wirk­li­chung das Wir­ken der Pseu­do-Rea­lis­ten gerich­tet ist. Wie die Uto­pie und der Weg zu ihr genau aus­se­hen, kön­nen sie nicht sagen, weil die per­fek­te Welt dafür zu wenig Rea­li­täts­be­zug hat. Um rea­le Pro­ble­me zu lösen, muss man sich inten­siv und ehr­lich mit die­sen Pro­ble­men, also mit der Rea­li­tät beschäf­ti­gen, und gera­de dies ver­mei­den Pseu­do-Rea­lis­ten. Ihre Aus­ein­an­der­set­zung mit der Rea­li­tät beschränkt sich im Wesent­li­chen dar­auf, Bewei­se dafür zu sam­meln, dass die Welt durch und durch kor­rupt sei und nichts als Lei­den her­vor­brin­ge. Dadurch kön­nen sie ers­tens ihren per­sön­li­chen Pro­ble­men aus­wei­chen – es liegt nicht an mir, die Welt ist schlecht, ich bin gut, ich bin rein – und zwei­tens ande­re ver­füh­ren und nöti­gen, an ihrer Pseu­do-Rea­li­tät teil­zu­neh­men. Ver­füh­ren, indem sie rea­les Lei­den beto­nen und ihr Ideo­lo­gie­an­ge­bot als Lösung dafür ver­kau­fen, und nöti­gen, indem sie Men­schen beschul­di­gen, die kor­rup­ten, Lei­den ver­ur­sa­chen­den Ver­hält­nis­se zu ver­tei­di­gen, und sie so mora­lisch und spä­ter sozi­al unter Druck setzen.

Bei all­dem kommt der Pseu­do-Rea­li­tät zugu­te, dass nor­ma­len Men­schen meist das nöti­ge Vor­stel­lungs­ver­mö­gen und viel­leicht auch die Cou­ra­ge fehlt, um sich die Tie­fe der Patho­lo­gie klar­zu­ma­chen, die sich hier manifestiert.

Pseu­do-Rea­li­tät setzt an wahr­nehm­ba­ren Rea­li­tä­ten an und dich­tet eine schrä­ge theo­re­ti­sche Deu­tung dazu. Die gewöhn­li­che Reak­ti­on nicht patho­lo­gi­scher Indi­vi­du­en besteht dar­in, die schrä­ge theo­re­ti­sche Deu­tung im eige­nen Kopf durch eine weni­ger schrä­ge zu erset­zen, soweit Wor­te und Hand­lun­gen der Pseu­do-Rea­lis­ten das irgend zulas­sen, anzu­neh­men, dass sie eigent­lich die­se mein­ten, und das Gan­ze auf die­ser Grund­la­ge zu verteidigen.

Eine Drift in den Tota­li­ta­ris­mus ist dies des­halb, weil die Men­schen mehr­heit­lich im Gro­ßen und Gan­zen nor­mal sind und eine natür­li­che Ten­denz haben, sich an der Rea­li­tät fest­zu­hal­ten oder zu ihr zurück­zu­stre­ben, wäh­rend die Pseu­do-Rea­lis­ten in die Uto­pie wol­len, also genau in die ande­re Rich­tung. Eine Pseu­do-Rea­li­tät auf­recht­zu­er­hal­ten und vor­an­zu­trei­ben erfor­dert einen stän­di­gen Ener­gie­auf­wand in Form von Pro­pa­gan­da, Zwang und Repres­si­on. Die Ver­tre­ter der Pseu­do-Rea­li­tät kön­nen Rea­li­tät in ihrem Macht­be­reich nicht dul­den. Sie kön­nen es sub­jek­tiv nicht, weil die Erkennt­nis der Rea­li­tät ihnen ihre eige­ne Patho­lo­gie vor Augen füh­ren wür­de, was schmerz­haft und des­ori­en­tie­rend wäre, und sie kön­nen es stra­te­gisch nicht, weil jedes Ein­drin­gen der Rea­li­tät die Illu­si­on der Pseu­do-Rea­li­tät und somit ihre Macht­ba­sis erschüt­tert. Sie wer­den daher immer so unum­schränkt herr­schen, wie sie kön­nen, also wie man sie lässt. Solan­ge folg­lich die Kräf­te der Aus­brei­tung stär­ker sind als die der Ein­däm­mung, ist tota­le Herr­schaft der Flucht­punkt der Entwicklung.

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15 Kommentare

  1. Sehr inter­es­san­te Ana­ly­se – bes­ten Dank hierfür!

    Bei die­ser Gele­gen­heit möch­te ich auf ein Buch hin­wei­sen, dass nicht genau das oben dar­ge­stell­te The­ma behan­delt, aber doch ein benach­bar­tes Thema:

    Ben Cobley: The Tri­be: The Libe­ral-Left and the Sys­tem of Diver­si­ty, 2018, Andrews UK Ltd, Exeter.

    https://books.google.de/books?id=0_hmDwAAQBAJ&printsec=frontcover&source=gbs_atb&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false

    Den Titel fin­de ich etwas irre­füh­rend, weil es in die­sem Buch nur am Ran­de um »Diver­si­ty« geht – haupt­säch­lich behan­delt das Buch die Funk­ti­ons­wei­se von Identitätspolitik.

    Ich hal­te dies für eine gelun­ge­ne Ana­ly­se der Iden­ti­täts­po­li­tik. Lei­der ist die­ses Buch von Cobley nicht so bekannt – jeden­falls in Deutsch­land. Des­halb brin­ge ich die­sen Ver­weis hier.

  2. Inwie­weit hat man es hier mit Psy­cho­pa­thie im psych­ia­tri­schen Sinn zu zun? Also Unfä­hig­keit zur Empa­thie und Reue, Freu­de an Leid ande­rer usw.?

    1. Ein dras­ti­sches Bei­spiel ist das freu­di­ge Zer­stö­ren von Exis­ten­zen durch Online-Mobs wegen Nich­tig­kei­ten. Das Mus­ter »White Fra­gi­li­ty« habe ich als Bei­spiel genannt und ver­linkt. Das ist Miss­brauchs­ver­hal­ten. Immer in dem Bewusst­sein, unschul­dig, gut und Opfer zu sein.

      Das hier wird KINDERN eingetrichtert:

      1. Bin gera­de auf eine Stu­die gesto­ßen, die genau aufs The­ma passt:
        igna­ling Vir­tuous Vic­tim­hood as Indi­ca­tors of Dark Tri­ad Personalities
        https://gwern.net/docs/psychology/2020-ok.pdf

        Man fin­det auch ein paar Pres­se­ar­ti­kel dazu. Offen­bar liegt sogar eine gan­ze Rei­he von Stu­di­en zugrunde.

        Aber noch ein paar Anmer­kun­gen zum Psychopathie-Begriff.

        In den Dia­gno­se-Manua­len ICD und DSM fin­det sich die »Psy­cho­pa­thie« nicht mehr, mög­li­cher­wei­se aus poli­ti­schen Grün­den. Soweit ich weiß, ver­wen­det man die Bezeich­nung heu­te eher unter der Hand und meint damit eine wirk­lich extrem (!) empa­thie­lo­se Per­sön­lich­keit, oft schwer­kri­mi­nell. (Man unter­schei­det ins­be­son­de­re zwi­schen kogni­ti­ver und emo­tio­na­ler Empa­thie. Psych­pa­then »wis­sen« wie ande­re füh­len, aber füh­len nicht »mit«.) Sie­he auch Wiki­pe­dia zu »Psy­cho­pa­thie«.

        Man fin­det im Netz übri­gens eini­ges zum The­ma psy­cho­pa­thi­sche Frau­en, zumin­dest viel von Lydia Ben­ecke. Es gibt neben­bei auch vie­le Psychpathen/Narzissten, die das char­man­te Auf­tre­ten nicht so drauf haben und dem­entspre­chend weni­ger »erfolg­reich« bei ande­ren sind.

        Alles inter­es­sant, aber eben etwas absei­tig. Ich wür­de das nicht über­stra­pa­zie­ren, um Wokeness-Ideo­lo­gie zu erklä­ren. Man könn­te statt­des­sen viel­leicht von Clus­ter-B-Per­son­lich­keits­stö­run­gen spre­chen. Aller­dings gel­ten Per­son­lich­keits­stö­run­gen als über die Lebens­zeit sta­bi­le Ver­hal­tens­dis­po­si­ti­on. Sie wer­den nicht erwor­ben, und es ist frag­lich, inwei­weit das über­haupt mit gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung in Zusam­men­hang zu brin­gen ist.

        Ein wei­te­res Pro­blem ist die Unschär­fe Psy­cho­pa­thie-Begriff, der eben auch lai­en­haft bzw. all­ge­mein­sprach­lich ver­wen­det wird. In den Anfän­gen der psy­cho­lo­gi­schen Wis­sen­schaf­ten hat man alles mög­li­che als »Psy­cho­pa­thie« bezeich­net. Und wie gesagt ist er aktu­ell nicht anerkannt.

        Ich habe einen gewis­sen Ver­dacht, dass auch Lind­say den Begriff eher im »wei­tes­ten Sin­ne« gebraucht. Inter­es­sant ist, dass man in dem lan­gen Text die Zei­chen­fol­ge »empath« nur an zwei Stel­len und dort nur in neben­säch­li­chen Zusam­men­hän­gen fin­det. Dabei wäre es in einem solch aus­führ­li­chen Text wich­tig, die Begriffs­wahl ent­spre­chend zu erläutern.

        Um mei­ne Kri­tik zusam­men­zu­fas­sen: Der Begriff Psy­cho­pa­thie ist ent­we­der unscharf, oder er trifft nicht – es sei denn, es sind nur Per­sön­lich­kei­ten gemeint, der kei­ner­lei Mit­ge­fühl kennen.

        1. In die­sem Pod­cast geht er ab 8:30 genau­er dar­auf ein, auch in Reak­ti­on auf Kri­tik an der Begriffs­ver­wen­dung, die man­che für zu frei hal­ten. Er meint die­ser Stel­le zufol­ge eine Kom­bi­na­ti­on von Eigen­schaf­ten, die das Kon­strukt von Robert D. Hare abbildet. 

          Die »Essenz« des­sen, was er meint, beschreibt er so (bei 11:00):

          The­se are peop­le who can­not cope with rea­li­ty as it is and who have the psy­cho­lo­gi­cal make-up necessa­ry to make other peop­le behave in a way that enab­les their problem.

          Eine Erwei­te­rung, die er dar­über hin­aus vor­nimmt, ist die, zu sagen, eine Ideo­lo­gie kann psy­cho­pa­thisch sein und die, die sie anneh­men, zei­gen dann psy­cho­pa­thi­sches Ver­hal­ten. Er benutzt dafür die Aus­drü­cke »essen­ti­al« (wirk­lich krank) und »func­tio­n­al psy­cho­pa­thy« (funk­tio­nal psy­cho­pa­tisch durch die Ver­mitt­lung der Ideologie).

          Ich fin­de das inso­fern sehr tref­fend, als das Ver­hal­ten eben wirk­lich kein nor­ma­les Ver­hal­ten ist und das Mani­pu­la­ti­ve, die Rea­li­täts­fer­ne und die Empa­thie­lo­sig­keit dabei her­vor­ste­chen. Viel­leicht muss man das ein paar Mal aus der Nähe bestaunt haben, um eine Vor­stel­lung davon zu haben. Ich war ziem­lich erschro­cken, als ich vor sie­ben Jah­ren zum ers­ten mal die­ses typi­sche, extre­me, aggres­si­ve, irra­tio­na­le, gna­den­lo­se SJW-Ver­hal­ten sah. Das war für mich ein völ­lig neu­es Phä­no­men, das mir lan­ge Zeit völ­lig unver­ständ­lich blieb, und zu die­sem Zeit­punkt war ich schon deut­lich über 30.

        2. »Psy­cho­pa­thie« ist nicht grund­sätz­lich »-pathisch«, also krankhaft:
          Empa­thie­lo­sig­keit, bzw. deren Deaktivierung,
          ist Vor­aus­set­zung für das Über­le­ben, zumin­dest bei Männern:
          Wer gegen­über Jagd­beu­te oder einem Feind im Klein­kon­flikt oder Krieg so zim­per­lich, so empa­thisch ist wie gegen­über sich selbst oder sei­nen Kin­dern, der wird mit Sicher­heit nicht effek­tiv, klar den­kend (also »eis­kalt«, unem­pa­thisch) töten können.
          Wir stam­men ab von erfolg­rei­chen Kil­lern – egal ob für Nah­rung, per­sön­li­che Sicher­heit, Sex, Eroberung.
          Die Welt ist ein Schlacht­feld, eine Tat­sa­che, die heu­ti­ge wohl­stands­ver­blö­de­te Men­schen kaum noch erken­nen, da die Hei­le-Welt-Illu­si­on sie infan­til macht.
          Apro­pos infantil:
          Als Kind traf mich der Tod von Haus­tie­ren emo­tio­nal stark, sogar ein abge­ris­se­ner Plüsch­tier­kopf ließ mich wei­nen. Heu­te genie­ße ich die Jagd und das eigen­hän­di­ge Töten. Ähn­lich wie die Intel­li­genz­ent­wick­lung beim Hirn­wachs­tum scheint es auch einen Umbau der Emo­ti­ons­mo­du­le zu geben.
          »Psy­cho­pa­thie« ent­spricht wohl nur einem nor­mal mas­ku­lin ent­wi­ckel­ten Gehirn, das zum effek­ti­ven Töten gebaut ist, Inter­es­se und Lust an Gewalt erzeugt. Gewalt- und Tötungs­lust als Ide­al zieht sich durch mensch­li­che Medi­en von den ers­ten Höh­len­ma­le­rei­en, über Buch­druck und Fil­me bis hin zum moderns­ten Medi­um, dem Com­pu­ter­spiel – so selbst­ver­ständ­lich genie­ßen die Medi­en­kon­su­men­ten Mord und Tot­schlag, erle­ben Lust bei der Betrach­tung und der Vor­stel­lung, selbst so zu han­deln, daß man den offen­sicht­li­chen Zusam­men­hang oft gar nicht mehr bemerkt.
          Und es sind nicht die Medi­en, die die Men­schen hier for­men, son­dern die Men­schen schaf­fen und suchen sich die Medi­en, die sie wollen.
          Schon klei­ne Jungs spie­len gern Jagd und Ver­ste­cken, was Auf­lau­ern und Hin­ter­halt­le­gen für Jagd und Kriegs­füh­rung ent­spricht, sind fas­zi­niert von Waf­fen, egal ob Klin­ge oder Schuß­waf­fe, phan­ta­sie­ren zur Not einen Zweig zum Schwert fürs Spiel – wie in allen Säu­ge­tier­ar­ten spie­len Jung­tie­re instink­tiv das, was sie spä­ter im Leben brauchen.

          Und die ach so empa­thi­schen Frau­en nut­zen ihre Empa­thie in Wirk­lich­keit auch nicht nur zum hel­fen ande­rer, son­dern als Angriffswaffe:
          Egal ob Bezie­hungs­part­ner oder Freun­din, sie sau­gen emo­tio­na­le Schwä­chen gera­de­zu ana­ly­tisch auf und nut­zen sie gegen Men­schen, wenn sie das für ange­mes­sen hal­ten. Wer nicht ganz stumpf­sin­nig und frau­en­un­kun­dig ist, weiß dar­um – Frau­en erset­zen feh­len­des sys­te­mi­sches Welt­wis­sen und man­geln­de Mus­kel­kraft mit psy­cho­lo­gi­scher Kriegs­füh­rung, von Repu­ta­ti­ons­zer­stö­rung bis hin zu erstaun­lich effek­ti­ven Metho­den, Feind(innen) in Sui­zi­de zu trei­ben – tot ist tot, und die Tötungs­me­tho­den der Frau­en basie­ren auf exakt jener Empa­thie, die doch so einen guten Ruf hat…

          1. Sor­ry, aber nein.

            »Psy­cho­pa­thie« hat eine bestimm­te Bedeu­tung. Dass Empa­thie nicht gleich ver­teilt wird, son­dern am stärks­ten Nahe­ste­hen­den gilt, dann der Ingroup, dann Frem­den und am wenigs­ten Fein­den, zumal wäh­rend Kampf­hand­lun­gen, ist nor­mal und hat nichts mit Psy­cho­pa­thie zu tun.

            Und man kann auch nicht das Wett­ei­fern unter Menschen/Männern, Wett­kampf, Lust an Stär­ke, Ver­tei­di­gung von Gesell­schaft und Fami­lie, Hero­is­mus, den Instinkt, sich in Grup­pen gegen ande­re Grup­pen zu ver­bün­den und das alles aufs Töten oder gar eine »Tötungs­lust« redu­zie­ren. Das ist falsch und krank, sor­ry. Arbei­ten über Krieg und Gewalt zei­gen kon­sis­tent, dass die aller­meis­ten Men­schen KEINEN Bock haben, zu töten, wenn es dar­um wirk­lich geht, dass es viel­mehr eine Tötungshem­mung gibt. Sol­da­ten wol­len nicht töten und haben wäh­rend­des­sen und danach oft psy­chi­sche Pro­ble­me. Sie­he zum Bei­spiel »Ganz nor­ma­le Män­ner« von Chris­to­pher Brow­ning oder »Vom Bösen« von Roy Bau­meis­ter. Lust aufs Töten und aufs Zufü­gen von Gewalt hat nur eine klei­ne Min­der­heit im ein­stel­li­gen Pro­zent­be­reich, und das sind die wirk­li­chen Psychopathen.

            Schon klei­ne Jungs spie­len gern Jagd und Ver­ste­cken, was Auf­lau­ern und Hin­ter­halt­le­gen für Jagd und Kriegs­füh­rung ent­spricht, sind fas­zi­niert von Waf­fen, egal ob Klin­ge oder Schuß­waf­fe, phan­ta­sie­ren zur Not einen Zweig zum Schwert fürs Spiel – wie in allen Säu­ge­tier­ar­ten spie­len Jung­tie­re instink­tiv das, was sie spä­ter im Leben brauchen.

            Das stimmt, aber man kann das alles nicht aufs Töten redu­zie­ren. Sie spie­len ja auch nicht Töten, son­dern Kämp­fen, Jagen, Schlei­chen, Ver­ste­cken, cle­ver sein, mutig sein, stark sein und so wei­ter. Es kann in Kon­flikt­si­tua­tio­nen dazu kom­men, dass getö­tet wird, das ist sozu­sa­gen die höchs­te Eska­la­ti­ons­stu­fe, aber es muss nicht dazu kom­men und es ist nicht der Zweck, auf den das alles hin­aus­läuft. Tie­re ver­su­chen auch nicht jeden Geg­ner gleich zu töten, son­dern zu die­sem Kom­plex von Ver­hal­tens­wei­sen gehö­ren auch sol­che, die gera­de ver­hin­dern, dass es dazu kom­men muss.

    2. @Stephan Fleisch­hau­er

      Ich bin der Mei­nung, man soll­te sich auf die Quel­le der Ideo­lo­gie (USA) kon­zen­trie­ren und gesell­schaft­li­che Beson­der­hei­ten berücksichtigen.

      Twen­ge et al und ande­re haben schon vor einem Jahr­zehnt vor einer Epi­de­mie von nar­ziss­ti­schen Per­sön­lich­keits­stö­run­gen gewarnt und 2014 fest­ge­stellt: »Com­pa­red to tho­se over 65 years old (3.2%), near­ly three times as many respondents in their twen­ties (9.4%) repor­ted alrea­dy expe­ri­en­cing the sym­ptoms of NPD (Stin­son et al., 2008).«

      Bezeich­nend ist die Aus­brei­tung bestimm­ter Sym­pto­me in der jün­ge­ren Genera­ti­on: »In a lar­ge natio­nal­ly repre­sen­ta­ti­ve sam­ple of high school stu­dents, recent genera­ti­ons were more likely to have unrea­listi­cal­ly high expec­ta­ti­ons for their future edu­ca­tio­nal attain­ment and job pro­spects than pre­vious genera­ti­ons at the same age (Rey­nolds, Ste­wart, Sischo & Mac­Do­nald, 2006), to expect to per­form at the hig­hest level in important adult roles (Twen­ge & Camp­bell, 2008), and to value goals lin­ked to money, fame, and image (Twen­ge, Camp­bell, & Free­man, 2012). They were also less likely to express empa­thy for out­groups, to take action to help the envi­ron­ment, and to dona­te to cha­ri­ty (Twen­ge, Camp­bell, & Free­man, 2012). Midd­le school stu­dents scored mar­ked­ly hig­her on self-este­em in the mid-2000s com­pa­red to the late 1980s (Gen­ti­le, Twen­ge, & Camp­bell, 2010). Final­ly, 80% of teens agreed with the state­ment “I am an important per­son” in 1989, up from only 12% in 1952 (New­som, Archer, Trumbet­ta, & Got­tes­man, 2003). Out of 393 Min­ne­so­ta Mul­ti­pha­sic Per­so­na­li­ty Inven­to­ry (MMPI) for Ado­lescents (But­cher et al., 1992) items, “I am an important per­son” incre­a­sed in endor­se­ment the most. Thus narcissism—or at least its correlates—has incre­a­sed in com­mu­ni­ty sam­ples as well as col­le­ge stu­dent samples.«
      Aus dem aktu­el­le­ren »The Nar­cis­sism Epi­de­mic: Com­men­ta­ry on Moder­ni­ty and Nar­cis­sistic Per­so­na­li­ty Disorder«

      Hilf­reich wäre es, wenn man nicht nur über die gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen der NPD dis­ku­tie­ren wür­de, son­dern auch über die Gesell­schaft, die sie erst her­vor­ge­bracht hat.
      Wenn bspw. im 2019er SAT-Test der Schü­ler und Schü­le­rin­nen aus der 11. Klas­se im Sam­ple sagen­haf­te 48% mit der Schul­no­te A+-A- beno­tet wor­den sind, wei­te­re 36% mit der Schul­no­te B und letz­te­re nur zu 60% das Noten­le­vel für Lesen und Schrei­ben (ERW) errei­chen und 29% das für Mathe­ma­tik, dann braucht man sich über ein auf einem fal­schen Selbst­bild beru­hen­de »self-este­em« nicht wundern.

      Ich sehe wei­ter­hin einen engen Zusam­men­hang mit der Ver­brei­tung von Depres­sio­nen und dem Ge- und Miss­brauch von Psy­cho­phar­ma­ka in den USA: »Die Rate, mit der der Gebrauch von Anti­de­pres­si­va unter US-Ame­ri­ka­nern gestie­gen ist, liegt bei fast 400 Pro­zent (!!!) über der der letz­ten zwei Jahr­zehn­te, und 11 Pro­zent der Ame­ri­ka­ner, 12 Jah­re und älter, neh­men nun Anti­de­pres­si­va (AD) laut einem kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Bericht der US-Bundesregierung.
      (…)
      Die Ana­ly­se der Daten aus den Jah­ren 2005–2008 der U.S. Natio­nal Health and Nut­ri­ti­on Exami­na­ti­on Sur­veys zeig­te auch, dass Anti­de­pres­si­va das von US-Ame­ri­ka­nern dritt­häu­figs­te ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Medi­ka­ment aller Alters­grup­pen sind und das am häu­figs­ten (!!!) ver­wen­de­te bei Per­so­nen im Alter von 18 bis 44.« https://arznei-news.de/antidepressiva-statistik/ vom 1.2.2020

      Auch hier wäre es ange­bracht, über gesell­schaft­li­che Ursa­chen für die­se Epi­de­mie (!) an Ver­zweif­lung und Hoff­nungs­lo­sig­keit zu dis­ku­tie­ren, bevor man die­se in gewohn­ter Art und Wei­se wie­der den Indi­vi­du­en als Patho­lo­gie übereignet.
      Die Opioid­kri­se oder Opio­id-Epi­de­mie in den USA (s. Wiki­pe­dia) blieb auch des­halb so lan­ge unbe­ach­tet, weil die Rea­li­tät die »fal­schen Opfer« zeig­te, näm­lich vor­wie­gend wei­ße Män­ner zwi­schen 25–34.

      Hier sehe ich auch den kon­kre­ten poli­ti­schen Nut­zen der »Pseu­do-Rea­li­tät« – es gelingt fan­tas­tisch, bestimm­te Opfer­grup­pen ein­fach als nicht exis­tent zu dekla­rie­ren, bzw. ihnen die gesell­schaft­li­che Sym­pa­thie zu verweigern.
      Wer kein Brot hat, kann immer­hin noch sei­ne wei­ßen Pri­vi­le­gi­en verzehren.

      1. Auch hier wäre es ange­bracht, über gesell­schaft­li­che Ursa­chen für die­se Epi­de­mie (!) an Ver­zweif­lung und Hoff­nungs­lo­sig­keit zu dis­ku­tie­ren, bevor man die­se in gewohn­ter Art und Wei­se wie­der den Indi­vi­du­en als Patho­lo­gie übereignet.

        Das ist sicher rele­vant und nötig, aber wäre halt auch ein ande­res The­ma. Der Text lässt offen, wo die Patho­lo­gien her­kom­men. Inso­fern sehe ich nicht, dass er sie irgend­je­man­dem »über­eig­net«. Man muss halt irgend­wo sein The­ma abgren­zen, und mich treibt die Fra­ge um, wie man die­se tota­li­tä­re Bewe­gung stop­pen kann, im Ide­al­fall bevor es zu spät ist. Dazu ver­su­che ich sie kennt­lich zu machen, in der Hoff­nung, dazu bei­zu­tra­gen, dass mehr Leu­te sagen: »stopp, das ken­ne ich, das führt zu nichts Gutem«, wenn sie um sich her­um die Mus­ter erken­nen. Dass man sich mit der Kri­se der psy­chi­schen Gesund­heit beschäf­ti­gen müs­se, »bevor« man vor der Wokeness warnt, sehe ich über­haupt nicht. Übri­gens auch des­halb nicht, weil die­se Ideo­lo­gie als zusätz­li­che Ursa­che und Ver­stär­ker der Patho­lo­gien hin­zu­kommt. Da sie sich zuse­hends Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten und die gan­ze Päd­ago­gik unter den Nagel reißt, kei­ne geringfügige.

        Aber sag mal – die Schluss­fol­ge­run­gen aus der Dis­kus­si­on, die zu füh­ren du für ange­bracht hältst, die hast du doch schon, oder? 

        Für Mit­le­ser, mit dem Zusam­men­hang zwi­schen Pro­ble­men see­li­scher Gesund­heit und die­sen Ideo­lo­gien beschäf­tigt sich auch ein­ge­hend »The Coddling of the Ame­ri­can Mind«.

        1. Hi Sebas­ti­an, die Fra­ge von Ste­fan war: »Inwie­weit hat man es hier mit Psy­cho­pa­thie im psych­ia­tri­schen Sinn zu tun?«
          Ich habe ver­sucht, gesi­cher­te psy­cho­lo­gi­sches Erkennt­nis­se wei­ter­zu­ge­ben – es gibt eine Zunah­me von NPD und es gibt eine sol­che der Depres­sio­nen und des Ge- und Miss­brauchs von Psy­cho­phar­ma­ka in den USA.

          Es gibt noch eine wei­te­re Stu­die aus Isra­el als Anre­gung: »The Ten­den­cy for Inter­per­so­nal Vic­tim­hood: The Per­so­na­li­ty Con­struct and its Con­se­quen­ces« von Gabay, Hamei­ri, Rubel-Lif­schitz, Nad­ler, Mai 2020.

          Das Pro­blem an sol­chen Wiki­pe­dia-Arti­keln: »Psy­cho­pa­then sind auf den ers­ten Blick mit­un­ter char­mant, sie ver­ste­hen es, ober­fläch­li­che Bezie­hun­gen her­zu­stel­len. Dabei kön­nen sie sehr mani­pu­la­tiv sein, um ihre Zie­le zu errei­chen.« – das könn­te auch auf Nar­ziss­ten zutref­fen, aber das macht sie nicht zu »Psy­cho­pa­then«.

          2021 ICD-10-CM Dia­gno­sis Code F60.81:
          »Cli­ni­cal Information
          A dis­or­der cha­rac­te­ri­zed by an endu­ring pat­tern of gran­dio­se beliefs and arro­gant beha­vi­or tog­e­ther with an over­whel­ming need for admi­ra­ti­on and a lack of empa­thy for (and even explo­ita­ti­on of) others.
          Per­so­na­li­ty dis­or­der cha­rac­te­ri­zed by exces­si­ve self-love, ego­cen­trism, gran­dio­si­ty, exhi­bi­tio­nism, exces­si­ve needs for atten­ti­on, and sen­si­ti­vi­ty to criticism.«

          Ist es nicht bemer­kens­wert, dass dies bis­her immer als »männ­lich« galt?

          Schau­en wir auf das weib­li­che Äquivalent:
          Die Bor­der­line-Per­sön­lich­keits­stö­rung (BPS) gemäß DSM-IV (301.83), die übri­gens als »weib­lich« gelten:

          »Ein durch­gän­gi­ges Mus­ter von Insta­bi­li­tät im Bereich der Stim­mung, der zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen und des Selbst­bil­des. Der Beginn liegt im frü­hen Erwach­se­nen­al­ter, und die Stö­rung mani­fes­tiert sich in den ver­schie­de­nen Lebensbereichen.

          Fol­gen­de Kri­te­ri­en wei­sen auf eine Boder­line-Per­sön­lich­keits­stö­rung hin. Wer­den min­des­tens fünf der nach­fol­gen­den neun Kri­te­ri­en erfüllt, kann von einem Vor­lie­gen einer BPS aus­ge­gan­gen werden:

          Ver­zwei­fel­tes Bemü­hen, tat­säch­li­ches oder ver­mu­te­tes Ver­las­sen­wer­den zu ver­mei­den (außer Sui­zid oder Selbst­ver­let­zun­gen, sie­he auch 5);
          Ein Mus­ter an insta­bi­len aber inten­si­ven zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen, das sich durch einen Wech­sel zwi­schen den bei­den Extre­men der Über­idea­li­sie­rung und Abwer­tung auszeichnet;
          Iden­ti­täts­stö­run­gen: aus­ge­präg­te und andau­ern­de Insta­bi­li­tät des Selbst­bil­des oder der Selbstwahrnehmung;
          Impul­si­vi­tät bei min­des­tens zwei poten­ti­ell selbst­schä­di­gen­den Akti­vi­tä­ten, z.B. Geld­aus­ge­ben, Sexua­li­tät, Sub­stanz­miss­brauch, Laden­dieb­stahl, rück­sichts­lo­ses Fah­ren und Fress­an­fäl­le (außer Sui­zid oder Selbst­ver­let­zun­gen, sie­he auch 5);
          Wie­der­hol­te sui­zi­da­le Hand­lun­gen, Selbst­mord­an­deu­tun­gen oder ‑dro­hun­gen oder Selbstverletzungsverhalten;
          Affek­ti­ve Insta­bi­li­tät infol­ge einer aus­ge­präg­ten Reak­ti­vi­tät der Stim­mung (z.B. hoch­gra­di­ge epi­so­dische Dys­pho­rie, Reiz­bar­keit oder Angst, wobei die­se Ver­stim­mun­gen gewöhn­lich eini­ge Stun­den und nur sel­ten mehr als eini­ge Tage andauern);
          Chro­ni­sches Gefühl der Lee­re oder Langeweile;
          Unan­ge­mes­se­ne, hef­ti­ge Wut oder Schwie­rig­kei­ten, die Wut zu kon­trol­lie­ren (z.B. häu­fi­ge Wut­aus­brü­che, andau­ern­de Wut, wie­der­hol­te kör­per­li­che Auseinandersetzungen);
          Vor­über­ge­hen­de, durch Belas­tun­gen aus­ge­lös­te para­no­ide Vor­stel­lun­gen oder schwe­re dis­so­zia­ti­ve Symptome.«

          Nun Du: »Dass man sich mit der Kri­se der psy­chi­schen Gesund­heit beschäf­ti­gen müs­se, »bevor« man vor der Wokeness warnt, sehe ich über­haupt nicht.«

          Ok, Anre­gung: »Howe­ver, 68% of all the unaf­fi­lia­ted expres­sed belief in God and out of the who­le US popu­la­ti­on, only 2.4% self iden­ti­fied as »athe­ist«. A 2013 poll by UPI/Harris show­ed that three-quar­ters of U.S. adults say they belie­ve in God, down from 82 per­cent in 2005, 2007 and 2009.«
          https://en.wikipedia.org/wiki/Demographics_of_atheism

          Nicht reli­gi­ös bezeich­ne­ten sich in Deutsch­land hin­ge­gen 33% der Bevöl­ke­rung. In der Ex-DDR (neue Bun­des­län­der) über zwei Drit­tel. https://en.wikipedia.org/wiki/Irreligion_in_Germany

          Preis­fra­gen: In wel­chem Land wird religiös/manichäisch inspi­rier­tes »Schwarz-Weiß Den­ken« mehr Anklang finden?
          Wel­che (von auf irra­tio­na­lem Wunsch­den­ken basie­ren­den) Uto­pien wer­den in wel­chem der bei­den Län­der mehr Anhän­ger finden?

          Lind­say wei­gert sich hart­nä­ckig, sein Kon­zept von »libe­ra­le Gesell­schaft« auf die USA zu bezie­hen, woher aber die spe­zi­fi­sche Vari­an­te der »woke« Ideo­lo­gie stammt.
          Die Idee der immer bemüh­ten »wes­tern civi­li­sa­ti­on« ist, sie ist ein US-Kul­tur­ex­port, der bei einer ein­ge­hen­den Begut­ach­tung nicht stim­men kann.

          Les­zek hat vor Jah­ren (2018) bereits zur Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der »Poli­ti­cal Cor­rect­ness« in den USA geschrieben:
          »Die poli­tisch kor­rek­te Vari­an­te des Poststrukturalismus/Postmodernismus ent­steht im Zuge der US-ame­ri­ka­ni­schen Rezep­ti­on des fran­zö­si­schen Post­struk­tu­ra­lis­mus in den 80er Jah­ren und muss im Kon­text US-ame­ri­ka­ni­scher sozio­kul­tu­rel­ler Bezü­ge und sozio­lo­gisch-struk­tu­rel­ler Kon­tex­te ana­ly­siert werden.

          Den wesent­li­chen Grund für die Ent­ste­hung der post­mo­der­nen Poli­ti­cal Cor­rect­ness in den USA aus sozio­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve stellt die ver­brei­te­te uni­ver­si­tä­re Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von Depart­ments und Stu­di­en­gän­gen zum The­ma Dis­kri­mi­nie­rungs­for­schung bezüg­lich Frau­en, eth­ni­scher und ande­rer Min­der­hei­ten dar, die außer­dem pri­mär mit Per­so­nen mit ähn­li­cher poli­ti­scher Welt­sicht besetzt wurden/werden.

          Da der Fort­be­stand ent­spre­chen­der uni­ver­si­tä­rer Abtei­lun­gen, Stu­di­en­gän­ge und Jobs nun davon abhängt, dass Dis­kri­mi­nie­rungs­phä­no­me­ne bezüg­lich bestimm­ter Grup­pen dau­er­haft bear­bei­tet wer­den, kommt es lei­der zu einem sozio­lo­gisch-struk­tu­rel­len Effekt, an den vor­her nie­mand gedacht hatte:

          Älte­re Dis­kri­mi­nie­run­gen dür­fen nie ganz verschwinden.
          Es müs­sen stets neue Dis­kri­mi­nie­run­gen „ent­deckt“ wer­den, sei­en sie auch noch so subtil.
          Es müs­sen stets neue Maß­nah­men zur Besei­ti­gung der behaup­te­ten Dis­kri­mi­nie­run­gen ent­wi­ckelt werden.
          Andern­falls droht irgend­wann Ver­klei­ne­rung oder Schlie­ßung der Abtei­lun­gen und Stu­di­en­gän­ge und somit Ver­dienst­ver­rin­ge­rung oder Jobverlust.

          Die­ser sozio­lo­gisch-struk­tu­rel­le Effekt bringt dann auto­ma­tisch – und zwar ganz ohne die „kul­turm­ar­xis­ti­sche“ oder die „post­mo­dern-neo­mar­xis­ti­sche“ Welt­ver­schwö­rung, von denen rech­te Dem­ago­gen uns ger­ne die Ohren voll­jam­mern – Poli­ti­cal Cor­rect­ness und Iden­ti­täts­po­li­tik hervor.

          Dass in den USA der Poststrukturalismus/Postmodernismus – und nicht eine der ande­ren lin­ken Theo­rie-Tra­di­tio­nen (und schon gar nicht die Kri­ti­sche Theo­rie der Frank­fur­ter Schu­le, die damit nichts zu tun hat) zur zen­tra­len theo­re­ti­schen Grund­la­ge für die poli­tisch kor­rek­ten Anti-Dis­kri­mi­nie­rungs­theo­rien wur­de, liegt also nicht dar­an, dass die fran­zö­si­schen Post­struk­tu­ra­lis­ten bereits poli­tisch kor­rekt gewe­sen wären, es liegt dar­an, dass alle ande­ren lin­ken Theo­rie-Tra­di­tio­nen dafür noch weni­ger geeig­net waren.

          Nach der uni­ver­si­tä­ren Eta­blie­rung von Abtei­lun­gen und Stu­di­en­gän­gen für Dis­kri­mi­nie­rungs­for­schung bezüg­lich Frau­en und ver­schie­de­nen Min­der­hei­ten benö­tig­ten die in die­sen Kon­tex­ten arbei­ten­den Per­so­nen eine theo­re­ti­sche Grund­la­ge. Alle ande­ren lin­ken Theo­rie-Tra­di­tio­nen waren dafür noch unge­eig­ne­ter als der fran­zö­si­sche Post­struk­tu­ra­lis­mus, und zwar aus drei Gründen:

          Eini­ge lin­ke Theo­rie-Tra­di­tio­nen beru­hen auf einem mora­li­schen Uni­ver­sa­lis­mus, der sich für die Pro­pa­gie­rung ein­sei­ti­ger und zu Über­trei­bun­gen nei­gen­der Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen nicht eig­net, weil man im Kon­text uni­ver­sa­lis­ti­scher Moral nicht mit zwei­er­lei Maß mes­sen darf.
          Eini­ge lin­ke Theo­rie-Tra­di­tio­nen beto­nen die Klas­sen­so­li­da­ri­tät im öko­no­mi­schen Klas­sen­kampf. Hier kann sich Iden­ti­täts­po­li­tik und Poli­ti­cal Cor­rect­ness nur hem­mend und spal­tend aus­wir­ken, daher sind auch die­se lin­ken Theo­rie-Strö­mun­gen als zen­tra­le theo­re­ti­sche Grund­la­ge für poli­tisch kor­rek­te Anti-Dis­kri­mi­nie­rungs­theo­rien ungeeignet.
          Eini­ge lin­ke Theo­rie-Tra­di­tio­nen haben eine star­ke Gemein­wohl­ori­en­tie­rung, auch dies ist mit der Beto­nung von ein­sei­ti­gen und zu Über­trei­bun­gen nei­gen­den Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen nicht gut kompatibel.
          Bei allen lin­ken Theo­rie-Tra­di­tio­nen außer dem fran­zö­si­schen Post­struk­tu­ra­lis­mus sind eine oder meh­re­re der drei genann­ten Kri­te­ri­en vorhanden.

          Der fran­zö­si­sche Post­struk­tu­ra­lis­mus hat­te hin­ge­gen eine Skep­sis gegen­über uni­ver­sa­lis­ti­schen Kon­zep­ten, des Wei­te­ren bejah­te er zwar den öko­no­mi­schen Klas­sen­kampf, aber die­ses The­ma war für ihn nicht so zen­tral, da der fran­zö­si­scher Post­struk­tu­ra­lis­mus gemäß sei­ner Nei­gung, alles zu plu­ra­li­sie­ren, die Plu­ra­li­tät ver­schie­de­ner sozia­ler Kämp­fe beton­te. Der fran­zö­si­sche Post­struk­tu­ra­lis­mus beschäf­tig­te sich unter ande­rem bereits kri­tisch mit gesell­schaft­li­chen Aus­schluss­me­cha­nis­men und mit Anti-Dis­kri­mi­nie­rungs­the­men (aller­dings meis­tens nicht im Sin­ne von Identitätspolitik).

          Aus die­sen Grün­den haben die US-ame­ri­ka­ni­schen uni­ver­si­tä­ren Abtei­lun­gen zur Dis­kri­mi­nie­rungs­for­schung den Post­struk­tu­ra­lis­mus als zen­tra­le theo­re­ti­sche Grund­la­ge über­nom­men und bedie­nen sich bei ande­ren lin­ken Theo­rie-Tra­di­tio­nen nur spo­ra­disch und fragmentarisch.

          Des Wei­te­ren wur­de der Wahr­heits­kon­tex­tua­lis­mus des fran­zö­si­schen Post­struk­tu­ra­lis­mus im Zuge der US-ame­ri­ka­ni­schen Post­struk­tu­ra­lis­mus-Rezep­ti­on auf die jeweils als dis­kri­mi­niert ange­se­he­nen US-ame­ri­ka­ni­schen Grup­pen über­tra­gen. Wäh­rend die fran­zö­si­schen Post­struk­tu­ra­lis­ten die gel­ten­den wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards in ihren jewei­li­gen Dis­zi­pli­nen in der Regel ein­hiel­ten, wur­de im poli­tisch kor­rek­ten US-ame­ri­ka­ni­schen Post­struk­tu­ra­lis­mus / Post­mo­der­nis­mus das Ide­al wis­sen­schaft­li­cher Objek­ti­vi­tät als Sub­jek­ti­vi­tät des wei­ßen, hete­ro­se­xu­el­len Man­nes ver­un­glimpft, und die ver­schie­de­nen als dis­kri­mi­niert ange­se­he­nen Grup­pen beka­men „Defi­ni­ti­ons­macht“ für ihre Anlie­gen zuge­spro­chen. Der post­mo­der­nis­ti­sche Wahr­heits­kon­tex­tua­lis­mus ver­wan­del­te sich in den USA in einen post­mo­der­nis­ti­schen Wahrheitsrelativismus.

          Um den Post­struk­tu­ra­lis­mus zur ideo­lo­gi­schen Legi­ti­mie­rung von poli­tisch kor­rek­ter Iden­ti­täts­po­li­tik und kul­tur­re­la­ti­vis­ti­schem Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus zu ver­wen­den, muss­te der Post­struk­tu­ra­lis­mus als Phi­lo­so­phie der Dif­fe­renz natür­lich von sei­nem ursprüng­li­chen Bezug auf Indi­vi­du­en gelöst wer­den und voll­stän­dig auf als dis­kri­mi­niert ange­se­he­ne Grup­pen über­tra­gen werden.

          Gera­de die­ser Aspekt macht einen wesent­li­chen Unter­schied zwi­schen dem klas­si­schen fran­zö­si­schen Post­struk­tu­ra­lis­mus / Post­mo­der­nis­mus und dem poli­tisch kor­rek­ten US-ame­ri­ka­ni­schen Post­struk­tu­ra­lis­mus / Post­mo­der­nis­mus aus, denn im klas­si­schen fran­zö­si­schen Post­struk­tu­ra­lis­mus beinhal­tet der Dif­fe­renz­be­griff gewöhn­lich (abge­se­hen von der oben erwähn­ten dif­fe­renz­fe­mi­nis­ti­schen Aus­nah­me) auch die Beson­der­heit des Indi­vi­du­ums und eine rela­ti­ve Auto­no­mie des Indi­vi­du­ums im Hin­blick auf sozia­le Grup­pen, denen es ange­hört. Das Indi­vi­du­um kann und soll in der Per­spek­ti­ve der meis­ten fran­zö­si­schen Post­struk­tu­ra­lis­ten nicht in der sozio­zen­tri­schen Kol­lek­ti­vi­den­ti­tät einer bestimm­ten Grup­pe auf­ge­hen. Die­ser Aspekt muss­te im poli­tisch kor­rek­ten US-ame­ri­ka­ni­schen Post­mo­der­nis­mus bei­sei­te­ge­las­sen wer­den, um Post­mo­der­nis­mus und poli­tisch kor­rek­te Iden­ti­täts­po­li­tik zusammenzubringen.

          Es ist nicht zufäl­lig, dass der poli­tisch kor­rek­te Post­mo­der­nis­mus bzw. die post­mo­der­ne Poli­ti­cal Cor­rect­ness in den USA ent­stan­den ist und nicht in Frank­reich und von den USA aus den Sie­ges­zug in der west­li­chen Welt ange­tre­ten hat – geför­dert von neo­li­be­ra­len öko­no­mi­schen Herr­schafts­eli­ten und pseu­do-lin­ken poli­ti­schen Par­tei­en, die dadurch ihre Hin­wen­dung zu neo­li­be­ra­ler Poli­tik zu ver­schlei­ern versuchen.«
          https://man-tau.com/2018/04/10/postmodernismus-ethnopluralismus-differenzphilosophie-identitaetspolitik/#sozio654

          Die­se Erklä­rung kommt ohne psy­chi­sche Patho­lo­gi­sie­rung des poli­ti­schen Geg­ners aus und des­halb bevor­zu­ge ich sol­che Erklärungsansätze.
          Das Pro­blem ist sicher­lich, die Links­iden­ti­tä­ren ver­su­chen gera­de, ihre Ideo­lo­gie als domi­nan­te zu set­zen und lus­tig aber nahe­lie­gend ist, sie wer­den von der herr­schen­den Klas­se hofiert. Gera­de »gecan­celt« wur­de Adolph Reed – ein schwar­zer Mar­xist. Aus­ge­la­den von den »Demo­cra­tic Socia­lists of America«.
          Sur­pri­se! Mit Fra­gen der Klas­se behel­ligt zu wer­den, ist näm­lich ein »Reduk­tio­nis­mus« (der müh­se­lig auf die Sozi­al­struk­tur abge­bil­de­te der »Macht« ist es nicht).
          Vor mir liegt ein Buch namens »Ras­sis­mus. Ana­to­mie eines Macht­ver­hält­nis­ses« von Achim Bühl. Der ers­te Satz der Ein­lei­tung auf Sei­te 9: »Die Geschich­te aller bis­he­ri­gen Klas­sen­ge­sell­schaf­ten ist die Geschich­te des Rassismus.«
          Du weißt, das ORIGINAL hör­te ich anders an, als die­se Fälschung?
          Glaubst du ernst­haft, wer so etwas schreibt, käme ohne gigan­ti­sche (Geschichts-) Fäl­schun­gen aus und das beträ­fe nur dei­ne Vor­stel­lun­gen von »Libe­ra­li­tät« und »libe­ra­ler Gesellschaft«?

          »Woke« = Gegen­auf­klä­rung.
          Unter die­sem Ban­ner wür­de ich ver­su­chen, poli­ti­sche Alli­an­zen zu bil­den und die wäre weit­aus grö­ßer, als du es dir vor­tsel­len kannst.

      2. Die­se Nar­ziss­mus-Epi­de­mie hat schon Chris­to­pher Lasch 1979 in sei­nem Buch »The Cul­tu­re of Nar­cis­sism« (dt.: Zeit­al­ter des Nar­ziss­mus, 1980), aus­führ­lich beschrieben.

        Die mas­si­ve miß­bräuch­li­che Ver­schrei­bung von Psy­cho­phar­ma­ka, schon bei leich­ten emo­tio­na­len Ver­stim­mun­gen, begann übri­gens auch in den USA der 1980er. Gera­de die Mit­tel­schicht geriet wirt­schaft­lich immer mehr unter Druck und musste/wollte funk­tio­nie­ren, wenn sie nicht in die Unter­schicht abstei­gen woll­te. Es ging um den Klas­sen­er­halt. Des­halb hat man sich und sei­ne Kin­der che­misch gedopt.

        Auf­fäl­li­ger Neben­ef­fekt war ein Anstieg von Sui­zi­den und ein stark ver­mehr­tes Auf­tre­ten von Aggres­si­on, Gewalt und vor allem Amok­läu­fen, die vor den 80ern nur sehr spo­ra­disch auf­tra­ten. Eine deut­li­che Kor­re­la­ti­on zu der Ver­ga­be von Psy­cho­phar­ma­ka besteht. Bei Teen­agern signi­fi­kant, bei Erwach­se­nen weniger:
        https://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371/journal.pmed.1001875
        https://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371/journal.pmed.0030372

        Mit Schuld war auch die Schlie­ßung der gro­ßen (medi­zi­nisch und psych­ia­trisch ver­al­te­ten) »Men­tal Asyl­ums« die von den Feds betrie­ben wur­den. Die Bun­des­staa­ten hät­ten die­se Ein­rich­tun­gen über­neh­men oder eige­ne schaf­fen müs­sen. Das ist aber nicht gesche­hen. Also hat man die Irren in vie­len Fäl­len ein­fach raus­ge­las­sen, die Gemein­ge­fähr­li­chen hat man in regu­lä­re Gefäng­nis­se gesperrt.

        Nur ein paar Puz­zle­stü­cke dazu …

  3. Sehr schön! Ich dach­te, ich muss das alles mal auf­schrei­ben auf deutsch, aber viel­leicht reicht das hier ja aus. Sehr anschau­lich und gut geschrieben!

  4. Ein schö­ner Text, den ich ger­ne noch um zwei Gedan­ken ergän­zen möchte:

    Ich den­ke, die Tat­sa­che, dass die eige­ne Wahr­neh­mung als eine Pseu­do-Rea­li­tät bezeich­net wer­den kann, ist nicht grund­sätz­lich ein Pro­blem. Wahr­neh­mun­gen füh­ren immer zu einem Modell der Rea­li­tät und sind als sol­che immer eine Pseu­do-Rea­li­tät. Pio­nie­re in Wis­sen­schaft und Tech­nik leben auch oft in sol­chen Pseu­do-Rea­li­tä­ten und pas­sen die tat­säch­li­che Welt an ihre Pseu­do-Rea­li­tät an. Das pas­siert in die­sem Fall im posi­ti­ven Sin­ne – zumin­dest in der Art, dass vie­le von den Ver­än­de­run­gen Vor­tei­le haben und nur weni­ge Nachteile.

    Der grund­le­gen­de Unter­schied zu den Erweck­ten besteht mei­ner Mei­nung nach in dem nega­ti­ven Men­schen- und Welt­bild, dass die Erweck­ten als Pseu­do-Rea­li­tät mit sich her­um­tra­gen. Erst dadurch wird es zum Problem. 

    Die Fol­gen der aktu­el­len Ver­brei­tung scheint mir eine Art Mas­sen­psy­cho­se zu sein. Einen sol­chen Effekt hat Aldous Hux­ley sehr schön in »Die Teu­fel von Lou­dun« beschrie­ben. Dort geht es um die Geschich­te eines Pfar­rers, der sich mit dem Teu­fel ver­bün­det haben soll­te. Die Mus­ter mensch­li­chen Ver­hal­tens, die Hux­ley aus dem Fall seziert, las­sen sich aber ohne Wei­te­res auf die heu­ti­ge Situa­ti­on anwenden.

    Ich den­ke die Dyna­mik, die die Erweck­ten erzeu­gen, speist sich ins­be­son­de­re aus dem Rei­ni­gungs­ge­dan­ken. Um eine Rei­ni­gung zu errei­chen, muss Ver­zicht geübt wer­den. Wenn ich aber Ver­zicht übe, dann ent­wi­ckelt sich eine eigen­tüm­li­che Dyna­mik: Ich möch­te ent­we­der dafür belohnt wer­den oder sehen, wie ande­re auch ver­zich­ten. Pas­siert weder das Eine noch das Ande­re, dann füh­le ich mich betro­gen. Wenn ande­re auch Ver­zicht üben, dann ent­steht aus der Ket­te von Ver­zichts­übun­gen eine Metrik. Der Gedan­ken­gang, durch die Höhe des Ver­zichts eine Hier­ar­chie ablei­ten zu kön­nen, ist sehr nahe­lie­gend, denn ich ertra­ge den Ver­zicht und der Lohn ist ent­we­der unmit­tel­bar in Bezug auf das Objekt des Ver­zichts (unver­fäng­li­ches Bei­spiel: Kon­sum­ver­zicht und Inves­ti­ti­on des nicht kon­su­mier­ten Gel­des in Akti­en wird »belohnt«, wenn der Wert der Akti­en steigt) oder wird durch Sta­tus­ge­win­ne aus­ge­gli­chen (Bei­spiel: Ich spen­de einen gro­ßen Geld­be­trag und mein Anse­hen in der Grup­pe steigt.)
    Die­se psy­cho­lo­gi­sche Mecha­nik wirkt stüt­zend und beschleu­ni­gend auf die Ver­brei­tung der Ideo­lo­gie. Zum einen wol­len die, die inves­tiert haben einen Ertrag sehen (z.B. Sta­tus oder Ali­men­te (»Paypal me!«)), zum ande­ren bli­cken die, die inves­tiert haben, auf die­je­ni­gen her­ab, die nicht inves­tiert haben. Das erhöht den Druck, auch zu investieren.

    Die nega­ti­ve Spi­ra­le, die dadurch in Gang gesetzt wird, wird ihr nega­ti­ves Poten­ti­al aber erst ent­fal­ten, denn wenn immer mehr Leu­te inves­tie­ren, denn dann gibt es immer weni­ger, auf die her­ab­ge­schaut wer­den kann. Es muss also ein neu­es Kri­te­ri­um gefun­den wer­den, um wei­te­re Sta­tus­ge­win­ne zu ermög­li­chen. Bes­ten­falls zer­fa­sert die Ent­wick­lung dann und löst sich in ein­zel­ne Grüpp­chen auf, die als Sek­ten noch exis­tie­ren, aber nicht mehr die ursprüng­li­che Dyna­mik erzeu­gen kön­nen. Im schlech­tes­ten Fall und davon gehe ich zur­zeit aus, wird ein ritu­el­ler Sün­den­bock erko­ren und dient fort­an als ritua­li­sier­te Pro­jek­ti­ons­flä­che. Wenn die Grup­pe der Sün­den­bö­cke klein genug ist, wird das dann auch phy­sisch aus­ge­tra­gen wer­den. (Nicht umsonst gab es in ver­gan­ge­nen Zei­ten von Zeit zu Zeit Pro­gro­me, in denen sich der ange­stau­te Frust gegen sol­che Sün­den­bö­cke ent­la­den hat.)

    Es droht auf jeden Fall in mei­nen Augen ein Rück­fall in vor­auf­klä­re­ri­sche Zeiten.

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